Skip to main content
Internet Archive's 25th Anniversary Logo

Full text of "Jahrbuch des Vereins für Niederdeutsche Sprachforschung"

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books white helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 



at |http : //books . google . com/ 




über dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nutzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google -Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 



Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter http : //books . google . com durchsuchen. 



•iP7 



'\ ^ -J'://,. 



'^f^^ 



>'-. 



^T V 



/ /# 



>^^:v 







i.»',!*.'^; 




y^^'M-^' ^ '- * J <^ "-J 







Igarüarö ColUge Hibrara 

THE GIFT OF 

FREDERICK ATHEÄRN LANE, 
OF NEW YORK, N. Y. 






i'>/l^ 



m .. 



s^:— 



Y>^^^ 



Jabrbuch 



des 



Vereins für niederdentscbe Spracbforschnng. 



Jahrgang 1803. 



XIX. 



RORDEH ond LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 
1894. 



lF/uM..6-^^ 




Druck von Diedr. Soltau in Norden. 



Inhalt. 



Seite 

Zur Geschichte des Volksbuches vom Eulenspiegel. Von Ch. Walt her . 1 

Eulehspiegel^s Vorname 4 

Eulenspiegel's Zuname 6 

Die übrigen Personennamen 14 

Die Ortsnamen 14 

Die Sprache der Strassburger Ausgaben und die niederdeutschen Spuren 

darin 18 

Missverständnisse der niederdeutschen Vorlage 34 

Wortspiele und Witzreden 42 

Beimverse 45 

Die Localisierung der Historien 49 

Die Grabschrift Ulenspiegers 62 

Die ältesten Drucke 67 

Die mittelniederländische Paraphrase des Hohenliedes. Von Edw. Schröder 80 

Warnung vor dem Würfelspiel. Von J. Bolte 90 

Zu mittelniederdeutschen Dichtern. Von R. Sprenger 94 

Zu Gerhard von Minden 94 

Zu Konemann 102 

Zur Marienklage 104 

Zum Sündenfall 107 

Zu Valentin und Namelös 108 

Zu mittelniederdeutschen Gedichten. Von E. Damköhler 109 

Zu Botes Boek van veleme rade 109 

Zu Gerhard von Minden 111 

Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Beinke Vos. Von Ad. Hofmeister 113 
Niederdeutsche Hochzeitsgedichte des 17. und 18. Jahrb. aus Pommern. Von 

K. Adam 122 

Mittelniederdeutsche Margareten-Passion. Von P. Graffunder . . . .131 

Zum Anseimus. Von P. Graffunder 155 

Ein Spottgedicht auf die Kölner Advokaten. Von .7. Bolte 163 

Trinkerorden. Von J. Bolte 167 



Zur Geschichte des Volksbuches 
vom Eulenspiegel. 



Lappenberg's Ausgabe des Strassburger Ulenspiegel vom Jahre 
1519^) hat zur Untersuchung über das Volksbuch dieses Titels nicht 
nur den Grund gelegt, sondern . auch betreffs der Bibliographie, des 
Q\iellennachweises, der Vergleichung ähnlicher Bücher, der Emendation 
und Interpretation, kurz fast in jeder Hinsicht die Forschung mit 
bewunderungswertem Scharfsinn, Wissen und Fleiss gleich soweit ge- 
fordert, dass, einem Nachfolger bei dem vor vierzig Jahren vorliegenden 
Material wenig zu thun überblieb. Seitdem ist aber eine ältere Strass- 
burger Ausgabe, aus dem Jahre 1515, entdeckt und veröffentlicht 
worden.^) Ausserdem zeigt Lappenberg's Ausgabe doch den Mangel, 
dass awei Hauptfragen nicht genügend von ihm in Betracht gezogen 
sind: das Verhältnis der ältesten erhaltenen Ausgaben einmal zu 
einander und zweitens zu einer nicht auf uns gekommenen, aber zu 
vermutenden niederdeutschen ürfassung des Buches. Ursache dieses 
Mangels war Lappenberg's Meinung, dass Murner der Verfasser des 
Ulenspiegel sei. Dieser Strassburgische Gelehrte habe die Schrift 
nicht etwa aus dem Niederdeutschen übersetzt, sondern selbständig 
abgefasst, und die witzige und launige Darstellung, sowie die gewandte 
Diction stamme nicht aus einer niederdeutschen Vorlage, sondern sei 
Murner's, des bedeutenden Schriftstellers, deutlich erkennbares Eigen- 
tum. Das niederdeutsche Original habe sich nur auf einen kleinen 
Teil des Murner'schen Buches beschränkt, nämlich die Erzählungen 
von der Jugend und den letzten Tagen UlenspiegePs und die Hand- 
werkerschwänke ; auch sei nicht sehr wahrscheinlich, dass diese erste 
Sammlung je gedruckt worden wäre. Bisweilen Tühlt er sich sogar 
geneigt, selbst jede handschriftliche Grundlage zu leugnen: Murner 
habe den Kern der Historien auf seiner Jugendreise durch Nord- 
deutschland gesammelt, etwa in der Herberge zum wilden Mann in 
Braunschweig, die im Volksbuche erwähnt wird; die Mehrzahl der 
Geschichten habe er jedoch aus anderen Büchern entlehnt, was 



*) Dr. Thomas Murners Ulenspiegel. Hrsg. von J. M. Lappenberg. Leipzig, 1854. 

') von Hermann Knust in (Braune's) Neudrucken deutscher Litteraturwerke 
des XVI. und XVII. Jahrhunderts, Nr. 55 und 56 : Till Eulenspiegel. Abdruck der 
Ausgabe vom Jahre 1515. Halle, 1884. 

Niederdeutsches Jahrbucli XIX. 1 



2 

Lappenberg auf Grund einer erstaunlichen Belesenheit nachzuweisen 
sich bemüht. 

Ausser auf innere Gründe für Murner's Urheberschaft berief sich 
Lappenberg besonders auf das Zeugnis einer um 1521 erschienenen 
Schrift^): dann er (Murner) hat es vor uol bewert, hesunder da er , . . 
der weit zu schöner andacht und underiveisung herfür gebracht hat die 
hoch ergründten leer, mit namen die Narrenbschweruiig. die Schelmen- 
jsunft, der' Grit MiUcriu Jurtag, auch den Ülenspicgil und andre schöne 
biichle mer. Das Zeugnis mag ganz richtig sein; dennoch zwingen 
die Worte uns nicht, Murner nuehr Anrecht auf den Ulenspiegel ein- 
zuräumen als das eines Uebersetzers eines anonymen Werkes. Dass 
er zu dem Volksbuche in einem andern Verhältnisse gestanden hat, 
als zu den vorhergenannten Schriften, welche sicher und ganz Pro- 
dukte seines Geistes waren, scheint der Verfasser des Dialogs durch 
die Anfügung mit ^auch^ andeuten zu wollen. 

Lappenberg handelte in solcher üeberzeugung ganz folgerichtig, 
wenn er gar nicht versuchte, aus den ältesten Ausgaben, der Strass- 
burger, der Kruffter' sehen, der Antwerpener, der Cölner, der Erfurter, 
der Augsburger, einen Text mit Anwendung philologischer Kritik her- 
zustellen, sondern einfach den Strassburger Druck von 1519, der ihm 
für die Originalausgabe Murner's galt, wiedergab mit scharfsinniger 
Verbesserung der zahlreichen Druckfehler aus eigener Konjektur oder 
aus den übrigen älteren Ausgaben. Seine Ansicht ist aber nicht 
durchgedrungen, weil eine genauere Betrachtung des EulenspiegelBuches 
und eine Vergleichung der verschiedenen alten Ausgaben sie als un- 
haltbar erkennen Hess. Gewichtige Bedenken gegen die Strassburger 
Originalität des Buches hat Karl Gödeke aus niederdeutschen im 
Strassburger Text stehen gebliebenen Ausdrücken und aus Missver- 
ständnissen geschöpft, die sich nur aus einer niederdeutschen Vorlage 
erklären lassen, zuerst im Weimarischen Jahrbuch Bd. IV (1856) S. 
15, wiederholt in seinem Grundriss zur Geschichte der Deutschen 
Dichtung Bd. I (2. Ausg. 1862) S. 117 und weiter ausgeführt im 
Archiv für Litteraturgeschichte Bd. IX (1881) S. 3. Lappenberg hatte 
bereits solche Spuren des Niederdeutschen in Worten und Wortspielen 
und in den Namen vermerkt, jedoch nicht zur Erkenntnis der Sachlage 
verwertet, weil ihn seine einmal gefasste Vorstellung von Murner's 
Urheberschaft verbjendete. Dagegen will Gödeke demselben die Autor- 
schaft nur eingeräumt wissen, wenn damit eine ältere niederdeutsche 
Redaktion nicht ausgeschlossen sein solle, welche Murner in einem 
Drucke vorgelegen haben müsse; doch dürfe jene Stelle aus dem 
,, Dialog^ kaum auf eine blosse Uebersetzung des Buches aus dem 
Niederdeutschen ins Hochdeutsche gedeutet werden. 

Niemand hat für die Forschung über die Urgeschichte unseres 
Volksbuches mehr geleistet, als Wilhelm Scherer in seiner Schrift 

*) Ain schöner Dialogus zwischen aim pfarrer und aim schulthaisz, abgedruckt 
bei 0. Schade, Satiren und Pasquille aus der Reformationszeit. Hannover, 1863. 
Bd II. S. 153. 



„Anfänge cles Deutschen Prosaromans", Strassburg 1877. Er hat zum 
ersten Male in kritischer Weise die ältesten bekannten Drucke mit 
einander verglichen und ihr Verhältnis zu einander und zu unbekannten 
Vordrucken zu bestimmen gesucht und dadurch die Untersuchung in 
die richtige Bahn gelenkt und einer kritischen Ausgabe vorgearbeitet. 
Hierbei stellte er die Selbständigkeit der Cölner Ausgabe vom Jahre 
1539 und damit ihre Gleichwertigkeit mit den ältesten Strassburger 
Drucken fest und sicherte somit ihren beiden Angaben volle Glaub- 
würdigkeit, erstens dass das Buch aus Sächsischer Sprache verdol- 
metscht sei (was die früheren Ausgaben verschweigen) und zweitens dass 
es 1483 abgefasst sei (während die Strassburger Ausgaben das Jahr 
1500 angeben). Abgeschlossen hat Scherer seine Untersuchung nicht, 
die er nur gelegentlich einer Recension von F. Bobertag's Geschichte 
des Romans anstellte. Bezüglich der erst 1868 aufgetauchten Strass- 
burger Ausgabe von 1515, der Erfurter von 1532 und der Cölner von 
1539 konnte er sie nur auf Grund von Mitteilungen Anderer über 
diese ihm nicht zugänglichen Drucke führen; desgleichen war ihm die 
Benutzung des Antwerpener Druckes nur soweit möglich, als Lappen- 
berg in seiner allerdings ziemlich ausführlichen Beschreibung daraus 
und darüber mitgeteilt hatte. Der Strassburger Druck von 1515 ist 
seitdem durch Knust zugänglich gemacht worden; der Abdruck der 
übrigen in Betracht kommenden steht noch aus. Ehe das geschehen 
ist, dürfen wir wohl keine kritische Herausgabe des Volksbuches er- 
warten. In Betreff solcher hoffentlich erfolgenden und zumal von der 
Antwerpener Ausgabe wünschenswerten Neudrucke möchte ich die Bitte 
aussprechen, dass man die alten Drucke mit Haut und Haar gebe, 
mit allen sprachlichen und orthographischen Unregelmässigkeiten und 
selbst allen Druckfehlern, den Antwerpener womöglich in photolitho- 
graphischer Nachbildung, wie es mit dem Kruffter'schen geschehen ist^) 
und wie es auch mit den beiden Strassburgischen von 1515 und 1519 
eigentlich hätte geschehen müssen. Nur so kann man sicher sein, 
dass keine für die Geschichte des Litteraturdenkmals verwertbare 
Besonderheit beseitigt oder doch verwischt wird, oder zum mindesten 
verborgen bleibt. 

Mittlerweile lässt sich, da die beiden ältesten Strassburger Drucke 
wieder herausgegeben sind, doch schon an der Sprache derselben 
prüfen, wie weit die Behauptung von der Selbständigkeit der Strass- 
burger Redaktion und ihrer Unabhängigkeit von einer niederdeutschen 
Vorlage begründet ist. Ich hatte das nach Gödeke's Vorgang an der 
Ausgabe von 1515, als sie mir im Neudruck bekannt ward, versucht 
und war zu dem Urteil gekommen, dass sie im grössten Teile nichts 
als eine ziemlich liederliche Uebertragung aus dem Niederdeutschen 
sei. Nachträglich lernte ich durch den Nachweis eines Freundes die 
Abhandlung von Scherer kennen, wo ich fand, dass dieser, obschon 
er die sprachliche Seite minder berücksichtigt hat, sich für dieselbe 

*) Tyel Ulenspiegel. Nach dem Druck des Servais Kruffter photolithographisch 
nachgebildet. Berlin, A. Asher & Co. 1865. 

1* 



Auffassung zu entscheiden geneigt ist. Seine Worte (auf S. 33) sind: 
„Die Notiz von 1521 über Murner's Autorschaft (Lappenberg S. 385) 
wird nicht völlig grundlos und zunächst an der Strassburger Ausgabe 
von 1515 zu prüfen sein: er hat im selben Jahr bei Grieninger^ [dem 
Drucker des Ulenspiegels von 1515 und 1519J „den verdeutschten 
Virgil, im Jahre vorher die Badenfahrt erscheinen lassen. — Mehr 
als die nach seiner Weise oberflächliche Uebertragung ins Hochdeutsche 
hat er wohl nicht geleistet.^ 

Dieses Urteil ermunterte mich, die Notizen meiner Untersuchung, 
welche eben in der von Scherer geforderten Hinsicht angestellt war, 
in einer zusammenhängenden Darstellung auszuführen. Noch während 
dieser Arbeit erging an mich die Aufforderung von Seiten des Nieder- 
deutschen Sprachvereins, meine Resultate auf der Pfingstversammlung 
zu Lüneburg im J. 1889 vorzutragen. So musste ich meine Abhand- 
lung fürs erste liegen lassen und versuchen, den Gegenstand in Form 
eines Vortrages zu behandeln. Dieser ist dann bei jener Gelegenheit 
gehalten worden. Nachdem micli darauf andere Arbeiten von der 
Aufgabe für mehrere Jahre abgezogen haben, bin ich letztlich zu ihr 
zurückgekehrt und lege nun hier meine Untersuchung in der zuerst 
beabsichtigten Gestalt vor. 

Voraus bemerke ich, däss meine Darstellung möglichst so ge- 
halten ist, dass Lappenberg's etwas teure Ausgabe dem Leser nicht 
unumgänglich zur Hand zu sein braucht. Den kleinen Neudruck der 
Strassburger Ausgabe von Knust wird man dagegen nicht wohl ent- 
behren können. Als Siglen für die Titel der ältesten Ausgaben des 
Eulenspiegel sind die Anfangsbuchstaben der Druckorte, nötigenfalls 
mit Hinzufügung des Jahres, und in einem Falle der Anfangsbuchstabe 
des Namens des Druckers gewählt. Demnach ist unter S zu verstehen 
eine Strassburger, K die Kruffter'sche, A die Antwerpener (Michiel 
van Hoochstraten, ohne Jahr), E eine Erfurter von 1532 u. s. w. und 
C die Cölner Ausgabe von 1539. Die beiden Strassburger von 1515 
und 1519 habe ich gleichfalls lieber durch Zusatz der Jahreszahl 
unterscheiden wollen, als durch ein einfacheres Zeichen, weil jene 
Bezeichnung auch brauchbar bleibt, falls einmal ein früherer Druck 
aufgefunden würde. 

EulenspiegeFs Vorname. 

Der Vorname Eulenspiegel's lautet im Titel des Romans bei S 
1515 Dyl, bei S 1519 Dil, Gödeke, Grundriss I S. 117 hat gemeint, 
diese Form deute auf einen niederdeutschen Originaldruck, oder mit 
anderen Worten, sei aus diesem herübergenommen worden. Grade 
das Gegenteil ist der Fall: Dyl, Dil oder, hochdeutscher geschrieben, 
Diel ist die recht hochdeutsche Gestalt des Namens. Nach Art 
schlechter Uebersetzer hat der Strassburger Bearbeiter anfänglich 
den Namen in seine Mundart umgesetzt, in der Folge aber mehrfach 
die Form des Originals aus Flüchtigkeit beibehalten, was ihm um so 



5 

leicliter zustossen musste, da er auch sonst zufolge seines Dialektes 
anlautendes t und d nicht scharf zu sondern vermochte. So zeigt 
S 1515 in der Vorrede Dyl und Thyl, Historie 1 Thiel und Dyl, Hi. 
2 und 5 Thü, Hi. 3 Tyl; S 1519 schwankt gleichfalls: Vorr. Thyl 
und Dyl, Hi. 1 Du und Thyl, Hi. 2 Thyl, Hi. 3 Tyl, Hi. 5 Dil. Im 
ndd. Original wird Thyle und Thile, vielleicht daneben Tyle und Tue 
gestanden haben. 

Der Name darf nicht, wie Lappenberg S. 227 ihn fassen will, 
als Kürzung von Tileman angesehen werden, sondern dieser ist eine 
erweiterte Kosebildung aus jenem. Tile ist hervorgegangen aus alt- 
sächsischem Thiadilo, das ein Deminutiv ist von Thiado, dem Hypo- 
koristikon oder der Koseform eines jeden mit thiad (Volk) beginnenden 
männlichen Vollnamens. Das as.« th geht regelmässig in dh und dann 
im Mnd. in d über. Ausnahme von dieser Regel machen im Anlaut 
nur wenige Wörter, dagegen manche Namen, z. B. die Ortsnamen 
auf torp statt dorp und einige Koseformen der mit thiad, thank u. s. w. 
anfangenden Vollnamen. Zu dieser letzteren Klasse gehört Tilo, welche 
aus Tiadilo (Tiedelo. Tidelo) verkürzte Form vielleicht bereits in dem 
Namen Tüo in der Heberolle des westfälischen Klosters Freckenhorst 
um ca. 1000 vorliegt. Für Tile ward dann nach der Orthographie 
des späteren Mittelalters auch Tyle, Thile, Thyle geschrieben, ohne 
dass damit eine veränderte Aussprache gemeint war. Dass der Name 
z. B. den Vollnamen Thiderik vertreten konnte, hat das Mnd. Wörter- 
buch IV, 543 urkundlich nachgewiesen. Hier noch zwei weitere Belege 
für die Verwendung des Namens: 1288 und 1290 wird ein Thideco 
de Hamelen auch Thileco genannt, Ztschr. f. Hamburg. Geschichte VI, 
506 und 514; Tilemannus, alias Titke Krön, Staphorst Hambg. Kirchen- 
Gesch. I, 2, 545 = Timme [d. i. Thiadmar], alias Teleman [= Tile- 
man], al. Titke Grone, das. I, 3, 606. 

Bestätigt wird die Behauptung, dass der Name des Helden im 
ndd. Original mit T angelautet haben muss, durch K's Schreibungen 
Tyel, Thiel, Tieh Da diese Ausgabe im Cölner Dialekt abgefasst ist, 
so ist die Namensform erklärlich. Denn solche mit t statt mit d = 
ad. th anlautenden Kosenamen sind in Mitteldeutschland nicht so selten. 
Nach den östlichen Landschaften werden sie durch niederdeutsche 
Kolonisten gebracht sein; daher stammt wohl der hier besonders 
häufige Zuname Thilo. Weitere Importierung fand später statt. So 
war der in Mitteldeutschland lebende und mitteldeutsch schreibende 
Verfasser der Limburger Chronik Tileman von Elhen ein Niederdeutscher, 
aus Wolfshagen im sächsischen Hessen gebürtig. In den nördlichen 
Teilen Mitteldeutschlands, nämlich von Rheinland, Hessen und Thüringen, 
wo die Volkssprache bis in die mhd. Periode hinein allem Anschein 
nach niederdeutsch geblieben war, werden sich solche Namensformen 
aus dem früheren Sprachzustande gehalten haben. Und zu diesen 
Gegenden darf man auch CÖln rechnen. Die Verkürzung des zwei- 
silbigen Namens zu einem einsilbigen, wie K sie zeigt, wird der Dialekt 
mit dem Oberdeutschen gemeinsam haben. Und dasselbe ist im Nieder- 



6 

ländischen der Fall: A hat Tfiiel^), die ndl. Ausgaben des 17. Jhs. 
Uiyl und Thijl^ während die aus dem flämischen Texte übertragenen 
französischen Drucke Tiel bevorzugen. Unter den deutschen Ausgaben 
bestrebt sich C hochdeutscher Schriftsprache und wählt daher Dyll 
und DyZ, desgleichen Cöln 1554 und Augsburg 1540. Bemerkenswert 
ist, dass dagegen Strassburg 1539, 1543 und 1551 Tyll schreiben; 
ob sie sich nur dieser Form bedienen? Der Frankfurter Druck 1545 
hält noch an Dyll fest, der von ca. 1557 — 63 hat wieder Tyl^ die 
Fischart'sche gereimte Bearbeitung Thyll. Seitdem dringen die 
Schreibungen Till und Tyll durch und damit eine Form, die weder 
hd., noch nd. genannt werden kann. Denn im Nd. wird der gemeinte 
Name mit langem Vokal gesprochen und, wenigstens zur Zeit der 
Entstehung des Eulenspiegelbuches, durchweg zweisilbig als Tue. 
Wahrscheinlich verdankt man die Entstellung zu DiU und Till nicht 
einer denkbaren Vertauschung mit einem Hypokoristikon von Dietleib 
(Thiadlef)^ sondern allein der verwilderten Orthographie des 16. Jhs. 
Nicht unmöglich ist aber, dass diese Schreibung befestigt ward durch 
Anknüpfung an ein Appellativ tül oder dül^ welches Narr bedeutet 
zu haben scheint; s. Lübben in der Ztschr. für Deutsche Philologie 
III, 330, und vgl. Rochholz das. S. 341. Der Schrift ist dann die Aus- 
sprache gefolgt: man spricht allgemein Tül jetzt mit verkürztem Vokal. 
Fischart im Gargantua Kap. 10 behauptet, wie Lappenberg S. 
227 erwähnt, dass in Lübeck Till der gewöhnlichste Vorname sei. 
Das ist ein Irrtum. In Lübeck, Hamburg, in ganz Nordeibingen, des- 
gleichen in Stade und Lüneburg, überhaupt in den norddeutschen 
Küstenländern ist der Name Tyle selten und ursprünglich nicht heimisch. 
Hingegen ist er im niederdeutschen Binnenland recht zuhause und 
wohl nirgends mehr, als in Ostfalen, wo der Eulenspiegelroman seinen 
Helden zur Welt kommen lässt. Dort wird auch das Buch zuerst 
verfasst sein. Scherer S. 33 denkt an Hildesheim. Aber Braunschweig 
hat mehr Anspruch, wie ich im folgenden nachweisen werde. Wie 
verbreitet der Name Tyle in dieser Stadt war, zeigen die von Hänsel- 
mann herausgegebenen Braunschweigischen Chroniken. 

EnlenspiegeFs Zuname. 

Schade, Satiren und Pasquille aus der Reformationszeit II, 338, 
hat Lappenberg zum Vorwurf gemacht, dass er in seiner Ausgabe 
sich der Form ülenspiegel bedient habe; er hätte, dem Strassburger 
Dialekt gemäss, Ülenspiegel schreiben müssen; ule ohne Umlaut sei 
niederdeutsch. Er selbst hat denn auch im ;,Dialogus zwischen aim 
Pfarrer und aim Schulthaiss^, nach Vorgang des von ihm seinem Ab- 
drucke zu Grunde gelegten Druckes (A), Ülenspiegel statt des ülen- 
spiegel der andern Drucke gesetzt; ja, er meint, er hätte das auch 
thun müssen, wenn A das ü nicht gäbe. Dabei hat er nur übersehen, 

*) Diese und die folgenden Angaben beruhen auf Lappenberg's Verzeichnis 
der Ausgaben vom ülenspiegel. 



dass der Dialekjt jenes Dialoges, den gleich die ersten drei Zeilen in 
kreucht tr, neuwer mär und euch kund thun, nicht Ülenspiegd, sondern 
EulefUipiegel verlangt. Man könnte sich die Forderung Schade's für 
den Titel von Lappenberg's Ausgabe allenfalls insofeni gefallen lassen, 
als Lappenberg den Strassburger Murner für den Verfasser hält. 
Falls er aber, wie es scheint, diese Fonn auch für einen sog. ge- 
reinigten Textabdnick des Buches beansprucht, so hiesse das der 
StrassburgQr Bearbeitung eine Wortform aufzw.ängen; denn beide 
Strassburger Ausgaben, sowohl die von 1515 wie die von 1519, schreiben 
Vlen- oder Vlnspiegel^ die von 1515 sehr oft auch Ul(e)nspiegel und 
vl(e)nspiegel. Sicherlich schwankt S 1519 zwischen diesen drei Schrei- 
bungen wie S 1515; wenigstens zeigt das Facsimile des Titels bei 
Lappenberg Ulenspiegel^ abweichend vom Vlenspicgel in S 1515. 
Lappenberg war also, da er einheitliche Schreibung und zwar stets 
mit grossem Buchstaben durchführen wollte, verpflichtet, die häufigste 
des Druckes, . VlenspiegeL zu wählen, und berechtigt, im Titel seiner 
Ausgabe Ulenspiegel zu setzen. 

Wie der Strassburger Bearbeiter den Namen aussprach, lässt 
sich aus jenen drei Schreibungen nicht ersehen, weil man die Typen 
V und V und vermutlich auch U nicht mit Umlautszeichen zu versehen 
pflegte, diese Lettern also sowohl zur Bezeichnung von U^ u als auch 
von C", ü im Anlaut dienen mussten. Aber eine andere Eigentüm- 
lichkeit der X)rthographie von S 1515 kann die Frage lösen. Die 
Grieninger'sche Buchdruckerei war im Besitz der Type ü und verwendet 
sie im Anlaut der Wörter, nur nicht konsequent immer wo sie am 
Platz gewesen wäre. Sie hat z. B. stets vbd statt übel und stets vch 
statt üch neben häufigerem euch. Dagegen finden wir nie vwer^ son- 
, dem üwer oder meistens euwer, bisweilen ewer. Auch vber steht durch; 
nur einmal, Hi. 63 ist mir über aufgefallen und zwar in beiden Aus- 
gaben, bei Lappenberg auf S. 91, bei Knust auf S. 96. Hi. 17 und 
72 (zweimal) lesen wir die ürten (Zeche), 55 und 77 die ürtin, 80 
die vrten. Der Setzer der Officin wechselt also, mit Ausnahme von 
vbel und vchy zwischen v und ü und gebraucht, offenbar wegen des 
folgenden «;, die Schreibung üwer ausschliesslich. Da er nun vlen- 
spicgel mit kleinem Anfangsbuchstaben unzählige Mal gesetzt hat, 
müsste befremden, dass er, wenn man in Strassburg den Namen mit 
Umlaut gesprochen hätte, sich nie der Form ulenspiegel bedient hat. 
Was aber den Ausschlag giebt, ist folgendes. Das im Namen ent- 
haltene Wort ;,Eule^ erscheint mehrfach, Hi. 19 als üle und siebenmal 
als eule, 40 als fi/ uud üle (S 1515, beide Male ule S 1519) und 95 
zweimal eul. In 40 und 95 besteht Bezug zwischen dem Vogel und 
dem Namen Eulenspiegel; hier wäre doch an der Statt gewesen, diese 
Beziehung durch die Schreibung ulenspiegel oder gar Eulenspiegel zur 
Geltung zu bringen; allein an beiden Stellen finden wir nur Vlenspiegel 
und vlenspiegel gedruckt. Daraus darf man mit Sicherheit schliessen, 
dass in Strassburg Ulenspiegel gesprochen worden ist und nicht tJlen- 
spiegeh Der Name muss schon vor der hochdeutschen Bearbeitung 



8 

des Volksbuches in Strassburg in seiner niederdeutschen Form fest- 
gestanden haben und verbreitet* gewesen *sein. So ergiebt sich mit Not- 
wendigkeit der Schluss, dass Murner oder wer der Bearbeiter gewesen 
ist nicht Verfasser des Volksbuches sein kann, ja dass ihm nicht ein- 
mal eine niederdeutsche Handschrift vorgelegen hat, sondern dass er 
nur einen durch Deutschland verbreiteten niederdeutschen Druck über- 
setzt und mehr oder minder zurecht gestutzt hat.' Die Aenderung 
von speigel zu Spiegel ist aber nicht auffallender, als das allgemein 
übliche Verfahren mit zusammengesetzten niederdeutschen Ortsnamen, 
in denen der erste Bestandteil gemeiniglich unangetastet bleibt, während 
der zweite, wie z. E. dorp, horch, holt, mölen, in hochdeutschen Laut- 
stand umgesetzt wird. Wenn nicht der Druckfehler in S 1515 so viele 
wären und zumal solche im Namen Vlenspiegel (Vlensplegel, Vlenspiel, 
Vlensplgel, Vlenspiedel u. s. w., s. Knust S. V ff.), so könnte man 
meinen, dass in einem einmaligen Vlenspeigel, Hi. 20 (bei Knust S. 
30) noch eine weitere Spur des nd. Originals sich erkennen Hesse. 

Kruffter, dem eine Strassburger Ausgabe vorgelegen hat, beginnt 
mit der Schreibung Vlenspiegel, wofür er später auch Vlenspyegel 
setzt, doch wechselt er bald mit der seinem Dialekt gemässen Form 
Vlenspegel ab, die ihm allmählich die geläufigste wird. Recht häufig 
kürzt er den Namen zu Vlenspe, und ebenso oft zu Vlensp. ab. 
Auch Vlenspie, findet sich. Er giebt dem Namen bald einen grossen, 
bald einen kleinen Anfangsbu.chstaben. C 1539 hat ebenfalls Vln- 
Spiegel und Vlnspegel; die hochdeutschen Ausgaben haben Vl(e)nspiegel, 
bis dann die von Lappenberg zwischen 1557 und 1563 gestellte Frank- 
furter Ausgabe zuerst die völlige Uebersetzung des Namens zu Eulen- 
Spiegel vornimmt (s. Lappenberg S. 183), welche Form seitdem die 
in den hochdeutschen Texten herrschende bleibt. 

Was bedeutet der Name? Das Volksbuch selbst erklärt ihn 
als aus ^Eule^ und ^SpiegeP zusammengesetzt, indem es berichtet 
(S Hi. 40), Eulenspiegel habe die Gewohnheit gehabt, an solchen 
Orten, wo er als ein Unbekannter eine Büberei verübt hatte, mit 
Kreide oder Kohle eine Eule und einen Spiegel über die Thür zu 
malen und lateinisch darüber zu schreiben Hie fuit, und wenn es (S 
Hi. 95) auf seinem Grabstein eine Eule, die einen Spiegel in den 
Klauen hält, ausgemeisselt werden lässt. Dadurch wissen wir aber 
noch nichts über die Bedeutung des Namens; wir erfahren nur, dass 
der Dichter des Volksbuches ihn als aus „Eule^ und ^Spiegel^ zu- 
sammen gesetzt ansah und dem Tile ein so redendes Wappen verlieh. 
Es fragt sich weiter, ob der Dichter seinem Helden diesen absonder- 
lichen Namen gegeben hat oder ob er ihm denselben von seinen Zeit- 
genossen hat beilegen lassen, um damit die Schälksnatur oder wie 
man nun seine Wesensart auffasste zu bezeichnen. Für die eine wie 
die andere Möglichkeit vermisst man jede Andeutung im Buche. Viel- 
mehr trägt nach Hi. 1 bereits sein Vater Claus denselben Zunamen. 
Dazu kommt noch die Thatsache, dass es wirklich und selbst, ehe 
das Volksbuch geschrieben ward, Menschen gegeben hat, die den 



Namen als bürgerlichen Zunamen führten. Weil das unbekannt war, 
konnte im Hannoverschen Magazin 1812 St. 46 ff. die vermeintliche 
Nichtexistenz eines solchen Geschlechtsnamens als hauptsächlichster 
Grund gegen die historische Existenz eines T. Eulenspiegel verwertet 
werden. Hiergegen erklärte sich Blumenbach in Spiel's Vaterland. 
Archiv 1820 Nr. 21 oder Th. H, 218 und ihm schloss sich Spangen- 
berg, Beschreibung der Stadt Celle (1826) S. 298 Not. 2 an, weil in 
mehreren Dortmunder Urkunden des fünfzehnten Jahrhunderts dieser 
Zuname vorkomme. Nach Lappenberg S. 341 erscheint er als Bei- 
name in einer angesehenen Soester Familie: 1473 und 1482 Johannes 
van Lünen, genannt Ulenspeigell^ Anwalt der Stadt Soest, und 1482 
Arnd van Lünen, genannt UlenspeygeU, Vorsprache beim Soester Frei- 
stuhl des Fehmgerichts. Hier ist der Name jedoch nur Beiname, 
durch den, wie Lappenberg vermutet, jener Johann von einem anderen 
Soester, Johann van Lünen, genannt van der Borcke, unterschieden 
ward. Da aber ein zweiter van Lünen, Arnd, denselben Beinamen 
führt, so muss mit Lappenberg geschlossen werden, dass der Name 
damals schon einem ganzen Zweige der Familie eignete. Sein Vor- 
kommen als Beiname scheint am natürlichsten sich daraus zu erklären, 
dass bereits vor der Drucklegung der Eulenspiegel geschichten diese 
im Volke unter dem Namen des LUenspeigel umliefen. Auf einen ver- 
schmitzten Advokaten konnte der Name leicht übertragen werden; s. 
Lappenberg S. 343. Der Verfasser des Volksbuches hat also den 
Namen nicht erfunden. Für den Nachweis einer Familie Ulenspeigel 
und für die Beantwortung der oben aufgeworfenen Frage nach dem 
ursprünglichen Sinn des Namens lassen sich aber die beiden Soester 
Zeugnisse nicht verwenden. 

Anders steht es imi andere Ulenspeigels. Nach den Stadtrech- 
nungen von Hannover bezahlte der dortige Rat 1481 einem Hans 
Ullenspeigel van dem Osterwolde (südlich von Hannover) 11 ß für ein 
Fuder Kohlen; s. Histor. Ztschr. für Niedersachsen 1871 S. 215. In 
einer Musterrolle der Stadt Braunschweig vom Jahre 1547 wird ein 
Soldat Hans Ulenspeigel aufgeführt; s. Lappenberg S. 343. Könnte 
auch etwa betreffs dieser beiden Leute noch ein Zweifel aufkommen, 
ob sie ihren Zunamen unabhängig vom Schalksnarren führten oder 
nicht, so schwindet jedes Bedenken einer dritten Person gegenüber, 
die bereits in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts unter 
diesem Namen urkundlich vorkommt. Die betreffende und eine zweite, 
sie gleichfalls nennende, Stelle sind von Lappenberg S. 342 f. abge- 
druckt worden. Sie betreffen eine mulier ülenspei/gel, durch die 1337 
jemand vor dem Fehmgericht in Braunschweig wegen einer gegen sie 
verübten Unrechtfertigkeit belangt ward, und eine offenbar mit jener 
identische Frau de Vlenspeyghelsche, bezüglich derer 1355 im Braun- 
schweigischen Deghedingheboke protokolliert ward, dass sie eine Viertel 
Mark Zins in einem dortigen Hause besitze. Lappenberg schliesst 
gewiss mit Recht aus beiden Stellen, dass sie, weil sie ohne Vornamen 
und ohne das Prädikat ;,domina^ oder ^vrowe^ angeführt werde, den 



10 

unteren Ständen angehört habe, und dass sie 1355, weil nicht ihr 
Mann als Besitzer der Hausrente angegeben werde, Witwe gewesen sei. 
Es steht demnach fest, dass ein Geschlechtsname Ulenspeighel 
in Braunschweig wenigstens anderthalb Jahrhunderte vor dem Er- 
scheinen des Eulenspiegelbuches vorkommt, und dass er sich gleichfalls 
etwas früher als dieses im Calenbergischen findet. Der Name wird 
folglich vielleicht gebildet und gegeben worden sein ohne alle Beziehung 
auf einen solchen Charakter, wie ihn der Held des Volksbuches offen- 
bart. Jedenfalls muss bei Untersuchung seiner Bedeutung jegliche 
Rücksicht auf den litterarhistorischen Eulenspiegel unterbleiben, wenn- 
gleich bei Erwägung der Möglichkeiten des zu Grunde liegenden Sinnes 
man zunächst auf dieselbe Ableitung aus ule, Eule, und speigel, 
Spiegel, raten muss. Das that auch Lappenberg. Wenn er aber 
wähnt, „die Bedeutung des Spiegels ist hier in der im Mittelalter 
gebräuchlichen zu nehmen, in der eines Lelu'buches oder Vorbildes," 
und nun zum Vergleich eine Anzahl .mittelalterlicher mit Spiegel, 
spegel, speculum, miroir^ mirror gebildeter Büchertitel anzieht, so hat 
er sich von vorn herein durch Hinschielen auf solche Titel den 
Blick getrübt. Denn nicht das Buch führt den Namen Eulenspiegel, 
sondern der Held desselben. Auf ihn und nicht das Buch bezieht 
Lappenberg inconsequent auch den ersten Bestandteil des Namens, 
ohne zur Gewissheit zu gelangen „über den Charakter, welcher durch 
die Eule ausgedrückt werden soll, als deren Vorbild unser Bauernsohn 
Till erscheint. '^ Mich dünkt die ganze Erklärung unklar, widerspruchs- 
voll und darum unbefriedigend. Heisst hier „Spiegel^ Lehrbuch oder 
Vorbild, Muster, so verlangt man als Bestimmungswort entweder eine 
Angabe dessen, dem das Buch als Belehrung dienen und dem ein 
Vorbild gegeben werden soll (vgl. Laien-, Sachsenspiegel), oder einen 
abstrakten Ausdruck, der bezeichnet, was gelehrt und in vollkommener 
Darstellung als Muster aufgestellt werden soll (vgl. Beicht-, Ehren- 
spiegel). Die von Lappenberg verglichenen Titel Handspiegel und 
Augenspiegel (= Brille) stellen gar nur Bezeichnungen zweier Arten 
wirklicher Spiegel dar in metaphorischer Anwendung. In keine dieser 
drei Arten der Büchertitel passt „EulenspiegeP als Benennung eines 
Buches, noch speciell unseres Volksbuches; höchstens in die erste 
Klasse, wenn man „Eule^ als bildliche Bezeichnung eines dummen, 
gedankenlosen Menschen fassen will, der durch die Lektüre der Eulen- 
spiegeleien zur Weltklugheit und Überlegsamen Vorsicht bei seinen 
Reden und Handlungen angeleitet werden soll. Diese figürliche Be- 
deutung von ;,Eule^ lässt sich aber für das Mittelalter nicht nach- 
weisen und auch noch heute verbinden wir mit der Eule nicht eine 
derartige Vorstellung. Wenn Cornelius Kilianus Dufflaeus gegen das 
Ende des 16. Jhs. in seinem Etymologicum Teutonicae Linguae an- 
giebt, niederländisch wl bedeute metaphorisch einen homo stolidus et 
improbus, Dummkopf oder Schurken, so sind diese Bedeutungen sicher 
auf Rechnung des Volksbuches vom Eulenspiegel zu setzen. So er- 
giebt sich also gleichfalls auf diese Weise, durch konsequente Ver- 



11 

folgung der Lappenberg'schen Hypothese bis zu Ende, die üngereimt- 
heit, den Namen Eulenspiegel als erläuternde Bezeichnung des Buches 
aufzufassen. 

Das hat auch Lappenberg eingesehen, davon zeugen seine oben 
angeführten Worte über das Bestimmungswort „Eule" im Namen. 
Hier war er, falls überhaupt die Deutung aus „Eule" und „Spiegel" 
die richtige ist, auf dem Wege zur Lösung der Frage. Nur verbaut 
er diesen selbst sich wieder, indem er an der Bedeutung „Vorbild" 
für „Spiegel" haften bleibt und zweitens nur an „moralische Eigen- 
schaften" der Eule denkt. Die Menschen des 14. Jahrhunderts hatten 
aber gewiss eher für leibliche Besonderheiten eine Auifassungsgabe, 
als für seelische. Eine der auffallendsten Eigentümlichkeiten der Eule 
ist eine körperliche Eigenschaft, ihre Lichtscheue, dass sie das Sonnen- 
licht nicht gut vertragen kann; für die Beobachtung derselben und 
deren metaphorische Verwendung auf das menschliche Auge lassen 
sich mehr als eine Stelle aus mittelalterlichen Schriftstellern beibringen. 
Andererseits zeichnet sich die Eule vor den übrigen Vögeln durch ihr 
scharfes Gesicht bei Nachtzeit aus. Und „Spiegel" wird nicht nur 
im Sinne von „Vorbild" gebraucht, sondern heisst in noch eher ent- 
wickelter Begriffserweiterung soviel als „Abbild, Ebenbild". Es liesse 
sich wohl denken, dass man einen mit blöden Augen behafteten 
Menschen oder auch einen, der nachts besser als andere zu sehen 
vermochte, einen Spiegel der Eule nannte; kommt doch „Spiegel" als 
Anrede und Bezeichnung für Menschen mit Bezug auf irgendeine 
Eigenschaft häufig bei mittelalterlichen Dichtern vor. Einwenden 
lässt sich dagegen freilich, dass Beinamen oder Geschlechtsnamen, 
welche mit „Spiegel" endigen, sich weiter nicht nachweisen lassen 
(Lappenberg S. 344). Vielleicht darf man auch betonen, dass „Eule" 
allein genügt oder „Eulenauge" näher gelegen hätte. Den Namen 
Ule führt 1369 ein Bürger in Hannover (Histor. Ztschr. für Nieder- 
sachsen 1870 S. 58), 1433 ein Lübeker Schmied (Lüb. U.-B. VII S. 507); 
ülenoge heisst 1474 ein Söldner in der Schleswig-Holstein-Lauenb. 
ürkundensammlung IV, S. 523 ; und davon, dase er selbst nachts gut 
zielen konnte, -mag ein Söldner Ulenschutte seinen Beinamen erhalten 
haben (Hoyer Ü.-B. I. S. 224 a. 1408). Gegen diese Einwände darf 
man aber geltend machen, dass, nachdem seit dem Anfange des 
13. Jhs. es Mode geworden war, einerseits alles Vorzügliche, anderer- 
seits Bücher „Spiegel" zu nennen^), es nahe genug lag, diese Bezeich- 
nung auch einmal auf einen hervorstechend Blöd- oder Kurzsichtigen 
scherzhaft oder, wie ich eher glaube, auf einen auch bei Nacht scharf- 
sichtigen, wachsamen und darum im Kriege besonders brauchbaren 
Mann^) auszeichnend anzuwenden. In diesem Sinne hätte ich auch 

^) Ebenso schuf man Blumennamen, wie „Frauenspiegel" und „Pfauenspiegel". 

*) Die Stadt und Burg Peine ward in der Hildesheimer Stiftsfehde durchweg 
Ule genannt, auch ülenneft; nach Lappenberg S. 237, weil über ihrem Tor eine 
Eule als Symbol der Wachsamkeit angebracht war. Wichtig für die Deutung des 
Namens Ulenfpeigel ist die Stelle im Koker S. 305: we da mit der ulen uthflöge, 
de fchölde des nacktes vele vorfpeyen. 



12 

gegen die Bedeutung ., Vorbild, Muster, Krone'' für „Spiegel" nichts 
einzuwenden. Weiter spricht für eine solche Auffassung des Namens, 
dass sich bei einer von der Beschaffenheit der Augen hergenommenen 
Benennung der Vergleich mit einem Spiegel leicht gab, und dass, 
falls ich Recht habe den Namen als eine allerdings scherzhafte, doch 
ehrende Bezeichnung eines (J laukos oder Noctua (vgl. Q. Caedicius 
Noctua) zu verstehen, ebenso leicht bei der Namengebung das ähnlich 
klingende /jpr(7er,//Ki7er (Späher) wortspielend mitgewirkt haben kann^). 
In diesem Falle hätten wir ferner eine p]rklärung für die Tatsache 
gefunden, dass sich kein anderer mit „Spiegel" gebildeter Personen- 
name nachweisen lässt. Als jene Spiegelmanie dann abgenommen 
hatte, musste den liCuten der absonderlich gebildete Geschlechtsname 
wunderlich vorkommen. So würde verständlich, weshalb Sage und 
Dichtung sich grade dieses singulären und rätselhaft gewordenen 
Namens bemächtigt haben, um an ihn die Schwanke einer ganz eigen- 
artigen Menschennatur zu knüpfen; vorausgesetzt,* dass nicht indertat 
ein Mann lUenfpeigel einmal gelebt hat, der seinem absonderlichen 
Namen zu Ehren auch wunderliche Streiche verübte. Doch ist diese 
Frage für die Deutung des Namens ganz ohne Gewicht. 

Ich füge hier noch die Besprechung zweier anderen Ableitungen 
an, bloss um sie zurückzuweisen. Zunächst. muss ich bekennen, dass 
ich noch 1889 in Lüneburg einer abweichenden P]tymologie des Namens 
das Wort geredet habe. Ausgehend von der bei Alberus sich findenden 
Form Aulnfpiegel statt Eulenfpiegel (s. Grimm, Deutsch. Wb.) und 
der 1481 vorkommenden Schreibung Ullenfpeigel^ suchte ich im ersten 
Teile ein anderes tile^ Topf, welches noch im Westfälischen einen Krug 
(mit dickem Halse) bedeutet und das bereits ahd. und and. als tda 
belegbar ist, entsprechend und entlehnt dem lateinischen ölla. Das 
Wort war besonders im westlichen Deutschland zuhause, mhd. w/e, 
später aul (s. Grimm, Deutsch. Wb.), und davon heisst dort noch der 
Töpfer, besonders der Krugbäcker, Aiilner^ Eulner, Euler^ Ulner^ 
Uller oder Üller, was auf eine doppelte Form mit langem und mit 
kurzem Vocal schliessen lässt. Der in den Nürnberger Chroniken 
des 15. Jhs. begegnende Zuname Ewlnfmid und der 1259 in Lübek 
(Lüb. üb. II S. 24) genannte ülenbeckere möchten dasselbe bedeuten. 

^) Wie völlig man das Fremdwort fpeculiim sich angeeignet und seines 
Ursprungs vergessen hatte, zeigen Verwendungen, wie folgende: fo lat one (Jesus) 
uns bcgraven na unfern wone (Sitte), fo ne derf (braucht) he nicht to fpeigel ftan 
den, de dar vor henne (vorüber) gan; Mavienklage, hrsg. v. Schönemann, Z. 305. 
fin (des Bischofs) hovet vorden fe (die Wenden) van ftade to ftade over al Wencd- 
lant to fpotte unde tofpeigele; Sachs. Weltchronik, hrsg. v. Weiland, S. 171, 18. 
der werlt ein fchimp, fpot und fpegel werden ; Daniel von Soest, hrsg. v. Jostes, 
S. 239, 230. Das Mnd. Wb. fasst das Wort an diesen Stellen gleich „Ansehn, 
Schauspiel" ; Strauch im Glossar zur Weltchronik setzt fragend „Hohn, Spott" und 
vergleicht mnd. fpei, fpee (spöttisch, höhnisch). Indertat giebt die Chronik der' 
Nortelvischen Sassen, hrsg. v. Lappenberg, S. 37 die zweite Stelle wieder durch to 
fchimpe unde to hone. Entschieden haben fpeien (spähen) und fpeij welches aus 
as. fpahi (klug, scharfsinnig) ist, die Bedeutungsentwickelung von fpeigel beeinflusst. 
— Ueber persönliche Concreta auf -el vgl. Kluge, Nominale Stammbildungslehre S. 11. 



13 

Da nun eine bekannte Erscheinung ist, dass Handwerker im Mittelalter 
ihre Namen wie von ihrem Handwerksgerät so auch von den Gegen- 
ständen oder Erzeugnissen ihrer Gewerbstätigkeit zu entlehnen pflegten ^), 
so meinte ich auch Ulcvfpeigel auf diese Weise erklären zu können, 
indem ich es als Ausdruck für eine Art glasierter tönerner Spiegel, 
etwa für geringere Leute bestimmt, nahm. Allein die Erwägung, dass 
wir weder von solchen Spiegeln wissen, noch das Wort sich in dieser 
Bedeutung irgendwie belegen lässt, liess mich die Unhaltbarkeit meiner 
Conjectur einsehen. 

Eine andere Ableitung des Namens Eulenspiegel ist noch nicht 
bestimmt behauptet worden, aber leicht möchte das geschehen auf 
eine Aeusserung von Ernst Förstemann hin, in seinen Deutschen Orts- 
namen (1863) S. 91: „Auch ein fremdes Wort muss hier seine Stelle 
finden, das latein. fpecula. Die vollere deutsche Form fpiegel findet 
sich noch in mehreren Oertern Namens Spiegel ; ob die Mühle Eulen- 
fpiegel bei Clausthal noch das Wort unmittelbar oder schon den 
bekannten Personennamen enthält, kann ich nicht entscheiden." Auch 
in seinem Namenbuch H (2. Aufl. 1872) Sp. 1362 vertritt er noch 
die Anschauung, dass Spiegel in Ortsnamen aus lateinischem fpvcula 
sei und verweist dafür auf K. Roth, Kleine Beiträge zur Sprach-, 
Geschichts- und Ortsforschung I (1850) S. 223, welcher also wohl zuerst 
diese Meinung aufgestellt hat. Ob in süd- und Rheindeutschen Orts- 
namen „Spiegel'' bisweilen auf lateinisch fpecula zurückgeht, weiss ich 
nicht ; in norddeutschen gewiss nicht, denn ein Appellativ fpiegel oder 
fpegel^ das aus lateinischem fpecula stammte und dessen Bedeutung 
hätte, hat es nie gegeben. Es wäre ja recht schön und man wäre 
aller Quälerei mit dem Namen Eulenspiegel überhoben, wenn nach 
dieser Ableitung ülenspegel einen Wartturm, den Lieblingsaufenthalt 
der Eulen, bedeuten könnte. Man könnte schliesslich selbst auf den 
Einfall kommen, der Eulenspiegelturm in Bernburg (S. H. 22, vgl. 
Lappenberg S. 241) verdanke nicht dem Schalksnarren seine Benennung, 
sondern der Name des Turmes habe umgekehrt veranlasst, dass Tile 
zum zeitweiligen Kurwächter und Turmbläser des Grafen von Anhalt 
gemacht worden sei, wenn man nicht gar den Namen des Schalkes, 
nicht von irgend einer gleichnamigen Burg, sondern eben von diesem 
Turm ableiten wollte. Es mag überflüssig erscheinen, dass ich solche 
Träume vorbringe. Aber Förstemann's Ausspruch nötigte mich dazu, 
da in ihm liegt, dass er sich den Namen Eulenspiegel durch fpecula 
erklärt, obschon er das für den des Helden des Volksbuches nicht 
ausspricht. Kann man aber glauben, dass ein so seltener Name 
zweierlei Ursprung anzunehmen zulässt? Schliesslich bemerke ich, 
dass meines Wissens jene Harzer Mühle bei Zellerfeld nicht Eulen- 
spiegel, sondern Eulenspiegler Mühle heisst, also möglicherweise ein 
weiteres Zeugniss für den Familiennamen Eulenspiegel liefert ; es kann 
aber auch eine ganz neue vom nahen Spiegelberg und Spiegeltal ent- 
lehnte Namensschöpfung^ sein. 

*) Vgl. Mittheilungen des Vereins für Hamburg. Geschichte I, 93 f. 



u 

pie fibrigen Personennamen. 

Ausser den Namen des Helden der Geschichte kommen in mehreren 
noch solche anderer Personen vor. Aus den meisten derselben lässt 
sich zu Gunsten ursprünglich niederdeutscher Gestalt nichts entnehmen. 
Höchstens kann man, da die Hi. 1. 33. 58 und 64 aus anderen Gründen 
sich als bereits einem ndd. Text angehörig ergeben, vermuten, dass 
in der Schreibung Pfaffenmeyer (S 1519, Pfaffenmeier S 1515) noch 
eine Spur vom Namen des urkundlich nachweisbaren Arnold Papcn- 
meijcr zu erkennen sei, dass Künigine S 1515, Küngine S 1519 (Küni- 
gund K) ein ndd. Kunneke oder Koneke wiedergiebt, dass Lambrccht 
45 S 1515 vom Strassburger Bearbeiter vorgefunden ist statt des 
mehr oberdeutschen Lamprecht S 1519. Bartholomeus 64 mag im 
nd. Druck gestanden haben, aber keineswegs Doli; vielleicht Thole 
oder Thoh Die übliche nd. Abkürzung ist sonst Mewes, 

Mehr Anlass zu Folgerungen bieten die Namen der Eltern Eulen- 
spiegel's. Claus Hi. 1, 2 scheint keine oberdeutsche Kürzung von 
Nicolaus zu sein; im nd. Text stand wohl Clawes. Der Name der 
Mutter lässt sich nur aus dem Nd. erklären. Ich sage, der Name 
und nicht die Namen; denn Ann Wibcken kann sie unmöglich geheissen 
haben. Ein doppelter Vorname ist im 15. Jhdt. unerhört; Lappenberg 
S. 227 hat bereits bemerkt: Anna Wibcke sei darum auffallend, es 
sei denn, dass wir Wibcken für ihrer Mutter oder ihres Vaters Namen 
halten wollten. A, dem eine ndd. Ausgabe zu Gebote stand, was 
sclion allein aus dem einen richtigen Namen Buddenftede statt des 
Buden fielen bei S (Hi. 11 und 12) und bei K geschlossen werden 
muss, anderer Gründe hier vorerst zu geschweigen, A hat blos WyMce. 
Das ist ganz gewöhnliche verkleinernde Koseform der Frauennamen 
Wichherg und Wichborg^ welche der Uebersetzer, weil sie in Ober- 
deutschland unbekannt ist, durch einen allerorts üblichen Namen er- 
setzte, zugleich das Wibeke durch Veränderung in den Genetiv Wib- 
cken als Zunamen in dem von Lappenberg angedeuteten Sinne ver- 
wendend. Auch der Zuname des Heinrich Hamenftede Hi. 64 zeigt 
niederdeutsches Gepräge, statt hd. Hamenftete; vgl. Budenftetcn 11 
und 12, Nigenftetten 30. 

Die Ortsnamen. 

Eine weit ergiebigere Ausbeute gewähren die zahlreichen Orts- 
namen, weil der Strassburger Bearbeiter es nur zu oft bequemer ge- 
funden hat, sie zu lassen wie er sie vorfand, als sie zu übersetzen. Selbst 
in Oberdeutschland sicher bekannte und in hochdeutscher Form üb- 
liche behandelt er so: Denmarck 23 (Denmarckt S 1519), Quedlinburg 
36, Detmerfchen 73, Wulffcnbütel 38. Das wichtigste solcher Beispiele 
ist Ader, der Fluss Oder, in Franckfurd an der Adern (Francfurt 
andre Adern 1519) 85. Dies ist nämlich die spätmnd. Gestalt jenes 
Flussnamens, mit Uebergang des kurzen o in offener Silbe zu a. Da 
nun aber diese Lautentwickelung von den Ostfalen, also den Braun- 
schweigern und Hildesheimern nicht mitgemacht worden ist, und da 



15 

doch alles dafür spricht, dass das Eulenspiegelbuch in dieser Land- 
schaft entstanden ist, so werden wir genötigt anzunehmen, dass die 
Hi. 85 aus einer, ausserhalb Ostfalens gedruckten, Ausgabe stammt. 

Auch dann wird häufig die nd. Form in S gelassen, wenn es 
sich um kleinere Ortschaften handelt und wo die Bedeutung des Namens 
erkennbar ist: Niyeftetten (K ändert Ncwfteden) 30, Rofendal 16, 
Oldenburg 88, Mollen 89. 90. 93, sogar Koldingen 16 ist beibehalten, 
wo doch das daran geknüpfte Wortspiel ein Kaltingen erfordert hätte; 
K setzt dagegen verständig Kaidingen, entsprechend seinem Cölnischen 
Dialekte. Ofterling 84 wird schwerlich dem Oberdeutschen ein ge- 
läufiger Ausdruck für Ostfale gewesen sein. Hannover mochte in 
Süddeutschland hinreichend bekannt sein und sein Name ward jeden- 
falls nicht verstanden; so hat es nichts auffälliges, dass S 1515 ihn 
(in Hi. 71) unverändert lässt als Hanauer oder ihn (Hi. 69) mit w 
schreibt Hanower, welche Form S 1519 auch in Hi. 71 bietet. Ein 
einmaliges Honower in Hi. 69 bei beiden S kann Druckfehler sein. 
Auffallender ist, dass in Amplcucn (S 1519, 1515 daneben Amplencn) 1, 
in Afeherleue 52 und gar in Ißleuen 78 das v nicht durch b ersetzt 
ist. Der am häufigsten begegnende Name Braunschweig (Titel. Hi. 
IL 18. 19. 38. 45. 56. 88) wird von S 1515 mehrfach, so gleich im 
Titel, gut niederdeutsch Brunßwick genannt, öfter Bntnfchwick, in 
11 Brunfchuick, 56 Brunfchtcig und Brunfchwigk, 45 einmal Bron- 
fchivick, S 1519 kennt nur noch Brunfchwick^ Brunfchwik und Biun- 
fchwig. Das Adjektiv heisst bei beiden S in der Vorrede Brun- 
fchwigifch, also einigermassen hochdeutsch zurechtgemacht, statt mnd. 
Brunsmkefch, mhd. Brunswichefch. Ein ähnliches Schwanken gewahrt 
man in der Behandlung von Magdeburg: Magdimrg (S 1519 Megdhurg) 
1, Megdburg 2. 14. 15, Medburg (S 1519 Maigdhorg) 11; doch schwankte 
der Name gleichfalls im Mnd. zwischen Magde-, Megde-, Mede- und 
Mculchorch; letztere Form verrät sich in Maigdborg. Die jüngere mnd. 
Form für Goslar war Gosler, S 1515 hat beide, Goßlar und Goßlcr, 
Hi. 64, S 1519 nur noch Goßlar. Hildeß-, Hildesheim steht Hi. 1(). 
37, dagegen Hüdcshem (S 1519, in S 1515 verdruckt Mildeßheim) in 
04; in 37 ein Dorf Egelßheim. Aber die Schreibung heim ist ebenso 
gut nd., wie hem; allein letztere ist nicht hd. In Hi. 68 ist die 
ndd. Form Wenden (statt hd. iVinden^ Slavi) stehen geblieben, während 
Hi. 50 das Adjektiv richtig hd. Windifch lautet. Nicht selten wird 
Sachfen und Sachfenland im Eulenspiegelbuche erwähnt. In S wird 
so oder Sachßen, Sachffen geschrieben. Suffenland Hi. 50 in S 1519 
wird indirekt einem nd. Urtext entflossen sein, da S 1519 nicht 
auf S 1515 zurückgeht, sondern, wie Scherer (Die Anfänge des Deutschen 
Prosaromans S. 83) nachgewiesen hat, beide auf einen älteren hd. 
Druck, auf dessen Rechnung demnach die Flüchtigkeit zu setzen ist, 
welche S 1515 gebessert hat. 

In Hi. 15 wird ein Ort, der dem Erzbischof von Magdeburg zur 
Residenz dient, zuerst Greuenftein genannt, nachher von S 1515 
Genenckenftein, von S 1519 Geuenckenftein. K und sämtliche übrigen 



16 

deutschen Texte haben den Widerspruch zu bessern gesucht, indem 
sie Greuenftein auch an der zweiten Stelle setzten; s. Lappenberg S. 
236. Nach Läpp. S. 158 fehlt die Benennung des Schlosses in A; 
nach S. 236 hat aber A, sowie die älteren französischen Texte, nur 
die Erwähnung des Grevensteins zu Anfang der Geschichte unterlassen, 
dagegen zeigen sie an der späteren Stelle die „verstümmelten^ Namen 
Gencfteyt, Genequeßew, Geuequeftein, Welche Angabe betreffs A richtig, 
lässt sich nicht entscheiden, so lange A nicht neu herausgegeben ist. 
Jedenfalls kann keine der beiden letzten Formen durch A gebraucht 
worden sein. Angenommen, dass die Angabe Lappenberg's auf S. 
236 richtig sei, so muss in A Genefteyt sich finden, anderenfalls ge- 
hören alle drei Formen den französischen Texten an. Mag das eine 
oder das andere sein, es ergiebt sich immerhin daraus, dass die 
französischen Ausgaben nicht eine blosse Uebersetzung von A sein 
können; und die Lesarten Gencqueftein und Geuequeftein vindicieren ihnen 
eine wichtige Stellung unter denjenigen Drucken, aus denen man suchen 
muss eine Vorstellung von dem ursprünglichen Eulenspiegelbuche zu 
gewinnen; denn sie weisen auf eine uns unbekannte gute Quelle. 
Die Burg nämlich, die gemeint ist, hat Lappenberg richtig als Gihi- 
chenftein erkannt. Ihr eigentlicher nd. Name ist GeveJcenßein, woraus 
sich sowohl Geuenckefiftein als auch Geuequeftein leicht erklären. 
Genvnchenftein und Genequeftein sind nur Druckfehler. Es fragt sich, 
auf welche Weise das irrige Grevenftein in S und die übrigen deutschen 
Texte gelangt sein mag. Mir ist eine Vermutung gekommen durch 
die von Janicke herausgegebene Magdeburger Schöppenchronik. Dort 
wird das Schloss öfter Gevekenftein genannt, aber einmal S. 64, 20 
bloss to dem Steine, Wenn das an jener ersten Stelle gestanden hätte? 
Der Druck, der diese Bezeichnung enthielt, würde danach aus einer 
Stadt hervorgegangen sein, in welcher man sehr gut wusste, was 
darunter zu verstehen sei. Man denkt zunächst an Magdeburg ; doch 
könnte, da schon der Verfasser sich der Bezeichnung bedient haben 
muss, auch eine andere Stadt als Druckort in Betracht kommen können, 
nur ist anzunehmen, dass die Drucklegung unter den Augen des Ver- 
fassers geschah. Die Aenderung Grevenftein setzt aber einen neuen 
Druck, einen Nachdruck in irgend einer anderen Stadt, voraus, der 
wahrscheinlich zugleich eine Bearbeitung darstellte. Das allgemeine, 
unverständliche Stein ward durch einen bestimmten auf Stein endenden 
Namen verständlicht; man vergass aber nachher das folgende Geveken- 
ftein demgemäss zu ändern oder übersah, dass dasselbe Schloss ge- 
meint sei. Es giebt einen Ort Grevenstein in der Diemelgegend; viel- 
leicht gab es noch mehrere. Auf jeden Fall aber war der Bearbeiter 
ein Niederdeutscher, denn der gewählte Name bezeugt es. Folgerung 
für S wäre schliesslich, dass ihm ein nd. Nachdruck des Volksbuches 
zu Grunde liegt: er hat beide Namen, Grevenftein und Gevenckenftcin, 
letzteren freilich entstellt, in ndd. Gestalt beibehalten. 

Ob sich aus Eller 26 statt Aller (der Fluss, an dem Celle liegt) 
etwas bezüglich des von S benutzten Druckes schliessen lässt, weiss 



17 

ich niclit anzugeben. Im 11. Jhdt gilt Aelera, Elera; ob EUer im 
15. Jbdl? Die Stadt und das daneben liegende Dorf Uelzen unter- 
scheidet S als Olt0en, Olßen Hi. 68 und Vifen Hi. 20. Ist in den 
beiden ersten Formen nicht ein Versehen oder eine Willkür anzu- 
nehmen, so bleibt nur der Schluss, dass entweder S zwei verschiedene 
nd. Drucke zu Gebote standen oder dass der eine Druck, den er 
übertrug, schon die Spuren zweier Redaktionen zeigte. Hingegen fasse 
ich einmaliges Ryßcnbrug neben zweimaligem Ryßenburg und einmaligem 
Ryeßenimrg in Hi. 38 S 1515 nur als Druckfehler auf. S 1519 hat 
stets Byßevhurg; K dreimal liyßenJmrch und einmal, was wohl Ueber- 
setzung sein soll, Keßenhurch; aber A Rifenf/rug und der zweite 
französische Text (von Lotrian) Riffenbrug; s. Lappenberg S. 252. 
Dies letzte kommt dem zu Grunde liegenden Namen noch näher als 
die Lesart von A, denn, wie Lappenberg nachgewiesen hat, ist Kiffen- 
hrügge gemeint. Es erhellt auch hier wieder die Wichtigkeit der 
flämischen und der französischen Drucke. Im nd. Druck wird Riffen- 
bugge verdruckt gewesen sein. Leider lassen uns jene Ausgaben im 
Stich in Bezug auf Brenburg 49, weil sie die Erzählung ausgelassen 
haben. K bessert Brandenhurch, w^as Lappenberg gutheisst. K, der 
S vor sich hatte und durchweg verständig übersetzt, mag zu dieser 
Emendation durch die Nennung des Orts zwischen Berlin und Rostock 
(Hi. 48 und 50) geführt sein. Ich mutmasse, dass Bernburg zu lesen 
ist. Aehnlich hat S 1519 in Hi. 70 und 72 Bermrn statt des richtigen 
Bremen, welches S 1515 herstellt; doch hat S 1519 selbst Bremer 
marcht in Hi. 72 und Bremen Hi. 87. Nach meiner Ansicht schloss 
sich ursprünglich Hi. 49 an Hi. 22 an, und das Hi. 22 nicht genannte 
Schloss des Grafen von Anhalt, das nach Lappenberg S. 241 nur 
Bernburg sein kann, und der Markt zu Bernburg in Hi. 49 stehen 
in Beziehung zu einander. 

Am meisten befremdet, dass nicht nur die norddeutschen Orts- 
namen in S niederdeutsche Lautung zeigen, sondern auch einige mittel- 
deutsche, die dem Strassburger doch in hochdeutscher Gestalt geläufig 
sein mussten. Während er nd. Namen auf Ford übersetzt und also 
Stasfurt 6. 83, Querfurt 15 und Francl'furd (S 1515, Francfurt S 
1519) 85 für die Stadt an der Oder schreibt, finden wir Hi. 60 Erd- 
ford, Ertford (S 1515, bloss Ertford S 1519), 29 Ertfort, 2 X Ertford, 
2 X Erdtfurt (S 1515, hier führt S 1519 Ertfurt — einmal Erdfurd 
— durch), dagegen 61 Erdfurt in beiden Drucken. Ehenso steht es 
um Frankfurt am Mayn: Hi. 35 Franckford an dem Mein, Franckfürd 
an dem Meyn in S 1515, während S 1519 beidemal verhochdeutscht 
Frankfurt an dem Mein: in Hi. 63 haben beide Drucke zweimal Franck- 
fürd und einmal Franckford. In derselben Historie lesen wir ferner 
Wederau statt Weteniu, Wetterau. Oh das Schwanken zwischen 
Behemen (so S 1515 in Hi. 28 dreimal, S 1519 einmal) und Bohemen 
(S 1519 zweimal in Hi. 28, und beide Ausgaben Bohemer wald in 
Hi. 62) gleichfalls hierher zu rechnen ist? Mnd. ist stets Behemen 
und später contrahiert Bemen üblich, wogegen um 1500 im Hd. 

l^iederdentsches Jahrbuch. XIX. 2 



18 

ziemlich allgemein Bohemen galt. S kann hier die alte Form una'b- 
hängig von seiner Vorlage bewahrt haben; sonst würde ihm in Hi. 28 
und 29 wohl auch einmal ein Prag entschlüpft sein statt Brag^ wie 
beide Drucke stets schreiben, und WicMef statt Wicklieb in Hi. 28 
stehen. Dieselbe Historie und dfe vorhergehende 27. gebrauchen für 
Marburg in Hessen die Form Marckburg. Ich weiss nicht, ob dieselbe 
auch hd. üblich war. Als mnd. lässt sie sich nachweisen. Die Magde- 
burger Schöppenchronik schreibt S. 208, 12 und 275, 5 Martborch, 
aber an letzterer Stelle bietet eine alte Handschrift Marhborch, In 
der von Weiland herausgegebenen Sächsischen Weltchronik hat die 
Gothaer Handschrift S. 249, 28 Marborch, jedoch ebenvorher S. 249, 
3 Marthborch und eine Wolfenbütteler, deren ;, Schreiber augenschein- 
lich bemüht war hochdeutsch zu schreiben, aber nicht recht aus seinem 
Nd. herausgekommen ist^, Martburch, Vielleicht ist statt Martb. und 
Marthb., da c und t in mittelalterlicher Schrift sich sehr ähneln, 
Marcb. xmA Marchb, zu lesen; denn der Name der Stadt enthält wahr- 
scheinlich das Appellativ marah^ marhy Pferd. Verwechslung mit einem 
andern gleichbedeutenden Worte mark^ Streitross, lag nahe, oder auch 
lässt sich denken, dass die Niederdeutschen ein mhd. Marchburg fälsch- 
lich auf andere Wörter mark und marke bezogen und in Markborch 
übersetzt haben. 

Es ist aber noch eine zweite Erklärung für diese scheinbar nd. 
Formen in Geschichten, die nicht in NiederdeutscHIand spielen, möglich. 
Sie linden sich namentlicli in solchen Historien, welche nicht zum 
ersten Bestand des Volksbuches gehört haben dürften, vor allem die 
dem Amis entlehnten 27. 28. 29. Diese und wohl überhaupt die 
meisten in Mitteldeutschland localisierten Erzählungen könnten ihren 
Ursprung einem in diesem Teile Deutschlands lebenden Verfasser ver- 
danken. In den mehrsten tritt Eulenspiegel ganz abweichend von 
den übrigen Erzählungen als feiner Mann und als Gelehrter auf. In 
H. 29 findet sich dazu ein scharfer Ausfall gegen die Erfurter Universität. 
Da nun die zuletzt besprochenen Namensformen ebenso gut md., wie 
nd. sein können und da wir seit 1532 eine Anzahl Erfurter Ausgaben 
vom Volksbuche kennen, so möchte ich glauben, dass es eine schon 
bald nach dem nd. Urdruck herausgekommene Erfurter Bearbeitung 
gegeben hat, der wir jene Vermehrung mit mitteldeutschen Schwänken 
zuzuschreiben haben. Dass einige derselben, wie sich zeigen wird, 
Wortformen dem Bearbeiter von S dargeboten haben, die sicher nd. 
sind, kann nicht dagegen sprechen. Warum sollte ein vermehrter md. 
Eulenspiegel nicht alsbald ins Nd. übertragen worden sein, vielleicht 
eben so flüchtig, wie S, mit Mengung hd. und nd. Namensformen? 
Eine solche nd. Ausgabe könnte dem Strassburger für seine Redaction 
vorgelegen haben. 

Die Sprache der Strassburger Ausgaben und die niederdeutschen 

Spuren darin. 

Die Untersuchung wird einigermassen erschwert durch zwei 
Umstände. Einmal sind beide Ausgaben, die von 1515 und die von 



19 

1519, selir flüchtig gedruckt. Zweitens befoiid sich die Schriftspraclie 
des Elsasses um die ersten Jahrzelinte des 15. Jhdts in einem Ueber- 
gange aus dem, seit dem 14. Jhdt stark vom heimischen Dialekt 
beeinflussten Mittelhochdeutschen in die neuhochdeutsche Schriftsprache. 
Die alten langen i, u und w, welche das Mhd. mit dem Mnd. gemein- 
sam hatte, waren z. B. noch nicht völlig den nhd. ei, au und eu ge- 
wichen; ebensowenig das alte ou dem au. Die süddeutsche Aussprache 
gewährte oft für die Stummlaute keine sichere Handhabe, wann der 
sog. harte, wann der weiche Laut zu schreiben war. Im Ulenspiegel 
aber tritt die Unsicherheit in den Wortformen ganz besonders schlimm 
auf. Manche derartige Unregelmässigkeiten würden eine Erklärung 
aus dem Nd- zulassen; allein ebenso wohl können sie dem Elsässischen 
Dialekte entstammen oder Druckfehler sein. 

Von einigen solcher Doppelformen ist schon oben bei Besprechung 
des Namens Ulevfpiegel die Rede gewesen. Andere sind z. B. folgende. 
Gleich ^n der ersten Historie lesen wir nacheinander ganz regellos : 
gedöfft^ äouffgötel, der tauff, tauffpfetter, geteufft^ tauffgöttel^ die töffe 
(zweimal), geteufftj der tanff. Hi. 81 steht hauht, 32 hopt; 35 Tcauff- 
man, 3ß kouffman^ 78 kauflüty kofliit, kouflüt Für „zeigen" gebraucht 
S 1515 zeugen (= mhd. zöugen) 4. 10. 27. ()9 (verdruckt sügen 87), 
wofür S 1519 Hi. 10. 61)* und 87 eeigen bessert; beide schreiben Hi. 2 
zögen^ entsprechend dem nd. tagen; Hi. (HJ haben beide jsieugen und 
zeigen. Buer^ Imret^ und hauer^ bauren wechseln z. B. Hi. 13. 44, 
fuw und faw 94. Für „teuer" finden wir folgende Varianten: deuer 
23. 40, düer und verdruckt dürre 52, thür 40. 57, thüer 65, thüre 79; 
fiir „Tüfe" thier und thür 40, thüre und düre 53; für „nähen" neyen, 
neigen, negen 43. 48, für „säen" /eAen, fegen., fegen 73. Durchweg 
wird meifter und hüner geschrieben, aber 27 mefter^ 11 höner; sonst 
stets heilig., aber heilig 51, heiig 90, wo beidemal S 1519 heilig bessert; 
helithomb 32, wo S 1519 heilthumb, wie auch S 1515 in Hi. 31 hat. 
Die labialen und gutturalen Stummlaute stehen fest; höchstens kann 
man als Abweichung deA Fremdnamen Bummern 31 anführen, hreiß 
st^tt preis 24 und einmaliges pahft in S 1515 neben hdbft 34. Bei 
kiigel, Kapuze, 36 statt gügel möchte man an Einfluss des nd. kogel 
glauben. Wie zwei der obigen Beispiele gezeigt haben, kann S d 
und t im Anla*it nicht aus einander halten. Während einige Wörter 
freilich stets richtig t haben, andere stets richtig oder unrichtig d, 
herrscht Willkür z. B. bei thor, Narr, 14. 27, thorheit 24, dor 15. 57. 
77, dorrery 64, bedoren 18. 57. Difch und tifch kommen neben einander 
vor m Hi. 18; tach 21 und dach 51; betreiffen 11, er hedrofft 72; 
thüre., düre 53, thier, thür 40. Am meisten sind mit mhd. t anlautende 
Wörter diesem Schwanken ausgesetzt, was sich aus der Elsässischen 
Aussprache, die hier auf der nd. Lautstufe beharrt hatte, leicht ver- 
stehen läast. Doch finden sich auch einige Beispiele, in denen t neben 
richtigem d für altdeutsches th erscheint, so in treck \h, 24 etc. neben 
dreck 20. 52 etc. trengen 31. 40. 41, tile 32 {thile S 1519) neben 
diele 94 (dile S 1519). Das Fremdwort „Tonne" wird zu thunn, 
thmne* 12, du^n 64, dünne, donne, dune 46. Langes a geht im El- 

2* 



20 

sässischen in o über: S bedient sich nun bald des hd., bald des bei- 
matlichen Vokals, z. B. gon^ gehen, 51, gan 52; im nd. Lehnwort 
wapen und wopen G3, wo S 1519 an zweiter Stelle wapfen ändert, 
Wappen 40. • 

Diese Beispiele reichen wohl aus, um zu zeigen, wie ungleich- 
massig die Sprache in S ist, recht wde es Uebersetzungen jener Zeit 
aus einem nah verwandten Dialekte eigen zu sein pflegt, mahnen 
aber zugleich, vorsichtig zu sein, eine abweichende Form ohne weiteres 
aus einem nd. Texte herzuleiten. Vielleicht habe ich die Klippe in 
meinem folgenden Versuche, die nd. Bestandteile von S darzulegen, 
nicht immer gemieden. Doch habe ich mich wenigstens bemüht, zu- 
verlässige Kennzeichen für einen richtigen Kurs zu gewinnen. Solche 
sind 1. Verwendung von Ausdrücken, die nicht der hd., sondern der 
nd. Sprache angehören; 2. Umschreilmng eines Begriflfes durch Wechsel 
im Ausdruck, l)esonders eine durch oder verknüpfte doppelte Benennung, 
wobei sich meist die eine als nd. herausstellt, bisweilen die. beiden 
hd. Wörter ein drittes, nd., vertreten; 3. augenscheinlicher ndd. 
Lautstand von, beiden Dialekten gemeinsamen, Wörtern, oder ndd. 
Wortbildung, oder Abweichung in der Bedeutung vom Hd.« 4. Unklar- 
heiten, welche sich aus Missverständnis eines nd. Textes durch deji 
Uebersetzer erklären und so beseitigen lasseh. 

Eine besondere Besprechung erfordern zum Schlüsse diejenige« 
Partien des Buches, in welchen durch S Wortspiele und Reime des 
Urtextes ganz oder teilweise beseitigt worden sind. 

Hi. 1 ist hadmume das ndd. hademome oder -möme. die Hebamme. 
Oberdeutsch ist das Wort unbekannt. Vorher* steht dafür die taujf- 
göttel, die göttel^ d. h. die Patin. Entweder ist anzunehmen,* dass die 
Hebamme mit bei Eulenspiegel zu Gevatter stand, oder wahrschein- 
licher war es Brauch, dass sie das Kind zur Taufe trug. Dass ihr 
auch die Bezeichnung götd beigelegt wird von S, scheint aus der 
Ueberschrift wer fein douffyötcl waren zu stammen. Es wird aber 
nur ein Gevatter mit Namen genannt, Thyl von Utzen. In 5 und G 
begegnet auch das einfache Wort müm für Mutter, was gleichf^^lls 
nd. ist, aber nicht hd., wo ^ Muhme ^ fernere weibliche Anverwandte 
bezeichnet. — Hi. 20 holt Eulenspiegel ein reff von einem dieb vom 
Galgen, und Hi. 47 wird das Gerippe des im Bier versöttenen Hundes 
das reff genannt. Das Hd. hat ein Wort reff, Traggestell, meipes 
Erachtens ein ganz anderes Wort als das im Eulenspiegel verwendete, 
welches (ref, rif\ flect. reves) dem Nd. eigentümlich zukommt und 
im Hd. nicht vorkommt. 

Wie bei Murner, ist in S dannocht 27 oder dennocht 27. 67 die 
gewöhnliche Form für mhd. dannoch, dennoch. Die 2 (zweimal). 14. 
,27 begegnende umgekehrte Zusammensetzung nochdan im selben Sinne 
ist nd. — SchmicJce ist kein oberdeutsches Wort. In% Holstein, 
Bremen, Ostfriesland nennt man fmicJce das Knallende der Peitsche, 
im Niederrheinischen die Peitsche selbst, in Westfalen eine Rute oder 
Gerte, und diese letztere Bedeutung wird das Wort in Hi. I haben. 



21 

— Dass henep und, fenep die silchsisflieu Foniieii lür hd. Hanf und 
Senf «ind, wird Hi. 10 ausdrücklich gesagt. — In Hi. 15 schwatzt 
Eulenspiegel dem Gelehrten vor, auf welche Weise er dessen Krank- 
heit erkejinen wolle, damit er ihn heilen könne. Der doctor ließ im 
(sich) fagen^ vnd meint aller wars. Aus dem Hd. lässt sich aller wars 
nicht belegen. Aus dem Nd. lässt diese Lesung sich freilich gleich- 
falls nicht belegen, wohl aber alwars ganz wahr, a. meinen fest glauben ; 
s. Mnd. Wb. K kannte die Redensart: vnd der doctor meint all wairs; 
S auch wohl, obschon er sie ummodelt, al)er für seine Leser hielt er 
es doch erspriesslich hinzuzusetzen: vnd meint nit anders dann was 
im Vlenfpiegel fagt, es wer war. — Hi. 1() giebt S 1519 des kinds 
Jcackftülin statt des kindßftiilin von S 1515 und stellt damit die für 
den Zusammenhang notwendige Lesart wieder her. Das Zeitwort tritt 
nach dem Grimm'schen Wörterbuch im Hd. zuerst seit dem IG. Jhdt. 
auf, so bei Luther; Diefenbach unter cacare im Glossarium Latino- 
Germ. bringt es aus einem (um 1500?) gedruckten Vocabularius ex 
quo bei, der nach seinem Urteil die deutschen Glossen aus dem Ndd. 
übersetzt oder einfach herübergenommen hat. Dagegen lässt sich 
mnd. nicht nur das Verbum aus dem Koker, sondern auch das ab- 
geleitete Substantiv kacke für cenum bereits aus einem Vocabular vom 
J. 1429 belegen. Der Strassburger Lexikograph Dasypodius kennt 
im 16. Jhdt. Verb und Ableitungen noch nicht. Die oberdeutschen 
Dialekte besitzen es jetzt, aber mit anlautendem g^ was es als im- 
portiertes Sprachgut kundtut. — In derselben Historie wird die Be- 
satzung von Peine spöttisch als nackende banckreffen von der bürg be- 
zeichnet. Schon die Gestalt des Wortes hankrefe verrät die nd. Her- 
kunft. Das Loccumer Glossar vom J. 1467 übersetzt es durch para- 
fitus; es ist „einer der immer auf der Bank liegt, fauler Schlingel", 
wie das Mnd. Wb. richtig erklärt. Doch hatte das Wort, wie aus 
einem Meissnischen Schriftstück vom J. 1553, das im Grimm's Wb. 
unter „Bankriefe'' im Auszug mitgeteilt wird, hervorgeht, noch eine 
specielle Bedeutung: so hiessen diejenigen Adelichen, welche keinen 
Eitterdiensf im Felde, sondern nur Burgwacht zu leisten hatten. 

Hi. 20: Vlenfpeigel fprach, fo (ein fchalck) würd ich vaken (S 
1519, verdruckt vaMen S 1515) geheiffen. Es ist vaken ein nd. Wort 
für ;,oft*. Da es gerne allitterierend mit vele zusammen gebraucht 
wird, so möchte dies vaken unde vele auch hinter dem oft vnd vil 19 (S 
1519, bloss offt S 1515) zu vermuten sein. Ob aber in Hi. 22 alfo 
ward Vlenfpiegel vff dem thurn varten vergeffen statt varten vaken zu 
lesen sei, ist fraglich. K hat freilich dafür das synonyme dick; das 
wird aber Konjektur sein. Und varten kann durch Druckfehler für 
warten^ ein Synonym von thurny stehen und ein vnd ebenso lässlich 
ausgefallen sein. In S 1519 fehlt varten. 

In Hi. 23 treffen wir mehrmals das Wort hüffchlag für den Huf- 
eisenbeschlag des Pferdes. In diesem Sinne kommt huofflac mhd. 
nicht vor, vielmehr nur in dem von „ Hufspur ^, wie ja ;,Hufschlag" 
auch noch im Nhd. gebraucht wird, dagegen in jener Bedeutung 



22 

„Hufbeschlag". Ein hd. hufffchlagh = fufferratig bringt das Hoch- 
und Niederdeutsche Wb. von Diefenbach und Wülcker, aber - aus 
Thüringischer Gegend und aus dem J. 1523. Hof flach in dieser Be- 
deutung lässt sich dagegen aus mnd. Quellen des 14. und .15. Jhdts 
sehr häufig belegen; auch sagte man bereits im 13. Jhdt. hofflagher^ 
hofflegher für hoffmid^ während das Mhd. nur huoffmit keniit. Der 
Nachweis, dass Hi. 23 sich in der nd. Vorlage von S vorgefunden 
hat, ist deshalb wichtig, weil diese Erzählung zu denen gehört, von 
denen die vermehrte Vorrede in S behauptet, sie seien den beiden 
Schwankbüchern vom Pfaffen Amis und vom Pfaffen vom Kaienberg 
entnommen. Hi. 23 soll beruhen auf dem Schwank in letzferem Buche 
Z. 1351 — 1556, wonach der Kalenberger, in gleicherweise eine Rede 
seines Fürsten missbrauchend, seine zerrissenen Schuhe mit Silberriestem 
flicken und mit Silbernägeln zwecken lässt. Der Witz wird viel älter 
sein, als die ungefähr gleichzeitigen Schwänkesammlungen vom Eulen- 
spiegel und vom Kalenberger, und jede der beiden hat ihn selbständig 
gestaltet und erzählt. 

Hi. 28: er tobt nit lang. Schon Lappenberg hat das ndd. Wort, 
das darin steckt, erkannt: es ist toven^ toiven^ töven 'zaudern, warten'. 
— Hi. 35 lässt S 1519 den angeführten Juden sagen: wir feind von 
dem gohen betrogen. Lappenberg S. 250: „Gohe,' mhd. flföucÄ, jüdischer 
Ausdruck für den Christen." Wenn der Dativ Sing, gohen auch aus 
dem hebräischen Plural gojim entstellt sein könnte, so ist doch gouck 
ein ganz anderes und deutsches Wort, das stark flektiert, Kukuk und 
übertragen Narr bedeutet. S 1515 und die übrigen deutschen Aus- 
gaben lesen gecJcen. Falls dies die richtige Lesart ist, wäre es wieder- 
um ein Beispiel nd. Sprachgebrauchs; denn gecJce^ geck ist kein ober- 
deutsches Wort. 

Hi. 51 heisst der dritte Tag der Woche in S 1519 dienftag^ in 
S 1515 verdruckt deinfttag. Die alemannische Bezeichnung ist eistag 
oder, was Dasypodius, der Strassburger Lexikograph des 16. Jhdts., 
allein für „dies Martis^' kennt, zinstag. In Mitteldeutschland war da- 
mals allerdings schon der nd. Ausdruck eingedrungen, und so mochte 
er dem Redaktor von S bekannt sein; er hätte ihn jedoch sicher 
nicht verwendet, wenn er selbständig mit dem Stoffe geschaltet, wenn 
er eben nicht übersetzt hätte: er behielt den Ausdruck einer Vorlage 
bei. Ob er auch sich der nd. Wörter praffen (richtiger braffen) 67, 
klumpen 75. 76, m pas 85 ohne eine solche bedient hätte, lasse ich 
dahin gestellt sein, da ich nicht weiss, wie weit dieselben zu Ende 
des 15. Jhdts in Oberdeutschland eingebürgert waren. 

Noch einige andere Ausdrücke sind mir aufgefallen, die wenigstens 
nicht Elsässisch zu sein scheinen, wenngleich sie ausser im Nd. sich 
auch im Md. und im Od. finden; doch da ich darüber nicht zur 
Klarheit gelangen konnte, so übergehe ich dieselben. Erschöpfend 
kann und soll meine Untersuchung nicht sein. 

Mehrfach hat der Bearbeiter von S zwei Wörter für dieselbe 
Sache. Entweder erklärt er selbst das eine durch das andere, oder 



23 

er wechselt mit beiden. Meistens lässt sich eins als nd. nachweisen; 
in einigen Fällen sind beide hd., dann befand er sich offenbar in 
Verlegenheit, wie er am passendsten übersetzen sollte. „Schock" als 
Bezeichnung einer bestimmten Menge ist im Oberdeutschen nicht ge- 
bräuchlich. Darum wird es Hi. 4 erklärt: 0wei fchock das iß zwei- 
mal 60; später wird es als schon bekannt vorausgesetzt: ein fchock 
hüner 67 und fünff 100 alter fchock 29. Bei letzterem Ausdruck konnte 
eine Deutung auch danim gespart werden, weil er im gewerbe- und 
handeltreibenden Strassburg nicht unbekannt sein mochte, wenngleich 
diese Münze dort nicht geprägt ward. Es sind 500 alter Schock- 
groschen oder gar 500 Schock alter Groschen^) gemeint. Ueber diese 
Münze und Rechnung s. Frisch, Teutsch-Latein. Wb. II, 218. Sie 
galt vornehmlich in Magdeburg, Meissen und Böhmen. 

Das wekebrot oder weekbrot^)^ bestehend in Brotschnitteu, die 
in Fleischbrühe oder Fettsalse aufgeweicht sind, erfährt in Hi. 7 und 
8 folgende erläuternde Umschreibungen: das weckbrot oder das femel- 
hrot^ ein fuppen oder hrei das heiffet das weckbrott in dem land, die 
fuppen oder das weckbrot, das weckbrot oder die meteelfuppen, feißte 
fuppe. Die erste Umschreibung, femelbrot^ gehört der Ueberschrift 
an; sie deutet weckbrot als wecke, eine Art Semmel. Da dieser Irrtum 
einem Niederdeutschen (nd. week, weich; tvegge^ Wecke) unmöglich 
zuzuschreiben ist, wird so die Ueberschrift nicht in einem nd. Texte 
gestanden haben. — Hi. 10 wird der Adeliche, der fich on herrendienft 
vß dem fattel ernert, Junker genannt, einmal jedoch der hoffman oder 
Junker. Hoveman galt im Mnd. sowohl für einen adelichen Gutsbesitzer, 
als auch hatte es, weil sich viele derselben auf Buschklepperei legten, 
die Nebenbedeutung von Strauchritter. — Das nd. ruter, rüter bedeutet 
fatelles, ftipendiarius, armiger, curienfis, decurio nach den Glossierungen 
des Mittelalters. In Hi. 25 ist es beibehalten: der hertzog mit feinen 
rütern; in Hi. 15 wird des bifchoffs hoffgefind auch bezeichnet als 
die rüter vnd das hoffgefind, die hoflüt (S 1515, die reiter vnd hoflüt 
S 1519; so auch nachher beide Drucke), die rüter. Vermutlich gehen 
rüter und reiter auf ein rüter im Urtext zurück. — Thor oder nar 
14. 15. Narre ist, wie ja aus Brant und Murner zu ersehen, der 
gebräuchlichere Ausdruck in Strassburg; es ist ein oberdeutsches Wort, 
wohingegen im Mnd., neben geck, dore galt. S wechselt beständig 
mit beiden Ausdrücken „Thor" und „Narr", doch hat letzterer die 
Ueberhknd. 

Der Bäcker heisst oberdeutsch becke, brotbecke; in Strassburg 
laut Dasypodius' Wörterbuchs beck, brotbacher, Becker ist dagegen 
md. und nd. Bildung. In Hi. 6. 19 und 20 wird bald becke, beck, 
bald becker, in diesem Falle aber meistens erläuternd brotbecker gesetzt. 
— In der letzten dieser drei Erzählungen verklagt der Bäcker seinen 
Knecht, der den Galgen bestohlen hat, beim burgermeister. So wird 

*) negentein dufent fchock ölder groffen ; GrautofF, Chronik des Detmar II, 
549. *) Vgl. Koker S. 329: eyn gudt wekebrot in der fchottelen, dar mach alleman 
na taften. 



24 

dieser Beamte stets (viermal) in S 1510 genannt, während S 1515 
einmal schreibt der ammdskr oder burgermeister. Scherer S. 80 
bemerkt, das verrate den Strassburger. Gewiss, denn „Ammeister'" 
ist in Strassburg die Bezeichnung für den „Bürgermeister". Wäre S 
ein Originalwerk eines Strassbnrgers, so würde gewiss nur vom 
Ammeister und nicht vom Bürgermeister in Hi. 20 die Rede sein. — 
Umgekehrt setzt S 1519 in derselben Historie statt fein deich ligt in 
der mülten von S 1515: fein deih liegt in der multen oder im drog. 
Molde ist im Mnd. ganz üblich; dagegen ist muUe^ mulde nach dem 
Grimm'schen Wb. im Hd. erst im 15. Jhdt. aufgekommen, Dasypodius 
kennt es noch nicht. 

In Hi. 20 wird die Kippkarre ftürtekarch (fturt/sflarch S 1519) 
und fchütkare (fchüttkarre S 1519) genannt. Schütkarre belegt Lexer's 
Mhd. Handwörterbuch aus einer Nürnberger Sprachquelle, das andere 
Wort verzeichnet er nicht. Umgekehrt fehlt jenes im Nd., während 
ftortekarre oft begegnet. — Das oberd. Wort für Gelage ist ürte^ das 
ndd. gelach oder lach, Dass letztere Wörter dem Redactor von S 
nicht geläufig waren, zeigen die Zusammensetzung malgelach 33, die Ent- 
stellungen geloch 72. 82 und, nebst Paraphrase, gelagt oder ürtin 55. 
Gelach steht 66 ; aber die richtige hd. Form wäre gelag gewesen. Im 
Sinne von „Zeche" bedient sich S stets des oberd. Ausdrucks ürte^ 
so 17. 72 (zweimal). 80; einmal auch für „Gelage" in Hi. 77, welche 
Historie jedoch schwerlich im ndd. Eulenspiegel gestanden hat, wie 
sie denn auch in K und A fehlt. — Qtmd oder böß 38 spricht für 
sich selbst; es wird niemand einfallen, den ersteren Ausdruck für 
oberd. zu halten. — Kuntor ist im Mnd. „ein allgemeiner Name für 
Schreibtische, Schreibpulte und Schränke mancherlei Art" (Wehimann, 
Die älteren Lübeckischen Zunftrollen S. 512). Im Mhd. kommt dies 
Fremdwort gar nicht vor, während im Mnd. es so gang und gäbe 
war, dass kuntormaker ein Ausdruck für Tischler ward. In Hi. 62 
sagt der Tischler zu Eulenspiegel : bring die fier bretter vff das kontor 
vff das gnauwfft mfamen in den leim; und nachher werden diese 
Bretter die krufen tifch- oder kontorbretter genannt. Statt fchreiner 
wird im Original auch wohl kuntormaker gestanden haben. — Oben 
habe ich unentschieden gelassen, ob nd. Einfluss in den so sehr 
variierenden Formen für ,, Taufe, taufen" in Hi. 1 anzunehmen sei. 
Wenigstens, dass der taujf und die töffe neben einander vorkommen, 
möchte ich jedoch aus einer nd. Vorlage ableiten. Dasypodius kennt 
zwar tauffen und tenffen, aber als Substantiv nur der tauff, wie denn 
auch diese Bildung im älteren Hd. die gewöhnlichere ist. Im Nd. 
dagegen herrscht das Feminin dope. — Zwischen zwei Bildungen aus 
demselben Stamme schwankt S auch in Hi. 73, nämlich zwischen der 
fot und der fomen, Dasypodius giebt wiederum nur eine Form, famen 
oder fomen. Auch habe ich nicht finden können, dass fat^ fot bei 
Strassburger Schriftstellern vorkomme. Und dass dem Bearbeiter von 
S das Wort fremd war, geht aus dem falschen Genus hervor, das er 
ihm, wohl durch famen veranlasst, erteilt hat. 



25 

HL 86 teilt mit audercn Historien die Eigentümlichkeit, dass 
Ueberschi'ift und Inhalt von einander abweichen. Nach der Angabe 
der Ueberschrift ass ein Holländer Ulenspeigers gebratene Aepfel, in 
welche dieser faffonien (S 1515, faffonien S 1519) getan hatte, vß der 
Rachelen. In der Erzählung aber bringt E. einen massig*) gebratenen 
Apfel auf den Tisch, nachdem er den vd fliegen oder mucken gestossen 
hatte. Nachher werden bloss mucken erwähnt. Halten wir uns an 
diese Darstellung in der Erzählung selbst, so muss der Verfasser von 
S in seiner nd. Vorlage fleigen gefunden haben. Für das Tier aber, 
welches wir nhd. Fliege nennen, ist oberd. mucke der gebräuchlicliere 
Ausdruck. Daher wird das erste Mal fliege durch mucke verdeutlicht, 
das zweite Mal aber nur das heimische Wort gebraucht. Derjenige, 
welcher die Inhaltsangaben hinzufügte, was zugleich mit der Gliederung 
des anfänglich als ein Ganzes fortlaufenden Romans durch Auflösung 
in Historien stattgefunden haben muss, dieser Urheber sovieler Rätsel 
im Eulenspiegelbuch, muss Anstoss genommen oder falsch verstanden 
haben, dass der Holländer sich aus Ekel brach ; er ersetzte die Fliegen 
durch ein Brechmittel. Saffonie ist nämlich die Pflanze und Medicin 
helleborus, Nieswurz. Die gewöhnliche Form ist allerdings fchaffonie^ 
fchafßnie; doch bietet faffönye z. B. auch Luther's Uthlegginge der 
Evangelien van Paschen an wente up den Advent, Wittemberch 1529, 
Bl. 363*. Der Name, welcher auch als fchamffonie vorkommt, scheint 
aus fcammonia entstellt zu sein. Diese wird mnd. glossiert durch 
fcamponie^ fcammonie^ mhd. fchamphonie. Schaffonie, faffonie ist aber 
hd. nicht nachweisbar. Die gemeinsame purgierende Wirkung beider 
Pflanzen, des helleborus und des Purgierkrauts oder convolvulus 
scammonia, wird veranlasst haben, dass der Name dieser auf jene 
übertragen ward. Die kachel in der Ueberschrift muss man wohl als 
massige Abweichung des Ausdrucks vom teller der Historie milder 
beurteilen, als jenes Vertauschen der Fliegen mit einer Medicin. 
Allein, dass ich dem Anfertiger des Titels nicht zu sehr Unrecht tue : 
es liesse sich auch denken, dass er sich keine weitere Freiheit 
genommen hjabe, als bloss zwei Pflanzen, beziehentlich Arzneien zu 
vertauschen, und dass in den Fliegen und Mücken des Textes sich 
eine starke Entstellung berge. Der Beifuss, artemifia vulgaris, heisst 
nd. unter anderm auch muggert^ müggerik (angels. mugwyrt^ artemifia, 
mater herba; engl, mugwort^ artemifia vulgaris und in Yorkshire arte- 
mifia abfinthium). Das vielleicht seltene Wort wenigstens in der 
Ueberschrift durch eins ähnlicher Bedeutung zu erläutern mochte einem 
Herausgeber einer jüngeren nd. Bearbeitung des Buches erspriesslich 
erscheinen. S Hess dies Wort unangetastet, kam durch muggert aber 
zu der Aenderung mucken^ die er durch das gemeindeutsche Wort 
fliege näher bestimmte. Ich weiss recht wohl, dass man gegen diese 
zweite Erklärung berechtigte Bedenken hegen darf; doch halte ich 



Statt mäßUchen ist müßUchen wohl verdruckt; einen zu Mus gebratenen 
Apfel kann man nicht schälen. 



26 

dieselbe nicht für unmciglich. Aus A Hesse sich möglicherweise Ent- 
scheidung holen. E hat mückentreks statt des zweiten mucken. 

Die Anstellung, welche Eulenspiegel nach Hi. 11 bis 13 in Buden- 
steten überkam, wird dreifach bezeichnet, durch meßner oder figrift 
dann abwechselnd durch meßner oder durch figrift, dazwischen aber 
durch kuftor (in S 1515 zu krutfter verdruckt) und custor. Ausserdem 
bedient sich S 1519 einer vierten Bezeichnung: das fie V, für ein 
glöckner annamen^ wo S 1515 bloss das fie V, annamen hat. Dasy- 
podius bietet figrift, meßner, glöckner, aber kein cuftor oder küfter. 
Dies ist im Mnd. (kofter) der verbreitetste Ausdruck, daneben bestehen 
klockefier und in den binnenländischen Gegenden vortiehmlich qpper- 
man, offerman, d. h. der dem Priester beim Messopfer zu assistieren 
hat, ein in Süddeutschland unbekanntes Wort. Das aus dem Latei- 
nischen cuftos verständliche und, wenngleich nicht in Strassburg, doch 
sonst in Süddeutschland nicht ungebräuchliche „Küster" behielt der 
Uebersetzer bei, in Uebertragung von opperman bediente er sich 
beliebig bald des einen, bald des anderen hd. Synonyms dafür. — 
Ebenso scheint haffen oder düppen 10 auf ein im Oberd. nicht vor- 
kommendes Wort zu weisen, mutmasslich pot, das auch in Hi. 87 für 
hafen gestanden haben wird. — Der Wechsel zwischen karch und karre 
Hi. 6. 20. 46 (in S 1519). 64. 88 und zwischen kante und kanne 57. 
92 beruht auch wohl darauf, dass S Uebersetzung ist. 

S 1515 und S 1519 haben unabhängig von einander einen älteren 
Dnick (SV) des Eulenspiegels benutzt; s. Scherer S. 83. Das wird 
bestätigt durch die Verschiedenheit des Ausdrucks an manchen Stellen; 
und zugleich bestätigen diese Abweichungen, dass S nur Uebersetzung 
ist; ja, einigemal hat bald S 1515, bald S 1519 eine nd. Bildung 
beibehalten. 

Alfo mnft der pfaff Ulenfpiegel vber feinen willen vrlaub gehen, 1 1 ; 
für vber setzt S 1519 funder. Das kann zwar Ersatz eines veralteten 
Ausdrucks durch einen üblicheren sein; denn über kommt im Mhd. 
für „gegen, wider" vor. In einem Sprachdenkmal jedoch, in welchem 
sich schon so viele Reste ndd. Sprachgebrauchs haben nachweisen 
lassen, ist man eher geneigt an zwiefache Uebertragung eines fremden 
Wortes zu denken: boven war im Mnd. in jener Bedeutung recht übHch. 
— In Hi. 12 gilt die Wette zwischen dem Pfaffen und Eulenspiegel 
eine thunne biers; in der Ueberschrift der Historie gebraucht S 1515 
dafür ein bierthunnen, was S 1519 bessert. Wahrscheinlich war diese 
Ausdrucksweise in Süddeutschland unüblich, wie sie ja auch misver- 
ständlich ist. Im Mnd. bedeutet aber beertunne, pikvat, ftaalvat usw. 
nicht nur ein für solche Gegenstände bestimmtes, sondern auch ein 
damit gefülltes Gemäss. Da bicrthunne hier, saffonie 86 in der Ueber- 
schrift steht, so folgt daraus, dass die Ueberschriften schon von einem 
nd. Redaktor herrühren. 

Hi. 13 (Osterspiel in Budensteten): da ward sie (die pfaffenkellerin) 
gifftig auff V,, vnd fprang vß dem. grab, vnd meint fie wolt ym in das 
antut fallen mit den füsten, so S 1515, dagegen S 1519: giftig jsiornig. 



27 

Giftig in bildlicher Verwendung für „erbost, zornig"^ lässt sich weder 
mhd., noch mnd. nachweisen. Vorgiftich im Sinne von „boshaft" 
begegnet dreimal in den von Hänselmann hrsg. Braunschweigischen 
Chroniken II, 399. 460. 466. Eyn vorgyfftich hatefch mjff steht im 
Schip van Narragonien 4293; wie Brant im hd. Original hat, kann 
ich, weil mir die Zarncke'sche Ausgabe nicht zur Hand ist, •nicht an- 
geben; wahrscheinlich vergiftig, da dies im figürlichen Sinne noch ein- 
mal von Lexer im Mhd. Handwörterbuch belegt wird. Sollte das auch 
hier die ursprüngliche Lesart sein? warum aber dann die Aenderung? 
und warum der Zusatz in S 1519, der giftig zum Adverb macht? 
Grade diese Lesart bin ich geneigt als die ursprünglichere zu be- 
trachten und auf ein nd. gichtich tornefch, d. h. „offenkundig zornig" 
oder „gewaltig*) z." zurückzuführen. 

Die Hi. 22 ist besonders reich an Varianten, iline, varten in 
S 1515, welches Wort S 1519 weglässt, ist schon besprochen. — 
F. fach durch das fenfter, S 1519 gucket. Letztere Lesart giebt das 
bezeichnendere und hier passendere Wort. Ks fehlte dem Ahd. und 
war auch im Mhd. selten ; im Nd. dagegen 'ist das sf arke Verb hiken 
ein sehr gewöhnliches Wort. An unserer Stelle wird ein keek eines 
nd. Textes dem gucket zu Grunde liegen. — F. rnfft wider herab: vor 
effem fo rüff ich oder thuns nit gern. Hier hat S 1519 vor e/fen fa 
(lies so) ruf ich oder danz nit gern, was, im Gegensatz zu der Lesung 
von S 1515, einen guten Sinn giebt und in Betreff von vor effens auch 
besser hd. ist. Vor etendes kann ich aus dem Mnd.. nicht belegen, 
wohl aber auf analoge Fälle des nd. Brauches präiM)sitioneller Ad- 
verbien, die auf C5 ausgehen, hinweisen; s. Lübben, Mnd. (iramm. § 86. 
Ob danz das Richtige ist oder ob nur scharfsinnige Konjektur von 
S 1519? K., der S 1515 benutzt hat, lässt das unverständliche thuns 
weg: vür effens roiffen ich niet gern. Man hätte eher blas erwartet, 
als danz. Wie, wenn tut im Original gestanden hätte? Das konnte 
leicht für „(ich) tue es" genommen werden, wenigstens von einem 
so flüchtig arbeitenden Schriftsteller, wie der Redaktor von S sich 
beständig offenbart. Tuten, ins Hörn stossen, lässt sich joberdeutsch 
schwerlich aus dem Mittelalter nachweisen, wohl aber mitteldeutsch 
und niederdeutsch. — Der (iraf eilt mit seinen Mannen den Feinden, 
die ihm die Kühe geraubt liatten, nach vnd holt auch ein huffen fpecks 
vff finen finden, vnd hüwen z^ mitt fieden vnd brieten, S 1515. Man 
fragt sich, warum der Graf Speck genommen h^^t und nicht lieber 
seine Kühe, und woher den Speck? aus den Provianttaschen der Feinde? 
K, der durchweg mit Ueberlegung verfährt, sucht zu bessern: hoild 
ouch do ein houff vetter few vp fyn viand, vnd* flogen do "zo herd mit 
frjten fpecks vnd brieden, S 1519 hat die richtige Lesart: holt auch 
ein hufen quecks vf feinen fynden, vnd da hüwen fie zn ftücken vnd 
brieten, Queck, quick, im Genitiv quekes, ist ein bekannter Ausdruck 

^) In Kantzow's Chronik von Pommern, hrsg. v. Böhmer, S. 7. 46. 59 wird 
gicMch, jichtig als Adverb des Grades zu Zeitwörtern gesetzt, ungeÄhr übersetz- 
bar: „gewaltig-, heftig, sehr". 



28 

des.Nd. für Vieh^ speziell für Rindvieh. Es gelang dem Grafen also, 
einen Teil des Raubes dem Feind wieder abzujagen. Nach der An- 
strengung des Zuges und Kampfes lässt er dann das Mittagsmahl zu- 
richten. Hier hat S 1515 die ursprüngliche Lesart bewahrt. Töhouwen 
ist nämlich der technisch^ Ausdruck der Schlachter und Köche sowohl 
für das Schlachten, als auch besonders für das Zurechthauen des 
Fleisches zum Kochen oder Braten. Vgl. Ztschr. des Vereins für 
Hambg. Geschichte V, 114: eyn hlok^ dar me uppe thohouwet in der 
koken. Der Schluss des Satzes wird im Nd. gewesen sein: unde foden 
unde breeden, sotten und brieten. — Nun heisst es weiter : V. gedacht 
vff dem thtirn^ wie er auch etwas von der brut mocht bringen^ vnd nam 
acht der Zeit, ican es effens ^eit weit fein; für brut liest S 1519 beüd. 
Danach muss man annehmen^ dass der Graf von seinen wiedererbeuteten 
Rindern sogleich eins oder mehrere hat schlachten lassen. Das giebt 
einen guten Sinn, denn es scheint erklärlich, dass er seinen Leuten 
zum Lohn diesmal frisches Fleisch zum besten gegeben habe. Das 
Wort „Beute" findet sich noch in Hi. 87 : V. fprach^ von differ bilt 
gehört mir das (S 1519: die) halb. Es ist das nd. büte^ das zunächst 
ins Mitteid., dann auch ins Oberd. eindrang. Sein Vorkommen im 
Strassburger Eulenspiegel scheint das frühste Beispiel in oberd. Sprach- 
quellen zu sein. K hat das brut von S 1515 durch (van der) bruit 
wiedergegeben, was wohl soviel wie broidy brot, engl, broth^ mlat. 
brodium, die Brühe, sein soll ; vgl. broeye, brue^ bruwet^ brmve im ndJ. 
Etymologicon des Kilianus Dufflaeus. Icli halte diese Lesart nur für 
eine Konjektur, von K, die er auf Grund der Lesart brut in S 1515 
gemacht hat. 

Hi. 25: er fchnit im (dem pferd) bald den bauch vff; refch S 1519. 
Nd. vufte? — Hi. 37: die kellerin hub an £^vl balgen^ vnd fpüwet vber 
den tisch; jsn bycken S 1519. Lappenberg wollte brccken lesen; aber 
A. V. Keller nimmt es wohl mit Fug für das schwäbische backen^ 
husten; vgl. Grimm's Dtsch. Wb. unter bicken und bexen, trocken 
husten, hüsteln. Was unter hd. balgen zu verstehen sei, lehrt Fischart's 
gereimte Bearbeitung: die kellerin hub an ßu balgen : gang mit dein 
würften an*den galgenf (s. Grimm's Wb. unter „balgen^.) Allein hier 
handelt es sich weder um schelten, noch husten ; es wird ein Ausdruck 
verlangt, der übelwerden, würgen bezeichnet. Das tut das nd. walgen 
und die Ableitung walgeren. Das Hd. hat dagegen dem Worte toalgen 
die ursprüngliche Bedeutung ,,sich wälzen, rollen^ bewahrt. S 1515 
suchte sich zu helfen, indem er von balg, venter, ein neues Zeitwort 
fabricierte. — Hi. 38: da wart er ir beide ledig; quit S 1519. Hier 
nM)chte letzterer Druck* das nd. Wort bewahrt haben. Quit ist freilich 
sonst ebenso gut hd. Aehnlich steht es um gükelfpil 31inSl515, wofür 
S 1519 narry bietet. Gükelfpil wird verdruckt sein statt gökelspil. 
Hi. 48 sieht gauckelfpil, 2 geuckerei und in S 1519 göcklerei^ 23 gauck- 
lerei. So ist auch goukelfpel im Mhd. belegbar. Ndd. Form ist gokel- 
fpel; aber narry kann nicht im nd. Text gestanden haben. — Hi. 
46 : der meifter mit den gefeiten liefen V. ^ü fuchen vnd in ^u. beheben 



2» 

vmh äen fchaden ; in svl fwhalten S 1519. Das entsprechende nd. Wort 
wäre behcrden, hchardcn^ festnehmen. — Hi. 50: da wurden die fchneider 
zornig vff in; ganz bös S 1519. Stand im Ndd. q^iat oder erre, erc? 
— Hi. 52: du ftinckft fo vbel alß dreck; der kürßner.fctgt: fchmackftu 
das nü gern? r euch flu S 1519. Im Elsässischen bedeutet riechen 
einen Geruch von sich geben; dasselbe kann auch fchmacken und 
fchmecken heissen, daneben aber einen Geruch empfinden oder wahr- 
nehmen; und das ist hier gemeint. Im Nd. liat aber ruken^ rükcn 
diese wie jene Bedeutung. S 1519 hat also einen nd. Ausdruck bei- 
behalten, was in diesem Falle nahe genug lag, von S 1515 abef nicht 
gebilligt ward. — In der Hi. G7 hat S 1515 hengft, S 1519 gauL Im 
Ndd. wird dafiir pagc gestanden haben. — Hi. 78 : das fpil wü ietz 
gut werden, S 1519 hüt; ndd. jutto? — Hi. 78: ein graußlich thier 
[tat bei dem feür, wo S 1519 ein graußlich eistlich thier hat. Eistlich 
ist von Lappenberg richtig für eislich, egcsUch genommen, graußlich 
als gritwHcÄ. Beide Wörter bedeuten dasselbe. Im ndd. Texte mag 
(frefelik gestanden haben,' welches zwar inj nhd. (/rä/J/jcA^ fortlebt, aber 
nicht im Mhd. existierte, und eisk, die einem Strassburger ütiverständ- 
Jiche Kontraktion von eislik. In es was graußlichen kalt 71 kann 
f/refeliken übersetzt sein, dagegen in da tvard er griißUch bckümret 53 
wird eher grotliken (sehr) stecken. — Auch einem entstellten und darum 
wohl von S 1519 weggelassenen Adverb in Hi. 80, der wirt fprarh 
{entlieh das er das gelt geb, wird ein nd. Wort zu Grunde liegen. 
Nahe Hegt, auf einen Druckfehler für fienilich, 'fcivtlich zu raten; 
warum machte aber S 1519 nicht diese leichte Konjektur? und warum 
half sich K durch ftoltz? Man darf vielleicht viufcliken, gevenfetlikc 
(heuchlerisch, in Verstellung) mutmassenV — Von dem Hund, den 
Eulenspiegel's Wirtin ffo lieb hatte, dass sie ihn immer auf den Schoss 
nahm und dass sie ihm von ihrem Essen stets etwas abgab, heisst es 
in Hi. 82: da het die wirtin ein zöttigs hündlin, den [!] hei fic gante 
Heb; S 1519 giebt ein anderes Adjectiv an, zörit. Dies Wort scheint 
mir Keller in Pfeiffer's Germania XII, 98 richtig als zart, schwäbisch 
2ert, bestimmt zu haben. Zottig heisst aber ^zottig^^, was als Epitheton 
des Hundes ganz überflüssig ist. Es wird ein Ausdruck vm*langt, der 
ihn als zierliches, zartes Schosshündchen charakterisiert. Ndd. tept- 
hund oder teppethund^ der auf dem Teppich liegt (den men mer dor 
luft hell, wie die Glosse zum Sachsenspiegel III, 47 das Wort erklärt ; 
s. Homeyer SSpgl. I, S. 343), würde passen imd ebenso das Adjectiv 
tertcl, tartlik. Wenn ein tertd toppethund^) im Original gestanden 
hätte, so würden sich beide Strassburger Üebersetzungen verstehen 
lassen, da S 1515 an top, toppen gedacht haben könnte. 

Viel Mühe hat die Schelte des von Eulenspiegel auf dem Toten- 
bette betrogenen Geistlichen in Hi. 92 gemacht: o wie ein vorteiliger 
fchalckbiftdu; vortreilger S 1519. Lappenberg will lesen : vorcterliger, 
Keller, Germ. XII, 99, meint, vortheilig, vörtclig heisse jioch jetzt 

^) tappet ist Nebenform von teppet; s. Mnd. Wb. 



Bö 

• 

^pfiffig, betrügerisch, eigennützig^. Scherer S. 83 konjiciert vordeüder, 
vördeld^r^ ^es steht vor fchalk in einem Ausbruch grimmigsten Aergers 
über Eulenspiegels unflätigste Unfläterei*. Ich glaube, vorchtelik hätte 
S wohl zu übei:3etzen vermögen; um Eigennutz war es Eulenspiegel 
hier nicht zu tun; und verteilen = verdammen, verfluchen, ist zwar 
mhd., aber nicht mnd. Wie erklärte sich in dieser letzten* Exegese 
dann vor statt ver? Es wird einfach vordreflik, vordreitlik dagestanden 
haben, das im Mndd. ausser ^^verdriesslich, lästig^ auch die Bedeutung 
von ^frech, unverschämt" — protervus, importunus sagen die Glossen 
— eiltwickelt hatte. Nun hätte sicher der Uebersetzer dies Wort 
gleichfalls verstehen müssen; wie aber, wenn vor dreiZifc verdruckt war V 

Im Nhd. gebrauchen wir „ja" gerne „als Conjunction oder Adverb 
eng in den Satz verband eingefügt" (Grimm's Wb.). Das stammt aus 
dem Nd., wo dafür jo steht; was nicht die Bejahungspartikel, sondern 
das Zeitadverb „je" .ist, nur in weiter entwickelter Bedeutung von 
„immerhin, dann, nun, allerdings, gewiss, jedenfalls, doch". Der Nie- 
derländer, der das einfache; io, ie aufgegeben hat, bedient sich dafür 
der Zusammensetzung immers mit der gleichen Begriifsentwickelung. 
Dass Mischung mit dem, den Satz einleitenden ,ja" stattgefunden 
habe, leugne ich nicht. Aber eigentlich hd. ist jene Verwendung von 
,ja" nicht; vielmehr gebraucht das Mhd. grade so, wie das Mndd. 
jo^ die entsprechende Partikel ie. Erst Luther, der mit je und ja 
abwechselt, hat die Form ja statt jo oder je in die nhd. Sprache ein- 
geführt. Vorgearb'eitet hat ihm S: Als ir dan gefprochen hon, ic/i 
folt es ia fo gut effen vnd frincken als ir, 11 ; das hob ich ia alfo ver- 
f landen^ 33; -e^ü letft ward V. ia kranck^ 38; du bist ein betrogner 
fchalcky wa du ia harkummest^ 64. In Hi. 38 mag vielleicht yo krenker 
im nd. Text gestandeji haben. Beweisend ist die Stelle in Hi. 10: 
er gedacht, mein Juncker het mich jo gheiffen, weil S 1519 hier alfo 
geheiffen ändert. In Hi. 73 hat dagegen S 1519 pe, während S 1515: 
da es nun nit anders möcht fein. Für nun in ir fagten nun 15 wird 
im Nd. auch yo gestanden haben. 

Besprechung erfordert schliesslich noch der nicht immer über- 
einstimmende Gebrauch von niergen, nirgen und nienen, niener in 
beiden Drucken. Jenes ist eine nd. (nergen) und mitteld. Bildung, 
der im Oberd. diese beiden entsprechen; doch ist niergen bereits im 
Mittelalter in die süddeutsche Sprache ziemlich eingedrungen, so dass 
es nicht grade Wunder nehmen würde, wenn wir ihm um 1500 in 
einem Strassburger Buche begegneten. In Murner's Schriften ^) ist sie 
mir nicht aufgefallen; vielmehr hat er niendert und für „irgend'' 
yendert. Ob Sebastian Brant sich des niergen bedient, weiss ich nicht. 
Im Eulenspiegel überwiegt niergen über die oberdeutschen Wörter, 
was schon auffällig ist. So : er het doch noch nirgen kein fenep gefehen, 
10; fo dunkt mich niergen kein beffer hüffchiag fein dan von füher 
vnd von golt^ 23, Zusatz (?) von S 1519; V. fand niergen feißte in dem 



^) Ich kenne allerdings nur seine Schelmenzimft und den Lutherischen Narren. 



31 

fchanckj 44 ; da fand ich niergen feißte, 44 ; V, verdient niergen (nterngen 
S 1519) groffen dank, 47; kan ich dan niergen danck verdienen? 51; 
F. ließ niergen guten geruff hinder im, 54 ; der gertvrr kittet fich niergen 
für, 56 ; er dorfft fie niergen verkouffen, 88. Daneben stossen wir auf 
die im Nd. beliebte Oiergens), aber damals schwerlich schon ins 
Oberd. aufgenommene Nebenform niergens: der koch gedacht nirgens 
(niergcns S 1519) an, 10; ich kan niergens arbeit überkumen, 63. Ferner 
linden wir dreimal die oberd. Bildung immer nur in einem der beiden 
ümcke: folich brot ist mir niergen (nincr S 1519) jsü nutjs, 19; er 
wdi nienen (niergen S 1519) bleiben, wa kinder weren, 21; noch kan 
ich niergen (nienen S 1519) danck verdienen, 64. Im letzten Falle 
Jässt sich nienen aber auch anders verstehen, nemlich als misverstanden 
aus ndd. nenen, ninen dank, keinen Dank. Angesichts der Tatsache, 
dass nur zweimal im Anfang von je einem Drucke versucht ist, an- 
stelle der nd. Wortbildung die hd. einzusetzen (Hi. 19. 21), scheint 
mir diese Erklärung die plausiblere zu sein. Und so verstehe ich 
auch das gemeinsame nienen beider Ausgaben in: fo het ich nienen 
ander feißfe, wan feefifchfchmaltz, 44; noch kan ich nienen danck ver- 
dienen, 47. 64, als llebersetzungen von nd. necn (nin) ander vet und 
ne^ien (ninen) dank. Eine Form niener für „keiner" ist aber dem Hd. 
fremd; im Eulenspiegel steht dafür sonst kein, z. B. 10. 22. 23. Der 
Uebersetzer behielt die Form nietun nur bei, weil er sie sich als 
„nirgends" deuten konnte. 

Von solchen Wörtern, welche beiden Dialekten, dem oberd. und 
dem ndd., gemeinsam sind, kommen einige wenige in Bedeutungen vor, 
die dem od. Worte abgehn, wohl aber dem nd. eignen. Dahin rechne 
ich vor allem die bün, Bühne, das dem nd. Masculin bö7i entspricht. 
Das^ hd. Wort bedeutet den Fussboden, auch den erhöhten oder das 
Podium, und Decke eines Gemaches, das nd. aber ausserdem ein 
oberes Stockwerk, einen Söller, besonders den Boden unter dem Dache, 
wogegen im Nd. bön nie für Fussboden stehen kann. In dem aus- 
schliesslich nd. Sinne wird das Wort in S gebraucht, so Hi. 3. 39. 
o3. 62. K, dessen Mundart gleich wie S das Wort in diesem Sinne 
^'^giiigj pflegt es deshalb zu umschreiben, so Hi. 39 (K 33) von der 
bünc durch van boven, nachher durch füller; 53 und 62 durch leuue 
(Laube). Nur eine Stelle, bis an die bün 51, erlaubt die Aufl*assung 
in der Bedeutung ^Zimmerdecke^; ndd. würde freilich hier gleich- 
falls gesagt werden bet an den bön. K setzt auch hier siiller dafür. 

lieber wiuw und ßuhautven ist bereits oben gehandelt. 

Die Hi. 66 erzählt, wie Ulenfpiegel und ein pfeiffentrei(g)er oder 
pfeijfenmacher in Lüneburg sich gegenseitig zum Narren haben. Kein 
oberd., ja nicht einmal ein mittel d. Leser des Strassburger Eulenfpiegel 
kann nach dem Sprachgebrauch seines Landes unter dem Pfeifendreher 
etwas anderes verstanden haben, als den Verfertiger von Blasinstru- 
menten. Gemeint ist jedoch der Hersteller von Wasserleitungsröhren 
aus Baumstämmen; davouj dass er die pipe oder Brunnenröhre durch 
Ausdrehen des Markes und eines Teiles des Kernholzes herstellt, 



82 

hat er seinen Namen; Lappenberg S. 267 ist freilich anderer Meinung: 
„aus dem wandernden Pfeifer, dem Landläufer, d^r mit dem lotterMz 
umhergelaufen, musste wohl, wenn er sich häuslich einrichten sollte. 
ein Pfeifendreher werden. '^ Und allerdings kann ich auch das Wort 
pipcndreyer sowenig, wie den Ausdruck pipcn dreyen nachweisen. Die 
Hannoverschen Stadtrechnungen (Ztschr. des histor. Vereins für Nieder- 
saclisen 1871 S. 1G2 flf.) haben pipen hören. Doch beweist die Hi. GH 
dass man auch pipen dreyen gesagt hat; denn die Grcisse der Pfeife 
oder Riihre kann den Gel)rauch des einen oder anderen Zeitworts im 
Ausdruck nicht bestimmt haben, es sei denn, dass sich dreyen auf 
das Drechseln der äusserlichen Form der Pfeife bezieht. Dazu zwingt 
aber nichts, weil auch bei der Blaspfeife das Ausdrehen des Innern 
die hauptsächlichste Arbeit ist. Die Worte vnd der was ein lantfam 
gewefen, vnd was mit dem lotierholtz vmbgeloffen scheinen ein Einschiebsel 
des Strassburgers zu sein, welches das Wort ;, Pfeifendreher ^ erläutern 
und begründen soll. Dass die Geschichte nach Local, nach Sprache 
(gelach) und nach Localfärbung (ftor) ursprünglich nd. ist, das lässt 
sich nicht wohl anfechten. Nun ist aber lodderkoU (Narrenpritschc) 
mnd. nur in dem aus dem Hd. übersetzten Bovenorden nachweisbar, 
und lantfarer^ das zwar einen Landstreicher bezeichnen kann, hatte 
im Mndd. die bestimmte Bedeutung von „Kaufmann, der über Land 
zieht'' entwickelt. 

Ob notlich (2 u. 4) zu der Bedeutung von „wunderlich, possier- 
lich", samt dem abgeleiteten Substantiv notlicheit (21), und rieh (o^) 
zu der von „Querlatte auf zwei Trägern in der Hausmauer zum 
Daraufhängen von Zeug, Fellen u. dgl." selbständig im Oberd. gelangt 
sind, ohne Einfluss des Ndd., war mir bis jetzt zu entscheiden unmöglich. 

Hie und da weist S anstelle rein hochdeutscher Form eine völlig 
oder teilweise niederdeutsche auf. Solche Wörter liefern den durch- 
schlagenden Beweis, dass S nur Uebersetzung, nicht Originalwerk sein 
kann : diese Spuren ndtscher Lautstufe müssen durch Flüchtigkeit aus 
der Vorlage in den hd. Text gelangt sein. Zunächst sei hier an das 
bereits von Goedeke für die Behauptung eines nd. Druckes unseres 
Volksbuches verwertete Lexuhiander in Hi. 35 erinnert. S 1519 hat 
es zu Levuluonder^ E zu Lexuluonder entstellt; aber K hat die richtige 
nd. Form Lexulvander in S 1515 verstanden und in seine Mundart 
als Leckfelffander übertragen. Andere Beispiele sind fchel (schielend) 
30 statt fchdch, fchilch; het 45 statt hieß; faft nacht 55 statt fasnacht; 
für gebens 72, eine buchstäbliche Wiedergabe des ndd. vorgevens^ vor- 
geves^ statt vergebens; enstrawen 94, ebenso genau dem nd. toftrowev 
nachgebildet, statt eerftrawen; und kerf holte in S 1519 statt des rein 
hd. herbhoh in S 1515, Hi. 89. 

Die Zugbrücke heisst in Hi. 38 teghebrücke, also sogar mit nd. 
gh für g. Man möchte es für einen Druckfehler statt toghebrucke 
halten, wenn es sich nicht in beiden Strassburger Ausgaben fände und 
wenn nicht auch K techbrücke gelassen hätte. Dieser scheint es als 
„Ziehbrücke" zu verstehen. Mhd. ist aber weder sieh-, noch ^uc-, 



u 

isugehrücke nachweisbar^), sondern das Wort ist eine Bildung, die sicli 
nur im Nd. (toghe-, tochhruggc) und im Md. (zogehrücke) findet; das 
nhd. etigbrückc kommt erst im 17. Jhdt auf. Daher war togJiebrugge 
und gar teghebrugge, falls so im ndd. Text verdruckt stand, dem 
Strassburger wohl nicht ganz klar und ward von ihm, nur teilweise 
übersetzt, belassen. — Unter den Schmiedegeräten wird in Hi. 40 ein 
feürfpet erwähnt. Das scheint auf ein nd. vhrfpet zurückzuweisen 
und würde mhd. wohl viurfpie lauten müssen. Der Ausdruck wird aber 
in Oberdeutschland nicht gangbar gewesen sein (man mochte viurifen 
sagen) und ist darum in halbnd. (jestalt stehen geblieben. — Zwei 
vaß Eimheckß bierß, 64, sollte hd. heissen: ^. v. Eimbeckfches bierß. 
Bekanntlich geht das Suffix -isc(hj^ -^fcfh) im Mndd. besonders in viel- 
gebrauchten Ortsadjectiven gerne in -es, -s über^). Für EimbeJcfeSj 
Eimkefes beirs im Genetiv lag die Kürzung EimbekSy Eimkes nahe. Im 
Oberdeutschen war diese Verlautung von fch zu s unl)ekannt. 

„Keifen^ ist zwar nhd., aber mhd. sagte man kiben. Die nhd. 
¥orm stammt aus dem nd. kiven^ das früh ins Md. eingedrungen ist. 
Dass S sein kiffeh 9 nicht etwa gebraucht hat, weil die nd. Form 
bereits in Strassburg eingebürgert war, erhellt aus der Verwirrung 
des Satzes: vnd giengen alfo sanclccn mit dem ftock für an zu kiffen, 
vnder einander, Zancken ist das hd. Synonym für kiffen, wie denn 
auch fortgefahren wird: nit lang darnach da fie am großen zancken 
waren. Vielleicht hat es gelautet: unde gingen alfo mit dem ftocke 
vordany to (Druckfehler für fo? jo?) kivende under enander. — Port, 
portner 89 müssten hd. pfort, pfortner lauten. Doch finde ich bei 
Goedeke, Schwanke des sechzehnten Jahrhunderts S. 58, dass auch 
J. Frey in der Gartengesellschaft 120 sich der Form parte bedient. 
Das Lateinische mag Doppelformen haben bestehen lassen. Aber 
rappen 20 (zweimal) möchte dem rapen eines nd. Textes ent- 
stammen; wenigstens heisst das Verb mhd. raffen. — Verdächtig ist: 
die magt fprach. ich weiß nit wet den teuffei wir thun, 47. S 1519 
hat wei (= wieV), K aber wat, und das möchte auch wohl im Urtext ge- 
standen haben. — Ob einmaliges jyahft 34 in S 1515 neben der sonst 
stets und oft gebrauchten Form bahft, die ja auch überhaupt im Mhd. 
durchsteht, ob ebenfalls vereinzeltes vmmer 27 in S 1515 statt sonstigem 
ymcr.^ ymmer und ob das in beiden Drucken in Hi. 2 stehende nemen 
für niemaw, wiewjans« Beste der nd. Vorlage oder blosse Druckfehler 
seien, ist schwer zu entscheiden. Zu der ersteren Gattung von Fehlern 
scheint aber zu gehören as ob 38 in S 1515, weil S 1519 wie als ob 
"bessert. As für alfe, als lässt sich nicht ganz selten bereits seit dem 
Ende des 14. Jhdts im Mnd. nachweisen. 



^) Man hatte dafür flage-, valbrücJce (mnd. flach-, vallehrugge), 

^) Physiologisch erklärlich, weil man fch wie griech. ay sprach ; im Nieder- 
ländischen ist dieselbe Erscheimmg. 

Niederdeutsches Jahrbuch. XIX. 3 



M 



ISissverständnisse der niederdentscben Vorlage. 

Wie schon an einigen Beispielen gezeigt worden ist, lassen sich 
gar manche im hochdeutschen Text von S schwierigen Stellen aus 
einer nd. Vorlage erklären; Unverständlichkeiten vermögen durch 
Zurückführung in ndd. Ausdrucksweise beseitigt zu werden. So möchte 
gleich in der Vorrede in dem Satze für folich mein müe vnd arbeit 
wollten fie mir eer gunft hoch erbieten das eer nicht das Substantiv 
^Ehre^ vorstellen, man müsste denn annehmen, dass vnd ausgefallen 
sei. Aber Ehrerweisung haben dem Verfasser seine Freunde schwerlich 
versprochen, noch weniger würde er gewagt haben, das dem Publikum 
mitzuteilen, gleichsam als rechne er darauf. Eer muss die aus einem 
nd. Texte stehen gebliebene nd. Form des hd. Pronomens ir sein. 
— In der ersten Historie hat schon Lappenberg apt is\\ funten richtig 
gedeutet als apt ^vl fant Egidien. So hätte S schreiben müssen, wenn 
er den nd. Text verstanden hätte; denn funte^ funt ist nd., fant 
aber hd. S selbst hat fant an vielen Stellen, z. B. 5. 6. 18. 19. 
Wie die Unform funten entstanden sei, ist schwer zu begreifen. In 
Braunschweig sagte man ausser funte Egidien auch funte Ylien; aber 
keine dieser beiden Namensformen führt auf funten, es müsste denn 
im Ndd. der Ileiligenname abgekürzt durch y angedeutet gewesen sein. 
Das mochte S nicht verstehen und er half sich, indem er funte 7ai 
einem Ortsnamen mit der häufigen Endung auf -en umstempelte. — 
Vnd tvegt der windt dar zu faur (1519 fuer) 18. Dass der Y?ind 
sauer wehe, ist eine wunderliche Auffassung; deshalb ändert E 1532 
ftarck. Offenbar war dem Verfertiger von S das nd. Adjectiv foor 
nicht bekannt, das ^trocken, dürre^ bedeutet und als Epitheton eines 
im Sommer ausdörrenden, im Winter bis ins Mark kältenden Ostwindes 
dient. — Da kaufft er groiien vnd roten zendel 35. S hat graw in 
H. 21, dürfte aber, da langes a in seinem Dialekte zu o geworden ist, 
grow gebraucht haben. Allein grau ist nicht grade eine ausgezeich- 
nete Farbe; und das Mittelalter liebte lebhafte Farben. Es wml 
groine^ grüiij zu grow- entstellt sein. — AlJesdings waren die leütt 
etwan nit fo fchalckhafftig als iefz, 36. Das etwan (ehemals) steht an 
falscher Stelle; der Gegensatz zu Jetzt^ verlangt, dass es zu Anfang 
des Satzes stehe, an der Stelle von allesdinges^ das höchst überflüssig 
erscheint. Es ist ersichtlich aus oldinges (ehemals) verderbt ; die um- 
deutende Aenderung machte dann allerdings den Einschub einer Zeit- 
partikel an anderer Stelle notwendig. — In derselben Geschichte lässt 
S 1515 die Bauerfrau stammelnd sagen: ich zu hoff hei apt oder ap- 
tiffcn nit sü fchaffen haben wil, S 1519 hat diese Lesart gekannt; 
denn, mit Schonung der Ueberlieferung, renkt er den Satz zurecht: 
ich hoff bei dym apt oder eptisfin nichs zu fchaffen ze haben. Ich ver- 
mute, dass zu Grunde liegt : ik en heff by abbet edder ebbedifchen nichtes 
to fchaffende oder to doende, Dass der Urtext, wenn auch in he- 
schränktem Masse, noch die Negationspartikel en verwendete, ergiebt 
sich aus drei Stellen: ich en iß fein nit 10, fi en het anders keinen 



3o 

glouben 34 (S 1515) und ich en Tcen fein nit 84 (S 1519). Beide 
Drucke werden sie wohl noch an mehr Stellen beseitigt haben. Der 
erste Druck S, der uns nicht erhalten ist, wird en heff zu en hoff 
verlesen und das als in hof verstanden und moderner durch zu hoff 
gegeben haben. Vgl. S. 38 (Hi. 69). 

Mit welchem Leichtsinn S gefertigt ist, macht ein Versehen in 
Hi. 37 klar. Es wird dort die Unterscheidung gemacht zwischen der 
Messe, die früh am Morgen gehalten wird, und zwischen der auf den 
Vormittag fallenden. Jene heisst Frühmesse, diese Hohe- oder Frohn- 
raesse. Von S und zwar in beiden Drucken dreimal wird jene die 
fronmeß genannt (diese richtig die hohemeß). Die einzige Erklärung 
für diese starke Gedankenlosigkeit finde ich in einer nd. Vorlage, in 
der vroumiffe stand, was der Uebersetzer als vronmiffe verlas. K 
giebt richtig die früemiß und die hotniß. — Ein augenscheinlicher 
Fehler liegt auch vor in: er woli fich feins tcaffers cntplöffcn, 39. 
EntpUffen kann nur bedeuten „entblössen oder berauben^, aber nicht 
„entlasten, entledigen, befreien^. Sicher weiss ich die Stelle nicht zu 
emendiereD, doch vermute ich, dass das nd. loffen (entloffen?) dadurch 
wiedergegeben werden sollte. — Vor Wyszmar kam U., 41 ; die Ge- 
schichte scheint aber in Wismar zu spielen. Wismar wird im Mnd., 
wie im Meklenburgischen noch jetzt, meist mit dem bestimmten Artikel 
versehen. Stand etwa in der Vorlage von S vor W. statt tor W. 
verdruckt ? oder hielt S tor W. für Druckfehler, den er meinte bessern 
zu müssen? Die Stadt kommt sonst noch im Eulenspiegel vor; S hat 
^n Wißmar 46. 50. 65, wo S 1519 einmal: in der ganzen ftadt Wißmar. 
h dieser Hi. 41 begegnet noch ein auffälliger Ausdruck, der ohne 
Zweifel auf eijiem Misverständnisse beruht. Als Ulenspiegel vor die 
Schmiede ritt, da kam die fraw vnd magt kh für das huß vff ein dielen, 
S 1519 lässt iä weg und hat die Form thielen, sonst ebenso. Man 
muss also verstehen, die Frauen hätten sich auf ein Brett gestellt, 
das vor dem Hause lag oder angebracht war. Der Grund, weshalb 
sie diese ungewöhnliche Stellung wählten, wird nicht angegeben. 
;,Kommen auf ein Brett" ist ein höchst ungeschickter Ausdruck, wes- 
halb K verkürzend bessert: quam die fraw vnd magt vur ynt huiß. 
Das ist die passende Situation. Im Original muss gestanden haben: 
vor up de delen^ nach vorne auf die Hausdiele. S verwechselte also 
zwei verschiedene Wörter dele^ Diele, Brett, welches auch hd. ist und 
von ihm selbst Hi. 32 und 94 gebraucht wird, und dele, Hausflur. 

In Hi. 43 sagt der Schuhmacher, Ulenspiegel solle gross und 
klein zuschneiden, wie der fchweinhirt aus dem Dorf treibe. Dieser 
schneidet zu und macht aus dem Leder Schweine, Ochsen, Kälber, 
Schaf, Geisböcke und allerlei Vieh. Warum nicht bloss Schweine? 
weil fueen^ fwene^ fwener überhaupt „Hirte^ bedeutet, was S nicht 
gewusst zu haben scheint. Ein zweiter Fehler steht in derselben 
Erzählung, wenn es heisst: fein meifter zürnte mit dem vßgon. Der 
Sinn , muss sein, wie K bessert, füimde oder, wie Lappenberg lesen 
will, zögerte. Ein hd. zürnen mit dieser Notion existiert nicht. Schon 

3* 



u 

mnd. und noch nd. gebräuchlich ist tarnen^ im Laufen aufhalten, 
hemmen; doch scheint es nur mit dem Accusativ, nicht mit einer 
Präposition construiert zu werden. Nichtsdestoweniger kann es hier 
vorliegen: vielleicht kommt die Präposition auf Rechnung des Ueber- 
setzers. Es Hesse sich auch denken, dass im Original, da bekanntlich 
im Mnd. js gleichwertig mit s wechselt, eumede^ zviede gedruckt gewesen 
wäre und dass S das zu eurnede verlesen hätte. An toivede^ wartete, 
darf auch gedacht werden, da statt v in mittelalterlicher Schrift in- 
lautend u gesetzt ward und ti und n leicht zu verwechseln sind, in 
diesem Falle zumal, wenn zufällig toruede verdruckt war. — In Hi. 51 
ist Ulenspiegel Wollenwebergeselle. Als solcher muss er mit dem 
Wollbogen, einer zwei Meter langen gekrümmten Stange, deren Enden 
durch eine dazwischen gespannte Darmsaite verbunden sind, die Wolle 
schlagen, damit sie aufgelockert und gesäubert wird. Diese Verrichtung 
wird mehrmal durch „Schlagen" ausgedrückt. Aber einmal, gleich 
das erste Mal, heisst es: er hegund zvl fchnieren vnd fchlng wollen. Lap- 
penberg hat mit fchnieren nichts anzufangen gewusst. „Schnüren'^ 
kann es nicht sein ; denn die Wolle musste, um erfolgreich so behandelt 
zu werden, eher gelockert als zusammengeschnürt werden. S, vielleicht 
unkundig der geschilderten Behandlung der Wolle, mag es allerdings so 
verstanden und darum dies Wort anstelle eines anderen vorgefundenen 
gesetzt haben, das ihm rätselhaft war. Ich glaube, dass aus einer 
Stelle von Herman Bote's Schichtbok in den von Hänselmann edierten 
Braunschweigischen Chroniken sich das Rätsel lösen lässt. Dort heisst 
es (II, 336, 31) von den Strassenaufzügen, dem fchoduvellopen der 
aufständischen Gewerke, unter denen sich die „Lakenmaker^ befanden: 
fe danfeden in den lakengefpannen vnde fnarden myt den wtdbogen. Das 
wird der technische Ausdruck gewesen sein. Die fnare oder das (nar 
ist die Darmsaite; und fnaren wird also die Hantierung und das 
damit verbundene Geräusch des Wolleschlagens mittels des Wollhogens 
genannt worden sein. Snar und fnaren sind nicht hd., was durch die 
Entstellung zu fchnieren bestätigt wird. 

Wer das Eulenspiegelbuch kennt, weiss, dass manche Schwanke 
und Witze in ihm nicht grade sauber sind, sondern nach Mist riechen. 
Diese Liebhaberei für Koprologie ist ihm jedoch nicht allein eigen; 
alle älteren Schwankbücher zeigen dasselbe Behagen an dergleichen. 
Zu der Besprechung einer solchen schmutzigen Geschichte zwingt S, 
weil er sie völlig verwirrt und zugleich das Wortspiel, um das es sich 
dabei handelt, vernichtet bat. Ich behandele diesen Fall schon hier 
und nicht im folgenden Kapitel, wo die durch die Strassburger Bear- 
beitung verloren gegangenen Wortspiele durchgegangen werden sollen, 
weil an der fraglichen Stelle noch mehr der ursprünglichen Darstellung 
von S misverstanden, entstellt und daher unverständlich geworden ist. 
Es ist die schon angeführte Hi. 51, in welcher Eulenspiegel einen 
Fluch seines Meisters absichtlich wörtlich nehmend, die hurd, das Ge- 
flecht zur Aufbewahrung der Wolle, in der Stube verunreinigt hat. D^^ 
wüllenweber fprach: nim den treck vnd trag in an ein ort., da in nienmns 



37 

hahn wil. V. nimpt den treck vf einem (S 151!) einen) ftein, vnd treit 
den (S 1519 in) in die fpeißkammer. Der WoUeiiweber will ihn dort 
niclit haben. Eulenspiegel antwortet, das wisse er wohl; aber er 
handele nach seinem Befehl. Der wällinweber wart zornig, vnd lieff 
m dem ftall, vnd weit U. mit dem fcheit an den (S 1519 dem fchyt 
m dem) hopff werffen. Da gieng U. zum hauß vß. Der wiälinweber 
wolt das holtz endlich (schnell) ergreiffen, vnd befudelt die finger all zumal, 
da ließe er den treck fallen, vnd lief zu dem brunnen. Es ist leicht 
einzusehen, dass das Geheiss des Meisters so dop2)elsinnig gelautet 
haben muss, dass U. es zu Auslührung seiner Schalkerei benutzen 
konnte. Wenn etwa stünde: trag in da entoeg, so wäre dazu ge- 
holfen: zweifache Beziehung des folgenden relativen da (wo), einmal 
auf die Stube (da) und andererseits auf einen beliebigen anderen Ort 
(enweg) würde dadurch möglich. Allein, warum sollte S so leicht 
verständliche Worte geändert haben? Der Fehler muss anderswo 
stecken. Man lese nd.: bring em(e) over ord, wurem(e) neimandes 
hehovet. Over ord bringen heisst „bei Seite schaffen *'; wure, wäre ist 
Nebenform von M;wr, wor (wo; s. z. B. Hänselmann, Brnschwg. Chron. 
I, 60, 13, Hänselmann, Brnschwg. Beispiele Nr. 34); me statt men 
(man) ist die bekannte Inclinationsform, die bei dem mit S gleich- 
zeitigen Braunschweiger Herman Bote sogar gerne zu blossem m 
abgekniffen wird*) (z. B. Brnschwg. ('hron. II, 320, 5 ff. fcholdem, 
sollte man; 373, 17 moftem, musste man; 347, 27 umstem, wusste 
man; 411, 4 tvanem, als man); ein tourem, toorem wäre also erst recht 
misverständlich gewesen; „Behufs und „behufen^ (= bedürfen) sind keine 
Ld. Wörter, behoven musste demnach umschrieben werden. Der Ein- 
tritt der Dativform em(e) für den Accusativ en(e) ist gegen Ausgang 
des 15. Jhdts. bereits nicht selten; und ebenso bietet der Nominativ 
neimandes statt neimand, neiman nichts auffälliges. Der Euphemismus 
des Meisters in der Bezeichnung des Ortes, wohin er U. weist, ist 
hinreichend verständlich. Den Schluss der Geschichte wird man ver- 
stehen, wenn man sowohl für ftein als auch für ftall liest nd. ftellekloot 
und wenn man die Lesart von S 1519 fchyt als nd. Synonym von 
dreck fasst, was schon der bestimmte Artikel vor diesem Substantiv 
verlangt. Stellklotz ist ein Holzklotz, dessen sich der Tuchweber 
bedient zum Ausspannen des Tuches auf dem Tuchrahmen (ftellerame) ; 
s. Campe's Deutsches Wörterbuch. 

Nachdem U. vom Taschenmacher sich drei Taschen nacheinander 
hat machen lassen, wobei er ihm auf die dritte zwei Gulden Handgeld 
gegeben hatte, schiesst er schliesslich auch diese auf, sprechend : hastu 
guten kauff, den magftu behalten, 59. ,, Gutes Kaufes^ heisst billig 
(nd. gades oder gudes kopes) und steht so in Hi. 65. Hier muss 
aber ganz etwas anderes gemeint sein, nemlich Godeskop, Gotteskauf, 
Gottesgeld, eben das Handgeld, das U. ihm, Grossmütigkeit heuchelnd, 

*) im Nnd. gar zu n verdünnt wird und sich dann mit een, einer = man, 
mengt. Daher das häufige hd. einer für „man" in Norddeutschland. 



38 

lassen will. Auch diese Historie läuft auf einen Wortwitz hinaus, 
den ich gleich hier mitnehmen will. U. kann keine Tasche kriegen, 
die ihm gross genug wäre. Endlich giebt er den Grund an : dife defch 
die ir mir gemacht haben, das feind ledige defchen^ die feind mir nit 
nütz^ ich muß vil defchen haben, ich Jcünd anders eu den lüten nit kummen. 
Er wolle eine Tasche, in der stets zwei Pfennige blieben, wenn er 
einen herausnähme, so dass er nimmer ohne Geld wäre und nie auf 
den Boden der Tasche greifen könnte. Vil kann nicht richtig sein. 
Man denkt zunächst an den Gegensatz von ledig oder leer, an ^voll". 
Aber sollte S vulle tafchcn haben misverstehen können? Mit vil muss 
ein anderes, ungewöhnlicheres Wort wiedergegeben sein. Ich vermute 
rive^ was ;, freigebig, reichlich, ergiebig^ bedeutet, aber auch „gehörig, 
hinreichend, ausgedehnt" heissen kann, weshalb er vorher immer 
grössere Taschen gefordert hat. Das Gegenteil beider Bedeutungen 
muss in ledig ausgedrückt sein; dies Wort wird aber nur dem einen 
Begriffe gerecht. So muss auch für dieses ein anderes Beiwort da 
gestanden haben; nur weiss ich annoch nicht, welches. 

Die schönen Kontorbretter, von denen schon die Rede gewesen 
ist, durchbohrt U. an drei oder vier Enden vnd fchlug fie in bretblöcher 
vnd verkydelt (verkeilte) die zu f amen j 62. S 1519 und K haben bret- 
löcher. Beides giebt keinen Sinn, aber S 1515 leitet wenigstens auf 
den richtigen nd. Ausdruck; vgl.: de zadelere fcolen ere zaddbome 
vafte mit pluggen (Pflöcken) an den lym ßaan, verlangt die Hamburger 
Sattlerrolle; s. Rüdiger, Die Hamburg. Zunftrollen S. 91, 11. — Ms 
der Hildesheimer Kaufmann (Hi. 64) U., seinem Kutscher, befohlen 
hat, vorwärts zu fahren und sich nicht umzusehen, zoch U. den nagel 
vß dem landivagen und fuhr mit dem Vordergestell weg, während das 
Hintergestell stehen blieb. Die Herstellung der richtigen Lesart hat 
schon K vorgenommen, er schreibt lengwagen, Nd. heisst es lank- 
wagen, was die Glossare erklären: longale, medianus, lignum currus 
tusfchen die achterfte rad vnd die vorderfte. Es heisst noch heute 
so, auch langboom, langtvede, mhd. lancwit. — Der Bader in Hannover, 
dem U. erst nach dem Munde gesprochen, dann aber die Badstube 
verunreinigt hatte, spricht: nun fy ich wol, das die wort vnd werck 
nit alle gleich feint; dein wort waren mir angenem, aber deine werck 
fein mir nit taulich (S 1519 rfa gleich), wan dein wort waren fat, aber 
deine werck ftincken vbel, 69. Schon die Differenz zwischen den beiden 
Drucken an der einen Stelle beweist, dass da ein Wort des Originals 
nicht richtig aufgefasst ist. Dogelik, tauglich, passend, muss in diesem 
gestanden haben. Sat kann gleichfalls nicht richtig sein. Entweder 
ist es aus fachte oder aus foite entstellt. Wenn U. dann antwortet: 
ist das nit ein huß der reinikeit? ich het hinnen mer behilff dan vffen, 
ich wer fünft nit harin kumen ; so braucht man, um den zweiten Satz 
herzustellen, nicht, wie Knust vorschlägt, ich glaubt einzufügen; es 
wird wohl die Negation en vor het weggelassen und fünft dafür ein- 
geflickt sein. Endlich wird der Bader zornig: fo dan hie pflegt fnan 
vff dem fcheißhuß ab zer einigen. Für fo dan hie lese man das nd. 
fodanich, sothanes, dergleichen. 



39 

In Hi. 71 heischt der Wirt von den zwölf Blinden für Kost und 
Wohnung Bezahlung. Jeder meint, ein andrer von ihnen habe das 
Geld dazu von U. empfangen, bis sich herausstellt, dass keiner etwas 
erhalten hat. Die blinden fagten vnd kratzen (S 1519 kratzten) die 
Mpff^ wan fie waren betrogen. Es muss fuchteny seufzten, gelesen 
werden. Weiterhin heisst es: das foUeftu teglich wol befinden. Dieser 
Ausdruck teglich = heute kehrt wieder in Hi. 81, wo mit dem Gegen- 
satz morn hinweg und teglich hinweg gespielt wird. ;, Täglich^ heisst 
stets quotidie, aber, soviel mir bekannt, nie hodie. Das heisst viel- 
mehr mhd. tagelanc^ talanc^ welches Woi*t jedoch um 1500 schon obfolet 
gewesen zu sein scheint. Ich möchte auch einigen Zweifel hegen, 
dass morn damals noch obrd. fiii' morgen üblich gewesen sei. Doch 
weiss ich es nicht bestimmt. Jedenfalls sind aber im 16. Jhdt. dalling^ 
daling und morne, morn noch gut nd. Wörter; und daher wird S 
dieselben haben, das eine freilich in Entstellung oder vielmehr durch 
ein ähnlich lautendes mit anderer Bedeutung ersetzt. — Hi. 74 will 
der Meister U. wegen des verübten Schadens nicht gleich gehen lassen, 
wann er dorfft fein^ vnd gedacht: wan ich das mein he f fern kan^ fo wü 
ich das wd mit im finden^ vnd im das abrechen an feinem Ion. Ich 
möchte glauben, dass men (nur) einen bessern Sinn gäbe, als mein. 
Das Gleiche meine ich von vufte statt vafte in U.'s Gedankenrede 
(Hi. 76): wil fie faft kummen, fo würt nit lang hie etwas bleiben. Auch 
scheint gerecht aus gereed (fertig, bereit) entstellt in : ee die koft gerecht 
ward^ 80 ; und das ward feiner müter kunt gethon, das er kranck was, die 
was bald gerecht vnd kam zu im, 90. Endlich würde sich der be- 
fremdliche Ausdruck geben mir (dem Priester) folich gelt, ich wolt das 
beftellen, das ir fallen in eer gots kumen 92 leicht verbessern lassen, 
wenn man annehmen dürfte, dass im Original zu lesen gewesen wäre : 
dat it fchole in Godes ere kamen. 

Reich an Misverständnissen, worauf Goedeke aufmerksam gemacht 
hat, ist Hi. 78. Kaufleute entschuldigen sich bei ihrem Gastwirt in 
Eisleben, dass sie so spät kämen, damit, dass ihnen ein Wolf viel 
Leids gethan habe: der bekam vns alfo in de mut (S 1519 in dem 
mut), das wir vnß mit im fchlagen miiftcn. K ändert: tzo gemüet. 
Er wird es folglich recht verstanden haben, denn dat gemote ist das- 
selbe, was de mote, moite. In oder an de moite kamen heisst aber 
auf ndd. „zur Begegnung kommen, begegnen, aufstossen^. Der Wirt 
prahlt: wan im 2 wölff im moß bekemen (K: gemüeten, also wieder 
richtig verstanden), die wolt er fchlagen. Hier sucht S also sich das 
Fremdwort durch mos, Moor, verständlich zu machen. Zum Abschied 
höhnt er die Kaufleute: fehen zu, das vch kein wölff in der wißen (S 1519 
wifcn) bekum. S variiert also hier, wie es scheint, und nachher noch 
einmal mit dem Ausdruck, indem er „Wiese" statt „Moos" setzt; das 
war dem vorsichtigen Kruffter doch bedenklich, er hilft sich beidemale 
mit alfo. Doch will ich nicht unterlassen zu erwähnen, dass im Süden 
von Eisleben, in welcher Richtung die nach Nürnberg ziehenden Kauf- 
leute ihre Reise fortsetzen, ein Plateau liegt, die sog. Wüste. Mög- 
licherweise mag demnach S seine „Wiese" daraus gemacht haben. 



40 

Während der Zeit, dass die Kaufleute unterwegs sind, da reit U. vff 
die hart vnd fielt den wolffen. Die Ortsbezeichnung fasst Keller in 
Pfeiffer's Germania XII, 99 als Wald. Dass S das geraeint hat, daran 
ist nicht zu zweifeln, weil er das Wort mit weiblichem Artikel ge- 
braucht. So verstand seine Worte auch K, der dafür hat in den walt. 
Eine ganz andere Sache ist es aber, wenn Keller behauptet, an den 
Harz sei gar nicht zu denken. Im Gegenteil. Im Ostfälischen, wo 
wir die Abfassung des Volksbuches und speciel dieser Geschichte 78 
suchen müssen, und im Südsächsischen ^) oder Mansfeldischen, wo die 
Geschichte spielt, bestand aber, soweit die Sprachdenkmäler Zeugnis 
ablegen, kein Appellativ hart mehr. Es muss als Eigenname gefasst 
werden, und da bietet sich kein anderer dar, als der des Harzes, 
nd. des Hartes. U. hatte nicht allein Zeit genug, bis die Kaufleute 
von Nürnberg zurückkamen ; er hatte auch mehr Aussicht auf einen 
Fang im Harzgebirge ; und endlich zwang ihn die Ueberlegung, etwas 
in die Ferne zu ziehen: ein im Mansfeldischen erbeuteter Wolf hätte 
leicht dem Wirt zur Kunde kommen und sein schlauer Plan, den Wirt 
mit dem toten als einem lebenden Wolf zu schrecken, dadurch vereitelt 
werden können. U. packt den Wolf in den vndern fach (S 1519 
vnderfack^ K in einen fach) vnd reit wider gen Ißleuen. Man lese 
einfach vuder- oder voderfack^ Futtersack, so ist die Darstellung klar. 
Zum Schluss schämt sich der Wirt, das in ein tod wölff vnd alle fein 
gefind (S 1519 alle gefind) verfürt (K verjagt) het. Auch ohne Kruffter's 
einsichtige Aenderung lässt sich verfürt ohne Schwierigkeit auf das 
nd. vorveert, erschreckt, zurückführen. Alle fein gefind und alle gefind 
ist ebensowenig hd.; es müsste al fein gefind oder alles fein g. und 
alles g. heissen. Als üwer gefind hat S 1515 eben vorher, wo S 1519 
gleichfalls alle euwere gefind, was doppelt falsch ist, denn es giebt nur 
ein starkes Collectivneutrum das gefinde, das ohne Plural ist, und ein 
schwaches Masculin der gefinde, Dienstbote. Offenbar geht die Lesart 
von S 1519 auf das nd. Neutrum alle juwe ge finde zurück. Im Ndd. 
kann nemlich vor Artikel, Pronomina und Adjectiven die Form alle 
ebenso gut stehen wie al, ja ist fast häufiger, und zwar ohne Rücksicht 
auf Genus, Numerus und Casus. 

In Hi. 87 schlägt eine Töpfersfrau auf dem Markte zu Bremen, 
weil ü. ihren Kram vorher bezahlt hat, auf seinen Wink alle ihre 
Töpfe entzwei. Der Erzbischof, der von U. die einfache Lösung dieses 
Zaubers erfahren hat, benutzt das, um seine Ministerialen zu schröpfen. 
Sie müssen ihm jeder einen fetten Ochsen verehren, ehe er ihre Neu- 
gierde, wie U. das zuwege gebracht habe, stillt. Als sie erfahren, 
wie das zugegangen sei, reut sie ihre Torheit, soviel für diese Auf- 
klärung geopfert zu haben: funder fie miegt (bekümmerte) nit fo fer 
in dem, dann (als vielmehr) das fie fo groß doren weren, das fie ir 
ochfen für die Jcunft ketten geben, vnd was ein foliche wackelig. Lap- 

*) im Eulenspiegel freilich wird diese Gegend Hi. 30 und 78 fälschlich zu 
Thüringen gerechnet, weil die Einwohner im 15. Jhdt mitteldeutsche Sprache an- 
genommen hatten. 



41 

peuberg konjiciert tcanklüge^ Knust wankellmf. Allein weder werden 
die Diener sich erkühnt haben, den Bischof der Lüge zu zeihen, noch 
war es überhaupt eine Lüge, was er ihnen gesagt hatte. Ich habe 
früher an wimpeltöge, wispeltöge^ Flause, Rank, gedacht; aber eine 
andere Emendation liegt näher: entweder fehlt fache und für wackelig 
ist nd. mackelik (einfach, leicht) zu lesen: unde was (doch) fulk 
mackelike fake; oder noch einfacher: ufide was fo mackelich, da das 
Suffix lik um 1500 auch schon in der erleichterten Form lieh ge- 
bräuchlich war. 

In Hi. 93 macht U. sein Testament: vnd an fier wachen falten 
fy einhellich die fchan kift, die er inen anzeigt mit kofilichen fchlü/felen 
wol bewart ^ vnd fie wer noch vff zu fehlte ßen, das ien das darin wer, 
mit einander teilen, vnd etc, Lappenberg möchte lesen: wa [besser 
wäre wan, denn] fie wer noch zu, vfffchließen. Dass die Kiste zu war, 
werden sie wohl gesehen haben, als U. sie ihnen zeigte ; wozu brauchte 
er das noch ausdrücklich ins Testament zu setzen? Ich möchte eher 
annelmien, dass S mit nd. weer = weder (weder) nicht hat fertig 
werden können. Man lese nd. : unde an veir weken fcholden fe ein- 
drechtliken de fchonefn?] keften, de he one antogede mit koftel(ik)en 
flotelen, wol heueren unde fe weer uppe noch to fluten etc., d. h. sicli 
überall nichts mit den Schlössern zu schaffen machen. 

Betreifs einer Stelle bin ich nicht zu sicherem Resultat gekommen, 
ob ein nd. Wort noch zu erkennen ist. Nachdem U. die Senfkruke 
aus dem Keller geholt hat, richtet der Koch in faß fchüffplin den 
fenffan vnd fchickt (S 1519 setzt hinzu: das) zu tifch, 10. Lappenberg 
wiJI das für faß lesen. Aber es hätte dem oder vielmehr einem heissen 
müssen. K hat das fragliche Wort als Druckfehler für sechs genommen: 
in fvß dobbeüetger. Schwerlich richtig: denn die Zahl der Schüsseln 
ist ganz gleichgültig, weshalb auch nicht die Zahl der Personen, die 
dem Gastmale beiwohnten, angegeben ist. Sollte faß etwa ein stehen 
gebliebenes Fragment von falfeerken, dem Deminutiv von falfeer, Brüh- 
sehüssel, Sauciere, sein? Das Deminutiv bezeichnete vornehmlich 
Essignapf, Senfschüssel. Schüffelin wäre dann Zusatz des Strassburgers. 

Lappenberg hat noch ein Misverständnis eines ndd. Ausdruckes 
in Hi. 4G gefunden, was ich nicht zugeben kann: kalck oder, nach 
S 1519, kalch soll aus talg verderbt sein. Aber ü. verkauft dem 
Schuhmacher nach der Darstellung sechs Tonnen Kalk und sechs 
Tonnen koken fckmaltz. Und Kalk wird indertat zur Bereitung nicht 
bloss der Pelze (vgl. Hi. 52. 58), sondern auch des Schuhleders (vgl. 
gekalket ledder in der Hamburger Schuhmacherrolle a. 1434, bei Rüdiger 
S. 280) gebraucht. Im Mittelalter, wo die Schuster selbst ihr Leder 
zu gerben pflegten, bedurften sie sicher des Kalkes. Koken fchmaltz 
lässt eine doppelte Erklärung zu. Entweder kann es „Küchenschmalz" 
heissen (so hat K es aufgefasst), oder lök ist oberdeutsche Form für 
keck oder queck im Sinne von ^flüssig". Letzteres ist anzunehmen; 
denn Küchenschmalz wäre eine ungeschickte, ist auch sonst eine un- 
belegbare Wortbildung; und jedenfalls kann im Nd. nicht kökenfmolt 



42 

gestanden haben, da es in dieser Sprache zur Bezeichnung der ver- 
schiedenen Fettarten genug Ausdrücke gab, wie tran^ taich, fmer^ vd. 
Das erste Wort wird, weil obrd. unbekannt, in Hi. 44 durch fifch- 
feißtCj fifchfchmalt^^ feefifchfchmaltz umschrie})en. Karrenfalbe 64, bei 
K karrenfmer, ist tcagensmer. Bei Mk fchmalts hat man die Wahl 
zwischen Talg und Schmer ; doch spricht das Adjectiv für das letztere. 
So hat auch K sein küehenfmalts verstanden, denn in der Ueberschrift 
der Historie setzt er zu dem kalk von S noch fmer hinzu. Offenbar 
hat Lappenberg die Nichterwähnung des Schmeres im Titel zu seiner 
Konjektur bewogen; allein es hat sich schon oben gezeigt, dass auf 
diese Inhaltsangaben der Historien nicht allzuviel Gewicht zu legen ist. 

Wortspiele nnd Witzredeo. 

Ein ganz besonders wichtiges Moment für die Frage, ob das 
Volksbuch ursprünglich nd. war, muss man in den Wortwitzen des- 
selben erkennen. Die meisten der Schwanke laufen auf Wortklauberei 
hinaus. Eine Anzahl derselben haben ihre Spitze und damit ihre 
Verständlichkeit bei der Uebertragung ins Hd. eingebüsst. Seit bald 
vierhundert Jahren behilft sich die Welt mit dem Dichtwerk, welches, 
wie in dem Masse nur wenig andere, auf Doppelsinn des Ausdrucks 
und auf Wortspielen beruht, , in einer Redaction, welche manchen 
Historien allen Witz geraubt hat. Das hat mit bewirkt, dass der 
Held des Romans dann nicht in der Gestalt erscheint, wie ihn der 
Verfasser sich gedacht hat, nemlich nicht als kurzweiliger, sinnreicher 
Schalk, dem ein Witz und Wortspiel über alles geht, dem derlei 
Scherze so nötig sind wie dem Fisch das Wasser, sodass er sich ihrer 
selbst angesichts des Todes nicht zu enthalten vermag, sondern dass 
er vielmehr bald als unverschämter Hanswurst, bald als schadenfroher 
Schurke, der ohne alle Veranlassung seine Mitmenschen peinigt, sich 
darstellt. Simrock's Neubearbeitung hat in dieser Beziehung nichts 
geändert. Wie er nicht selten die offenbarsten Verderbnisse von S, 
von denen oben gehandelt worden ist, beibehalten hat, so hat er des- 
gleichen die ursprüngliche Pointe, wo sie verloren gegangen war, nicht 
wiederhergestellt. Freilich war das auch in den meisten Fällen in 
hd. Sprache gar nicht möglich, weil der Witz sich im Gleichklang 
nd. Wörter barg. In der Mehrzahl der Erzählungen liegt allerdings 
die Doppelsinnigkeit klar zutage. In anderen lässt sie sich mit einiger 
Aufmerksamkeit leicht entdecken, wie dass Hi. 1 ^^taufen'^, Hi. 30 
,.waschen^^, Hi. 60 ;,mit sich nehmen" in zwiefacher Bedeutung ge- 
braucht wird. Dann bleiben aber immer noch manche Witze und 
Schwanke, die allein aus dem Nd. zu verstehen sind. Von denselben 
sind ein paar bereits besprochen. 

Ein solches Wortspiel hat sich der Verfasser selbst erlaubt, wenn 
er von U. in Hi. 4 sagt, er habe, weil er die Rache der angeführten 
Bauern fürchten musste, zu Haus bei seiner Mutter gesessen und 
Helmstedtische Schuhe geflickt. Dass damit ausgedrückt sein soll, er 
sei für einen Helmstedter Schuhflicker beschäftigt gewesen, braucht 
niemand Lappenberg zu glauben. Wie hätte ihn denn (Hi. 5) die 



43 

Mutter strafen dürfen, dass er kein Handwerk lernen wollte; Nein, 
die Redensart gehört zu den scherzhaften Umschreibungen eines Zeit- 
worts durch einen ähnlich lautenden Ortsnamen, wie man z. B. einen, 
der gerne nimmt, aus Nemerow, einen zudringlichen Menschen aus 
Anklam gebürtig sein lässt. Wackernagel nennt diese Sprachwendungen 
geographische AUegorik. Ueber sprichwörtliche Redeweisen dieser Art 
hat Latendorf mehrfach gehandelt. Die in Rede stehende wird be- 
deuten „sich hehlen^ sich zu Haus halten, sich verstecken^. Der 
Au^ruck kann nur in der Nachbarschaft von Helmstedt entstanden 
und allgemein verständlich gewesen sein. In Strassburg ist er sicher 
so wenig üblich gewesen, als der Name der massig grossen Stadt und 
der Ruf ihres Hauptgewerbes, nach welchem eine Kapelle die Schuster- 
kirche hiess, dahin gedrungen sein werden. 

In der Hi. 20 schlägt U. dem Bäcker, dessen Mehl er auf den 
Hof gesichtet und so die Zeit des Teigmachens verpasst hat, vor, den 
fertigen Teig aus des Nachbars Haus zu holen und dafür das eigene 
Mehl hinzutragen. Der Meister gerät über diesen Vorschlag in be- 
rechtigten Zorn: du teilt den tüffel holen^ gang an galgen vnd hol dieb 
haryn (S 1519 gang du fchalk an galgeiiy vnd hol dieb harein^ mxd laß 
mir des nachburen deik ligen). Dass der Meister im gerechten Unwillen 
den, ihm solches zumutenden Gesellen an den Galgen wünscht, ist 
natürlich. Aber warum setzt er die Worte hol dieb hinzu? die noch 
dazu für das Andengalgengehen einen ganz anderen als den gewöhn- 
lichen bedingen. Warum sagt er nicht: diebe oder einen Dieb? Die 
Antwort wird sich jeder selbst geben, wenn er an den ähnlichen Klang 
von deech und decf oder deich und deif denkt. Der Bäcker muss 
deech oder deich gesagt haben, was U., weil man vom Galgen keinen 
Teig holen kann, sich stellend, als sei der Ausruf des Herrn kein 
Fluch, sondern ein Befehl, auf das deutet, was sich vom Galgen einzig 
bringen lässt. In jedem anderen deutschen Dialekt wären das für die 
Situation so passende Wortspiel und der sich daran knüpfende Schwank 
unmöglich gewesen. Selbst Kruffter wäre das nicht mit deich und 
dief geglückt; aber eine Ahnung scheint er gehabt zu haben, nemlich 
dass der Fluch eben Fluch sein müsse; er kürzt darum: wiltu den 
duvel holen? ganck an galgen vnd hoil dieff! 

Als U. in Hi. 39 den Rostocker Schmied gereizt hat, spricht 
der im Aerger ähnlich: gang mir doben vß dem (S 1519 meinem) huß^ 
du verzweifelter fchalck; worauf U. über den Boden und das aufge- 
brochene Dach das Haus verlässt. Doben ist zusammengezogen aus 
da oben. Unmöglich können das die Worte des Meisters gewesen sein. 
K sieht das ein und hilft taliter qualiter: ganck up dat huiß! was 
einen Fluch vorstellen soll. F]s handelt sich aber um ein Spiel mit 
boven (mit kurzem o: oben) und boven (mit langem o: Buben). Im 
Zusammenhange stand ^Buben^ etwa so: Der Meister ward zornig 
und sprach zu ihm, dass er das ßett wieder hin trüge, wo er es ge- 
nommen hätte, und sprach fürder zu ihm in hastigem Mute : und dann 
mit dir Buben aus dem Haus! du verzweifelter Schalk! 

In Hi. 47 nimmt U. statt des Hopfens den Hund des Brauers, 



44 

weil der Hund Hopf liiess, /aw Maische und siedet ihn zu Tode. Hier 
erscheint der Name bloss deshalb geschaffen, damit der Schwank 
möglich werde. Ein solcher Witz ist schal und ohne Salz. Ganz 
anders aber, wenn der Sprachgebrauch durch Paronomasie einen Witz 
vorbereitet hat; wird der dann in die Tat umgesetzt, so ist ein er- 
götzlicher Schwank fertig. Und ein solcher Fall liegt in dieser Er- 
zählung hinter der Darstellung in S verborgen. Im Braunschweigischen 
Dialekte gab es ein Synonym von hoppe^ Hopfen, nemlich ein schwaches 
Feminin rorfe, worauf Hänselmann im 2. Bde. seiner Braunschweig. 
Chroniken im Glossar zuerst aufmerksam gemacht hat. Man vgl. die 
Stellen daselbst und ferner bei Hänselmann, Braunschw. ÜB. I, S. 
69 f. 92. 135. 164. Es scheint der Ausdruck auf den Zapfenhopfen, 
lupulus femina, und seine Frucht beschränkt gewesen zu sein. Viel- 
leicht beruht der hd. botanische Name „Läufer" auf derselben Vor- 
stellung und mag das nd. Wort dasselbe sein, was als schwaches 
Masculin rode (Rüde), ein Synonym von „Hund", allgemein ver- 
breitet und üblich ist. Diese Hi. 47 zeugt durch das Wortspiel un- 
widersprechlich für den Braunschweigischen Ursprung des Volksbuches. 

Wenn U. dem Hildesheimer Kaufmann in Hi. 64, der ihn auf 
dem Felde liegend traf, auf die Frage, was er wäre, mit verdeckter 
fchalckheit vnd kliiglichen antwurt, er wer ein Imchenlmab vnd het Iceinen 
dienft^ so ist nicht einzusehen, wie in diesem Bescheide die Schalkheit 
und Klugheit U.'s sich kundgiebt. Freilich hat „Küchenbube" auch 
die Nebenbedeutung von „Schmarotzer^. Als solcher erweist sieh 
aber ü. in der Historie nicht. Nehmen wir an, dass er mit neuer 
Wortbildung köhlknccht oder -hmpe sagte und damit einen Gaukler, 
Possenreisser meinte, während der Kaufmann dies als das gew^öhnliche 
Wort kokel' oder kokenkneckt (Koch- oder Küchenknecht) verstand, 
so ist die Schalkheit klar. Dass ü., dann nach seinem Namen gefragt, 
grade Bartholomäus wählt, mag auch noch einen andereji Grund 
haben, als den auf der Hand liegenden und im Buche durch die 
syllabierende Schreibung Bartho . lo . me . us angedeuteten, den Kauf- 
mann durch einen recht langen ausländischen Namen zu äffen; es ist 
mir aber nicht gelungen, den Grund und die Anspielung zu entdecken. 

Lappenberg wundert sich, weshalb Hi. 67 ins Volksbuch ge- 
kommen sei, da hier U. der Gefoppte ist und nicht, wie sonst, der 
Hänselnde. Die Ursache gab dem mit Worten gar zu gerne spielenden 
Verfasser ein Ausdruck, der zweierlei Bedeutungen hatte. Diese Vor- 
liebe für Wortspiele hat ihn hier sogar dazu geführt, ausnahmsweise 
eine obscoene Geschichte aufzunehmen, was man freilich aus S nicht 
erkennen kann, da die Uebersetzung defch (Tasche) die Zote und den 
Witz beseitigt hat. Im Urtext muss rantze^ ranße gestanden haben 
oder das davon abgeleitete rantzel, rentzel. Beide Wörter bedeuten 
nicht nur Tasche, sondern auch vulva; vgl. Germania XXI, 65, 9. 
Sowohl das einfache Appellativ als auch die Zusammensetzung mit 
dem Adjectiv sind nicht ganz selten als Namen von Wirtshäusern auf 
dem Lande. 



45 

Hl. 69 schildert einen närrischen Bader, der nicht leiden konnte, 
dass man seine Badstuhe so nannte, sondern der wollte, man sollte 
Reinbaus, Haus der Reinigung oder Reinlichkeit sagen, wan der ftouh 
ist in der fonnen, vnd ift auch in der erden^ in der eschen (Asche) vnd 
in dem fand, Lappenberg meint, diese Bemerkung sei unverständlich ; 
vermutlich sei eine vorhergehende Zeile weggefallen, obschon die Stelle 
ebenso in den übrigen älteren Ausgaben laute; neuere hätten sie 
zweckmässig weggelassen, und, füge ich hinzu, haben damit den, 
freilich in S, weil im Hd. nicht wieder zu gebenden, bereits ver- 
dimkelten Wortwitz beseitij^t, aus dem die ganze Erzählung geflossen 
ist. Nicht unmöglich ist, dass wirkHch einmal ein Bader in Hannover 
oder sonstwo gelebt hat, der jene (jrille gelasst hatte; denn die nd. 
Wörter stove, badftove und erst recht ftofhus, wie die Badstube in den 
Goslarer Statuten heisst, konnten sehr gut einem eitlen Badstübner 
als Schein grund dienen liir seinen Wunsch, sein Gewerbe und seine 
Werkstatt mit prunkvollerem Namen zu belegen. Ein hd. Bader hätte 
auf die Ableitung jener Wörter von ftauh nicht geraten können. Im Ndd. 
heisst Staub aber ftof (im Genitiv ftoves). So wird durch Rücküber- 
setzung die Erzählung erst verständli(th, und der Annahme einer Lücke 
bedarf es nicht. 

Als U. auf den Tod liegt (Hi. flO), reist seine Mutter zu ihm. 
Sie spricht: Mein lieber fun, wa hiftu kranck? TL fprach: liehe nmt er, 
hie zwüfchen der leisten vnd der wand. Ach! lieber fun^ fprich mir 
mch zu ein fues wort. U, fprach: liehe müter^ honig das ist ein fuß 
krut. In welcher Weise U. den Ausdruck „süsses Wort" absichtlich 
falsch versteht, ist deutlich, und an diesem Witz könnte man sich 
genügen lassen. Ich meine aber, dass, wie die erste Antwort auf die 
Frage, wenngleich nicht völlig reimt, so auch das der Fall gewesen 
sei mit der zweiten Frage und Antwort. Die Herstellung ist durch 
Einsetzung des Synonyms von Kraut in ndd. Gestalt leicht bewerk- 
stelHgt : wort (Würz, Gewürz). Zugleich haben wir dann ein Wortspiel 
mit ward und wort. Von den beiden folgenden Entgegnungen U.'s 
möchte ich ebenfalls mutmassen, dass sie in Reimen waren oder Wort- 
spiele enthielten; nur weiss ich aus der Ueberlieferung von S nichts 
sicheres zu gewinnen. 

Reimrerse. 

Die Hi. 90 hat uns mit einer anderen Eigentümlichkeit des 
Volksbuches bekannt gemacht, dass nemlich sich gereimte Verse in 
ihm finden. Bei der Hi. 41 ist das längst erkannt und Lappenberg 
hat auch drei der vier Reden U.'s in dieser Geschichte als V<'rsf» 
drucken lassen. Der vierte Reimsj)ru(h ist in dem Masse durch S 
verändert, dass seine Wiederherstellung unm(iglich scheint. Der dritte 
ist intact geblieben. Er ist vielleicht entlehnt, doch habe ich ihn an 
den Stellen der mhd. Litteratur, in denen sonst dieselbe Redensart 
nicht vifch unz an den grat, d. h. nicht vollkommen, vorkommt, nicht 
finden können. Aus dem Ild. muss er stammen, da mnd. die (iräte 



46 

graäe (fem.) heisst und nicht, wie im Mhd. dei' grat, Uebrigens ist 
die bezügliche Redensart auch mnd. : he en is nicht vifch uppe de 
graden; (Wehrmann) Lübeck. ÜB. IX S. 621. Die beiden ersten 
Sprüche lassen sich leicht wieder herstellen. Der erste würde nd. lauten: 

wan gy hebben yfern unde kol 
unde wind in dem balge hol, 
fo kbne gy fmyden woL 

Kol als Collectiv ist ganz gewöhnlich im Mnd. ; und das nach- 
gesetzte Adjectiv in der zweiten Zeile muss regelrecht unflectiert 
bleiben. In dem zweiten ist das, im Mndd. ganz gewöhnliche kumpan 
für gefel einzusetzen. S war das Wort ungeläufig, wie man aus dem 
Schwanken der beiden Drucke zwischen cumpanien, companien, com- 
patiion^ Company in Hi. 27. 39. 64 merkt. Lappenberg hält dafür, 
dass diese vier Sprüche durch ihre Oberflächlichkeit komisch werden. 
Aber es werden zum Teil Zoten darin enthalten sein, was beim vierten 
deutlich genug ist. Haupt hat auch den zweiten als im Liedersaal 
von Lassberg III, 205 so verwendet nachgewiesen; s. seine Ztschr. 
XV, 266. 

An die gereimte Grabschrift U.'s erinnere ich hier bloss. Aber 
auch sonst kommen hie und da Reimverse vor. Der Verfasser scheint 
gerne Reden so eingekleidet zu haben. Manche liegen in S noch er- 
kennbar vor; so z. B. in der Rede des Landgrafen am Schluss von 
Hi. 27 : Nun fehon wir wöl^ das wir betrogen fcint^ vnd mit Ulenfpicgel 
hon ich mich nie belcümern wollen, nochdan ist er m vns kumen; doch 
die zwei hundert gülden wollen wir wol verdulden, fo er dennocid ein 
fchalck mus bleiben, vnd muß darumb vnfer fürftenthom meiden, Ndd. 
könnte es gelautet haben: 

Nu feie wy dat wol in, 

dat wy hedrogen fyn. 

Mit ülenfpeigel wolde ik my wü be teeren, 

nochdan dede he to uns keren; 

doch de tivee hundert gülden 

Wille wy wol verdulden, 

fo he dannoch ein fchalk mot bliven 

unde darumme unfen vorftendom miden. 

Ein altes Sprichwort in Reim ist verwendet Hi. 34: 

Gang geen Born f rummer man ; 
kum herwider nequam. 

(vgl. Dat nye schip van Narragonien, hrsg. v. C. Schröder, 4453.) 

Hi. 59: aber die groffe defch, die ich meine (S 1519 meint), 
(das iß dife defch nit, ich teil ir auch niU) 
fie ist noch zu dein, 

WO die alte volle Form deine einzusetzen ist. 

In Hi. 69 spricht U. beim Eintritt in die Badstube: 

Got grüß vch, her vnd euwer husgefind (S 1515 verdruckt 

husgefeind) 
vnd alle die ich in difem reinhuß find. 



47 

In Hi. 92 sagt der schmählich betrogene Pfaflfe: hetrngftu mich 
in deinem letften end^ da du in deinem todbet leiste 

fo dürffen die ginnen nicht klagen^ 

die du betrogen haft in deinen jungen tagen. 

Hier werden auch die beiden ersten Sätze ein Reimpaar gebildet haben. 
Und als unreinen Reim oder als Assonanz kann man auch die Schluss- 
rede des Priesters fassen: 

du biß ein fchdlck ob nllen fchelcken vßgelefen ; 
kanft (1. konteft) du dich von (1. vor) Lübick von dem galgen 

reden, 
du antwurft auch wol mir wider. 

Andere Reime lassen sieb herstellen, wenn man ins Nd. zurück- 
übersetzt. So Hi. 18: Halber ßat, Halber ftat, der nam von (S 1519 
mü) der dan^), dein bier vnd koft fchmcckt wol^ alter dein pfenivg- 
feckel feind von füwleder gemacht^ wo ich im Original vermuten 
möchte : 

Halber/ladt, Halberßadt, 

den namen mit der dat^); 

wente dyn beir unde koft wol fmaket, 

men dyne hygordel fint van ful edder gemaket. 

Ein Reim liegt auch in der Frage dos Rackers vor in Hi. 19: 

wat plecht me to bakken .^ 
ulen edder meerkatten? 

Gereimt mögen ferner die Worte gewesen sein, welche in Hi. 43 
U. seinem Meister auf dessen ironische Bemerkung du thüft alles 
was ich dich heiß^ antwortet : Welcher thüt das man in heißt, der würt 
nit gefchlagen, was anders miiglich zuthun ist; wenigstens geben • deit 
und heit einen Reim, das folgende kann stark geändert sein. 

In den Schlussreden von Hi. 45 scheinen mehrfache Verse zu 
stecken, aber es ist schwierig, sie herzustellen. Nur in den Worten 
des Schmiedes treten sie deutlicher hervor : ich hon allweg gehört^ wer 
mit fehalckslüten beladen ift^ der fd den fchlupff abfchneiden^ vnd fie 
laffen gon; het ich das auch gethon^ fo weren mein fenfter wol gantz 
bliben (ergänze : fton ? oder vielmehr nd. ftan). Man vergleiche Koker 
S. 326: 

we da vorladen is myt fchelken, 

de mach fyne flippen affnyden 

und lofe und flyte fe to tyden 

und late fe dem hufe uthglyden. 

und Haupt's Zeitschr. V, 409: 

de dar is mit eneme herenfone (Bankert, Schurke) vorladen, 
de fnyde af de flippen und lope van eme drade. 

*) rfä S 1519. L. dat (tat), dan; dat ist versehentlich ausgefallen. Man 
sehe die ergötzlichen Entstellungen, welche dieser Druckfehler in den späteren hd. 
Ausgaben veranlasst hat, hei Lappenherg S. 24. 

*) vgl. der (1. den ?) namen mit der daet ; Berckmanns (richtiger Berchmanns) 
Stralsund. Chronik, hrsg. v. Mohnike u. Zober, S. 47. 



48 

Mhd. ßupf heisst Strick, Riemen; mnd. flippe Rocksclioss, Rock- 
zipfel. Dass dies letztere besser passt, wird jeder zugeben. Wie 
verbreitet nd. die Redensart war de oder den ßippen affniden in dem 
Sinne, wenn man mit Buben zu tun habe, lieber einen geringen Schaden 
hinzunehmen, als sich mit ihnen in Streit einzulassen, zeigen ausser 
den beiden oben angeführten poetischen Belegen mehrere prosaische 
im Mnd. Wb. 

In Hi. 52 bemängelt U. den Geruch des zu nähenden Pelzes: 
pfy, pfy, histu fo weiß als hreyden vnd ftinckft fo viel als dreck. Man 
wandle hreyden in die nd. Form Icryt und setze für dreck ein auf 
kryt reimendes Synonym, so ist der ursprüngliche Reim hergestellt. 

Dass in Hi. 91 Reimverse gewesen sein müssen, geht schon aus 
dem einen erhaltenen hervor, in den JVorten U.'s: wan ich fah das 
ein man vff der ftraffen gieng, vnd dem der rock lang vnder dem manteJ 
vß hing; und in der Darlegung der zweiten Reue U.'s könnten die 
Reime gaende : tande, flaende vorgekommen sein; allein die Her- 
stellung hat S so erschwert, dass man wohl auf sie verzichten muss. 

Einen Versuch will ich noch anstellen, den Reim herzustellen in 
der 5. Historie, mit der sprichwörtlichen Rede, die U. dem Wunsch 
seiner Mutter, ein Handwerk zu lernen, entgegenstellt. Er sagt: 
liebe muter, tva^u ßch einer begibt, das würt im feiti lebtag gnüg. Das 
ist ein bekannter Spruch. Der Koker drückt ihn S. 306 so aus: 
we flytygen worna ringet^ de hricht des wol eyn grot ftückc; und S. 332: 
wor fick eyn yderman to holt, des wart öme fyne levedaye genoch. Johann 
Renner in den Livländischen Historien, hrsg. von Hausmann und Höhl- 
baum, S. 197 variiert den ersten Ausspruch des Kokers so: de kregen 
darna ohre rechte Ion, dan dar einer na ringet, dat plecht cm gemeinlkh 
to bejegenen. Aber passt dieser Gedanke zu U.'s Sinnesart? Er will 
ja eben nach nichts ringen, sich zu keinem Handwerk begeben; er 
will es auf gut Glück ankommen lassen. Darum glaube ich, dass S 
aus Misverständniss eines Ausdruckes jenen allverbreiteten Satz anstelle 
des von U. gesprochenen eingeschmuggelt hat. Dessen Rede muss 
vielmehr gelafltet haben: wor een men (nur) to doch (taugt), des werd 
em fyn levedage enoch. 

Vielleicht liegen auch Verse zu Grunde den Reden in Hi. 43: 
kum ich in das huß nit wider, fo bin ich doch hie geweßen; und Hi. 
83: V. fagt: ich bin es; ade, ich far dahin. Selbst (Hi. 66) die Worte 
U.'s: ift Vlenfpiegel in difer gassen nit gcfeffen, fo weiß ich nit in was 
ftraffen er fit^t, könnten, obschon sehr unvollkommen, doch reimen: 
is Ulenfpeigel in differ ftraten nicht, fo en tveit ik nicht tvor he fitt. 

Bereits erwähnt ist, dass eine Anzahl in Mitteldeutschland 
spielender Historien aus einer md. Bearbeitung des Buches stammen 
möchten. Deshalb will ich auch zwei Beispiele von Reimen, welche 
in solchen Erzählungen begegnen, besonders und zusammen behandeln. 
Als U. in Erfurt einen Esel in die Lehre nehmen soll, überlegt er: 
vnfer ift drei, ftirbt der rector, fo lig ich frei; ftirb dann ich, wer wil 
mich manen; ftirbt dann mein discipel, fo bin ich aber ledig, Hi. 29. 



4» 

Wenn wir im Original des Eulenspiegel ein in Hamburg oder Lübeck 
entstandenes Werk erkennen dürften, so Hessen sich die Verse leicht 
einrichten; denn in jenem Dialekte hat langes i im Auslaut sich im 
Laufe des Mittelalters in ig verlegt, das i ward dann behandelt wie 
jedes andere kurze i in offener Silbe, d. h. es ward zu e; eg oder ej 
verschmolz endlich zu ei. So finden wir erst frig^ brig (Brei) u. s. w. 
und schliesslich frey, brey^ in neuerer Sprache gar free^ bree für altes 
/Vi, bri. So würden die Verse etwa lauten: 

unfer is drei (dree): 
ftarft de rectOTy fo hin ik frei (free); 
ftarve dann ik, wol wil mik manen? 
ftarft myn discipel, fo bin ik des ok ane. 

Ebenso andererseits würden im Brandenburgischen dry und fry einen 
guten Reim geben. Anders im Braunschweigischen, wo man um 1500 
drei^ dree, aber fry sprach. Darum, weil ich glaube, dass der Eulen- 
spiegel in Braunschweig gedichtet ist, aber in Thüringen Erweiterungen 
erfahren hat, möchte ich annehmen, dass diese Verse ursprünglich md. 
oder hd. gewesen sind. Man kann dann sogar meinen, den thüringischen 
apocopierten Infinitiv mane einsetzen zu dürfen, wodurch ein besserer 
Reim hergestellt würde, oder dass gereimt sei: ftirb ich danne^ wer 
wil mich mane, in welchem Falle der dritte Reim zu suchen wäre. — 
Auch in der gleichfalls zu Erfurt spielenden Hi. 61 wird gereimt 
gewesen sein: wduff^ her feckel (S 1519 beutel)^ vnd beml die leut; 
wie gefeit dir das? fchmeckt dir das nit? 

Die Loealisiernng der Historien.^) 

Die Prüfung der Sprache im Ulenspiegel hat zu dem Ergebniss 
einer solchen Menge nd. Sprachgutes geführt, dass die Annahme einer 
selbständigen Bearbeitung, geschweige einer originären Schöpfung des 
Romans durch einen Strassburger und überhaupt durch einen Süd- 
deutschen hinfällig wird. Das Resultat wird bestätigt durch die 
Localisierung der Historien. Einige wenige werden zwar sogar ausser- 
halb Deutschlands verlegt, nach Dänemark, Polen, Rom und zweifel- 
haft nach Paris. Aber nicht eine einzige spielt in Süddeutschland, 
keine am Oberrhein oder gar in Strassburg. Frankfurt am Main, 
Bamberg und Prag ergeben die südliche Grenzlinie für den Schauplatz 
in Deutschland. In dem Raum zwischen dieser Linie und den beiden 
nördlichen Meeren Deutschlands tritt nun aber ein Gebiet als dem 
Verfasser ganz besonders vertraut hervor, welches ungefähr umschrieben 
wird von Aller, Leine, Harz, ünstrut, Saale und Elbe. Hier in Sachsen, 
und zwar im Braunschweigischen, wird der Held geboren; hier verübt 
• er fast die Hälfte aller seiner Streiche, zum nicht geringen Teil in 
wenig bekannten Ortschaften und Dörfern; hier, zumal im Ostfälischen, 
sind die Schilderungen der Gegend am eingehendsten und umständ- 



*) In diesem Abschnitt stütze ich mich vor allem auf Lappenberg's aus- 
gezeichnete Forschungen. 

Kiederdeutsches Jahrbuch. XIX. 4 



50 

liebsten und mit Details ausgestattet, welche die intimste Bekannt- 
schaft des Verfassers mit Local, Einrichtungen, Sitte und Persönlich- 
keiten verraten. Zu diesem Gebiet kommt dann noch einerseits zwischen 
Weser und Leine ein Strich Landes, in dem Eimbek und Oldendorf^j 
liegen, andererseits das Ihneuau-Tal mit Lüneburg, Uelzen, Gerdau 
und Ebstorf, beides Weifisches Gebiet, wie das Braunschweigische 
und das Cellisch-Hannoversche. Es wird nicht von ungefähr sein, 
dass Ulenspiegel in der Nähe der Stadt Braunschweig geboren sein 
soll und dass in den Lüneburg-Braunschweigischen Landen und in 
dem dazwischen liegenden Bistum Hildesheim so manche Historien 
localisiert sind, die sich durch vielfache Ortskenntniss und Anspie- 
lungen auszeichnen: das Volksbuch muss hier entstanden sein. 

Wie genau der Erzähler in diesen Landschaften Bescheid weiss, 
zeigen die bezüglichen Historien überall. Nicht bloss die Dörfer und 
ihre Lage kennt er; auch kleinere Flüsse und Waldgebirge, wie die 
Gerdau und den Elm oder Melm. Wenn U. in Hi. 16 von Rofendal 
über Peine gen Celle reitet und dennoch in Peine den Burgleuten 
scherzend Coldingen an der Leine als seinen Ausreiseplatz angiebt, 
so entspricht das alles genau der geographischen Lage der Orte. 
Von der Schuhmacher zu Helmstedt Bedeutung für das Gewerbewesen 
dieser Stadt ist oben schon die Rede gewesen. Den Goslarer Geist- 
lichen Heinrich Hamenstede der Hi. 64 hat Lappenberg mit Hülfe 
Lüntzel's aus dem Jahre 1496 nachzuweisen vermocht; desgleichen 
den Arnold Papenmeyer, Abt zu St. Aegidien in Braunschweig, dessen 
in Hi. 1 Erwähnung geschieht. Papenmeyer starb, wie Lappenberg 
richtig angiebt, im Jahre 1510. Wann er zu seiner Würde gelangt 
sei, ist nicht überliefert; sein Vorgänger Johannes Stange lebte noch 
1489, s. Dürre, Geschichte der St. Braunschweig im Mittelalter S. 
508. Als der Rat der Stadt im März 1502 die Accise auf Korn er- 
höhte, wollte er die Satzung für seine Mühle zu St. Aegidien nicht 
anerkennen und processierte mit dem Rate, verklagte ihn beim Herzog 
und wollte ihn gar schliesslich in den Bann bringen, bis ihn jählings 
am 25. April 1510 der Tod übereilte. Er war ein geborner Braun- 
schweiger, Sohn eines Bürgers aus der Altenwiek. Weiteres über ihn 
s. bei Hänselmann, Braunschw. Chroniken H, 406 f. und 544 ff. Diese 
Daten sind wichtig für die niederdeutsche Ausgabe des Volksbuches, 
deren S sich bedient hat zur Uebertragung insHd.; denn nach 1502 
wäre ihm gewiss nicht das ehrende Prädicat wirdig gegeben worden, 
wenn der Verfasser ihn zu nennen überhaupt noch für passend ge- 
halten hätte. Die Zeit vor 1502 stimmt aber auch mit der Angabe 
der Vorrede, wonach die Abfassung des Buches ins Jahr 1500 fällt. 
Daran dass der Abt wirklich, wie Hi. 1 berichtet, damals im Besitz 
der Kirche und des Dorfes zu Ampleven gewesen ist, hege ich keinen 
Zweifel, obschon es sich nicht nachweisen lässt. Sind doch die übrigen 

^) Hi. 88, wo der Name aber in Oldenburg verderbt ist. An Lappenberg's 
Annahme, dass eins der Oldendorf genannten, bei Eimbek gelegenen Dörfer ge- 
meint sei, ist nicht zu zweifeln. 



NachrrcKten über die Geschichte von Ampleven, dass es anfänglich 
den von ützen gehört habe und hernach wegen deren Räubereien 
von den Magdeburgern und ihren Bundesgenossen zerstört sei, ur- 
kundlich richtig. Da der Rat von Braunschweig im Jahr 1433 die 
Burgstätte mit allen Zubehörungen samt dem Patronat der Dorfkirche 
vom Braunschweiger Herzog gekauft hatte (Dürre S. 364), so wird 
Arnd Papenmeyer durch den später von ihm so angefeindeten Rat 
in den zeitweiligen Besitz gekommen sein. 

In dieser ersten Historie wird als Braunschweiger Sitte erwähnt, 
das man die kinder naeh der töffe in das bierhvß tregty vnd find frölich 
V7id vertrincken die kinder alfo^ das mag dann des kinds vatter bejsaln. 
Dieser Brauch war allgemein norddeutsch. Daher rührt das nd. 
Wort kindelbeer für Kindtaufsschmaus, das vom Mnd. Wb. aus ver- 
schiedenen Gegenden belegt wird; dass Braunschweig darunter fehlt, 
ist sicher nur Zufall. In Ditmarschen verlangen nach der Reformation 
(ca. 1540 — 50) die Geistlichen, dass die Kindelbiere frei gegeben 
werden möchten. Es gehe der Zwang des Kindelbiers so weit, dass 
die gaden (vgl. S: douffgötel)^ naher fchen unde de van der drankfchop 
(Trinkgelage, Fest) wegen darto vorplichtet, willen dat ungedofte kind 
to der dope nicht vören, fe hebten denne vorfekeringe efte borgen vor 
dat kindelbeer ; s. Neocorus, Chronik des Landes Dithmarschen, hrsg. 
von Dahlmann II, 147. Man wird den Vorgang genannt haben ^das 
Kind vertrinken", grade wie man noch jetzt nach einer Beerdigung 
„das Fell oder die Haut versäuft". 

Mit der Stadt Braunschweig ist der Verfasser offenbar gut be- 
kannt. In der Historie 19 kommt Ulenspiegel zu der Bäckerstube, 
in deren Nähe ein Bäcker wohnt, welcher U. in sein Haus ruft und 
ihn fragt, was für ein Geselle (Handwerksmann, S 1519) er wäre, 
worauf dieser antwortet, er sei ein Bäckerknecht, d. h. Bäckergeselle. 
K giebt beckerftube durch beckergaffel wieder; er fasste jenen Ausdruck 
in S demnach als Gildehaus oder Innungsherberge der Bäcker auf, 
und so mag auch S ihn wohl verstanden haben, denn in Strassburg 
sagte man dafür eben ftuhe. Ein solches Haus kann aber nicht ge- 
meint sein, weil ein auf der Bäckerherberge zuwandernder Geselle 
nicht erst nach seinem Handwerk gefragt zu werden brauchte. Und 
ftove hat im Mnd. beinahe ausschliesslich den Sinn von Badstube. 
Aber von einem beckerftoven^ einer nach den Bäckern genannten Bad- 
stube, in Braimschweig wird sonst nichts berichtet. Zunächst möchte 
man vermuten, dass beckerftove aus fteker-^ fteckerftove entstellt sei. 
Aber diese Badstube lag ziemlich weit entfernt von der Stelle, an 
welcher die spätere Localtradition das Haus des Bäckers suchte, vom 
Bäckerklint. An dem Platze, der diesen Namen führt, liegt ein Haus, 
das bei einem Neubau zu Anfang des 17. Jhdts mit einem Standbilde 
Eulenspiegel's versehen worden ist, weil er hier als Bäckergeselle ge- 
arbeitet haben soll; s. Steinacker, Führer durch Braunschweig S. 72. 
Vielleicht ist sein Bild damals nur erneuert worden. Jedenfalls ist 
die üeberlieferung glaubwürdig, insofern die dem Bäckerklint sehr 

4* 



52 

nahe gelegene, ohne besonderen Namen nachweisbare Badstabe am 
Petri-Tore füglich so geheissen haben kann. Möglicherweise mag 
sogar im nd. Ulenspiegel der Bäckerklint genannt, der Name aber 
von S unterdrückt worden sein, da er denselben sicher nicht verstand; 
ist doch Mint (lat. clivus, Anhöhe, Hügel) schon im Mnd. so veraltet, 
dass ^s nur noch in Ortsbezeichnungen begegnet. Nachdem U. von 
seinem Meister den Abschied bekommen hat, kehrt er in die Herberge 
zum wilden Mann ein. So hiess früher ein Haus in der, vom Bäcker- 
klint nach dem Altstadtmarkt führenden Breitenstrasse, ;,ob schon 
im Mittelalter, ist unerwiesen^ (Dürre S. 697; vgl. Ribbentrop, Be- 
schreibung der Stadt Braunschweig I, 90), wenn wir nicht das Zeugnis 
unseres Volksbuches dafür gelten lassen wollen. Am andern Tage, 
welcher der St. Nicolaus-Abend war, ging U. bei der Kirche stehen 
und verkaufte seine gebackenen Eulen und Meerkatzen; an wen, das 
sagt uns der Tag. Wenngleich nämlich die Schüler der St. Blasius- 
Stiftsschule seit 1407 sich am 5. December, dem Vorabend des Nico- 
laus-Festes, keinen Kinderbischof mehr wählen durften (Dürre S. 567), 
so wird doch eine Feier zum Andenken an diesen Patron der Schulen 
fortbestanden haben. Am 6. December ward ihm zu Ehren nach wie 
vor ein feierlicher Gottesdienst in der Stiftskirche gehalten (Dürre 
S. 401), das Vorfest am 5. vielleicht in der St. Nicolaus-Kirche; denn 
dahin läuft der Bäcker, um sich an U. seines Schadens zu erholen, 
während vorher die Kirche, bei der ü. ausstand, nichjb genannt wird. 
Die Nicolaus-Kirche war nur eine kleine Kapelle. Doch scheint ihre 
Nennung nicht etwa erst durch S in den Text gekonunen zu sein; 
und der Verfasser wird sie nicht nur wegen des Heiligen gewählt 
haben. Sie lag nämlich am Danmie, einer hauptsächlichsten Ver- 
kehrsstrasse, und in beträchtlicher Entfernung vom Bäckerklint, sodass 
sowohl der rasche Absatz der Backwaare als auch dass den Bäcker 
die Kunde davon zu spät erreichte, geschickt motiviert erscheinen. 

Nicht minder verrät der Verfasser seine Ortskenntniss in den 
übrigen Braunschweigischen Geschichten. Den Stiefelmacher der Hi. 
45 lässt er auf dem Kohlmarkt wohnen; gewiss nicht ohne Grund, 
denn die nach den Schustern benannte Schostrate zweigt vom Kohl- 
markt ab. — In Hi. 56 reist U. von Leipzig nach Braunschweig und 
konmit zu einem Gerber auf dem Damme. An dieser Strasse wohnten 
vornehmlich Gerber, sodass sie auch der Gerberdamm hiess (Dürre 
S. 703). Und wer von Leipzig, von Südosten kam, betrat die Stadt 
nicht weit vom Damme. — Auch der in Hi. 55 den Leipziger Kürschnern 
gespielte Streich, ihnen eine in ein Hasenfell genähte Katze als einen 
Hasen zu verkaufen, weist nach Braunschweig. Die Geschichte ist, 
wenig anders, wirklich in dieser Stadt geschehen, wo 1446 ein städtischer 
Büchsenschütze Ernst Bock die Pelzer auf diese Weise narrte und 
ärgerte; s. Hänselmann, Braunschw. Chron. H, 340. 

Kissenbrügge lag nach Hi. 38 im Asseburger Gericht, das Ge- 
richt gehörte dem Rate von Braunschweig. Das ist ganz richtig, und 
nicht minder, dass U. den Pfarrer beim Bischöfe von Halberstadt 



63 

verklagen will; denn Kissenbrügge lag in dessen Sprengel. — Hildes- 
heim ist dem Verfasser gleichfalls nicht fremd. Er kennt das Dorf 
Hohen-Eggelsen bei der Stadt, Hi. 37; und in dieser macht er einen 
„ Heumarkt ^ namhaft, Hi. 64. Einen Markt dieses Namens kann ich 
in Hildesheim nicht nachweisen, ein Neustädter Markt wird kaum durch 
Druckfehler in S zum Heumarkt geworden sein. Uebrigens muss 
die Stelle in der Historie auch sonst verderbt sein; denn wenn es 
heisst recht in der ftraffen^ cUs man von dem heumarkt wil gan, want 
ein reicher iouffman^ der gieng vff ein eeit vor dem felben thor fpacieren^ 
md wcU vff feinen garten gon^ so giebt das keine genügende Orts- 
bestimmung, da doch von jedem Marktplatz und so auch von jenem 
Markt in Hildesheim mehrere Strassen ausgehen. Es ist also aus- 
gefallen die Angabe, wohin jene Strasse geführt habe, und weil es 
nachher heisst, dass er ;,vor dem selben Tor*' spazieren wollte, so 
muss vorher ein Tor genannt sein. Vermutlich klang der Name des- 
selben dem Strassburger so sonderbar, dass er ihn als zugleich für 
den Hergang unerheblich unterdrückt hat, unbekümmert darum dass 
auf dieses Tor nachher Bezug genommen wird. Nach den Proben, 
die uns seine Bearbeitung bereits geliefert hat, ist dem Bearbeiter 
eine solche Willkür und Gedankenlosigkeit wohl zuzutrauen. Bei 
einem selbständigen Verfasser wäre das aber ein unverzeihliches und 
unglaubliches Versehen. 

Von Büddenstedt wird in Hi. 11 gesagt, es sei ein Kirchdorf 
im Lande Braunschweig, gehöre aber in kirchlicher Hinsicht zum 
Stift Magdeburg. Die erstere Angabe stimmt noch heute. Ob das 
Dorf in der Diöcese Magdeburg lag, ist nicht bekannt, weil das 
Kirchenverzeichniss des nordwestlichsten Archidiaconats des Erzbis- 
tums nicht überliefert ist. Da Büddenstedt jedoch zwischen den Halber- 
städtischen Kirchen Scheningen und Helmstedt gelegen ist, an denen 
die Grenze des Magdeburger Bistums hart vorbeilief, da ferner Har- 
beke, gleich nordöstlich bei Büddenstedt, Magdeburgisch war und da 
endlich Büddenstedt nicht unter den Kirchen des Halberstädter Bis- 
tums aufgeführt wird, so darf man die Angabe über die kirchliche 
Zugehörigkeit des Dorfes zu Magdeburg für zuverlässig halten; und 
Böttger hätte seine „Gau- und Diöcesan-Grenzen Norddeutschlands ^ 
in Betreff dieses Kirchdorfes aus dem Ulenspiegel als gut historischer 
Quelle vervollständigen können. 

Dass der Verfasser das seit der ersten Hälfte des 15. Jhs. be- 
rühmt gewordene Bier der Stadt Eimbek kennt, weshalb er Ulenspiegel 
hier seine Schalkheit an einem Brauer üben lässt (Hi. 47) und in 
einer anderen Historie (64) dies Bier nennt, zeugt noch von keiner 
sonderlichen Kenntniss der Stadt. Wenn er aber in geschickter Weise 
durch Erwähnung eines Turniers motiviert, weshalb ein Bauer aus 
dem benachbarten Oldendorf mit einer Ladung Pflaumen nach Eimbek 
gefahren sei (Hi. 88), so verrät er schon mehr Vertrautheit mit den 
örtlichen und historischen Verhältnissen der Stadt. Denn ein Turnier 
ist in Eimbek 1471, allerdings nicht im Sommer, wie die Historie 



54 

angiebt, sondern im October gehalten worden. Lappenberg (S. 281) 
kannte nur ein solches aus dem Jahre 1322, bemerkte aber mit Recht, 
dasselbe könne nicht gemeint sein, weil nach den Worten unseres 
Textes (die fürften von Brunfchwick) damals mehrere Fürsten von 
Braunschweig mit einander über Grubenhagen regiert haben müssten. 
Das war der Fall 1471, als sich der eine derselben, Albrecht III., 
mit Elisabeth von Waldeck vermählte, zur Feier welcher Hochzeit 
das .Ritterspiel mehrere Tage lang auf dem Tiedexer Anger vor Eimbek 
angestellt ward; s. Rehtmeier, Braunschweig-Lüneburgische Chronica 
S. 563 ; Havemann, Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg 
I, 721; Harland, Geschichte der Stadt Einbeck I, 265 f. und Conrad 
Bothe's Cronecken der Saffen, z. J. 1475 (Leibnitii Scriptores Brunsvic. 
III, 416). 

Solche die Oertlichkeit der Historien charakterisierenden Züge 
weisen so ziemlich alle diejenigen Erzählungen auf, welche in dem 
oben umschriebenen Gebiete spielen : die Burg zu Celle vor der Aller 
Hi. 26, dabei eine Brücke; der Damm zu Wolfenbüttel mit der Zug- 
brücke Hi. 38. Die Badstube vor dem Leinetor in Hannover Hi. 69: 
es ist der seit dem 14. Jh. nachweisbare Leinestoven auf dem Otten- 
werder zwischen dem äusseren und inneren Leinetor, s. Grupen, Ori- 
gines et antiquitates Hanoverenfes S. 374 und Ztschr. des histor. 
Vereins für Niedersachsen 1871 S. 131. Dagegen ermangelt ffi. 71 
jeder Localfärbung, so dass die Geschichte nur durch die Nennung 
von Hannover an diese Stadt geknüpft ist; sogar der Name des Wirts- 
hauses wird umgangen: „gond wider in die ftat^ da Jcum ich vß der 
herberg reiten^^ vnd endeckt inen das hus, K dagegen: „gait weder 
in die ftat in die herberg teom gülden leuen, da komen ich vßryden." 
Ob er das einer nd. Ausgabe entnommen hat? Der goldene Löwe 
passt gut: er ist sowohl das Weifische Wappenbild, als auch im 
Hannoverschen Stadtwappen befindlich. Das erregt aber grade den 
Verdacht, dass der Wirtshausname nur ein Zusatz von K sei, zumal 
da (Lappenberg S. 271) auch A wie S das Haus ohne Namen lässt 
und da E, statt dieses zu nennen, die Blinden zum Hansen Fritz in 
die Herberge schickt. War aber die Herberge im nd. Texte unbe- 
nannt geblieben, so dürfte die Historie als eine dem ersten Druck 
des Buches fremde anzusehen sein; denn es wäre unwahrscheinlich, 
dass der Verfasser, welcher die Lage des Leinestoven wusste, nicht 
auch ein Wirtshaus in Hannover hätte nennen können oder, wenn er 
es konnte, die Nennung gegen seine Gewohnheit (vgl. Hi. 19. 29. 46) 
unterlassen hätte. 

Auch die Lüneburger Heide ist dem Verfasser vertraut. Er 
unterscheidet, wie es scheint, Uelzen ;,das Dorf" (Hi. 20) von der 
Stadt Uelzen, wo der Jahrmarkt abgehalten wird, da dann viel Wenden 
(aus dem nahen Wendlande) und ander Landvolk hinkommt (Hi. 68). 
Von Gerdau weiss er, dass es ein Kirchdorf ist und am Wasser 
Gerdau liegt; desgleichen kennt er das eine kleine Meile davon ent- 
fernte Ebstorf als Nonnenkloster, dem ein Propst vorsteht (Hi. 67), 



55 

während dem Mönchskloster MarientuI ein Abt vorgesetzt ist (Hi. 89). 
Alle diese Angaben entsprachen der Wirklichkeit. 

Weiter nach Norden und Nordosten beschriinkt sich die Orts- 
kunde des Verfassers auf einige grössere Städte, so z. l\. Kremen. 
Dass er die Milchweiber (Hi. 70) und die Topfhändlerinnen (Hi. 87) 
auf dem Markte ihre Waare feilhalten lässt, darauf ist wenig Gewicht 
zu legen. Dagegen verdient Beachtung, dass er den Bischof auf das 
Rathaus gehen lässt, um das Gebahren der von Ulenspiegel bestochenen 
Häfnerin zu beobachten; denn das Rathaus lag seit 1410 am Markte, 
während der nicht weit davon abgelegene Palast des Bischofs keinen 
Ueberblick über den Platz gewährte. In dem scherzlustigen Erzbischof 
wird nicht, mit Lappenberg S. 280, Burchard Grelle 1327—1344 zu 
sehen sein, sondern es scheint ^der sehr beliebte und friedfertige^ 
Gerhard III. von Hoya 1442 — 1463 gemeint; s. Miesegaes, Geschichte 
von Bremen III, 192. In Hi. 73 wird sowohl der Name der Stadt 
an der Weser verschwiegen, wo U. Steine säet, als auch derjenige 
der zehn Meilen davon entfernten Stadt, von wo U. nach Ditmarschen 
fahren will, woselbst aber der Sack mit den Steinen liegen bleibt. 
Lappenberg heisst das eine zarte Rücksicht (S. 274); allein, da er 
seJbst zugiebt, dass jene Angaben keine andere Deutung als auf 
Bremen und Stade zulassen, so ist von Rücksichtnahme gegen beide 
Städte wenig zu spüren, höchstens gegen die letztere. Denn die Bos- 
heit war schwerlich gegen Stade gerichtet, eher gegen Hamburg, das 
freiüch ein paar Meilen weiter abliegt; aber die zehn Meilen könnten 
eine abgerundete Zahl vorstellen. Der Erzähler, so darf man vielleicht 
rennuten, hatte bei früherer Anwesenheit in beiden Städten Unan- 
genehmes erfahren, worüber er hier so seinen Groll äusserte.^) Mit 
den Bremischen Kaufleuten lässt er auch in Hi. 72 Ulenspiegel höchst 
despectierlich verfahren. Aus Stade wird Hi. 44 eine harmlose Ge- 
schichte erzählt, in welcher die Ei-wähnung des Trans als Localschil- 
denmg nur in weiterem Umfange gefasst werden kann und die Schalk- 
heit Ulenspiegel's nicht einen Stader Bürger, sondern einen Bauern 
heimsucht. 

In Hamburg (Hi. 74) hat der Verfasser Kenntniss vom Hopfen- 
markt und dass an demselben ein Barbier wohnte in einem Hause 



^) Lappenberg S. 274: „Dieser Schwank ist bei einem späteren Anlasse der 
Heimath Ulenspiegels näher gebracht, nämlich nach der Stadt Braunschweig, unter 
deren Bürger Tyll den Ungehorsam gegen ihren Landesherren ausgesäet haben 
soll," in einem Liede (vom J. 1606) von Tuen Eulenfpiegeln, wie derfelbe in Braun- 
fchweig die böfe vnnütze hdUftarrige Bürger anfänglich gefeiet. — Eine alte Ver- 
wendung der Redensart s. bei Hänselmann, Braunschwg, Chron. II, 256, 21 (a. 
1491): dar me hen na Aken gheyty villichte is der fchelke dar ok hefeyt. — Unab- 
hängig von der Redensart und der Geschichte des Volksbuches scheint ein anderer 
sprichwörtlicher Ausdruck entstanden zu sein, den Dähnert, Wörterbuch der Pom- 
mersch. und Rügisch. Mundart, S. 503 verzeichnet: de is mit Ulen-Saad hefeijt, 
er ist zu einer unglücklichen Zeit geboren, alles läuft unglücklich füi* ihn. Hier 
liegt wohl die Vorstellung von der Eule als Unglück verkündendem Vogel zu 
Grunde j vgl. Grimm, Mythologie, 2. Ausg. S. 1088. 



56 

mit hohen Fenstern; auf Beobachtung deutet auch, dass, Ulenspiegel 
die Stadt zu Schiff verlässt. Aus den Hamburgischen Kämmerei- 
Rechnungen, hrsg. von Koppmann, geht hervor, dass im 16. Jhdt ein 
Haus des Rates am Hopfenmarkt nacheinander von wenigstens zwei 
Barbieren bewohnt gewesen ist (1511 — 1516 de mefter Petersfche, 
also die Witwe eines Barbiers, Bd. V, 89, 12; 1533 ff. Peter Möring, 
S. 487, 11, vgl. mit den Hamburgischen Zimftrollen, hrsg. v. Rüdiger, 
S. 14. 17). Für das 15. Jhdt entgehen uns freilich sichere Zeugnisse. 
Die hohen Fenster im hohen Erdgeschoss sind eine Eigentümlichkeit 
der mittelalterlichen Giebelhäuser in Hamburg. — Das H. Geist- 
Hospital in Mölln (Hi. 90) hat existiert; s. Lappenberg S. 287. Von 
Beginen (Hi. 91 und 94) ist nichts überliefert. Vielleicht sind die 
weiblichen Insassen des Spitals damit gemeint. 

Die Geschichte der Hi. 57 und 58 ist an den schon im Mittel- 
alter berühmten Lübeker Rathskeller und an das bekanntlich scharfe 
Lübische Recht geknüpft. Der Weinzäpfer wird Lambrecht genannt. 
Nach Lappenberg S. 260 lässt sich derselbe nicht als historisch nach- 
weisen, was Herr Staatsarchivar Dr. Hasse auf meine Anfrage gütigst 
bestätigte. Falls unter ^Weinzepfer^ nicht, wie Lappenberg es ver- 
stehen möchte, der Herrenschenke oder Kellerhauptmann zu verstehen 
ist, sondern was das Wort besagt, ein untergeordneter Beamter, so 
wird wohl niemals sich nachweisen lassen, ob der Verfasser des Volks- 
buches den Namen Lambrecht einer wirklichen Persönlichkeit entle\mt 
oder willkürlich gewählt hat. In letzterem Falle zeugt der Name 
jedenfalls von guter Beobachtung. Die Lübeker (und auch die Ham- 
burger) Herrenschenken nemlich, so weit sie bekannt sind, pflegten, 
nach ihren Namen zu schliessen, aus dem westlichen Deutschland ge- 
kommen zu sein, was sich ja ganz leicht erklärt. So selten nun der 
Name Lambrecht oder Lambert nördlich der Elbe sich findet, so 
häufig ist er grade in jenen westlichen Gegenden. Im Jahre 1583 
z. B. hiess der Lübeker Herrenschenke Lambert von Sitterdt (Sittard 
im Niederländischen Limburg) ; s. Wehrmann, Der Lübeckische Raths- 
weinkeller, in der Ztschr. für Lüb. Gesch. II, 81. — An der "Wert- 
angabe des von Ulenspiegel umsonst gekauften Weines, bei S 10 
Pfennig, bei K 12 Pf., bei E 40 Pf. (Lappenberg S. 159) hat Lappen- 
berg S. 261 auszusetzen, dass diese Summen nicht den Wert erreichen, 
auf dessen Diebstahl der Sachsenspiegel und das alte Lübeker Statut 
die Strafe des Galgens setzen. Man darf aber einen so genauen 
Massstab nicht anlegen. Wichtiger erscheint die Angabe ton A: 10 
Witten (Lappenberg S. 159), wozu die 40 Pf. in E stimmen. Diese 
Münzbenennung zeugt wieder von der guten Vorlage der Antwerpener 
Uebersetzung ; denn der Witte (= 4 Pf.) ist eine echt Lübekische 
Münze. Es kommen viele Geldangaben im Eulenspiegel vor. Grössere 
Summen werden durchweg nach dem Gulden, der durch ganz Deutsch- 
land verbreiteten Münzsorte, berechnet; Ausnahme wird gemacht mit 
Erfurt (Hi. 29), wo nach Scljocken alter Groschen gerechnet wird. 
Desgleichen wird im Auslande die dort geltende Münzsorte gewählt, 



57 

in Dänemark Dänische Mark (Hi. 23), in Polen Gulden (Hi. 24), in 
Rom Ducaten (Hi. 34). Betreffs des Kleingeldes wird ebenfalls ab- 
gewechselt je nach dem am Orte geltenden Münzfuss: in Halberstadt, 
Hildesheim Schillinge (Hi. 18. 64), Celle Schillinge Pfennige (Hi. 26), 
Bamberg Pfennige (Hi. 33), Quedlinburg Stephansgroschen (Hi. 36), 
Leipzig Silbergroschen (Hi. 55), Cöln Cölnische Weisspfennige (Hi. 80). 
So wird auch die Rechnung nach Witten zu Lübek in Hi. 57 aus 
dem nd. Original stammen. — Zur Leistung der von Ulenspiegel 
unter dem Galgen ausgesprochenen Bitte (Hi. 58) werden die Keller- 
beamten nacheinander von ihm gefordert: dcis dann der weineepffer 
tüSU hummen all morgen 3 tag lafig^ der fchenck eu dem erften^ der 
greiben fchinder darnach. Das kann unmöglich richtig sein. Mit 
greibenfchinder hat noch niemand etwas anzufangen gewusst. K hält 
sich an fchinder^ beseitigt den Schenken und macht sich den Text 
willkürlich, aber sehr verständig folgendermassen zurecht: dat dan 
der wywfepper tväl kamen 3 morgen na einander, der richterbode vnd 
fchdmenfdiinder darnae^ vnd dieffhencJcer ; alles offenbar Konjektur 
auf Grund der Lesart von S. Anders hilft sich A (Lappenberg S. 
159): ü.' verlangt den ganzen Rat und den Bürgermeister zuerst. 
Simrock lässt ihn samt dem Schenken einfach weg. Lappenberg S. 
446 leitet greifte von mhd. griehe, ausgeschmolzenes Speck, Excremente; 
er meint also das Geschäft, das sonst durch racker ausgedrückt ward. 
Aber wie kommt der unter die Weinkellerbeamten? Auch lässt sich 
d^ angenommene Compositum nirgends sonst nachweisen. Hier muss 
ein Verderbniss vorliegen, welches daher entsprang, dass ein Ueber- 
setzer den nd. Text nicht verstand und die Lübischen Verhältnisse 
nicht kapnte. Wehrmann teilt im angeführten Aufsatz (Ztschr. für 
Lüb. Gesch. H, 79 f.) den Inhalt einer Aufzeichnung vom J. 1504 
mit, die vom damaligen Kellerhauptmann herrührt und deren Gegen- 
stand eine Darstellung der Verfassung und Verwaltung des Weinkellers 
bildet. Danach standen unter dem Herrenschenken als Personal des 
• Kellers vier sog. Gesellen, nemlich ein Bänder [bender?] oder Binder, 
ein Schreiber und zwei Zapfer; weiter zwei Kohlgreven *), denen ins- 
besondere die Heizung und Reinigung des Kellers oblag, und zu 
femerweitigen Dienstleistungen noch vier. Bediente, welche Sclaven 
oder Schlaven [ßaven?] genannt wurden. Einige dieser Beamten zählt 
Ulenspiegel auf. Der Zapfer und Schenke sind von S belassen. In 
der greiben wird man den Plural de greven oder Icölgreven erkennen 
dürfen. Auf völlige Wiederherstellung des ursprünglichen Textes muss 
wohl verzichtet werden; denn es lässt sich ntehr als eine Art der 
Entstelfung des Uebrigen denken. 

Gehen wir weiter nach Osten, so finden wir von Wismar in Hi. 
65 angegeben seine Lage an der See, in Hi. 46 einen Gasthof zum 

^) d. h. Kohlengrafen. Das nd. greve wird bekanntlich nicht nur zur Be- 
zeichnung einer hohen Würde, sondern auch für geringere Aemter verwendet: 
greve bedeutete In einigen Gegenden „Bauervogt, Schulze'', hogreve „Amtmann, 
Arnivrogt*^ ', J!pelegreve heisst „das Haupt der Spiellcute". 



58 

gülden Sternen namhaft gemacht, während 41 und 43 nichts topo- 
graphisches erwähnen. Herr Dr. F. Crull in Wismar hat ^q Güte 
gehabt, mir über den Wirtshausnamen zu schreiben, dass derselbe 
sich nicht nachweisen lasse, was freilich seine Nichtexistenz nicht 
bedinge; denn die Wismarer Stadtbücher seien mit Ausnahme der 
ältesten untergegangen. Aus dem J. 1538 bat Herr Dr. Crull sich 
in seinen Aufzeichnungen von Häusernamen ein goldenes Hom notiert. 
Da S, wie wir gleich sehen werden, in Erfurt einen nachweisbaren 
Hausnamen corrumpiert hat, so könnte er hier ähnlich verfahren und 
einen verbreiteteren Namen an die Stelle des seltenen gesetzt haben. 

Von Wismar an geht dem Verfasser die Localkenntniss aus. 
Wenn Murner wirklich der Verfasser des Volksbuches sein sollte, 
oder auch nur als Bearbeiter selbständig mit dem Stoff geschaltet 
hätte, so wäre das in Bezug auf Eostock ganz unbegreiflich, da er 
als Student sich in dieser Universität aufgehalten hat (Lappenberg S. 
389). Aber in allen Historien, die zu Rostock oder in dessen Nähe 
passieren (39. 40. 50. 81), begegnet nichts, was darauf schliessen 
liesse , dass der Verfasser dort gewesen wäre. Ebenso gebricht auch 
allen anderen Erzählungen, die in den Osten verlegt sind, jede auf 
Anschauung des Verfassers beruhende Localschilderung, so in Pommern 
Hi. 31, in Berlin Hi. 43. 54, in Frankfurt an der Oder Hi. 85, in 
Polen Hi. 24; desgleichen im Norden in Dänemark Hi. 23. Nicht ein- 
mal die Residenzstädte werden in den letzten beiden Historien genannt. 
Doch lassen sich vielleicht die historischen Angaben der beiden zuletzt 
genannten Erzählungen für die Geschichte des Volksbuches verwerten. 
Wenn nemlich Hi. 23 gesagt wird, Ulenspiegel sei bei dem Könige 
von Dänemark bis an dessen Tod geblieben, so darf wohl daran er- 
innert werden, dass Christian I 1481 starb und dass nach C 1539 
das Volksbuch 1483 abgefasst ist: beide Daten möchten wohl in 
Beziehung zu einander stehen. Auch vom König Casimir von Polen 
wird in Hi. 24 als von einem bereits Verstorbenen gesprochen. 
Lappenberg S. 243 sucht in diesem Könige Casimir den Dritten* 
(1333—70). Ich denke, Casimir IV, welcher 1492 starb, Tiat als 
Zeitgenosse mehr Wahrscheinlichkeit für sich. Ist dies aber der 
Fall, dann muss Hi. 24 erst durch eine jüngere Bearbeitung dem ur- 
sprünglichen Bestände des Buches hinzugefügt sein. 

Auch nach Stendal scheint den Verfasser sein Lebenslauf nicht 
geführt zu haben, denn Hi. 51 ist so gehalten, dass sie ebenso gut 
in eine andere Stadt hätte verlegt werden können. Anders wird das, 
wenn wir Ulenspiegel südlich ins Magdeburgische und zumal ins 
Halberstädtische begleiten. Hier ist der Verfasser wieder, wenngleich 
nicht völlig, doch ziemlich daheim, wie er das sinnig in Hi. 2 durch 
die Herkunft der Mutter seines Helden aus dem Saallande andeutet. 
Zwar erfahren wir den Namen des Fleckens nicht, in den die Eltern 
von Knetlingen einwanderten, aber doch dass er an der Saale lag 
(Hi. 3) und in der Nähe von Stasfurt (Hi. 6); ebensowenig, wie das 
Dorf bei Stasfurt hiess, wo Ulenspiegel den Hund schund «(Hi. 82 und 



69 

83). Ganz so genau, wie im Braunschweig-Lünehurgischen sind also 
die Angaben nicht, wie denn auch in Magdeburg (Hi. 14) nur das 
Rathaus erwähnt wird; doch zeugt eben, wie es in der Geschichte 
verwendet wird, dass der Verfasser in der Stadt Bescheid wussto. 
Ulenspiegel will nemlich von der Laube des Rathauses fliegen. In 
den meisten norddeutschen Städten wäre ihm das zu versuchen un- 
möglich gewesen, weil die Rathauslaube einen Raum im Gebäude 
ausmachte. In Magdeburg dagegen, wie aus der Schöppenchronik 
hervorgeht, bildete die Laube eine Art Altan auf Säulen am Rathause. 
Vom Gevekenstein ist schon die Rede gewesen. Der Erzbischof wird 
Bnmo von Querfurt genannt. Zwei Mitglieder dieser adelichen Familie 
haben das Erzbistum innegehabt, jedoch kein Bruno, sondern Conrad 
von 1134—1142 und Albert von 1383 bis 1403. Doch ist die Wahl 
des Vornamens erklärlich, w^eil er in der Familie vorkam und weil 
der letzte des Geschlechtes, mit dem dasselbe 1491 ausstarb (Schöppen- 
chronik S. 418), so hiess. Von der Burg und Stadt Bernburg des 
Grafen von Anhalt (Hi. 22 und 49) wird nichts specielles gemeldet. 
Aber in Halberstadt (Hi. 18) muss der Verfasser gewesen sein; denn 
einmal nennt er den Dom zu St. Stephan. Niemann, Die Stadt Halber- 
stadt, 1824 meldet freilich nicht, wem der Dom geweiht war, wohl 
aber die von Weiland herausgegebene Sächsische Weltchronik S. 215, 8: 
Stephanus w^ar der Schutzpatron des Bistums Halberstadt. Ferner 
weiss der Verfasser, dass man zum Domhof hinauf gehen muss; der 
Halberstädter Domplatz liegt indertat auf einer Anhöhe, die aus der 
Ebene der ihn umgebenden Stadt emporragt. Auch in Quedlinburg 
zeigt er sich orientiert (Hi. 36). Er nennt das Burgtor, weiss, dass 
daselbst ein Stift unter einer Aebtissin vorhanden und dass, weil die 
Stadt zum Halberstädter Bistum gehörte, der Stephansgroschen die 
gangbare Münze ist. 

Von hier an nach Südosten nimmt seine Localkenntniss allmäh- 
lich ab. Die Historie (52) aus Aschersleben ist farblos. Der Wirt 
in Eisleben (Hi. 78) ist aber so charakteristisch gezeichnet, dass man 
eine Schilderung nach dem Leben anzunehmen geneigt wird. Auch 
hat die Erzählung sonst noch einige bereits besprochene Züge, die 
einen zeitweiligen Aufenthalt des Verfassers in Eisleben und im Mans- 
feldischen vermuten lassen. Bei Sangershausen wird gar ein Dorf 
Nienstedten namhaft gemacht (Hi. 31). Die Leipziger und die Dres- 
dener Geschichte (Hi. 55 und 02) könnten ohne Eintrag derselben 
auch anderswohin verlegt worden sein. Dass jene eigentlich nach 
Braunschweig gehört, habe ich bereits bemerkt. Dass sie dieser Stadt 
nicht angeeignet wird, darf wohl als ein Zeugniss für den Braun- 
schweigischen Ursprung des Volksbuches gefasst werden; denn der 
gleiche, im J. 1446 aufrührerischen Braunschweiger Bürgern gespielte 
Streich hatte grosse Erbitterung hervorgerufen und war gewiss 1483 
noch unvergessen. Um die Lage Dresdens vor dem Böhmerwald 
XErzgebirge) und an der Elbe zu wissen, brauchte man auch im 15. 
Jh. nicht erst dahin zu reisen. — Auch die Cölner Erzählungen (Hi, 



60 

79 und 80) und die Antwerpener (Hi. 86) weisen nichts eigentümliches 
auf, als was man durch Bücher oder mündlichen Bericht wissen konnte, 
wie dass man in Cöln nach Cölnischen Weisspfennigen rechnete und 
dass nach Antwerpen auch holländische Kaufleute zu kommen pflegten. 

Es fallt auf, dass nach Süden hin die Geschichten wieder mehr 
Staffage bringen, teils topographische, teils historische. Nicht alle; 
die Erfurter (Hi. 60 und 61) und noch mehr die Nürnberger (Hi. 77) 
sind allgemein gehalten und werden darum vielleicht für jüngere Zu- 
sätze zu halten sein, wenigstens Hi. 77, die auch aller nd. sprach- 
lichen Spuren bar ist. Dagegen zeichnen sich diejenigen Erzählungen, 
welche nach Andeutung der Vorrede und nach Lappenberg's Ermittelung 
aus dem Schwankbuche vom Pfaffen Amis stammen, durch Detailmalerei 
aus. In Nürnberg (Hi. 17) wird das neue Spital erwähnt, woselbst 
der heilige Sper Christi mit anderen merklichen Stücken sich befindet. 
Seit 1424 wurden die Reichs-Kleinodien und -Reliquien in der Kirche 
des H. Geists oder Neuen Spitals zu Nürnberg aufbewahrt. Unter 
den letzteren befand sich auch das fper gotes, wie es in der Ueber- 
trags-TJrkunde des Kaisers Sigmund heisst, lancea qua fervatoris in 
cruce pendentis latus fuit perfoffum; s. Wagenfeil, De Civitate Nori- 
bergenfi p. 223 fqu. und von Murr, Beschreibung der Merkwürdigkeiten 
in Nürnberg S. 195 ff. Mit der Hessischen Residenzstadt Marburg 
(Hi. 27) scheint der Verfasser nicht aus Anschauung bekannt gewesen 
zu sein; aber von der Abstammung und Genealogie der Hessischen 
Fürsten offenbart er teils richtige, grösstenteils jedoch fabulose 
Kenntnisse. Gelegentlich der Disputation in Prag (Hi. 28) weiss er 
von Wickliffe, Johann Huss und den Hussiten zu erzählen und moti- 
viert die schnelle Abreise UlenspiegePs durch einen Charakterzug der 
dortigen Universitätslehrer oder der Prager Bevölkerung. Auf die 
Mitglieder der Erfurter Universität (Hi. 29) erlaubt er sich einen 
spöttischen Ausfall. Auch kennt er ein Wirtshaus jsum Tomen ^ was 
K als zom Thoirn (zum Turm) fasst, damit zugleich einen Sprachfehler 
bessernd; denn der Dativ ^torneW vom stark flectierenden torn oder 
hd. turn ist unmöglich. Dem Strassburger ist aber hier wohl ganz 
wie in Hi. 1 bei funte yflienj der Lesefehler passiert, ein y für ein 
n anzusehen : es wird torney gestanden haben. Die Erfurter Ausgaben 
benennen die Herberge mit dem Synonym zum Thornier; s. Lappenberg 
S. 246. In der letzten Amis-Geschichte, die nach Pommern verlegt 
ist (Hi. 31), findet sich nichts locales; dass die Pommerschen Priester 
sich mehr an das Saufen, als das Predigen hielten, wird der Verfasser 
wohl vom Hörensagen gehabt haben. 

Zu solchen in südlicheren Städten, woselbst der Verfasser mehr 
oder minder Bescheid weiss, localisierten Historien sind ferner zu 
rechnen die Nürnberger Hi. 32, die Bamberger 33, die beiden Frank- 
furter 35 und 63 und die Römische 34. 

In Nürnberg sah Ulenspiegel die Scharwächter im Harnisch 
nachts in einem grossen Kasten unter dem Rathause schlafen. Er 
hatte da zu Nürnberg Weg und Steg wohl gelernt und sonderlich 



61 

den Steg bemerkt, der zwischen dem Saumarkt und de (den 1519) 
hüselin liegt, wo des Nachts bös über wandeln ist. Darauf baut er 
einen Plan. Er bricht in einer Nacht aus dem Steg drei Dielen oder 
Bohlen heraus, reizt dann die Wächter im Rathause durch Läi*men 
zu seiner Verfolgung und lockt sie zu jenem Stege, über dessen Lücke 
er sich hinweghilft, während die Häscher in die Pegnitz fallen und 
sich noch obendrein wegen der Schmalheit der Lücke die Gliedmassen 
verletzen. Von wem diese Darstellung herrührt, der muss in Nürnberg 
allerdings Weg und Steg gewusst haben, muss die Stadt aus eigener 
Anschauung gründlich gekannt haben; denn alle Angaben treffen aufs 
genaueste mit dem überein, was wir von der damaligen Beschaffenheit 
Nürnbergs wissen. Ueber die Geschichte des Nürnberger Rathauses 
hat E. Mummenhoff in den „Mitteilungen des Vereins fiir Geschichte 
der Stadt Nürnberg^ Heft V, 1884, S. 137 ff. gründliche Forschungen 
angestellt, die er dann vervollständigt und in dem ausgezeichneten 
Buche „Das Rathaus in Nürnberg*' 1891 abgeschlossen veröffentlicht 
hat. In beiden Arbeiten giebt er eine Ansicht der alten Fassade 
vor dem Neubau nach einer Handzeichnung v. J. 1614. Da findet sich 
an dem Teile des Gebäudes, der an der Südostseite und nach dem 
Saumarkt hin liegt, ein Schutzdach über einer Bank, die als „Schützen- 
banck*^ bezeichnet ist. Auf S. 30 seines „Rathauses^ erteilt Mummen- 
hoff darüber Auskunft. Die städtische Polizeiwache führte den Namen 
der „Schützen*'. „Im Beginne des 16. Jhdts war ihnen ein Lokal, 
wohl ein Gewölbe 'unterm Rathause', auf dessen Südseite eingeräumt, 
wo ja später bekanntlich das sogenannte Schützengewölbe sich befand.^ 
^1538 bestand die Wache aus sechs Mann.^ Entweder ist dies Ge- 
wölbe mit „dem grossen Kasten*' in Hi. 32 gemeint, oder aber das 
Volksbuch schildert einen früheren Zustand, da etwa anstatt des Ge- 
wölbes und wohl an der Stelle der Bank eine den nötigen Schutz 
gegen Unbill der Witterung gewährende Bude für die Schützen am 
Rathause angebracht war. Betrachtet man ferner den historischen 
Plan von Nürnberg, der dem fünften Hefte der „Mitteilungen^ bei- 
gegeben ist, so findet man den Saumarkt in dem späteren Trödelmarkt 
auf einer Pegnitz-Insel wieder. Von ihm führt der sog. Henkerssteg 
beim UnschUtthause vorbei auf einen Platz, welcher den Namen heim 
Hieferle führte. Wie M. Bach in den „Mitteilungen*' V, 59 sagt, 
kommt diese Bezeichnung beim Hießerle schon 1397 vor; dagegen sei 
das ünschlitthaus, nach welchem der Platz heute Unschlittplatz oder 
-markt heisst, erst 1490 gebaut. Die Form des Namens in S ist 
demnach eine umdeutende Entstellung. 

In Bamberg ist der Name der Wirtin Künigine trefflich gewählt. 
Bamberg war die Lieblingsstadt Kaiser Heinrichs des Heiligen und 
seiner gleichfalls im J. 1200 canonisierten Gemahlin Kunigunde, von 
welchen auch der Dom dieser Stadt herrührt. Der Name Kunigunde 
wird also sicher in Bamberg beliebt und häufig gewesen sein. 

Aus Frankfurt am Main ist von dem Verfasser die Messe, der 
Römer und die Judengemeinde zum Aufbau einer Erzählung verwendet. 



Eine zweite knüpft er an die Bedeutung der Stadt als Ort der Kaiser- 
Wahl. Aus der Umgegend ist ihm die Wetterau und die Stadt Frid- 
berg bekannt. Ausserdem entwickelt er historische Kenntnisse, die 
aber sehr verwirrt sind. Lappenberg hat sie nach ihrem Werte ge- 
würdigt, s. S. 263. Wenn er jedoch die Vermutung äussert, dass 
Supplenburg aus Lützlenburg entstanden sei, so kann ich ihm nicht 
beipflichten, stimme vielmehr seiner eben vorher kundgegebenen ver- 
ständigen Bemerkung zu, es erkläre sich leicht, wie ein niedersächsischer 
Erzähler den Namen des der Heimat seines Helden benachbarten 
Supplenburg in den Text — sagen wir richtiger, in seine eigene Er- 
zählung — brachte. 

Dass in Hi. 34 zu Rom der dortigen Währung gemäss Ulen- 
spiegel's Wirtin nach Ducaten rechnet, ist schon erwähnt. Bedeutender 
ist die KenntnisSj dass der Papst monatlich einmal in der Kapelle, 
die da heisst Hierusalem zu St. Johanns Latronnen Messe lesen muss. 
Die Basilica St. Johannis im Lateran, eine der sieben Hauptkirchen 
Roms, quae prima orbis ecclefia dicitur (Aeneas Sylvius, Hiftoria 
Friderici HI. Imperatoris), war ^die eigentliche bischöfliche Kirche 
des Papstes, von der er nach seiner Krönung feierlich Besitz nimmt^ 
(Daniel, Handbuch der Geographie H, 258); und der Hochaltar heisst, 
wie mir Herr Professor von Pflugk-Harttung mitteilt, noch altare 
papale. Somit mag es mit der monatlichen Messe des Papstes in 
dieser Kirche seine Richtigkeit haben, obschon ich darüber, sowie 
über die Kapelle Jerusalem in der Kirche nichts habe sonstwo finden 
können. Nach Zeiller, Itinerarium Italiae, S. 146 liegt noch eine 
Kirche, die H. Kreuzkirche ^in Jerusalem genant" auf demselben 
Mons Caelius oder Lateranenfis, die aber schwerlich gemeint sein kann, 
da sie eine ziemliche Strecke von der St. Johannis Kirche entfernt 
und selbst eine der sieben Hauptkirchen ist. 

Von den besprochenen Erzählungen verraten die Marburger (27), 
die Prager (28), die Bamberger (33), die Römische (34), die beiden 
Frankfurter (35. 63) durch stehen gebliebene nd. Sprachbrocken, 63 
auch durch die Nennung des Grafen von Supplenburg ihre Herkunft 
aus einem nd. Texte. Hingegen habe ich für solche Herkunft der 
drei Nürnberger (17. 32. 77) und der drei Erfurter (29. 60. Gl) bis 
jetzt in der Sprache keine Beweisgründe zu finden vermocht, als 
höchstens für 29 und 60 die Namensform Ertford, Bemerkenswert 
ist dabei, dass von den fünf Amis-Geschichten S zwei (27. 28) sicher 
und eine (29) vielleicht einer nd. Vorlage entnommen hat, während 
es von zweien (17 und der Pommerschen 31) ungewiss bleibt. Da- 
gegen darf man von beiden Historien (14. 23), welche dem Kalen- 
berger entnommen sein sollen, bestimmt behaupten, dass sie nicht 
nur aus einem nd. Text herstammen, sondern dass sie auch unab- 
hängig vom Kalenberger erzählt sind. 

Die Grabschrift IJlenspiegers. 

Die Historien 93 — 96 enthalten aufifällige Widersprüche. Hi. 94, 
wo U. auf dem Bauche liegend, und Hi. 95, wo er aufrecht begraben 



6a 

wird, scHIiessen einander aus. Beide hinken hintet Hi. 93 her, da 
U. hier nicht bloss bestattet wird, sondern nach vier Wochen wieder 
ausgegraben werden soll; auch wird hier keiner zufällig ungewöhn- 
lichen Bestattungsweise Erwähnung getan. Scherer (S. 32) hat des- 
halb gemeint, mit den Schluss Worten dieser 93. Historie könnte das 
Buch in seinem ersten Entwurf sehr wohl geschlossen haben: alfo 
belib er ligen in feinem grab vnd im ward e\i gdechtniß ein ftein vff 
' (ein grab gfetjst, als man noch ficht. Dass A die Hi. 93 und 94 als 
Ein Kapitel giebt, brauchte solcher Annahme nicht entgegenzustehen. 
Abej es Hesse sich mit gleichem Fug annehmen, dass Hi. 95 den 
ursprünglichen Schluss gemacht habe, weil Hi. 93 eine Beschreibung 
des Grabsteines vermissen lässt, dass also Hi. 93 und 94 eingeschoben 
seien. Oder soll man diese im Epitaphium der Hi. 96 sehen V Da- 
gegen muss wieder eingewandt werden, dass nach Hi. 93 U. in Mölln 
gestorben und beerdigt ist, Hi. 96 aber sein Grab nach Lüneburg 
verlegt. . Diese Angabe passt jedoch ebensowenig zu Hi. 95, weil 
nicht nur aus 93 und 94, sondern auch aus 89 — 92 mit Notwendigkeit 
Mölln als Ort von Ulenspiegel's Ableben hervorgeht. Den Anstoss 
suchte Scherer (S. 33) zu beseitigen, indem er behauptete, die ganze 
Hi. 96 sei offenbar nur durch eine fälschlich als Ueberschrift auf- 
gefasste Randbemerkung zu dem Schluss von 95 entstanden. Dadurch 
wird aber nicht erklärt, wie der Name Lüneburg an den Rand ge- 
kommen ist. Die Annahme der Interpolation reicht für die Entstehung 
solcher Ungereimtheit und Widersinnigkeit, wie Hi. 93 — 96 sie un- 
vefhüUt selbst dem gedankenlosesten Leser darbieten, nicht aus. 
Einem Interpolator musste nahe liegen, dem Widerspruch seiner Leser 
durch die einfache Berufung auf verschiedene Tradition zu begegnen. 
Alle vier Historien (93 — 96) müssen als Eigentum des Autors gelten, 
während allerdings zweifelhaft bleibt, ob er sie sämtlich schon der 
'ersten Ausgabe von 1483 einverleibt hatte. Für ihre Echtheit spricht, 
dass sie sich mit Ausnahme von 96 in allen alten Drucken finden 
und 96 wenigstens in S, K und C. Die Erzählung von einer drei- 
• maligen verschiedenartigen Beerdigung und einem zweifachen Grabe 
darf als beabsichtigte Neckerei und Schalkheit des Verfassers auf- 
gefasst werden: wie der Held seines Romans mit den Zeitgenossen 
Spass getrieben hatte, so erlaubt der Autor sich zu guter Letzte 
einen Scherz mit dem Leichnam desselben und zugleich mit seinem 
Publicum. Das scheint die einfachste und darum wahrscheinlichste 
Erklärung zu sein. 

Zwei der ergötzlichen Geschichten 93 — 95 zu streichen, dazu 
konnten die nachfolgenden Herausgeber sich nicht verstehen; lag doch 
auch der Witz der dreifachen Bestattung greifbar genug. Hi. 96 
aber wird der Kritik als unnötige und irrtümliche Wiederholung des 
Schlusses von 95 vorgekommen und deshalb späterhin gestrichen sein. 
Allein die Uebereinstimmung von S, K und C 1539^) verbürgen ihre 

*) Auch in dem Augsburger Druck 1540? wie wenigstens Lappenberg S. 
335 angiebt, wo er aber K ausgelassen hat. Im Gegensatze dazu nennt er S. 289 
ausser S noch K, C und £, während er doch S. 335 behauptet, E erwähne aus- 



u 

Echtheit, nicht als besondere Historie, aber nach ihrem Inhalt •und 
als Schluss von Hi. 95; und C scheint die ursprüngliche Lesart am 
treuesten überliefert zu haben. Um das zu erweisen, müssen zunächst 
die verschiedenen Lesungen der Drucke neben einander gestellt werden. 
Uebereinstimmend, nur im Dialekt verschieden erzählen alle drei (S 
95, K 79, C 100), dass ein Stein auf das Grab gesetzt- sei und dass 
man vff das hcUbteil (in der Mitte? auf der einen Hälfte?) desselben 
eine Eule und einen Spiegel, welchen die Eule in den Klauen hatte, 
gehauen imd oben an den Stein geschrieben habe: Difen ftein fei 
nieman erhaben. Hie [tat Vlenfpiegel begraben, S fügt noch an: Anno 
domini M, CCG. L, iar^ wofür K die unerhebliche Aenderung hat: 
Im. M. CCG, L. Jair, während in C die Jahrzahl fehlt. Nuu folgt 
in S: Die XCVI histori fagt wie Ulenfpiegels Epithaphium mnd 
vbergefehrifft eu Lünenburg vff feinem grab gehowen ftot. 

Epithaphium, 

Diffen ftein fd niemans erhaben (S 1519 erheben). 

Vlenfpiegel ftat hie begraben. 
Dann ein Holzschnitt : Eine Eule hält einen Spiegel mit acht Facetten 
in ihren Klauen oder steht vielmehr auf demselben (s. Lappenberg 
S. 138.) In der üeberschrift differiert K nicht; einzige Abweichung 
ist, dass er gleich mit Wie beginnt, da er die Zählung der „CapiteJ" 
oder „Historyen" schon im Anfange seines Druckes bald aufgegeben^ 
hatte. Etwas anders lautet aber das 

Epitaphium. 

Defen ftein fal nyemante erhauen, 

Vlenfpiegel fteit da vprecht begrauen. 

Eine Darstellung des Grabsteinbildes fehlt. 

C dagegen lässt auf die erste Grabschrift als Schluss seiner 

100. Historie folgen: 

Vnd dife übergefchrifft ftat eu Lünenburg auff fernem grab inn* 

ein Stein gehawen. Im Jar als man zalt nach Christi Gehurt Dufent 

drey Hundert vnd Funffeig, 

* * 

* 
Epitaphium, 

Difen Steyn foll niemandts erhaben. 

Vlenfpiegel ftadt da auffrecht begraben. 

Aus dieser Fassung wird die Bedeutung des Epitaphiums klar 

und lässt sich die Entstehung der 96. Historie in S erkennen. Wie 

man sonst wohl „Ende" zum Abschluss eines Buches zu setzen pflegte, 

steht hier die Grabschrift, die vorher wie in S so auch im Original 

fortlaufend gleich Prosa gedruckt gewesen sein mag, noch einmal in 

Versdruck und vermutlich zugleich als lieber- oder Unterschrift eines 

ähnlichen Holzschnittes, wie S ihn zeigt. Der eigentliche Schluss der 

Erzählung ist so zweideutig gehalten, dass man sich . vorzustellen 

vermag, inwiefern S — oder war es der nd. Nachdrucker? — durch 

drücklich, dass der Leichenstein zu Mölln sei. Seine Bibliographie von E und A 
S. 163 und S. 173 schweigt über diesen Punkt. 



65 

Umstellung der Jahreszahl und Beziehung des Epitaphiums auf die 
Liineburger Ueberschrift glauben durfte die verzwickten Sätze ent- 
wirren zu müssen und entwirrt zu haben. Der erste Satz erlaubt 
nemlich, „diese Ueberschrift" sowohl auf das Vorhergehende als auf 
das Folgende zu beziehen. Im ersteren Falle wäre Ulenspiegel etwa 
als in Mölln gestorben und in Lüneburg bestattet zu denken; die 
Jahresangabe liesse sich aber von der Handlung des Einhauens der 
Inschrift verstehen. Im letzteren Falle hätten wir zwei Gräber, eins 
zu Mölln mit den Versen auf dem Leichenstein und eins in Lüneburg 
mit der Angabe des Jahres. Die Zweideutigkeit wird kein Zufall, 
sondern vom Verfasser beabsichtigt sein, wie nicht weniger die Varia- 
tion der Grabschrift im Epitaphium, die wohl die Confusion noch 
steigern und dem Leser den irrtümlichen Schluss nahe legen sollte, 
Jahreszahl und Epitaph zu verbinden und als Inschrift des Lüneburger 
Steines im Gegensatz zum Möllner zu betrachten. Ob das „aufrecht" 
erst später der zweiten Grabschrift eingefügt ist, oder ob der Schöpfer 
der „96. Historie" die beiden Inschriften durch Streichung des Wortes 
möglichst gleich machen wollte, ist schwer zu sagen. 

Wenn diese Auffassung der Stelle im Text von C richtig ist, 
so liesse sich folgern, mit Sicherheit dass in Mölln vor dem p]rscheinen 
des Volksbuches kein Grabstein EulenspiegePs existierte, mit Wahr- 
scheinlichkeit dass ebensowenig eine Tradition von seinem Ableben 
in dieser Stadt vorhanden war, und als Möglichkeit dass die Ver- 
teilung des Schicksals, den Leichnam des Schalkes auf dem Kirchhofe 
zu bewahren, auf zwei Städte erst in einer neuen Auflage geschah, 
wer weiss ob nicht deshalb weil die Möllner von dem ihnen in der 
ersten Ausgabe zugeteilten Loose, des Schalksnarren Namen mit dem 
ihrer Stadt aufs engste verbunden zu sehen und als Hüter seines 
Leichnams zu gelten, sich nicht recht erbaut gezeigt hatten und sich 
erst gewöhnen mussten, eine solche Besonderheit als Vorzug zu betrachten. 
Letztere Vermutung, dass S, K und C nicht die ursprüngliche Fassung 
des Ausganges der letzten Historie geben, findet Bestätigung in der 
Gestalt einer anderen Grabschrift, welche uns durch E erhalten ist. 

Epitaphium. 
Liefen ftein fol niemandts erhaben, 
ülenfpiegel lehent hie begraben. 
Leider verschweigt Lappenberg (S. 163) die Schlussworte der vorher- 
gehenden Grabgeschichte, so dass man nicht weiss, ob in dieser die 
Inschrift ähnlich oder gleich abgefasst ist oder ob sie zu der sonst 
überlieferten stimmt. Dass das Epitaph nicht von E herrührt, sondern 
auf einen nd. Originaldruck zurückgeht, dafür steht A als Gewährs- 
mann ein, welcher sein letztes Kapitel folgendermassen schliesst: 
Aldus liefen fi vlefpiegel recht int graf ftaen ende fi decten dat graf 
ende leyden daer op eenen fteen^ daer op gehouwen was een wie hebbende 
een fpiegel onder jsyn dauwen alfo hier na geßgureert fteen (ist fteen 
zu streichen?) ftaet, ende op den fteen ftont gehouwen met gefcrifte, 
Defen [fteen] fal nyemant verhouwen. Hier leet vlefpieghel begrauen. 

NiederdeutBches Jahrbuch. XIX. 5 



66 

^jHierauf ein Holzschnitt in oblonger Einfassung, ein runder Spiegel 
in einem Rahmen mit acht Facetten. Auf demselben sitzt eine Eule 
mit den Klauen ihn ergreifend. Eine Inschrift ist nicht vorhanden." 
(Lappenberg S. 158.) Abweichend von S wird der Stein aufs Grab 
gelegt^); bei der Beschreibung wird auf den Holzschnitt verwiesen, 
der offenbar dem in S ähnlich sah; die Jahreszahl und das Epitaph 
fehlen. Verhouwen ist ein Notbehelf des Antwerpeners, dessen Mund- 
art für „erheben" keine Nebenform verhaven, sondern nur verheffen 
gestattete ; der auf Kosten einer genauen Uebersetzung gerettete Eeim 
ist freilich doch nur schlecht ausgefallen. Mit S stimmt überein, 
dass die Verse nicht abgesetzt sind. Aus E geht hervor, dass leet 
Druckfehler ist für leent: der n-Strich über den Vocalen ist ver- 
sehentlich unterblieben. Aus der verschiedenen Wortfolge im zweiten 
Verse bei A und E, welche Abweichung in der zweimaligen Angabe 
der anderen Grabschrift bei S u. s. w. wiederkehrt, lässt sich schliessen, 
dass A das Epitaph unterdrückt hat. Beide, A und E, wissen nichts 
von einem Lüneburger Grabe und Steine. Es ergiebt sich demnach, 
dass es einen nd. Druck gegeben hat, in welchem nur von Mölln die 
Rede war und die Grabschrift Hyr leent U., das Epitaph ü, leent hyr 
lautete. Dieser Druck muss ein Originaldruck des Verfassers und 
wird die erste Ausgabe gewesen sein. 

Dieselbe Lesart bietet der zu Mölln vorhandene Grabstein; 
allerdings nicht in der von Lappenberg seiner Ausgabe beigegebeuen 
Nachbildung. Der Stein hat durch Behauen der Längskanten gelitten, 
so dass manche Buchstaben ganz oder teilweise verloren gegangen 
sind. In Lappenberg's Copie sind die völlig zerstörten Buchstaben 
weggelassen, die undeutlich gewordenen von den sicher lesbaren durch 
schwächere Schraffierung unterschieden. Allein er hat nicht überall 
richtig gelesen; so auch das Wort nicht, um das es sich hier handelt. 
Es steht am Rande rechterhand und ist nicht vollständig erhalten. 
Lappenberg giebt li als lesbar, gt als schwach erkennbar an. Dagegen 
habe ich, als zu Pfingsten 1889 der Hansische und der Niederdeutsche 
Verein ihre Lüneburger Sitzung mit einem Ausfluge nach Mölln be- 
schlossen, ein unverkennbares le gelesen, was sofort von anderen Be- 
schauern bestätigt ward. Auch der kleine Lichtdruck, welchen ein 
Möllner Photograph bei jener Gelegenheit zu Kauf anstellte, und die 
schöne grosse Aufnahme, welche damals Herr Hofphotograph F. 
Albert Schwartz in Berlin veranstaltete und von der mir durch dessen 
Güte ein Exemplar vorliegt, zeigen deutlich dieselbe Lesart; von gt 
ist aber keine Spur. Die Ergänzung ist leicht und sicher. Die dia- 
lektische Form lecht für licht (liegt) ist überhaupt selten und in der 
Zeit, welcher Bild und Inschrift angehören, nicht mehr gebräuchlich; 
leit würde ,legt' bedeuten. So bleibt nur der Schluss, dass lent oder 
leent (das n möglicherweise durch einen Strich über dem Vocal oder 



*) nicht hier (95), aber Hi. 93, wo S ebenfalls von einer Steinsetzung redet, 
spricht K von einer Steinlegung: vnd Jachten einen ftein darvp jm zo gedechtnys. 



67 

den Vocalen ausgedrückt) gemeisselt stand. Unter den älteren Copisteü 
der Grabschrift sind zwei zu nennen, welche diese Lesung noch völlig 
vorfanden, nur entstellen sie dieselbe zu lehnent^ welche Form als 
sprachwidrig unmöglich ist und für welche der Raum an der Stelle 
des Steines gar nicht ausreicht: Molander, Der mit denen Seltenheiten 
dieser unter-irrdischen Welt beschäfftigte Parnassus, Hamburg 1698, 
S. 109 ^) und P. L. Berckenmeyer, Der getreue Antiquarius, Hamburg 
1708, S. 208. Aber auch die älteste Nachricht über den Möllner 
Stein, die des Wismar'schen Stadtsecretärs Magister Johan Höppner 
aus dem Jahre 1536, welche Dr. F. Crull aufgefunden und in den 
Meklenburger Jahrbüchern XXXIH (1868), S. 95 mitgeteilt hat, ver- 
rät, obschon er die Inschrift nach der Vulgata angiebt, durch die 
einleitenden Worte, was er wirklich gelesen hat: darfulveft leint Ulen- 
fpegels ßeen, darup de tall MCCCL^); wider gefchreven dar up: Hier 
ßeit Ulenfpegel bografen etc. 

Als ein mit A und E 1582 gleichwertiges Zeugniss für einen 
nd. Druck darf der Möllner Stein jedoch nicht angesehen werden; 
vielmehr wird man annehmen dürfen, dass bei seiner Herstellung E 
als Vorlage gedient hat; denn Lappenberg (S. 332) bemerkt, dass 
die Darstellung UlenspiegeFs auf dem Grabsteine sehr derjenigen in 
den Erfurter Ausgaben 1532 flgd. gleiche. Da die Sprachformen der 
Möllner Inschrift ungefähr in das zweite Viertel des 16. Jhs weisen, 
so lässt sich von Seiten der Zeitrechnung nichts gegen solche Ent- 
lehnung von Bild und Grabschrift aus E einwenden. Selbst der Grund 
derselben würde klar, falls der Erfurter Druck es gewesen wäre, 
TreJcher zuerst den Anspruch Mölln's durch Beseitigung von Lüneburg's 
Namen wieder in sein altes Recht einsetzte und für immer feststellte. 
Lappenberg's Angaben in Bezug auf diese Frage, S. 289 und S. 335, 
widersprechen sich. Ohne Zweifel aber ist das noch vorhandene 
Grabdenkmal dasselbe, von dem alle Reisenden seit 1536 berichten, 
und nach meiner Ansicht auch das erste und einzige, welches die 
Möllner ihrem durch die wiederholten Auflagen des Volksbuches 
mittlerweile weltberühmt gewordenen „alten Herrn" gewidmet haben. 

Die ältesten Drncke. 

S 1515 ist der älteste von den uns erhaltenen Drucken der hd. 
Bearbeitung. S 1519 stellt sich im ganzen als eine neue Auflage von 
S 1515 dar: beide sind aus derselben Buchdruckerei hervorgegangen 
und stimmen in Titel, Einrichtung, Inhalt und meistens auch im 
Wortlaut überein. Der jüngere Druck hat den älteren Text verbessern 
sollen. Unter den von Knust S. VIII aufgezählten Ergänzungen von 
Lücken des älteren Druckes durch S 1519 und unter den bereits oben 
besprochenen richtigeren Lesarten, welche letzterer vor jenem voraus 



^) Lappenberg (S. 327 ff.) war dieser Bericht nur aus einer jüngeren hand- 
schriftlichen Chronik bekannt, die ihn fast wörtlich aufgenommen hatte. 
^) Der Stein hat 1350. 

5* 



«8 

hat, finden sich mehrere, welche S 1519 nur einer zweiten Vorlage 
verdanken konnte. Noch entschiedener wird dieselbe dadurch bezeugt, 
dass S 1519 falsche Namensformen von S 1515 durch die richtigen 
ersetzt, z. B.: Melme Hi. 1 (1515 Melbe); Stasfurt 6 (Stafurt); 
Geuenckenftein 15 (Genenckenftein); Hildeshem 64 (Mildeßheim). 
Ebenso hat S 1519 in Hi. 1 correct: Thyl von VtjsieVy der hurgher zi 
Ampleuen statt der Entstellung in S 1515: Dyl von, der burger zi 
Amplenen. Die folgenden deutschen Ausgaben zeigen in diesen Namen 
durchweg dieselben Fehler wie S 1515 oder entstellen noch mehr. 
Derartige Vorzüge des Textes von S 1519 verlangen unabweislich die 
Annahme, dass dem Hersteller desselben ausser S 1515 noch ein 
anderer Text vorgelegen habe, nach welchem er zu bessern vermochte. 
War derselbe handschriftlich oder ein Druck? in hochdeutscher oder 
niederdeutscher Sprache? Knust (S. XH) lässt die Fragen unent- 
schieden: man werde fast zu der Annahme gedrängt, dass beiden S 
dieselbe, sei es gedruckte, sei es schriftliche, Vorlage zu Gebote ge- 
standen habe. Es wird jedoch sicher ein Druck gewesen sein. Wenn 
die Vorlage eine nd. war, so muss man das aus dem Umstände 
schliessen, dass S und A unabhängig von einander ein nd. Original 
übersetzt haben: undenkbar ist dabei die Annahme handschriftlicher 
Vorlagen. Sollte sich S 1519 aber einer handschriftlichen hd. Be- 
daction bedient haben, so müsste diese das Manuscript gewesen sein, 
welches in S 1515 ungenügend zum Abdruck gekommen war: nun 
ist aber unglaublich, dass jenes Manuscript nach dem Abdrucke Jahre 
lang aufbewahrt geblieben wäre; und selbst, wenn man das als mög- 
liche Ausnahme zugeben wollte, so würde doch ein solches Zurück- 
greifen auf das Manuscript behufs Herstellung einer verbesserten 
Auflage, weil dem üblichen Verfahren jener Zeit nicht entsprechend, 
ebensowenig Glauben verdienen. 

Einen positiven Beweisgrund für die Existenz eines älteren hd. 
Druckes, aus dem S 1515 geflossen sei und den S 1519 wieder benutzt 
habe, hat Scherer (S. 83) in dem Druckfehler der letzteren Ausgabe 
in Hi. 16 gefunden: rechte bewerte artzmfchcn het man statt artzni 
fcheuhet man (S 1515 artjsny fchücht man). Ob seine Schlussfolgerung 
zwingend ist, lasse ich dahin gestellt sein. Da jedoch ausgeschlossen 
erscheint, dass S 1519 auf eine hd. Handschrift zurückgegriffen habe, 
und da auch eine Verbesserung nach einem nd. Druck wenig Wahr- 
scheinlichkeit hat, so stehe ich nicht an, ihm beizupflichten. Auf 
diese Weise lassen sich auch die Lücken in S 1515, welche dadurch 
entstanden, dass der Setzer von einem Wort versehentlich auf eine 
Wiederholung desselben überging oder eine Zeile ausliess, am ein- 
fachsten erklären. Dergleichen Versehen begegnen eher bei einem 
Nachdruck, als beim Satz nach einem Manuscript; und auf Grund 
eines nd. Textes würde S 1519 schwerlich so, wie er es tut, gebessert 
haben. Scherer bemerkt weiter, der ältere Druck oder die gemein- 
same Quelle für beide S könne gleichfalls in Strassburg entstanden 
sein. Wenn wir jener alten Angabe, dass der hd. Ulenspiegel von 



69 

Murner herrühre, Glauben schenken wollen, — und da das Zeugniss 
unverdächtig ist, so ist kein Grund an der Richtigkeit zu zweifeln, 
— dann wird man indertat auf Strassburg und selbst auf dieselbe 
Buchdruckerei Grieninger's am ehesten schliessen dürfen. Ein solcher 
Druck S möchte für die erste Ausgabe der Murner'schen Bearbeitung 
zu halten und ungefähr in die ersten Jahre des 16. Jhs zu setzen 
sein, zufolge einer Beobachtung Zarncke's (Ilaupt's Zeitschrift für 
Deutsch. Alterthum IX, 382), dass, während Nachdrucke ohne Aus- 
nahme gleich nach dem Erscheinen des Originaldruckes folgen, die 
spätere Wiederauflage in den meisten Fällen von der berechtigten 
Verlagsbuchhandlung ausgehe. Eine so frühe Ansetzung von S em- 
pfiehlt sich weiter durch die Erwägung, dass die Uebersetzung sich 
damit als eine Jugendarbeit des 1475 gebornen Murner am füglichsten 
herausstellen würde. 

Weiter zurück als in den Anfang des 16. Jhs lässt S sich nicht 
datieren. Eine Heidelberger Universitätsrede nemlich, das Quodlibet 
de fide concubinarum des Paulus Olearius, enthält eine Anspielung 
auf den komischen Verlauf einer dramatischen Darstellung der Auf- 
erstehung in der Osternacht; s. Zarncke, Die deutschen Universitäten 
im Mittelalter I, 90, 20: et in node paf ehalt: wen fucken ir hie, ir he- 
fchlepten frowen? ein alte hur mit einem ouge, et mox refponfum est 
,non eft hic\ Offenbar ist dieselbe Geschichte gemeint, die im Ulen- 
spiegel Hi. 13 erzählt wird. Aus S kann jedoch Olearius nicht citiert 
haben; denn hier lautet die Stelle abweichend: wen fuchen ir hie? 
wir fuchen eine alte eineugige pfaffenhvir. Die Heidelberger Scherzrede 
ist ohne Datum; aus zwei Daten aber, die in derselben vorkommen, 
geht hervor (Zarncke S. 244), dass sie zwischen dem Ende von 
Februar 1499 und dem Ende von August 1501 gehalten worden ist. 
Damals wird S kaum schon vorhanden gewesen sein, weil sonst Olearius 
wohl nach dieser Uebersetzung des Volksbuches citiert haben würde. 
Nun mag die Erzählung ein alter Schwank sein, der in Süddeutsch- 
land so gut wie in Norddeutschland umlief; und aus einer anderen 
Jitterarischen Fassung oder aus dem Volksmunde könnte Olearius ihn 
geschöpft haben. Vielleicht hat eine solche Erwägung Zarncke be- 
stimmt, einen Hinweis auf den Ulenspiegel zu unterlassen. Knust (S. 
XIII) sieht in den betreffenden Worten des Quodlibet ein Zeugniss 
von der frühen Verbreitung des Volksbuches in Süddeutschland. 
Seine Auffassung lässt sich stützen durch das Adjectiv befchlept. Im 
Deutschen Wörterbuch hat Jacob Grimm dasselbe ausserdem aus 
einigen Schriftstellen der zweiten Hälfte des IG. Jhs belegt und zwar 
in den Bedeutungen von ^ beschleift, durch den Koth geschleppt, be- 
sudelt^, welche doch für die obige Stelle wenig passen. Man erwartet 
vielmehr ein Wort etwa des Sinnes ;,im Trauergewande, trauernd, 
betrübt^. Auf ein solches Wort führt nun das Niederdeutsche. Der 
Ditmarsche Chronist Neocorus aus dem Anfange des 17. Jhs (hrsg. 
von Dahlmann, I, 160) berichtet von einer Tracht der Frauen bei 
der Leichenfolge, die darin bestand, dass sie den Hoiken oder Mantel 



70 

anders als sonst antaten: fe hengen en umme den hals unde flippen 
en umme dat hövet. Die Sitte wird noch aus dem vorigen Jahrhundert 
bezeugt durch Ziegler im Idioticon Ditmarsicum (bei Richey, Idioticon 
Hamburgense, 1755, S. 423): den Heuken flippen, flippte Fruwens, 
Das Mnd. Wörterbuch verzeichnet fUp-, flepehoike, einmal mit dem 
Attribut fwart; vielleicht sind im Mittelalter Hoiken von besonderem 
Schnitt für jenen Zweck im Gebrauch gew^esen. Man darf vermuten, 
dass ein Particip ge-, heflipt, -fiept von solcher Tracht gebraucht 
ward, und folgern, dass die Stelle des Quodlibet aus einem nd. Druck 
des Volksbuches genommen ist. Somit gewinnt wiederum die auf die 
Namensform ^Ulenfpiegel^ gegründete Behauptung, dass das Original 
bereits vor der Uebertragung Murner's geraume Zeit in Oberdeutsch- 
land verbreitet gewesen sein müsse, durch das Citat des Olearius 
eine Bestätigung. Vielleicht mag diese Anführung gar Murner Anlass 
gegeben haben, sich mit dem Ulenspiegel zu beschäftigen. 

Dass es eine zweite, frühere oder etwa gleichzeitige, oberdeutsche 
Uebersetzung neben S gegeben habe, eine solche Annahme entbehrt 
aller Wahrscheinlichkeit; davon findet sich auch keine Spur und 
keine Ueberlieferung. Der Erfurter Druck, den Lappenberg S. 165 
zwischen 1533 und 1537 ansetzt und der im erhaltenen Exemplare 
am Ende verstümmelt ist, hat zwar in handschriftlicher Ergänzung 
(„vermuthlich im 17. Jahrhundert geschrieben^) den Kolophon: Ge- 
druckt zue Augspurg durch Simon Gymell^ fo aus der alten Sexifchen 
fprach in gute Teutfche fprach gebracht worden Im 1498 Jahr; aber 
abgesehen von anderen Bedenken, aus welchen Lappenberg die ganze 
Ergänzung für Fälschung hält, so kann diese Notiz allein deshalb 
schon nicht für echt gelten, weil sich kein Buchdrucker dieses Namens 
in Augsburg nachweisen lässt. Oben habe ich die Möglichkeit an- 
gedeutet, dass es jedoch eine frühe mitteldeutsche Bearbeitung ge- 
geben habe. Allein äussere Zeugnisse werden auch hierfür vermisst. 
Die älteste Erwähnung des Volksbuches, in einem Quodlibet de 
generibus ebrioforum, das der Universität Erfurt angehört und in 
das Ende des Septembers 1515 (circa autumnale aequinoctium) fällt, 
kann nicht mit Sicherheit dafür geltend gemacht werden. Es werden 
in dieser Rede Vlenfpiegel, Klynßor, Pfarrer vom Kaienberg etc. an- 
geführt (Zarncke a. a. 0. S. 126, 10). Man kann aus der Stelle 
entnehmen, dass das Buch bereits allbekannt war; aber welcher Art 
die Ausgabe gewesen ist, die der Verfasser im Sinne hatte, geht nicht 
daraus hervor. Höchstens lässt sich aus dem Datum schliessen, dass 
es nicht S 1515 war; denn diese Ausgabe ward erst an St. Adolfs 
Tag, d. h. am 29. August dieses Jahres vollendet. Der Verfasser 
des Quodlibet müsste also, wenn man auf die zu S stimmende Form 
des Namens Gewicht legen will, jene vermutete frühere S-Ausgabe 
benutzt haben. Allein diese Uebereinstimmung ist nicht zu betonen, 
weil einem Thüringer sicher noch eher als einem Strassburger das 
nd. Ulenfpeighel ohne weiteres zu Ulenfpiegel ward. Der Verfasser 
kann demnach ebensogut einen nd. oder einen md. Druck gekannt 



71 

haben. Die Stelle bleibt somit für die Frage nach den ältesten 
Drucken unbrauchbar. 

Wir kommen zu der Untersuchung, wie viele nd. Ausgaben 
existiert haben dürften. Mindestens zwei scheinen verbürgt zu sein 
durch die Vorrede von C 1539, desselben Druckes welcher im Titel 
zuerst die Kunde bringt, dass das Buch newlich auß Sachfifcker fprach 
vff Teutfch verdolmetfcht sei. Die Vorrede beginnt: Als man mit nach 
der gehurt Chrifti M.CCCC.LXXXIIL^ bin ich durch etliche per fönen 
gebdten worden, diefe historien vnd gefchichten zu famen bringen vnd 
befchreiben. Diese Zeitangabe 1483 hat schon Lappenberg (S. 225 
und 347) in Verbindung gebracht mit der Zeitbestimmung in Hi. 1, 
Ampleven sei vor etwa fünfzig Jahren zerstört worden. Das geschah 
aber 1425. L. bemerkt auch, dass die abweichende Bestimmung in 
K ;,bei 60 Jahren'' noch besser stimme; er hat aber die Daten nicht 
ausgebeutet, vielleicht weil sie zu Murner's Autorschaft nicht passten. 
Erst Scherer (S. 31 f.) hat dieselben nach Gebühr gewürdigt. Die Ab- 
fassung im Jahre 1483 erklärt er mit Grund für gut beglaubigt. 
Die Zahl 60 hält er als die weniger abgerundete für die ursprüng- 
liche Lesart. 

Dieselbe Vorrede, wie in C 1539, finden wir in S 1515 und 
S 1519, nur dass diese mehrfach den Text durch Einfügung von 
Wörtern und Sätzen, die aber zu dem Inhalt nichts neues tun, er- 
weitert haben. Ferner haben beide S die Jahrzahl 1500 statt 1483. 
Es scheint also, dass C einen anderen nd. Text, als S vorlag, hat 
benutzen können. Die etwas kürzere Vorrede von C wird auf diesen 
Druck zurückgehen ; fraglich würde jedoch sein, ob der Schluss schon 
in seiner nd. Vorlage gestanden habe: myt etüegung etlicher Fabulen 
des Pfaff Amis, vnd des Pfaffen vom Kaienberg. Dieselben Worte 
schliessen auch die Vorrede in S. Scherer (S. 32) behauptet, das 
sei augenscheinliche Interpolation. Gewiss, denn der vorhergehende 
Satz, dass der Verfasser damit seine Vorrede enden und den Anfang 
machen wolle mit Ulenspiegels Geburt, lässt gar nicht daran zweifeln. 
Wenn Scherer dann aber daraus folgert, dass die Geschichten, welche 
aus dem Amis (Hi. 17. 27—29. 31) und Kalenberger (Hi. 14. 23) 
stammen, nicht von dem Verfasser der Vorrede und ersten Aufzeichner 
der Historien vom Ulenspiegel herrühren, so kann ich dem nicht zu- 
stimmen. Ob sie alle bereits im ersten Entwurf des Buches sich 
vorgefunden haben, das lässt sich nicht entscheiden. Dass sie, 
wenigstens zum Teil, aber in einer neuen Auflage des Originals ent- 
halten gewesen sind, ergiebt sich zuverlässig aus den Spuren ursprüng- 
lich nd. Abfassung von Hi. 14. 23. 27. 28, als wahrscheinlich aus 
der Aufnahme von Hi. 17 und 31 in A, so dass höchstens über Hi. 
29 Zweifel sein kann. Da nun die beiden Hi. 14 und 23 nur zweien 
Kalenberger-Schwänken ähnlich, aber nicht gleich sind, so lässt sich 
der Zusatz der Vorrede nicht als ein Geständniss eines nd. Verfassers, 
dass er die sieben Erzählungen entlehnt habe, betrachten, sondern 
der Zusatz muss von einem späteren Bearbeiter herrühren, wahr- 



72 

scheinlich einem hd., dem die Aehnlichkeit oder Uebereinstimmung 
dieser Historien mit den entsprechenden des Pfaffen Amis und des 
Kalenbergers auffiel und der dies auszusprechen mit Rücksicht auf 
seine oberdeutschen Leser für nötig erachtete. Der Zusatz ist dem- 
nach wohl auf Rechnung des Verfertigers von S zu setzen, und C 
wird den Schluss aus S geborgt haben. 

Wie steht es nun aber um die Jahreszahl 1500, welche S an- 
stelle von 1483 giebt und die weder mit den 50 noch mit den 60 
Jahren der Hi. 1 sich reimt? Der erste Verfasser des Buches, wenn 
man ihm auch die Gedankenlosigkeit zutrauen wollte, bei einer Neu- 
datierung seines Buches eine Umrechnung der Zeitangabe in Hi. 1 
zu unterlassen, kann doch unmöglich die Aufforderung seiner Freunde 
und die Abfassung seines Werkes einmal ins Jahr 1483 und ein ander 
Mal ins Jahr 1500 verlegt haben: von ihm rührt die Aenderuug ge- 
wiss nicht her; vielmehr muss sie aus einem nd. Nachdrucke stammen 
oder dem Strassburger Uebersetzer zur Last fallen. Auf jeden Fall 
beweist aber die Ersetzung der ursprünglichen Datierung durch die 
neue, dass es einen nd. Druck vom Jahre 1500 gegeben hat. Wenn 
derselbe ein unrechtmässiger Nachdruck war, so mag der Veranstalter 
desselben die Jahreszahl in der Vorrede umgeschrieben haben, sei es 
aus Misverständniss des Anfangssatzes, sei es — und das möchte 
eher der Fall gewesen sein — um dem Buche das vortheilhaftere 
Aussehen eines neuen Productes zu verleihen. Es lässt sich aber auch 
denken, dass der Bearbeiter von S die Aenderung aus jenem oder 
absichtlich aus diesem Grunde vorgenommen hat. Die nd. Ausgabe 
wird in diesem Falle die Jahreszahl 1500 des Druckes, wie damals 
üblich, am Schlüsse enthalten haben. Dass die Zahl 1500 nicht das 
Jahr der od. Bearbeitung angab, darauf brauchte dem Bearbeiter S 
nichts anzukommen, da doch jeder Leser merken musste, dass er nur 
eine üebersetzung vor sich hatte, und da, wie bereits gezeigt ist, 
S wahrscheinlich bald nach 1500 herausgekommen sein wird. Die 
Hauptsache war, dass durch Aufnahme von 1500 in die Vorrede das 
Werk als neu erschien. Ich bin geneigt anzunehmen, dass die Aen- 
derung der Jahreszahl mit Absicht von Murner (S) geschehen ist. 

Nicht allein die Jahreszahl 1500 in S spricht zu Gunsten einer 
erneuten Auflage des nd. Originals; dafür lässt sich ausserdem jener 
Anfang der Vorrede in C geltend machen. Die Redensart „als man 
zählte" mit folgendem Perfect wird nicht selten am Schluss von alten 
Drucken gebraucht, um die Zeit der Vollendung derselben anzugeben. 
So angemessen eine solche Ausdrucksweise am Ende der Bücher ver- 
wendet erscheint, so unpassend muss man sie an der Stelle jener 
Vorrede angebracht halten, falls mit der Zeitangabe das Jahr gemeint 
sein soll, in welchem der Druck, zu dem die Vorrede gehört, ans 
Licht trat. Vielmehr muss die Jahreszahl 1483 auf eine frühere, die 
erste Ausgabe des Buches hinweisen, wenn der Verfasser sich richtig 
ausgedrückt haben soll. Diese wird also entweder gar keine oder 
doch eine andere Vorrede gehabt haben. Für die erstere Möglichkeit 



73 

lässt sich der Mangel einer Vorrede in K nicht verwerten, weil K 
offenbar eine jüngere vermehrte Ausgabe gekannt und benutzt hat. 
Wohl aber spricht für die zweite Hypothese der Umstand, dass A 
eine kurze, von der in S und C abweichende Vorrede bietet. Sie 
hat nach Lappenberg S. 154 folgenden Wortlaut: 

„Om die bede van fommighe vrienden, ben [1. den] ick be [1. dej 

fcriueer des boecx niet weder feghen en dorfte, fo hab fl. heb?] ick 

ghecopuleert fommighe rcene [? 1. fcone? die Pariser Uebersetzung 

\on 1532: plaifantes, Lappenberg S. KU] boeuerien, die Thiel Vle- 

fpieghel bedreuen heft in fyn leuen, ende fterf alsmen fchreef M.CCCL. 

Xv begheer ick nochtans veronfculdicht te fine voor gheeftelijck ende 

weerlijk, voor hoghe ende leego, dat mi niemant te feer hier in wil 

ftraffen noch hem feluen daer in verftoren, want ick dat niet en 

maecte, datter godes dienft by vermindert ende verloren foude fijn, 

noch oock datmen fcalcheyt foude foecken, maer om des menfchen ßnnen 

daer mede te verlichten ende te vernieuwen, ende ooc om dat die 

fimpel flechte menfchen voor der gelijcker boeuerijen hem fouden 

moglien wachten, offe [1. of feV] hem lieden voor ooghen quamen. 

Het is oock beter te hooren ende te lefen, datmen lachtet fl. lachet?] 

ende gheen fonde en doet, dan datmen fonde dede ende datmen 

weende ende fcreyde." 

Dieses knappe Vorwort enthält lauter solche Gedanken, die aus- 
zusprechen und damit seinem Buche eine Schutzrede und Empfehlung 
mitzugeben der Autor eines sogearteten Werkes für erspriesslich und 
erforderlich halten konnte. Die Aehnlichkeit des Gedankenganges in 
dieser und der Vorrede, welche C und S zeigen, lallt sofort auf. 
Dass hier aber von Bübereien gesprochen und der Held des Romans 
schlechter gemacht wird, als in der späteren Vorrede und als er, wie 
ich zu zeigen versucht habe, nach der Auffassung und Darstellung 
des Verfassers wirklich zu betrachten ist, das ist ein erklärlicher 
Kunstgriff. Als die Befürchtung wegen der ablehnenden Haltung des 
Publicums sich als eitel ausgewiesen hatte, modificiert darum der 
Verfasser wie sein ganzes Vorwort so auch derartige absprechende 
Ausdrücke. Während die Besorgniss, sittlichen Anstoss zu erregen, 
hinfällig geworden war, scheint man in der auf echt poetischem Ge- 
fühl beruhenden Individualisierung der Geschichten, der Anlehnung 
an bestimmte Orte und Menschenclassen, ja an einzelne gekennzeich- 
nete Menschen, Anzüglichkeiten und Sticheleien gesucht zu haben. 
Daher in C und S die Abwehr des Verdachtes, als habe er Leute 
ärgern und ihren guten Namen angreifen wollen. Zum Schluss fügt 
er noch eine Entschuldigung seiner Schreibart hinzu, die gleichfalls 
getadelt worden sein mag. Die Veranlassung, sowie der Zweck des 
Buches und die bescheidene Vorstellung von dem relativen Wert seiner 
Leistung ist in beiden Vorreden ziemlich gleich ausgedrückt. Es er- 
scheint auch viel glaublicher, dass die Vorrede in CS durch den Autor 
selbst aus der in A umgestaltet ist, als dass A jene in diese verkürzt 
oder gar selbständig verfasst habe. Kurz, ich sehe die Vorrede von 



74 

A für echt und ursprünglich an. Eine Bestätigung liefert die Vorrede 
der Frankfurter Ausgabe 1545, welche ungefähr von gleichem Umfange 
mit der von A ist. Sie scheint aus den drei verschiedenen Vorreden 
von A, C und E hergerichtet zu sein. Mit C teilt sie die Jahrzahl 
1483, mit A: dass man nicht Bosheit aus dem Buche lernen solle, 
sondern wie man sich vor listigen Menschen hüten könne. 

Es hat also mindestens zwei nd. Originalausgaben des Volks- 
buches gegeben, d. h. beide vom Verfasser herrührend: eine von 1483 
mit der durch A überlieferten Vorrede und eine undatierbare mit 
dem neuen Vorwort. Die letztere ist ohne Zweifel eine vermehrte 
Auflage gewesen: erst sie kann die Erwähnung des Abtes Papenmeyer 
und die Erzählung vom König Casimir IV von Polen enthalten haben. 
Sie muss also nach 1492 herausgekommen sein, wenn diese Historie 
auf den ursprünglichen Verfasser zurückgeht; nach 1490 jedenfalls, 
da die Einfügung des Abtes nur durch denselben Verfasser, einen 
Braunschweiger, geschehen sein kann. Vermutlich gehört aber die 
zweite Ausgabe erst ins Ende des Jahrhunderts. Ihr wird bald ein 
nd. Nachdruck gefolgt sein, eben der Druck von 1500, dessen Ver- 
anstalter wieder den Bestand vermehrte, eingedenk der Bitte des 
Verfassers in der neuen Vorrede: vnd bit hiemit eynen yegJdichen^ wo 
mein fchrifft von Vlnfpkgel su lang oder zu Tcurtz fey, das er das 
heffer^ auff das ich nit vndanck verdiene (C 1539, bei Lappenberg S. 
171). Der Nachdrucker hat aber seine redactionelle Tätigkeit nicht 
auf Zusätze beschränkt. Einzig ihm und nicht dem Autor müssen 
die Aenderungen zugeschrieben werden, durch welche der Text so 
gestaltet und teilweise so entstellt ward, wie wir ihn durch die Ueber- 
setzung von S kennen lernen. Es erscheint ausgemacht, dass S keinen 
nd. Originaldruck, sondern nur den nd. Nachdruck übersetzt hat. 
Auf Rechnung des Nachdruckers sind zu setzen die Verwirrung in 
der Reihenfolge der Schwanke, die neuen Ueberschriften, die Zerlegung 
von sechs Geschichten in je zwei und wohl auch die Zählung der 
„Historien". 

Abgesehen von der Jugendgeschichte und dem Ende Ulenspiegers 
sind die Erzählungen mit Vorliebe gruppenweise geordnet, nach dem 
Stande und Berufe derjenigen, an denen U. seine Possen verübt, und 
nach dem Charakter, in welchem er als Handwerker, als Gelehrter, 
als Reisender u. s. w. auftritt. Dass diese Gliederung nach gewissen 
Gattungen nicht ursprünglich vorhanden gewesen sein kann, ist längst 
erkannt worden. Sie ist weder völlig durchgeführt, noch stimmen A 
und C immer zu S. Und manche Historien verraten nur zu deutlich, 
dass sie an falscher Stelle stehn. Knust (S. XIII f.) hat einige Bei- 
spiele hervorgehoben. Die Liste sämtlicher erkennbaren Fälle einer 
willkürlichen und gedankenlosen Ordnung der Historien fällt aber 
weit reichhaltiger aus; ihre Mitteilung ist hier jedoch unnötig; auch 
kann jeder aufmerksame Leser sie sich leichtlich aus S zusammenlesen. 
Aus der durch Umstellungen und Interpolationen verwirrten Reihen- 
folge der Historien schimmert noch erkennbar eine andere Anordnung 



75 

durch, die geographische. Sie wird die ursprüngliche gewesen sein, 
indem der Verfasser sich seinen Helden als einen Landfahrer dachte, 
dessen Leben er in fortlaufender Elrzählung eines Romanes behandelte. 
Doch scheint er selbst seine Anordnung schon in der Wiederauflage 
seines Werkes durch eingeschobene Geschichten durchbrochen zu haben. 
Vielleicht sind erst dadurch die ITeberschriften — es können auch 
bloss Paragraphen oder Inhaltsangaben am Rande gewesen sein — 
nötig geworden. Sie waren kürzer als diejenigen in S, und wahr- 
sclieinlich waren sie noch nicht bezififert. 

Den Einblick in diese ursprüngliche Anlage und die nächst- 
folgende Entwickelung des Volksbuches gewährt uns abermals der 
Antwerpener Druck. Hier finden wir die 40 Abschnitte oder Kapitel 
noch ungezählt und die Ueberschriften kürzer und oft abweichend 
von denen in S. Zu je einer Geschichte sind zusammengefasst, was 
S zerlegt in Hi. 3 und 4 (Hoe Vlefpiegel int water viel van der coor- 
im)^ 9 und 10 (hoe V, geftolen wert in eenen biekorf), 12 und 13 
(hoe 7. te Buddenftede cofter wert), 57 und 58 (hoe F. te Lubeke den 
wijntapper bedroech), 90 und 91 (hoe V. te Mollen cranck werty ende 
hoe hi den apoteher in fijn bu/fchen fcheet ende hoe hi in den heyligen 
gheefi ghedraghen wert), 93 und 94 (hoe V. fijn teftament maecte). 
Die Vereinigung von Hi. 9 und 10 ist auffälUg; allein grade dieser 
Fall gewährleistet, dass A nicht eine Zusammenschweissung von je zwei 
Geschichten vorgenommen, sondern dass er es so in seiner Quelle 
gefunden hat. Die Kapitelbezeichnung kann im Original bei 10 und 
ebenso wohl bei 94 zufällig unterblieben sein, was zumal erklärlich 
wäre, wenn die Inhaltsbezeichnungen am Rande des Textes standen. 

Schon mehrfach bot sich Gelegenheit, auf gute Lesarten von A 
hinzuweisen, welche seine Unabhängigkeit von S dartun. Als be- 
achtensw^erte Abweichungen sind noch zu bemerken, dass er schon in 
der Hundefellgeschichte (S 82) Stasfurt nennt, nicht erst in der von 
ü. auf dem Rade; dass der Rabbi (S 35) Akipha (= Akiba) heisst; 
dass nicht allein die Eselsunterweisung zu Erfurt (S 29) fehlt, sondern 
auch in der vorhergehenden Geschichte die Schlussangabe, dass Ulen- 
spiegel nach Erfurt gegangen sei; endlich dass der Milchkauf in 
Bremen, der in S (Hi. 70) zwischen zwei hannoversche Vorgänge ein- 
geschoben und ungeschickt von (der bei A vermissten) Hi. 72 oder 
von 87 getrennt steht, auf diese letztere folgt. Die letzten beiden 
Verschiedenheiten können freilich eben sowohl von A herrühren, als 
auf seine Vorlage zurückgehen; denn es lässt sich nicht verkennen, 
dass er eine gewisse redactionelle Tätigkeit bei seiner Uebersetzung 
geübt hat. So hat er in seinen 46 oder, nach der Zählung von S, 
52 Geschichten nicht alles wiedergegeben, was ihm zu Gebote stand, 
sondern ausgewählt; das ersieht man daraus, dass er (Läpp. S. 159) Ulen- 
spiegel von Nürnberg, wie bei S, nach Bamberg wandern lässt, ob- 
gleich die Nürnberger Geschichte bei ihm fehlt. Wenn ihm auch 
hier eine Nachlässigkeit in der Redaction begegnet ist, so könnte er 
doch in jenem Falle der Erfurter Geschichte (S 29) vorsichtiger ver- 



76 

fahren sein und den vorhergehenden Hinweis auf dieselbe ausgemerzt 
haben. Aus den Bedenken jedoch, die ich gegen diese Amis-Historie 
als einen ursprünglichen Bestandteil des Buches vorgebracht habe, 
bin ich eher geneigt, das Fehlen derselben in A als eine Bestätigung 
meiner Ansicht anzusehen. Ein Act willkürlicher Wahl möchte sodann 
in der Mitteilung der ursprünglichen Vorrede zu erkennen sein, wenn 
anders meine Vermutung, dass die in Polen spielende Geschichte (S 
24) an den 1492 gestorbenen König Casimir IV geknüpft ist, Grund 
hat; denn, da A dieselbe bringt, muss ihm der vermehrte Original- 
druck mit der neuen Vorrede ausser dem Urdruck zur Verfügung 
gestanden haben, was aber auch an sich nicht unwahrscheinlich ist, 
und ausserdem lässt sich für einen andern Uebersetzer, Krufifter, eine 
solche Benutzung von mehr als einer Vorlage nachweisen. Lappen- 
berg setzt A zwischen 1520 und 1530, während Grässe ihn 1495 er- 
schienen sein lässt. Grässe's Annahme scheint allerdings, wie Lappen- 
berg behauptet, ohne Grund zu sein. Nichtsdestoweniger möchte ich 
glauben, dass seine Zeitbestimmung dem Editionsjahr näher kommt, 
als Lappenberg's Annahme es tut. Dass A auf jeden Fall vor K 
herausgekommen ist, werde ich noch dartun. Ein zulängliches Urteil 
über A wird sich erst dann gewinnen lassen, wenn dieser Druck durch 
Reproduction völlig ausnutzbar gemacht worden ist, was er in hohem 
Masse verdient als eine wichtige Quelle für die Geschichte des Eulen- 
spiegelbuches. 

KrufFter oder, wer diesem Buchdrucker den Text hergerichtet 
hat, verfährt gleich A eklektisch. Er hat mehr als seine achtzig 
Geschichten gekannt, so die Seiltanzgeschichten (S 3 und 4), was 
aus dem Schluss seines zweiten „Capitels" und dem Anfang seiner dritten 
„History" hervorgeht, ebenso die Hundefellgeschichte (S 82), was die 
beibehaltene Historie von Ulenspiegel auf dem Rade (S 83) ergiebt. 
Die beiden Schwanke, die in Pommern und in Nürnberg spielen (S 31 
und 32), hat er umgestellt und lässt U. gleichwohl aus Pommern nach 
Nürnberg kommen wie in S: er hat also anfänglich die Nürnberger 
Geschichte überschlagen wollen, holte sie aber nach. 

Als hauptsächlichste Grundlage seines Druckes hat K einen S 
benutzt. Das lässt sich schon aus seiner Sprache schliessen, die hie 
und da oberdeutschen EinHuss verrät. Das beweist ferner die häufige 
wörtliche Uebereinstimmung mit S; recht deutlich wird das in Hi. 10, 
wo S um des Wortspieles willen die nd. Wortformen henep und fenep 
beibehalten und sie erklärt hat: so heisse Hanf und Senf in Sachsen. 
K hat seine mundartlichen henff und fe^iff gebraucht, weil sie das 
Wortspiel bestehen lassen; trotzdem behält er einmal aus S bei: 
fenep, als up die faffenfche fpraech. Von den beiden S hat K den 
Druck von 1515 gebraucht. Wo in S 1519 Lücken sind, durchweiche 
der Zusammenhang gestört wird (s. Knust S. VÜI), da stimmt K 
immer mit S 1515 überein. Ebenfalls, wo beide S im Ausdruck 
differieren, steht K auf der Seite von S 1515, selbst in Fehlern, z. 
B. Mdbe^ Amplenen^ Müdeßheim, das er zu Mideßheim verdruckt; fo 



n 

flogen fy vch eo doid^ feto (S 1515 fpeck), bruid (Hi. 22); iyuen (S 
1515 balgen^ Hi. 37). In manchen Fällen freilich bleibt unklar, welches 
Dnickes K sich bedient hat, weil er sichtlich bestrebt ist, einen ver- 
ständlichen Text zu liefern. So hat er fast sämtliche Misverständnisse, 
die oben besprochen worden sind, in wohlüberlegter Weise gebessert 
oder, wenn ihm das nicht gelingen wollte, die Stelle gekürzt. Die 
von S zerstörten Wortwitze werden auch bei K vermisst, wie es nicht 
anders sein konnte. Nur das Wortspiel mit Koldingen und dem 
hinter glückte ihm durch Umsetzung des Namens in seinen Dialekt 
(Kaidingen) wiederherzustellen, Hi. 16. Wie verständig er verfährt, 
soweit durch Nachdenken eine Stelle emendiert werden kann, zeigt Hi. 
1, wo er für Dyl von der btirger eu Amplencn bei S 1515 conjiciert: 
Thiel van der burch Amplenen genant. Die richtige Lesart Dyl von 
Vizen der burgher m Ampleuen und somit S 1519 kannte er demnach 
nicht. Doch scheint ihm während seiner Bearbeitung oder seines 
Druckes diese Ausgabe noch zugänglich geworden zu sein. Es finden 
sich mehrere Stellen, an denen er zu derselben mehr stimmt als zu 
S 1515, so in Hi. 16 und 89. Allein das kann auch Zufall sein. 
Wenn er aber in Hi. 16 statt des kindes ftüelgin das zum Verständniss 
notwendige Compositum und in Hi. 62 bretlöcher übereinstimmend mit 
S 1519 giebt, so kann das nicht auf blosser Conjectur beruhen. Es 
hat nun aber keineswegs etwas autfälliges, wenn K auch S 1519 be- 
nutzt hätte. Servais Kruffter lässt sich als Druckes bis 1519 in Basel, 
seit 1520 in Cöln nachweisen (Lappenberg S. 149). Dass sein Ulen- 
spiegel in die Zeit seines Cölner Aufenthaltes fallen muss, verbürgt 
sein Dialekt. In Basel wird er S 1515 kennen gelernt haben. Zur 
Zeit oder bald nach seiner Heimkehr in die Heimat erschien S 1519, 
den er dann wenigstens noch bei seiner teilweise oder ganz vollendeten 
Arbeit an einigen schwierigen Stellen zu Rate zog. Lappenberg stellt 
K zwischen 1520 und 1530. Nachdem sich seit Auffindung von S 
1515 dieser Druck als seine Vorlage hat feststellen lassen, darf man 
K ungefähr um 1520 ansetzen. 

S ist nicht die einzige Redaction geweseu, die K zu Gebote 
gestanden hat. Er weicht in Zahlenangaben von S ab in Hi. 29. 33. 
57. 66. 87. Meist scheinen diese Abweichungen seine eigene Correctur 
zu sein. Aber die 60 Jahre in Hi. 1 statt der 50 von S lassen sich 
so nicht erklären; da er die Vorrede unterdrückte, brauchte er die 
Rechnung nicht zu verbessern: hier muss ihm die richtigere Zahl aus 
einem anderen Druck geworden sein. Ferner liefert er drei Er- 
zählungen, die S nicht kennt: I von den altklugen Antworten, welche 
U. als Kind einem reisigen Manne gegeben; II wie er als Rosstäuscher 
jemand mit einem stätigen Pferd betrog, das nicht über die Bäume 
d. h. über die Balkenlage einer Brücke ging; III wie er als Oberhirte 
des Herzogs von Braunschweig dies Amt mit besonderer Schlauheit 
zu seinem Vorteile ausbeutete. I geht allen hd. Drucken mit Aus- 
nahme des Augsburgers von 1540 ab, findet sich aber in A und der 
daraus geflossenen französischen und englischen Uebersetzung; um- 



% 

gekehrt steht es um die Verbreitung von II und III. K hat also 
zwei verschiedene Quellen zur Ergänzung von S benutzt. Die erste 
Hälfte von I ist durch Lappenberg S. 291 als schon im älteren Ge- 
dichte von Salomon und Markolf vorkommend nachgewiesen, welche 
Dichtung nach Schaumberg's Erweis in Paul und Braune's Beiträgen 
z. Gesch. der dtsch. Spr. u. Lit. II, 19 am Niederrhein entstanden ist. 
Es mochte dem Cölner um so näher liegen, diese recht Eulenspie- 
gelschen Wortklaubereien aufzunehmen, als ihm nicht entgehen konnte, 
dass der Verfasser des Ulenspiegel bereits einen anderen Schwank, 
den vom Bienenkorb (S 9), daher entlehnt habe; vgl. Eschenburg, 
Denkmäler altdeutscher Dichtkunst S. 169. Dennoch dürfen wir K 
die Vermehrung des Volksbuches durch I nicht zuschreiben. Schon 
dass er die Erzählung zwischen sein Capitel 1 und Capitel 2 ohne 
Zählung eingeschoben hat, widerspricht solcher Annahme. Er hat 
sie denn auch aus A genommen. Dass er zuerst roß und bofe^ nach- 
her dafür pert und qiiat gebraucht, lässt schliessen, dass er peert und 
qiiaet von A vor sich hatte; keinen Zweifel aber lässt der Umstand, 
dass er, dessen Dialekte fachte (sagte) gemäss war, in dieser Historie 
einmal das ndl. feyde beibehalten hat. Es bestätigt sich also, dass 
A älter ist als K. Ob A die Geschichte hinzugethan hat? oder ob 
er sie in seiner nd. Vorlage vorgefunden hat? Es giebt einen un- 
datierten nd. Druck Marcolphus mit fynem wive (s. Eschenburg S. 178). 
Doch glaube ich nicht an eine Entlehnung jener beiden Historien ans 
dem Markolf. Beide werden altes Fabelgut sein; und die zweite Hälfte 
der Erzählung vom klugen Kinde findet sich gar nicht im Markolf. 
— Auch in Historien, welche K mit S gemeinsam hat, weicht er bis- 
weilen nicht unerheblich von S ab, z. B. in Hi. 13. 14. 15. 39. 61. 
Die erste, der Osterschwank, kommt fast wörtlich mit dem englischen 
Texte überein (vgl. Percy, Reliques of ancient Englif h poetry ; London, 
1839; p. 133) und K hat also seine Fassung wohl gleichfalls aus A 
entlehnt. 

Schwieriger ist über II und III zu klaren Ergebnissen zu ge- 
langen. Zwar soviel ergiebt sich mit ziemlicher Gewissheit, dass S 
dieselben sowenig wie I gekannt hat, weil seine schriftstellerische 
Manier durchaus nicht den Eindruck von wählerischer Enthaltsamkeit 
macht. Haben sie gleich nicht in seiner Vorlage gestanden, so könnten 
sie doch schon gedruckt gewesen sein. Nicht ausser Acht gelassen 
werden darf, dass E und C an der Stelle des Einschubs von II und III 
(zwischen Hi. 88 und 89 bei S) noch zwei Historien eingeschaltet 
haben: IV wie U. in Hildesheim ein Pferd nur halb bezahlt, weil er 
die andere Hälfte schuldig bleiben will, und V wie er zu Erfurt 
Schuhe ohne Bezahlung kauft, indem er, als Dieb verfolgt, mittels 
der zweideutigen Behauptung entkommt, es handele sich um einen 
Wettlauf um ein Paar Schuhe. Die Reihenfolge in EC ist: II, IV, 
III, V. Sie können gleichzeitig eingeschaltet sein, so dass K zwei 
Historien unterdrückt hätte. Hi. II und IV gehören nach der Materie 
zu der von A und K nicht gegebenen Wismarer Rosshandelgeschichte 



79 

(Hi. 65). Hi. V hat merkliche Aehnlichkeit mit Hi. 60 und 61: alle 
drei gehen in Erfurt vor sich, in allen wird U. zum Kauf aufgefordert 
und verschafft sich die Waare durch schlaue Rede ohne Geld. Hi. 
III und IV geben dagegen nd. Gebiet als Schauplatz an. Der Herzog 
von Braunschweig in Hi. HI, welcher Viehzucht betreibt und dessen 
Amtleute alle reich werden, erinnert an die Schilderung eines histo- 
rischen Braunschweiger Fürsten in der nd. Weltchronik, welche unter 
dem Namen der Hetlingischen geht und von der Caspar Abel in seiner 
Sammlung etlicher Chroniken (1732) Auszüge veröffentlicht hat, S. 
217: hertog Ilinrick (1481 — 1473) wart genomet de fredefame; he 
wart eyn rike fürfte van cpicke, alle fchapen; . . . alle fine borge 
hadde he fry, de weren nicht vorpendet, men dar liadde he vogede 
uppe, fo dat fin laut unde lüde, borge unde ftede in groter nering 
feten. In Bezug auf die Sprache kann man die Fragen aufwerfen, 
betreffs H, ob das sowohl nd. wie Cöln. lach (Fehler) in K für die 
echte Lesart zu halten sei oder ob es mit höfer tucJc in EC auf einen 
dritten Ausdruck, etwa nd. micke, als den ursprünglichen schliessen 
lasse; für HI, ob fehe (Vieh) in K, wofür er eben vorher fye und in 
Cap. 36 (Hi. 43 in S) fyeg braucht, als Cöhiische Nebenform oder 
ais Rest einer nd. Vorlage angesehen werden dürfe. Eins scheint 
üDzweifelhaft, dass aHer vier Historien Aufnahme in das Volksbuch vor 
ca. 1520 geschah. Vier weitere Historien dagegen (U. zu Berlin als 
Büttel, als Glöckner, als Bauerknecht, auf der hohen Schule zu Paris), 
welche E und C mehr als alle früheren Ausgaben bieten, sind offen- 
bar erst später hinzugekommen und rühren keinesfalls aus einem nd. 
Druck her. Von andern (iründen abgesehen, werden sie als jüngster 
Zusatz schon durch ihre höchst ungeschickte Einflickung zwischen 
die beiden Testamentsgeschichten (S 92 und 93) erwiesen. 

Die vorliegende Untersuchung soll in keinem Versuch enden, 
den ersten Entwurf des Volksbuches auszukernen, noch die Inter- 
polationen nach Herkunft und Zeitfolge zu sondern. Bei dem jetzt 
öoch so unvollständigen Material hat ein solches Unternehmen keine 
Aussicht auf endgültige Resultate; vielleicht aber selbst dann nicht, 
wenn A,E, C und Augsb. in Neudrucken vorliegen werden. Desgleichen sehe 
ich davon ab, die Frage nach dem mutmasslichen Verfasser zu er- 
örtern. Bei (ielegenheit der Versammlung des Niederdeutschen Sprach- 
vereins zu Braunschweig um Pfingsten 1892 habe ich in einem Vor- 
trage versucht, den Braunschweiger Härmen oder Herman Bote^) als 
wahrscheinlichen Urheber des Volksbuches nachzuweisen, für den ich 
zugleich den Koker und verschiedene historische Gedichte in Anspruch 
nahm. Es erscheint praktischer, die Untersuchung als Ganzes zum 
Druck zu bringen und darum auf eine Mitteilung des Abschnittes 
über den Eulenspiegel hier zu verzichten. 

HAMB URG. C. Walther. 

*) s. über ihn Hänselmann in: Die Chroniken der deutschen Städte. Bd. 
XVI (Braunschweig Bd. II); und Brandes im Nd. Jahrbuch XVI, S. 1. 



80 



Die mittelniederländisehe 
Paraphrase des Hohenliedes. 

Im vorigen Jahre teilte mir einer meiner Zuhörer, Herr L. Seher 
aus Wetzlar, gelegentlich mit, dass im dortigen Archiv Fragmente 
eines 'niederdeutschen Werkes von geistlichem Charakter' aufgetaucht 
seien. Ein anderer junger Wetzlarer, Herr Dr. Rieh. Wünsch, ver- 
schaffte mir später abschriftlich Proben, aus denen ich die Zuge- 
hörigkeit der neugefundenen Pergamentblätter leicht bestimmen konnte, 
und daraufhin forderte mich Herr Archivrat Dr. Veltman, der die 
Blätter nach und nach von alten Reichskammergerichtsacten losgelöst 
hatte, in liebenswürdiger Weise auf, statt seiner öffentlich über den 
Fund zu berichten. 

Es handelt sich um neue, umfangreiche Bruchstücke der mittel- 
niederländischen poetischen Paraphrase des Hohenliedes, von der 
18G2 Hoffmann von Fallersleben, Horae Belgicae XH, 16 — 27 erstmals 
Proben veröffentlichte (vgl. auch L. Petit, Bibliographie der mnl. taaJ- 
en letterkunde Nr. ÖOG), deren Existenz aber gleichwohl dem neuesten 
Bearbeiter der niederländischen Litteraturgeschichte, Jan te Winkel, 
gänzlich entgangen zu sein scheint. 

Im Jahre 1849 übergab P. Wigand der Kgl. Bibliothek zu 
Berlin 44 ganze und das obere Drittel eines 45. Pergamentblattes, 
die er Acten des Wetzlarer Archivs entnommen hatte. Es waren 
Teile einer schönen Pergamenths. des 14. Jahrhunderts, die spätestens 
im Jahre 1589 in Speier zerschnitten und zu Umschlägen und Zwischen- 
lagen von Acten verschiedenster Herkunft verwendet worden war. 
H. V. F., der sich zufällig von einem der Berliner Blätter notiert 
hatte 'Mandersched-Blankenheim contra Printt\ folgerte daraus nach- 
träglich, die Hs. müsse aus der alten Bibliothek von Blankenheini 
stammen. Vor den Blättern selbst, welche mehr als ein Dutzend 
verschiedene Aufschriften bieten, kann diese Vermutung nicht auf- 
kommen: neben vorwiegend rheinischen Namen begegnen hier auch 
oberdeutsche, wie ^Vilach ca. Ohernclofter\ und gemeinsam ist allen, 
soweit sie überhaupt bezeichnet sind, nur das ' Praes fentatumj Spirae . . . .' 
mit einem Datum aus den Jahren 1589 bis 1592.^) Man wird also 
den Rest der Hs. nicht unter Manderscheidschen Archivalien, sondern 
lediglich unter den Acten des Reichskammergerichts suchen müssen, 
die aber leider nicht mehr vollständig in Wetzlar vereinigt sind. 

Die Berliner Hs. Ms. germ. fol. 613 (B) enthält die Blätter der 
altern Fundreihe in einer Anordnung, die nicht ohne Mitwirken des 



') spätere Zahlen beziehen sich auf ein 'reprae8eiitattim\ auf eine abermalige 
Vorlegung der Acten. 



81 

Buchbinders zu stände gekommen scheint: die neu aufgetauchten Blätter 
(W) habe ich mit Bleistift selbst numeriert: es sind ihrer 27 (25 
einzelne und ein erhaltenes Doppelblatt: 10-11), worunter 3 einem 
(doppelten) Register angehören. Wir haben also TlVa Blätter, davon 
68^3 Blätter mit Text. Auf die zweispaltig beschriebene Seite kommen 

40 + 40 Zeilen; nach Abzug des Raumes, den die lateinischen Text- 
einschaltungen und die deutschen (nl.) Kapitelüberschriften — beide in 
roter Schrift — in Anspruch nehmen, entfallen auf das Blatt im 
Durchschnitt 150 Verse. Ziehen wir davon auch ab, was durch Weg- 
schaben usw. unleserlich geworden ist, so bleiben noch immer etwas 
über 10,000 Verse. Es lässt sich — wie, ergibt sich unten — be- 
rechnen, dass zwei Dritteile des Codex erhalten, ein Drittel aber (ca. 
34—38 Blätter) verloren oder doch noch nicht wieder aufgefunden 
ist: die Dichtung dürfte vollständig 15 — 16000 Verse umfasst haben, 
also eines der umfangreichsten geistlichen Reimwerke der mittelnieder- 
ländischen Litteratur gewesen sein. 

Ich gebe zunächst meine gesicherte Anordnung der Fragmente, 
wobei ein •+- unmittelbaren Anschluss von seither getrenntem bedeutet, 
die Striche andeutungsweise die fehlenden Blätter markieren. 

W 1 — W 2. 3 — B 1. 2 \V 4. 5 — B 3. 4. 5 + B 

35 -f- B 6 — B 7a. 7b. 8. 9 — B 10. 11 B 12 — W 6 -J- 

ß 13. 14 B 15. 16 4- W 7 — W 8. 9. 10. 11. 12. 13 — 

W 14 -h B 17 -H W 15. 16 W 17 -H B 18 — B 19. 20. 21 

B 22. 23. 24 — B 25 B 43 — B 28. 29. 30. 31. 32. 

33. 34 B 36 -H W 18 + B 37. 38. 39. 40 -H W 19 -H B 

41 _ W 20 W 21 — W 22. 23 W 24 — W 25. 

26 — B 42 -+- B 27 4- B 26 + B 44 W 27 

Um die Blätter anzuordnen und den Umfang des vermissten an- 
nähernd zu bestimmen, haben wir einen doppelten oder gar dreifachen 
Anhalt. Der lateinische Text des Hohenliedes ist nämlich für die 
Paraphrase in 150 Sätze zerlegt -<- die Zahl schwerlich absichtslos 
— und über diese (schwarz numerierten) Textsätze besitzen wir oben- 
drein auf W 1 — 2 ein freilich unvollständiges Register; der In- 
halt der Paraphrase aber erscheint in eine grosse Anzahl mit roten 
Zahlen versehener und durch deutsche Ueberschriften und Stichworte 
angekündigter Kapitel gegliedert: auf W 27, am Schluss unserer 
Ueberlieferung stehen wir bei Satz 145 des lateinischen Textes und 
bei Kap. 230 der deutschen Paraphrase, es können also etwa 5 — 8 
deutsche Kapitel ausgefallen sein. Das auf W 2. 3 erhaltene Register 
reicht nur bis Kap. 181. 

Das ganze war in Bücher eingeteilt, deren Eingang eine grössere 
blau-rote Initiale markierte. Aber wie die einzelnen Kapitel, so sind 
auch die Bücher von sehr verschiedenem Umfange. Erhalten ist uns 
der Eingang von Buch I (das sich aber nicht als solches einführt) 
auf B 1, der von Buch III auf W 22, der von Buch IV auf W 25: 
danach entfielen auf Buch I 137 Kapitel, 46 Textsätze, auf Buch II 
65 Kapitel, 60 Textsätze, auf Buch III dagegen nur 11 Kapitel, 21 

Niederdeutsches Jahrbuch. XIX. Q 



82 

Textsätze* Man sieht: auch das Verhältnis der Textsätze zu den 
deutschen Kapiteln ist nach Zahl und Umfang ein sehr verschiedenes. 
— Bei der Beliebtheit der Fiinfzahl darf immerhin die Vermutung 
geäussert werden, dass in eine der grössern Lücken des letzten Teils 
noch der Eingang eines V Buches fiel. 

Von der Art, wie sich die lateinischen Textworte mit den deutschen 
Kapitelüberschriften kreuzen, könnte nur der Abdruck von umfang- 
reichen Proben einen deutlichen Begriff geben. Ich biete hier zunächst 
das deutsche Inhaltsverzeichnis, soweit es sich auf W 2. 3 vorfindet 
und ergänze es dann durch die darüber hinaus erhaltenen Kapitel- 
überschriften. Damit verbinde ich eine Uebersicht über den gegen- 
wärtigen Bestand in der Weise, dass ich die Zahlen der vollständig 
fehlenden Kapitel in Doppelklammern einschliesse, fehlenden Anfang 
mit einer vorangestellten, fehlenden Schluss mit einer nachgesetzten 
eckigen Klammer anzeige. Ueber den Umfang des Fehlenden ist da- 
mit natürlich nichts ausgesagt und lässt sich auch nur in seltenen 
Fällen eine bestimmtere Vermutung äussern. 

Im Register wie in den nachfolgenden Proben habe ich die 
sichern Abkürzungen stillschweigend aufgelöst, im übrigen aber die 
Orthographie durchaus bewahrt. Interpunction habe ich reichlich 
hinzugefügt, zu ändern überall wo ich Anstoss fand, dazu fühJe ich 
mich in Sprache und Stil des Dichters nicht sicher genug. 



H, 



Ter beghiimet die tafel in duutsch uan cantica canticorum. in den eersten W f. 2c 

I Hoe dat god alle dinc maeete ende Lucifer viel. (B 1) 

II Hoe die menfche viel. (B 2) 

III] Hoe gods minne an den mensche bleef ende makede vrede tot Marien. (B 2) 

"IV] Wair om die menfche is uerloft ende niet die dauel. 

V] Hoe die foene toe quam. 

VI Wair om dit boec is ghescreuen. (W 4) 

VII Een ander fprake uan minnen. (W 4) 

VIII Hoe Salemoen dit boec makede. (W 4. 5) 

IX Van den drien wanden (1. vianden) der doget. (W 5) 
XJ Hoe dit boec gheheten is. (W 5) 

[XI] Der bruut woirde uan der ontfanghenisse gods. 

[XII Een gheliken in der glofen. (B 3) 

XIII Hoe god an der menfcheit quam. (B 3) 

XIV Van drier hande personen die hier tegader spreken uan der brulocht. (B 3. 4) 

XV Van drien pointen der minnen. (B 4. 5) 

XVI Van drien vreden die Adam brac. (B 5) 

XVII Wie wairdich is gode te cussen. (B 5) 

XVIII Van drien cussen. (B 5. 35) 

XIX Een vraghen in der glosen. (B 35) 

XX Hoe die bruut ontsculdighet hare boutheit. (B 35. 6) 
XXI] Van des brudegoms borsten. (B 6) 

[XXII] Van den leden der heiligher kerstenhede. 

[XXIII Van den faluen der falicheit. (B 7») 
XXIIII^) Hoe die name Jesus is oly. (B 7» b. 8) 

XXV Wair onj die maghede den brudegom minnen. (B 8) 

XXVI Sinte Barnaerds woorde. (B 8) 

^) im Text verschrieben XXVII. 



8S 



XXVII Hoe die braut na gode begheert te climmen. (B 8. 9) 

XXVIII Van finte Auguatin. (B 9) f. 2^ 
XXIX] Een uraghen ende een antwoorde. (B 9) 

XXX] Echter uan vier faluen. 

XXXI] Ene clairnisse der glosen. 

XXXII Hoe die braut gheleit wart in den kelren gods. (B 10) 

XXXIII Van den kelren wat Ci fijn. (B 10) 

XXXIIII Noch uan drien kelren. (B 10. 11) 

XXXV Van drien ghesinden gods. (B 11) 

XXXVIJ Hoe die ouerste al den last draghen. (B 11) 

IXXXVII] Wair bi die prelaten verduldich füllen fijn. 

[XXXVIII] Van den quaden die die kerke verdrucken. 

[XXXIX Hoe goods gracie is moeder alre creaturen. (B 12) 

XL] Een ander glose. (B 12) 

fXLI] Van den prelaten. 

[XLIl Van enen vraghen. (W 6) 

XLIII Van gods wijugaerde. (W 6) 

XLIIII Van den goeden wijngaerdes hoeder. (W 6) 

XLV Hier is ondersceit van des wijngaerts hoedere. (W 6 B 13) 

XLYI Vijf pointen uan ghewairre minnen. (B 13) 

XLYll Hoe die bruut wil weten wair god rust. (B 13. 14) 

XLYIIQ Een ander glose van den seluen. (B 14) 

[XLIX] Hoe die brudegom der bruut antwoort. 

[L] Wat wi behoeuen tot der falicheit. 

[LI Hoe die brudegom der bruut troost. (B 15) 

LH Van den gauen des brudegoms. (B 15) 

LIII Van des duuels waghene. (B 15. 16) 

LIIII Wair bi men die bruut kent. (B 16) 

LV Van goeden werken ende bequame. (B 16 W 7) 

LVI Van der bruut hals ende hair zierheit. (W 7) 

LVII Van den rechten gheloue. (W 7) 

LVIII] Ene iammerlike claghe. (W 7) f. 3» 

[LIX] Van der bruut verduldichede. 

[LX] Drie duechden der bruut. 

[LXI Van tween raanieren der ootmoedicheit. (W 8) 

LXIl Van rechter ootmoedicheit. (W 8) 

LXUI Van verduldicheit. (W 8) 

LXIIII Van den risen des dogen gods. (W 8. 9) 

LXV Noch uan der passien risekijn ende van den seuen tiden. (W 9) 

LXVI Hier wert die bruut ghetroest om dat hair lief bi hair is mit minnen. 

(W 9. 10) 

LXVll Van der duuen dat Christus is. (W 10) 

LXVIII Een ander gloze. (W 10) 

LXIX Een ander glose. (W 10) 

LXX Hoe die brudegom die bruut prijst; dit lof is der eerster bruut, die 
van Adame is eerst coraen ende heet die eerste kerke. (W 10. 11) 

LXXI Van der duuen nature. (W 11) 

LXXII Noch twee ogen der bruut. (W 11) 

LXXllI Hoe men god hier siet. (W 11. 12) 

LXXIIII Echt een vraghen. (W 12) 

LXXV Hoe men hier op antwoort. (W 12. 13) 

LXXVI Hoe die bruut te vreden is. (W 13) 

LXXVII Echt uan der bruut bedde. (W 13) 

LXXVIII Van der minnen huse. (W 13) 

LXXIX] Van den rechten gods huse. (W 13) 

[LXXX] Een ander glose. 

[LXXXI Van seuen bloemen. (W 14) 

LXXXn Hoe die brudegom leert die bruut ootmoedich te sine. (W 14) 

LXXXIII Een ander suete lere van drien bloemen. (W 14) 

6* 



84 



(W 17 B 18) 



(B 18) 



LXXXIIII Van der leiten nature. (W 14 B 17) 

LXXXV Hoe die brudegom die braut pryst. (B 17) 

LXXXVI Lof der bruut des brudegoms. (B 17 W 15) 

LXXXVIl Hoe die bruut hair belouet uan den brudegom 

LXXXVIII Die glose. (W 15) 

LXXXIX Een ander glose. (W 15) 

XC Van caritaten. (W 15. 16) 

XCI Wat men minnen sal. (W 16) 

XCII Hoe die bruut doget begheert. (W 16) 

XCIII] Hoe gbeloue fonder werke niet enis. (W 16) 

^CIIII] Van tween banden gods. 

XCV] Van der bruut rüsten. 

XCVI] Van tween campen. 

XCVII Des rees nature. (W 17) 

XCVni Des harten nature. (W 17) 

XCIX Hoe die bruut den maghen antwoort. 

C Van drien berghen. (B 18) 

CI Een merkelic woort uan gods springhen. 

CII] Van tween poiuten in Christo. (B 18) 

CHI] Hoe na ons Christus is in naturen. 

CIIII] Van vijf wanden.») 

CV Echt uan vier wanden.») (B 19) 

CVI Van gods werken. (B 19) 

CVII Van hinder der ghelouen. (h 19) 

CVIII Van den winter. (B 19. 20) 

CIX Van den reghen. (B 20) 

CX Van der bequameliker tijt. (B 20) 

CXI Van vijf pointen der salicheit. (B 20) 

CXII Teerfte point. (B 20) 

CXIII Tander point. (B 20) 

CXIIII Terde point. (B 20) 

CXV Hoe Christus onse broeder is. 

CXVI Van der blijscap tijt. (B 21) 

CXVII Van der tortelduuen manieren. 

CXVllI] Dat vierde point. (B 21) 

CXIX] Dat vijfte point der salicheit. 

CXX] Vier pointen in penitencien. 

CXXl] Wair salicheit in leghet enter bruut drie namen. 

CXXII] "Wat die predicair sal siju. 

CXXIII] Wair die sal wonen. 

CXXIIII Van des wijngaerts hoeder. (B 22) 

CXXV Twee pointen. (B 22) 

CXXVI Hoe die goede predicaers gode behaghen. (B 22) 

CXXVII Van drien wijngaerden. (B 22) 

CXXVTII Van gheveinfde kerstene. (B 22) 

CXXIX Van ualschen begheuen luden. (B 22. 23) 

CXXX Van den vossen. (B 23) 

CXXXI Van drien fcalken fonden. (B 23) 

CXXXII Van rechter minnen fede. (B 23) 

CXXXni Drie pointen die die woorde benemen. (B 23. 24) 

CXXXIIII Drie pointen van rechter minnen. (B 24) 

CXXXV Noch uan der lelien. (B 24) 

CXXXVI Welc rechte lelien voir gode sijn. (B 24) 

CXXXVII] Hoe die bruut hair [lief weder roept.]») (B 24) 

CXXXVIII] Hier beghint dat ander boec. 

CXXXIX Een voirfproke des anders boecs. (B 25) 



(W 15) 



(B 20. 21) 
(B 21) 



f. 3« 



*) wohl vianden wie bei IX. *) desgl. 

^) hier ist nur der Anfang der Uebierschrift erhalten, vom Texte gar nichts. 



85 



CXL Hoe die kerstenheit is ghedeelt. (B 25) 

CXLI Van der bruut bedde. (B 25) 

CXLIl] Hoe wi ter kerstenheit sijn comen. (B 25) 

CXLIil] Hoe men foeken fal ende vinden. 

CXLIIIl] Een ghelike. 

CXLV] Hoe besweert die brudegom die dochtren. 

CXL VI] Hoe twee brude in gode vergadert syn. 

CXL VII Wat der eerster bruut uerwondert. (B 43) 

CXLVIII Hoe die heidenscap an gode quam. (B 43) 

CXLIX Hoe die eerste bruut vraghet van der ander. (B 43) 

CL Van ses pointen der salicheit. (B 43) 

CLl] Een ander glose. (B 43) 

[CLU] Hoe die bruut mitten brudegom werscapt. 

[CLIII Noch uan den seinen van Salemoens huse die sierheit. (B 28) 

CLIIU Hoe die bruut den brudegom wyst den dochtren. (B 28) 

CLV Noch van den feluen. (B 29) 

CLYI Hoe die brudegom die bruut prijst. (B 29. 30) 

CLVII Noch ene glose. (B 30. 31. 32) 

CLYIII Hoe die brudegom soeket sine vriende. (B 32) f. 3d 

CLIX Hoe hi die bruut prijst in hären leden. (B 32. 33) 

CLX Hoe die brudegom der kerken voirseit hare viande. (B 33) 

CLXI Wat beduut drieweruen comen. (B 33. 34) 

CLXII Hoe die brudegom troest die bruut ten stride. (B 34) 

CLUn Van der bruut leden. (B 34) 

GLXnil] Hoe ftarc die bruut is te uechten. (B 34) 

[CLIY] Hoe die bruut wederstaet der quader scaren ende uerwint 

[CLXVI] Wat bloemen in der kerken houe wassen. 

[CLXVIl] Van der kerstenheit fonteine. 

[CLXVIIl] Van den blomen des houes. 

[CLXIX Van den bloemen die in der kerken paradyse wassen. (B 36) 

CLXX Van tween bomen sonderlinghe. (B 36) 

CLXXI Van der bruut houe ende wat hair let. (B 36 W 18) 

CLXXII Hoe die bruut nv moet den brudegom. (W 18) 

CLXXIII Hoe die brudegom lieflike der bruut antwoort. (W 18 B 37) 

CLXXUII Hoe die brudegom vint in der bruut hof al sinen wille. (B 37) 

CLXXV Van den tiden des vreden in der kerken. (B 37. 38) 

CLXXVI Hoe men nv van gode slaept. (B 38) 

CLXXVII Hoe die bruut ghaime bleue mit rüsten in gode. (B 38. 39) 

CLXXVIII Hoe node die bruut hair beslet mitter werelt. (B 39) 

CLXXIX Hoe die brudegom die bruut wel minnentlike dwinghet te prediken. 

(B 39) 

CLXXX Hoe die lerair werden ghetroest in wederstoot. (B 39. 40) 

CLXXXI Hoe die bruut gehoirsaem is*) [hären lieue]. (B 40 W 19) 

CLXXXn Hoe die bruut hair lief soect. (W 19) 

CLXXXIII Hoe die bruut die dochtren besweert. (W 19 B 41) 

CLXXXIIII Hoe die dochtren uraghen. (B 41) 

CLXXXV] Hair lief wijst den dochtren. (B 41) 

[CLXXXVI (W 20) 

CLXXXVII Dit is der bruut antworde ten dochtren. (W 20) 

CLXXXVI! I Hoe die minne dicken die woorde breket. (W 20) 

CLXXXIX] Hoe vier brude vergadert fijn in ene minne gods in rechter ghelouen. 

(W 20) 

[CXC-CXCVI] 

[CXCVII (W 21) 

CXCVIII Die derde graet. (W 21) 

GXCIX Der bruut lof. (W 21) 

CC] Hoe die dochtren nv die bruut prifen. (W 21) 



*) hier bricht das Verzeichnis selbst ab. 



86 

[ccii !!!;!!;.'!.'.'.' (w 22) 

CCIII Hier beghint die derde boec. (W 22) 

CCIIII Die text uan der lettren. (W 22. 23) 

CCV] Hoe finlicheit bedrieghet. (W 23) 

[CCVI-CCXII] fehlen bis auf ein Blatt, das mitten in ein deutsches Kapitel fäUt. 

(W 24) 

[CCXIII (W 25) 

CCXIIII Hier beghint dat vierde boec. (W 25. 26) 

CCXV Hoe die braut uut gaet ende wint die beiden te gode. (W 26). 

CCXVl] Hoe die funamite brengbet voor den brudegom mandragora uan der 

heidenscap. (W 26) 

[CCXVH] , . . . 

[CCXVni . • (B 42) 

CCXIX Hoe die bruut den brudegom hout ende mit hair leet. (B 42) 

CCXX Hoe men te gode climmet mit minnen. (B 42. 27) 

CCXXI Hoe die bruut rust na der vergaderingbe hairs lieuen. (B 27. 26) 

CCXXH Hoe der fynagogen uerwondert van der groter hoocheit der braut 

mandragora. (B 26) 
CCXXni Die brudegom die bruut wairnt uan ualle. (B 26. 44) 
CCXXnn») Van der minnen starcheit. (B 44) 
CCXXV] Den lof der wäre minnen. (B 44) 

[CCXXVI-CCXXVH] 

[CCXXVHI (W 27) 

CCXXIX Wat die bruut sal doen. (W 27) 
CCXXX] Hoe die bruut antwoort. (W 27) 
[CCXXXI bis Schluss (höchstens CCXL) fehlen]. 

Wer die stattliche Reihe der Commentatoren des Hohenliedes 
überblickt, die Pitra im Spicilegium Solesmense III 167 f. verzeiclinet, 
wird mich entschuldigen, dass ich die eigentliche Quelle unseres Autors 
nicht aufgefunden habe. Die Einteilung des Grundtextes in 150 Sätze 
mag solchen, denen eine grössere Bibliothek zugänglich ist, einen 
Wegweiser abgeben. Eine Selbständigkeit, wie wir sie z. B. dem Magde- 
burger Konstabier Bruno von Schönebeck immerhin zuschreiben müssen, 
scheint sich unser Autor selbst abzusprechen (Probe IIa V. 66 ff.). 
Dass er dem geistlichen Stande angehörte und in erster Linie für 
Geistliche schrieb, beweisen zahlreiche Stellen, dass er ein Ordens- 
bruder war, machen gewisse Ausführungen, wie in Probe III (V. 55 ff.) 
und dem was ihr in der Hs. folgt, wahrscheinlich. Unter den wenigen 
Citaten fällt besonders der heilige Bernhard auf, dessen Predigten 
über das Hohelied eine ganze Reihe von späteren Commentatoren, 
so besonders den hl. Bonaventura, befruchtet haben. Die Beliebtheit 
dieseß Gegenstandes in der litterarischen Tätigkeit der Cistercienser 
bezeugt Pitras Verzeichnis, der aao. 13 Mitglieder des Ordens aufzählt. 
Täusche ich mich, wenn ich in den Kapitelüberschriften CLXYI bis 
CLXIX, wo von dem Hof der Kirche mit seinen Blumen, von der 
'fonteine' und dem 'paradys' der Kirche die Rede ist, die Anlage 



*) Die Zahl fehlt; am Schluss von B 26 geht ein weiteres Rubrum (oder 
der Anfang eines solchen?) voraus: 'Hoe die bruut fal gods gedenken' — kommt 
diesem die Zahl CCXXIIII zu, so ist eben ein Kapitel bei der Zählung ganz 
ausgefallen. 



87 



eines Cistercienserklosters — man denke z. B. an Maulbronn — 
durchschimmern sehe? 

Zwei Proben aus den neugefundenen Wetzlarer Blättern schicke 
ich den Eingang des Werkes aus B 1 voraus. Unsere holländischen 
Kollegen werden hoflfentlich bald für eine vollständige Publication 
des erhaltenen in der Bibliotlieek van Middelnederlandsche letterkunde 
Sorge tragen. So gering der poetische Wert des Reimwerks ist, für 
die Geistesgeschichte der Niederlande ist es als Ganzes keineswegs 
oke Interesse, und ein besserer Kenner der Kulturzustände jener 
Landschaften wird ihm gewiss auch noch mehr interessantes Detail 
abgewinnen, als mir bei flüchtiger Lectüi'e aufgestossen ist. 



& 



I. 
Bf.l» Hier beghinnen die boeJcen 
äie gheheten fijn cantica canticorum. 

od here almachtich wijs ende goet, 
Mies goedea vte vioeiende uloet, 
Waot alre diuc biftu beghin, 
ler beghin ginc di nye in; 
Du waers ye dattu nv bift, 
AI ende henet di ooc gbemift, 
Nochtan biftu fonder mifwende 
Alre dinc beghin ende ende. 
Want in dijnre godliker cracht 
Heneftu alle dinc ghewracht, 
In wijfheit voegbeftn alle dinc, 
Wat ye wefen ane vinc usw. 

II. 
Wf.4c Jjoe falomoen dit boec 
makede. VIIL 

Salemon de wife man 
Sach drie hogbe pointen an, 
Dair alle dogbet in wart gbefaet 
Ende ghenoegbet na rechte ftaet: 
5 Dats wijfheit macht ende goetheit; 
In defen drien leghet falicheit, 
Bi defen drien wart gheroert 
Die fiele ende ter doghet gbeuoert. 
^^ Wijsheit doet die doghet beghinnen, 
10 Macht uolnoert fi wel mit finnen, 
Goetheit hont die dogbet gheftade 
Ende bequame in gods ghenade. 
Wijgheit ons gbelouen doet, 
Macht gbenet in der bopen fpoet, 
15 Goetheit nolmaect al in minnen 
Ende nollent dat wi beghinnen. 
Defe drie pointen sijn op drie ftaet 
Ghenoegbet, dair die menfcbe in gaet 



Tallen dinghen die hi doet, 

20 Sijn si qnaet of fijn fi goet: 

Dats in beghinnen ende in voortvaren 
Ende in noleinden fonder fparen. 
Want wijs gheloue behoeft den 

gbenen, 
Die goet beghinnen ende gode menen, 

25 Sterke hope hebben moet, 

So wie uoortuaren fal in fpoet. 
In ftadicheit mit caritaten 
Moet hem elkermallijc zaten, 
Die nolmaect fal fijn te gode 

30 Ende vafte blinen bin ßm ghebode. 
Salemon, die dit al proenede 
Ende wat ter falicbeit behoeuede, 
Makede ons mit wijsbeit groot 
Drie boeke, dair hi in befloot 

35 Die leringhe nan elken ftaet 
Ende gbenet telken ganfen raet. 
(I Deerfte boec pronerbia heet: 
Dat bediet bifpele ghereet, 
Want he in den boeken leert 

40 Elkermallic, die hem keert 

Ter doghet, hoe bi die beghinne 
Ende mit wijsheit vaft ghewinne. 
In bifpele hi die wijsheit leert, 
Ghi die kinder toe keert: 

45 Niet die kinder fijn uan ioghet, 
Mer uan wijsheit ende uan doghet. 
Als hi feine dair in feghet: 
Kint, der wijsheit wech die leghet 

5» Voordi, dien fal ic di tonen, 

50 Hoorftu mi al fonder honen, 
Enten weghe der rechticheit 
Sal ic di leiden wel ghereit. 
(I Tander boec dat falemoen 
Makede uan wijsliken doen 

55 Dats ghemaket ende befcreuen, 
Hoemen ydelheit fal begheuen, 



88 



Ende wat die werelt ons toont, 
Want fi ten leften qualike loont, 
Ende datmen vromelike fal varen 

60 Mit falicheit al fonder fparen. 
Ecclefiaftes heet dit boec; 
Die fijnre woorden heuet roec, 
Hi vint ten eerften in fijn beghin, 
Want fine lere ons bringhet in: 

65 Ydelheit der ydelheit, 

Spreket hi, ende al ift ydelheit. 
Dat duut der werelt goom, 
Is al ydelheit ende droem, 
Die werelt heuet anders niet 

70 Wan ydelheit ende al uerdriet. 
Des falmen fi billic verfmaden 
Ende houden an der gods ghenaden, 
Als hi in den einde befluut 
Van den boeke, dair biet gaet wt, 

75 Dat. god ten oirdel al fal bringhen 
Dat wi an ons hier verhinghen, 
Ift uan duechden of uan fonden, 
Dat wert dair gheloont ten ftonden. 
(I Hi makede ooc dat derde boec: 

80 Wie te kennen heuet roec, 
Weten wille wat het leert, 
He is ter falicheit ghekeert. 
Des boecs lere is alfo goet: 
So wie dair an keert finen moet, 

85 Dat hi die lere dair of wil fmaken, 
Hi vint dair ^) in die hoghefte faken, 
Die den menfche moghen tien 
Te gode ende alle dinc te rechte zien. 

5b Cantica canticorum 

90 Heet dit boec allene dair^) om, 
Dat uan bruutliker minnen 
Spreket ende hoemen gode fal kinnen. 

IIa (anschliessend). 

W f. 5^ Van den drien vianden ^) 

der doget IX 

Dit boec heb ic an ghenomen 
Te dichten, hier bin ic toe comen, 
Om dat ic minne gherechte minne, 
Ende om die rechte coninghinne, 
5 Maria die fuete bruut, 

Die ons brochte den faligen druut, 
Die uoir ons allen manlijc vacht, 
Dair hi uerwan des duuels cracht. 
Mer drie uianden ontfie ic zere, 



10 Die alle man nemen hair ere, 
Die nidich sijn, dwaes, ende verkeren 
AI datmen ter doghet mach leren. 
Die nidighe benijt alle doghet, 
Hine wert nemmerme verhoghet 

15 Van weldaet, als hijt vernemet, 
Dat den goeden wel betemet. 
Die dwaes enachtets niet 
Wat hi hoirt of wat hi ziet, 
Dair falicheit of ere an leghet. 

20 Wert hem wijsheit voer gefeghet, 
Dat is hem anders niet dan spod. 
Voir sulke lüde behoede mi god. 
Mer wairlijc ic moet emmer lien 
Ende in wairheit mi fo vrien, 

25 Dat ic niement wille fparen, 
Want wairheit fal altoes voluaren 
Dair fi ter falicheit tiet, 
Der quader wairheit maket verdriet. 
Ic fpreke mit Salemoen ouer al: 

30 Der dwaes is ongetallic ghetal. 
Mer die nv willen wefen wijs 
Enter werelt hebben prijs 
Van wijsheit, der fijn vele bedrogben, 
Hechte wijsheit is hem ontuloghen. 

35 Die nu fet finen zoec 

f. 5c An wairlike wijsheit, die heet cloec. 
Mer fi is mit loosheit ghemanct, 
Want cloecheit menighe doget cranct 
Loes ende ualfch heet men nu cloecke 

40 Ende tiet fi ter wijsheit boeke, 
Dair fi nie in worden ghefcreuen, 
Want die cloekelike dus leuen. 
Dat fijn die die plumen ftriken 
Ende der ualfcheit emmer wiken; 

45 Ende als die heren doen ongheuoech, 
So uolghen fi der quaetheit ploech 
Ende fpreken : die heren hebben recht 
Ende maken dus der wairheit plecht. 
Defe dwaes ontfie ic fere, 

50 Dair uore behoede mi god here. 
Die verkeren mit baren anghen. 
Die gheliken wel der flanghen, 
Die Yeven ende Adam verriet. 
Want als die quade doghet fiet 

55 Ende hoort dat hem niet becoomt, 
Alle doghet hi dan verdoomt 
Ende dat goede maect hi quaet. 
God hoede mi voir fijn baraet. 
Mer is iemen, die hier vernemet 



1) hs. d'. 2) hs. d\ 3) fis. wanden. 



89 



60 Dat der wairheit niet ghetemet, 
He comes teghen mi te kine: 
Ic antwoorde in minen line. 
Heuet bi recht, ic wil hem Yolghen, 
E fi dair om niet fiju verbolghen. 

65 Mar op ene dinc ic mi yerlate: 
Ic wil gaen die ghemene ftrate, 
Die die heilighe lerers ghinghen, 
Doe ß bedieden defe dinghen. 
Yut hären monde wil ic dichten, 

10 Dair na di glofe mi berichten. 
Dair om bidic al den ghenen, 
Die gode mit rechter minne menen, 
Dat ß Yoer mi minnentlike 
Bidden, dat ic falichlike 

75 Beghinnen moet ende Yoortnaren, 

fS^Enten einde fo bewarep, 

Bat*) ics te goeden einde conie, 
Gode teren ende dien tcr vrome 
Alka diet fnlien hören lefen. 

80 Gods gheeft moete mi bi wesen, 
Die mine finne fo berichte, 
Dat ic Tonder fonde dichte 
Ende noieinde Tender fcame. 
Dair om beghin ic in gods name. 

III. 

Wf. 13» Hoe die bruut te vreden is, 
LXXVL 
rvie bmnt is ny te msten comen, 
^ Want ii lieflijc heeft vernomen, 
Trooft uan hären liene ende ere, 
Want hife' heuet gheprifet zere. 

5 Dair') om fpreect fi minnentlike 
Tharen Heue ende fuetelike: 
(I Bloeiende is onfe beddekijn, 
Onfer hufenfparre fiju 
Van cedar, ende uan cipres die wormen. 

Lectulus nofter floridus^ tigna 

domorum noftrarum ccdrina, laquea- 

ria noftra cypreß'ina. XXVI. 

10 (I Hier merket alle der gods hnfe 
vormen. 
Defe woorden fiju merkelike 
Ende uan foeten geefte rike. 
Nu die bruut uan liden luft 
Ontfanghen heeft ende grote ruft, 

15 Van hären lieue heuet trooft, 



Des wanic fijn te male Yerlooft 
Van arbeit ende uan alre pine, 
Des gheert fi mit hair te fine 
Hair lief ende op hair bedde te ruften 

20 In fueten minnentliken lüften. 
(I Des fpreect ü: onfe beddekijn is 
Bloeiende, foete lief, ghewis 
Na der heiligher kerken ftaet. 
Menigerande fonder baraet 

25 Heeft die bruut hair woirde opheuen, 
Want fi dair na hier moet leuen. 
Als fi liden heeft of doghen, 
Moet fi die woirde dair') na toghen, 
Ende als fi pais heeft ende Yrede, 

30 Spreect R. dair na die woort mede. 
Hier bouen in des lidens tijt 
Sprac n, dat ü forgen quijt 
Wilde fijn ende in Yerdnldicheit, 
Oetmoedelike hair dair toe reit. 

35 Ende alft liden is nergaen 13 b 
Ende fi urede heuet ontfaen, 
So fpreect [fi] uan der Heuer ruft. 
Die hair in gode altoes luft. 
Want hair urede niet lange mach fijn, 

40 Des fpreket fi: onfe beddek^n, 
Want leider duren mach onlanghe 
Der kerftenheit rufte uan bedwanghe 
Den houaerdighen enten quaden, 
Dair die kerke mede is Yerladen. 

45 Des heet wel een beddekijn, 

Want cort ende onlanghe mach fijn. 

Echt uan der brutä bedde. LXXVIL 

Hier moeten wi na den gheefte 
proeuen, 
Die wi ter gheeftelicheit behoeuen, 
Ende dat wi dit begripen moghen, 

50 Salic gheeftelike y toghen, 
Wat dit beddekijn ons beduut, 
Dair op ruften wil die brunt, 
Dat niet enis hair doch allene, 
Mer mitten brudegom gemene. 

55 (I Dit bedde is wel een gheefteHc 
leuen, 
Dat in oirden is begheuen, 
Dair*) men in ruft uan wereltsorghen, 
Ende dair die goede fijn in Yerborghen 
Voir menighe wereltlike faken, 

60 Die werringhe ende onminne maken. 
Dit beddekijn is bloiende ende reue, 



') hs. Data. ») ha. d'. ») hs. d'. *) hs. B\ 



90 



In goeden leaen ende ghemene: 
Van der regule ende ghesette, 
Die verhoeden der fonden fmette. 

65 Defe rnken nterniaten wale 

Van goeden broederen fonder hale, 
Die exempel fijn nan goeden leuen, 
Ende van fuftren, die ooc dat ghenen 
Om gode ende doir die lüde mede, 

70 Die goetwillich fijn mit vrede. 
Ende want der oirden vele Hjn, 
Want doet die brunt thant wel fcijn 
Ende fpreect: onfer hufen fparen 
Sijn uan cedarbome twaren, f. 13c 

75 Eutie worme uan cipres. 

Verftaet mit minnen defe les: 

Van der minnen hufe, LXXVIIL 

Defe bufe fijn alle connente, 
Die ghefparret fijn omtrente 
Van naften fparren, die fijn uan cedar, 

80 So dat fi legen wint noch weder 
Der coringhe iet winnen mach mit 

ftormen. 
Dit fijn prelaten, der doget vormen, 
Die füllen wefen tallen vren 
Alna des cederbooms naturen. 

85 Die ceder is hart ende ruket wale: 
Das fal fijn bi wäre tale 
Die ouerfte, diet conuent berecht. 

MARBURG i. H. 



Hi fal ftarc fijn int ghenecht 
Des duuels ende der werelt mede, 
90 Ei fal rnken nan goeden zede 
Ende nan ontfermicheit altoes, 
In wairheit fal hi niet fijn loes. 
Die cederboom verrot ooc niet: 
Entie prelate, wat he fiet 
95 Of vernemet, dat fal hi liden 
Ende hardicheit altoes miden 
Tieghen finen onderdaen. 
Dat gommin, dat men unt fiet gaen 
Vten cedar, dats wel goet 

100 Ende nnttelic te menigher fpoet: 
Het maket fieke lade ghefont. 
Das fal douerste in alre ftont: 
Die cranke troesten ende ghenefen. 
Ceders.gomme, als wi lefen, 

105 Verdriuet mit finen roke ferpenten. 
Dus'fal die ouerfte in finen conuenten 
Mit goeden exemplen ende mit lere 
Den uiant verdrinen vere. 
Die vlieghen vlien ooc van der Incht 

110 Des ceders: das fal ooc mit tucht 
Des ouerften lere al veriagiien 
Ghedanke, die die fielen bediagen 

f. 13dMit vulen wiile ende quaden begaie, 
Dair*) die fiele of heuet dare. 

115 Die berechter moeten fijn 
Billic fparren nan cedrijn. 

Edward Schröder. 



Warnung vor denn Würfelspiel. 



Die nachfolgenden, in der im Jahrbuch 18, 114 angeführten 
Darmstädter Handschrift enthaltenen Verse sind der Schluss eines 
in Köln während des 15. Jahrhunderts entstandenen Gedichtes, das 
die Verderblichkeit des Würfelspieles schilderte. Da die über dies 
Thema handelnden Dichtungen meines Wissens noch nicht zusammen- 
gestellt worden sind, führe ich kurz an, was mir gerade zur Hand ist. 

Eine mehrfach dem Vergil zugeschriebene Warnung vor dem 
Spiele in lateinischen Hexametern steht in den Carmina Burana S. 248 ; 
ebenda^) eine launige Spielermesse (officium lusorum). Aus dem Ende 



*) hs. D'. 

«) Vgl. F. Novati, Studi critici e letterari 1889 s. 187. 289. 



dl 

des 13. Jahrhunderts stammt die lebendige Schilderung des Erfurter 
Kneipenlebens, die Nicolaus de Bibera in seinem Carmen satiricum V. 
1889 £f. (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen 1, 2, 102. 1870) 
entwirft; ein Spieler verflucht V. 1929 die Würfel: 

Alter taxillos rapit et sie arguit illos 
Dicens: lüde, ego quod sie ambulo nude, 
Hoc tu fecisti . . . 

Auch Reinmar von Zweter (HMS 2, 196. Roethe, Die Gedichte R. 
Yon Z. 1887 S. 466, Nr. 109 und Anm. S. 599) eifert gegen diese 
Erfindung des Teufels, und Konrad von Haslau hält dem Jüngling 
(Y. 290—452, Zs. f. d. Altert. 8, 559; auch besonders in den Alt- 
deutschen Blättern 1, 63) die Nachteile des Spieles vor. Heinrich 
Teichner wirft in einem Spruchgedicht ('Einer pat, ich tat im schein.' 
Berliner Ms. germ. qu. 361, 138) die Frage auf, ob ein Spieler oder 
ein Stehler besser sei, und beantwortet sie zu Ungunsten des ersteren; 
in einem anderen Spruche ('Maniger giclit mit rechtem spil'. Wiener 
Cod. 2901, 122b. Berliner Ms. germ. fol. 564, 113 und Ms. germ. qu. 
361, 175; wenig' verändert in dem Bruchstücke 'Der Würfel' in Lass- 
bergs Liedersal 3, 229 Nr. 203) wünscht er dem Würfel, dass er 
Wind wäre: 

Wann manger von im duldet 

Hunger, frost und armut. 

Der Würfel lasterlichen tut, 

Er schaffet, das man swert 

Und daby got entert: 

Der Würfel machet buhen vil. 

Aehnlich klagt Peter Suchenwirt im Liederbuche der Hätzlerin S. 203 
ed. Haltaus: 

Ach Würffels spil, du schnödes ampt, 

Wellich edels hertz sich dein nit schambt, 

Das hatt nit cluger synne 

Er machet leut an witzen plind; 

Vil maniges pidermannes chind 

Lert er zu puben werden. 

und giebt auch eine geistliche Deutung der Zahlen eins bis zwölf, 
die man mit zwei Würfeln erhalten kann^). Eine ähnliche Moralisation 
der achtzehn mit drei Würfeln möglichen Würfe, die auf achtzehn 
Sünden hinweisen sollen, finden wir in einer lateinischen Predigt des 
Johannes Herolt (Discipulus D?) und daraus entlehnt in dem 1432 
zu Strassburg von Meister Ingold abgefassten Traktate vom goldenen 
Spiele (ed. E. Schröder 1882 S. 52—61 'Das Schantzen'). Daran 
reiht Ingold die aus den Gesta Romanorum c. 170 bekannte Geschichte 



*) Vgl. dazu Hugo von Trimbergs Renner V. 11406: *Von zinken, quater, 
esse sitzt manger in kumbers esse' und die Priamel in Eschenburgs Denkmälern 
1799 S. 415: 'Von dem zinken, quater und es'. Wartburgkrieg 105 f. Wacker- 
nagel, Kleinere Schriften 1, 122. E. Schröder zu Ingold S. XXI. XXVII. Crei- 
zenach, Geschichte des neueren Dramas 1, 197. Guarinoni, Grewel der Verwüstung 
1610 S. 1258. 



92 

von St. Bernhard, der mit einem ihm begegnenden *nackten Buben' 
würfelt; der Spieler setzt seine Seele gegen das Pferd des Heiligen, 
verliert und muss ihm ins Kloster folgen. Nicht gesehen habe ich 
die Sprüche vom hasart^) im Heidelberger Cod. germ. 312, Bl. 76a-b, 
des Schmiehers Spnich vom Spiel: ^Ainer fraget mich der märe, ob 
spiel vast sund wäre' in der Weimarer Handschrift 145, 8®, Bl. 31a 
(Wendeler, Wagners Archiv 1, 432) und das Gedicht '0 mensch, wiltu 
selig werden im himel und auff erden' auf dem bei Goedeke, Grund- 
risse 1, 396 Nr. 32 angeführten Folioblatte; ebensowenig den in einer 
Leipziger Handschrift erhaltenen Spruch vom Spieler: 'Bekente ein 
rechter topelere, waz an spile untugende were' (v. d. Hagen-Büsching, 
Grundriss 1812 S. 404). Auch Hans Folz eifert in einem in Kellers 
Fastnachtspielen 3, 1288 abgedruckten Spruche wider das lästerliche 
Fluchen, die abergläubischen Bräuche und die Bauernfängerei der 
Lotter, Spieler und Riffianer. Conrad Celtes schildert in einem latei- 
nischen Epigramme (2, 18 ed. Hartfelder 1881) die leidenschaftlichen 
Verwünschungen, die am Spieltische zu hören sind. Ein 1489 zu 
Bamberg gedrucktes Gedicht 'Wie der würffei auff ist kumen' (4 Bl. 
4^ Berlin Yg 5371) erzählt nach Caesarius von Heisterbach oder 
Nicolaus von Lyra, wie der Würfel einst durch einen römischen Senator 
mit Hilfe des Teufels erfunden wurde, und deutet die sechs Felder 
des Würfels auf ähnliche Weise wie Suchenwirt. Ohne satirische 
Tendenz schildert der Meissner in einem fünfzehnstrophigen Liede 
das Kartenspiel Karnoffelin (Fichards Archiv 3, 293). Brant spricht 
es dagegen im Narrenschiff 1494 Cap. 77 geradezu aus, dass 'die 
spyeler sint des tüfels kynd', citiert das obenerwähnte pseudovergilische 
Gedicht de ludo und rügt unter anderm. 

Das pfaffen, adel, burger, frummen 
Setzen an köppels knaben sich, 
Die inn nit sint an eren glich. 

Bei Johann von Schwarzenberg (Der Teütsch Cicero 1534, Bl. 146b) 
fleht der Spieler: 

Glück, hilff mir durch würiffels fal; 
Sonst kumm ich inn der hüben zal. 

Die schon 1489 bearbeitete Erzählung von der Erfindung des Würfel- 
spieles stellte dreissig Jahre später der elsässische Dichter Bernhard 
Klingler nochmals dar (Wie man sich hüten sol vor dem spiel. Strass- 
burg 1520, abgedruckt bei Goedeke, -Gengenbach 1856 S. 373. 521). 
Ein dreizehnstrophiges Lied 4n des Schyllers done', das eine in Bingen 
vorgefallene Bauernfängergeschichte erzählt, ist um dieselbe Zeit ge- 
druckt: 'EYn Neüwe Gedicht, Wie die Lantbescheisser, Zwyecker, 
Orenbeysser, Bleer, Meinster, Heyligman, vnd Störck, Die Freyen vnd 
Voperten Betrygen' (6 Bl. 4^ Berlin Yd 8382). P. Gengenbach, 



^) Bartsch, Die altdeutschen Hss. der Universitätsbibl. in Heidelberg 1887 
S. 60 (Nr. 147) teilt die Titel mit einem Lesefehler (hafart für hasart) mit: *Von 
den di durch hasart gestraufft sein worden' und *Von den Übeln di von hasart kummen'. 



Der welsch Fluss lieferte eine Darstellung der französisch-italienisclieü 
Kriege unter der Form eines Kartenspieles, abgedruckt bei Goedeke, 
Gengenbach S. 3. Zwei Lieder aus G. Försters Teutschen Liedlein 
1539 Nr. 115 'Gut ding muß haben weil' und Nr. 89 'Des spielens ich 
gar kein glück nit han' stehen ebenda S. 384 f. und bei Böhme, Alt- 
deutsches Liederbuch Nr. 487. Eine beliebte Form der Satire nutzt 
1557 Eustachius Schildo in seinem 'Spilteufel. Ein gemein Ausschreiben 
von der Spiler BrüderschafFt vnd Orden, sampt jren Stifftern, guten 
wercken vnd Ablas' (Frankfurt a. 0. 4®; vgl. Roethe, Allgem. d. 
Biogr. 31, 209), während ein unter dem Pseudonym P. Arorites zu 
Ferremont sich bergender spätrer Dichter, der vielleicht mit Peter 
Schumann (Hypodemander) von Eisenberg identisch ist, (Der Spieler Abc 
vnd Namen büchlein. o. 0. 1584. 8®. Berlin Yh 4861) die Nachteile des 
Sipieh: Amissio tcmporis^ Blasphemia, ConUimelia etc. nach dem Alphabet 
aufzählt und eine Parodie des Katechismus, betitelt 't)es Teuffels 
zehen gebot', giebt; angehängt sind noch drei Spielerlieder: 'Ich bin 
der armen Frawen Son', 'Wie mag es in der Karten sein', 'Mein Fraw 
Hildgard gar offt mein wart'. Ein öder Dramatiker aus dem Ende 
des 16. Jahrhunderts, Thomas Birck, personifizierte 1590 in seiner 
Comoedia von den Gottsvergessnen Doppelspilern Würfel und Karten, 
die teils in Begleitung des Teufels zu argem Leben ermuntern, teils 
in Begleitung des weisen Syrach gute Lehren geben. Diese vermittelnde 
Ansicht, dass nicht jedes Karten- und Würfelspiel, sondern nur das 
Uebermass und der Betrug schädUch und verwerflich sei, scheint Birck 
aus der Abhandlung des Erfurter Juristen Heinrich Knaust De ludo 
(1574; deutsch: Gegen und wider die Spitzbuben. Erffurdt 1575. 8®) 
geschöpft zu haben. Dagegen erklärt ein ungenannter Meistersänger 
in drei am 19. — 20. Oktober 1598 gedichteten Liedern das Spiel 
kurzweg für eine Erfindung des Teufels (Hans Müllers Meistergesang- 
buch V. J. 1617, Bl. 459 b = Erlanger Mscr. 1668). 

Andres findet man bei Alwin Schultz, Das höfische Leben ^ 1, 531 
und Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert 1892 S. 512. J. 
Meier, Zs. f. d. Philol. 24, 555. Edw. Schröder a. a. 0. Schuster, 
Das Spiel im deutschen Recht (1878). Osborn, Die Teufellitteratur des 
16. Jahrh. 1893 S. 81. Böhme, Ad. Liederbuch S. 602. 768. Einen 
englischen Prosadialog aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts hat 0. 
Halliwell 1850 (Percy Society 29, 3) neu herausgegeben: 'A manifest 
detection of the moste vyle and detestable vse of Diceplay, and other 
practises lyke the same' etc. 



[362a, i] Want der wurifell is so starck, 

Hadz du hundert duysent marck 
In duysent sloss beslossen, 
Ich doin sij dich her vyss trossen. 
5 Dat sain ich dir in wairheit: 

Dir enblijift des hairs ymme erse nyet. 
Woultu mir volgen zo alre zijt, 

V. 7 Vor zijt steht das später ausgestrichene Wort stoni 



94 

So ßaltu all des dijnen werden qwijt. 

Hedz du Arnoldz guet van dem Plaisen, 
10 Dat weren allit vijs vasen; 

Gelenffs da den dobel steynen, 

Dir enblyfft der haller geynen. 

Wir willen dit laissen drijuen, 

Bij deme wijne willen wir blijuen. 
15 Dit sijnt alle guede gesellen, 

Balder dragen sij sackdoich dan stjden pellen. 

BERLIN. Johannes Bolte. 



Zu mittelniederdeutschen Dichtern. 



Zu Gerhard von Minden. 

Fab. 6, 1 lies: 

Ein louwe wolde jagen varen; 
went het allene nicht hewaren 
ne künde, do nam he darto 
den hokj den weder unde de ko 
unde trecJcede mit on in den wolt, 
dar he des wildes wiste entholt. 

Gegen V. 6 ist zweierlei zu erinnern. Zunächst ist die Stellung des Verbums 
zwischen entholt und den dazu gehörigen Genetiv wildes auffällig. Dann ist 
auch entholt in der Bedeutung 'Aufenthalt* bei Gerhard nicht weiter belegt, da- 
gegen gebraucht er mehrmals holt in dieser Bedeutung (s. d. Wortl.) Ich ver- 
mute deshalb, dass V. 6 ursprünglich gelautet hat: 

dar hebtet de wilde wist ende holt. 

„Da hat das Wild Nahrung und Wohnung.* wilde (hdsl. Lesart) ist Plural von 
dat wilt. vgl. 93, 31 Do he des geplach mank den wilden mannigen dach. 
Ueber das st. f. vnst siehe Mhd. Wb. III, 770b, Lexer III, 946. 

6, 13. De louwe on (den Hirsch) ut dem dike brachte, 
na sinem reehte he do om loraehte. 

recht ist hier „der Inbegriif der Befugnisse nach dem Stande, Ständesrecht** s. 
Mnd. Wb. 3, 431c und vergl. Fab. 16, 31 De lowe ein deil na sinem rechte, 
do he gehörde dut gebrechte, lep he unde wolde de hunde biten unde mit ge- 
walt de jaget sliten. In V. 27 ist Seelmanns Aeuderung des hdsl. do he in de 
ko durch den Zusammenhang geboten; vgl. dagegen Damköhler a. a. 0. S. 141. 



9 Arnold van dem Plaisen ist ein Mitglied der reichen Kölner Familie 
*von dem Palais', 'de Palacio'. Ein Arnoldus de Palacio errichtete 1358 einen 
Altar in der Kirche S. Maria im Kapitol und baute 1363 sein Haus zum Lombard 
zu einem Nonnenkonvente aus. Ennen, Geschichte der Stadt Köln 3, 796 f. 823. 
Mitteilungen aus dem Stadtarchiv von Köln 7, 24. 12, 30. 



95 

7, 13 lese ich jetat: 

De vnse man sprak diisse mere, 
dat it der sunnen wille were, 
dorch öknisse dat he> wolde nenien 
ein echte wif 

dorch öknisse *um Aasbreitung seines Geschlechtes willen'; vgl. dorch öknisse 
der kerstenJieide, Mnd. Wb. 3, 422. 

11, 37. 'Her vos, gi schultet dat vur tobreken/ 
sprak de am, Hk ivil mit eden spreken, 
dat ik juwe welp sunt hir neder 
ju to bringende geve weder J 

Zu lesen ist: tohHngende 'zubringend*. 

16, 27. Dama sint na unmennigen dagen 
begunde des landes here jagen 
mit wilde, sine hunde lepen, 
de jegere scrigeden unde repen. 

wilde kann nicht richtig sein. Ich vermute, dass es ans hilde „eilig'' entstellt 
ist und schreibe: 

Dama sint na unmenigen dagen 

begunde des landes here jagen. 

vd hilde sine hunde lepen, 

de jegere scrigeden unde repen, 

18, 11. Ein konnink wart on gröi genöch 
wol sticht an art unde ane toch. 

V. 12 hat Damköhler S. 141 das hdsl. ane ast unde ane toch 'ohne Ast und 
Zweig' hergestellt. Es ist noch wol in vul (dient zur Verstärkung des adj. 
sticht) zu ändern. 

23, 31. Dama begunde an tomen dagen 

de konnink den sulven lowen jagen. 

tomen hat K. Breul, Jahrb. XV, 78 gut in corten gebessert; unnötig ist aber 
seine Aenderung von an in na vgl. 52, 39 an körten jaren. 

23, 46. He wa^s so stark, dat he se brachte, 
dat se ne dorsten den man berinen. 

Zu streichen ist se vor brachte. lieber bringen = 'bewirken, vollbringen' s. 
Haupt zu Erec 9603 und die Mhd. Wörterbücher. 

23, 57. De konnink vortech do up de veide 
unde let de vangenen ledich beide, 
den truwen lewen unde den man, 
des he lof van der werlde gewan. 

Statt vortech hat die Hds. verste, und dies scheint richtig, versten ist 'fristen, 
crastinare, induciare'. Auch die hdsl. Form vangen ist nicht zu beanstanden. 
Ich lese und interpungiere : 

De konnink verste do de veide 
unde let de vangen ledich, beide 
den truwen lowen unde den man. 



27, 33. de undult unde de grote unrouwe, 
de umme ort dref de vrouwe 

Die Hds. hat grot%^ d i. groten, und es ist kein Grund, die schwache Form 
des Adjectivs hier zu beanstanden. 

27, 55. Ein kastei van dem dorpe lach, 
van in der Bedeutung 'abseits von' ist nicht weiter belegt. Es entspricht dem 
Zusammenhange, wenn wir an = „in" (vgl. Mnd. Wb. u. d. W.) schreiben. 

27, 133. went ik hehbe enen rät bedacht, 
de warlilcen wert vullenbracht 
mit juwer hulpe an dusser nacht, 
darane lit juwer ruwe macht, 

27, 136 ist unverständlich. Ich setze nach V. 135 Punkt statt des Kommas 

und schreibe V. 136: darumme tatet juwer tiiwecfi acht „Darum lasst ab von 

eurem traurigen Benehmen''. Besonders der Schlnss dieser Fabel scheint sehr 
entstellt. Ich möchte Y. 173 ff. folgendermassen lesen: 

Disse mere men bescreven vint: 

De blixem is lichter denne de wint, 

dat ein mere unde vel lichter si 

den de blixem, dat steit dar bi: 

Vrouwen dat lichter sere 

sm vele den bliocem unde mere, 
m£re unde vel (vergl. neuhochd. „viel mehr") dient zur Verstärkung des Com- 
parativs, wie sonst vel allein; auch in V. 178 gehören vele und m^re zusammen. 
Es ist zu übersetzen: „Folgendes findet man geschrieben: Der Blitz ist leichter 
als der Wind. Dass eins noch viel leichter sei als der Blitz, das steht dabei: 
die Handlungen der Frauen sind noch viel leichter (leichtsinniger) als der Blitz." 
Die Pointe beruht in dem Spiel mit den verschiedenen Bedeutungen des Wortes licht, 

40, 6. Ein jowelk der, dat se bekande 
unde was van vreveslikem sede, 
dor spot begundet loven mede, 
was van fehlt in der Hds.; es genügt van zu ergänzen. 
40, 15 ff. interpungiere ich: 

He sprak: ^It is also behaget: 
dat it hedde enen krummen zagel, 
dat it ge,schapen were ane twifel 
als ein junk vorschapen duvel. 
dat in V. 16 ist „gesetzt dass, wenn". 
40, 29 ff. schreibe ich: 

^Dit kint is, vruwe apinne, 
so veme alse ik mi vorsinne, 
fer unde schone unde also sote: 
ik bidde gik, dat ik it mote 
dorch leve küssen vo7' den muntJ 

40, 56 ff. Werne truwe is unde ivärheit mede, 
künde unde ötmodicheit mit simie, 
ik wone, lof de wol gewinne 
van Oode unde dl der werlt gemene. 
Statt künde hat die Hds* gonde; zu lesen ist göde 'Güte'. 



Nach 4d, d ist Punkt statt des Kommas zu setzen und zu lesen: 

des hlef sm gerunge verholen 

unde umme ein ander pert sm wille. 

Der Zusammenhang ist folgender: Nun nachdem ihm sein Pferd gestohlen war, 
vernahm man nichts mehr von seiner Bitte und seinem Wunsche nach einem 
zweiten Pferde. Er hat Gott nur noch, dass er ihm das besessene wiedergebe. 

45, 5 ist es nicht geboten daran mit Damköhler in Darna zu ändern. 
Folgende Interpunktion von V. 1 ff. löst alle Schwierigkeit: 

Ein vos gink, do de mane schein, 
des na^htes up ein velt, dar ein 
dep pol hi sinem wege lach, 
dar Jie des manen scliemen sach 
daran, ome duchte an sinem gebere, 
dat it ein schäpkese were, 

dar ist relat.-temporal = als, da. 

47, 62. 6k komet jegere al her gestreket 

mit winden^ panden unde mit hunden, 
ik sach, dat se twene hasen vunden, 
de on entlopen nicht ne künden, 
de hebbet se jutto upgebunden, 
nu over velt se here jaget. 

Obgleich pande im Mnd. Wb. VI, 232 als bei der Hasenjagd gebrauchte Geräte 
nachgewiesen sind, so kann hier das Wort dem Zusammenhange nach nicht richtig 
überliefert sein. Da ferner upgebunden 'losgebunden' nur auf die Hunde gehen 
kann, so erweisen sich die auch schon formell anstössigen Verse 64, 65 als 
späterer Zusatz. Ich lese: 

ök kmuet jegere al her gestreket 

771 it wiruien, brocken unde mit hundert. 

de hebbet se jutto up gebunden, 

nu over velt se here jaget. 

Nebeneinander erscheinen auch sonst: wynde und hasshunde und bracken, s. 
Mnd. Wb. I, 412. nu fasse ich causal = da. 

49, 159 ff. lese und interpungiere ich: 

De wevele guamen her gevaren 
mit summen in den strtt mit macht 
wol boven der erden. Ene mannclaft 
dar mosten de dere bliven under. 

Statt summen hat die Hds. sinnen. Dass summen in der Bedeutung von 
tinnire im Mnd. Wb. fehlt, ist wohl Zufall. 

49, 189. De vedere, dar man mede scref, 
de was vorgeten in dem h'ede. 

Eine Aenderung der hdsl. Lesart (vgl. Dainköhler S. 142) ist nicht geboten. 
was vorgeten = „war vergessen"; der Schreiber hatte sie steckenlassen. Nach 
V. 153 hatte das Brett am Ende ein Loch, das dazu diente, die Feder hinein- 
zustecken. 

Niederdeutsches Jahrbuch. XIX. 7 



52, 8 ff. lese ich: 

Went older harde unlanges varet 
des hundes, des mot ome afgan 
al wol dat spisen sunder wan 
phge on sin here an aüen stucken, 

D. b. : „Weil das Alter den Hund bald gefährdet, deshalb muss ihm das Essen 
beschwerlich werden, wenn ihn auch sein Herr in jeder Beziehung pflegt.* Der 
Dichter nimmt auf die bekannte Erfahrung Bezug, dass das Leben des Hundes 
nur kurz ist. 

Nach V. 31 hat Damköhler mit Recht Punkt statt des Kommas gesetzt, 
aber auch in den folgenden Versen ist die Interpunction, und zwar folgender- 
massen, zu ändern: 

do (damals, in meiner Jugend) gi mi hi ju slapen leten 

unde waren mi so rechte gut 

u/nde mi nu so gröt ovel döt. 

dat mach ju an den eren krenken. 

54, 1. Ein raven döt enen pawen vant, 

Do dachte he darna tohant 

mit sinne unde mit gudem willen, 

dat he den pawen wolde villen 

unde wolde sin vlesch eten sän, 

algader umme smen rugge hän, 
Damköhler will statt algader = „durchaus" de vederen lesen. Allein die hdsl. 
Lesart ist nicht zu beanstanden, denn i'ugge bezeichnet das abgezogene Fell 
eines Tieres samt den Haren oder Federn, s. Mnd. Wb. 3, 523. um^ne ist mit 
hän zu verbinden. 

55, 1. De lowe, konnink unde here 

der dere, wart der wilen sere. 
In V. 2 ist das Komma und das der vor unlen zu streichen. Letzteres in der 
Bedeutung „einst" auch 13, 11; 61, 1. 

55, 7. De quumen al up enen dach, 
dar he an sinem denne lach, 
dat dicke umfne trnn dorne was, 
darbinnen blomen unde gras. 
Damköhlers Verteidigung der hdsl. Lesart von V. 9 hat mich nicht überzeugt. 
Ich lese: dar eifi dicke umme van dornen was „um das ein Dickicht von Dorn- 
büschen war", ein husch van dornen 86, 23. 
55, 133 f. lese ich: 

Vil munnich sulven daran vdlet, 

dat he to volle enen anderen stellet. 
„Mancher fällt selbst in das, was er einem andern zum Falle aufgestellt hat." 
Das bekannte Sprichwort nach Pröv. 26, 27 Qui fodet foveam, incidet in eam. 
daran nach bekanntem mnd. Gebrauche für darin, 

58, 10. went he lieft hares wol de vullen. 
Es ist den vullen zu lesen, da vulle in schwacher Form nur als mascul. belegt 
ist, vgl. Mnd. Wb. 5, 554. 

65, 109 lese ich: . 

dat ome to lest qvnm ovele mede. 
„Das bekam ihm zuletzt übel." Damköhlers Aenderung hat mich nicht überzeugt. 



1)9 

'69, 17 interpungiere ich: 

Do ledede Jie on hi ene ivant, 
dar he do uppe gmialet vant, 
dat Sampson dem lowen uphrak 
den munt, de man 

Fab. 71 beginnt der Dichter mit einer Einleitung über die Eigenschaften 
des Panthers, bricht dann aber mit V. 32 — uj) dat de rede Jcorter hlive — 
ab, um etwas von einem dieser Tiere zu erzählen. Hieraus ergibt sich, dass 
Seelmann richtig liest: dei' dere ein wilen (Hds. enwilen) hegunde sere des 
nachtes ilen to velde „eins dieser Tiere lief des Nachts eiligst aufs Feld". 
Damköhlers Erklärung hat mich schon deshalb nicht überzeugt, weil das unserem 
„bisweilen" entsprechende enwileti nicht in den Zusammenhang passt. 

V. 66 könnte man versucht sein, das hdsl. sifiem vrunde in sinen vrunden 
zu ändern; allein der Sing, vrmd bezeichnet auch die Verwandtschaft, s. Mnd. 
Wb. 5, 546. 

72, 4 ist hote, wie auch Fab. 24, 31, nicht, wie die Wortlese angibt = 
Heilung, sondern = Arzenei; siehe die Stelle aus dem Vok. Engelh. im Mnd. 
Wb. I, 404 : arcedige aut hole, mit hulpe, medicinay medela, reniedium. Deistu 
di jenige böte? „Wendest du irgend eine Arzenei an?'' 

72, 24. nie scJial ju setten van den luden erklärt, weshalb der Wolf 
so rasch flieht. Der Esel erzählt, der Fuchs habe ihn für aussätzig erklärt. 

72, 29 ff. lese und interpungiere ich: 

So wanne valsches vul valsch man 

hedregen anders nicht ne Jcan^ 

let de truwe den seh an, 

he is w7sj de dat merlce^i Ican. 
Ich fasse also V. 31 als Bedingungssatz. 

74, 6 bedeutet iouw nicht, wie die Wortlese erklärt, „Tau, Garn", sondern 
ist = mhd. gewuire, womit jedes Gerät oder Werkzeug bezeichnet wird; s. 
Mnd. Wb. 4, 595. 

74, 13 f. Set, wo Jie kneit, wo Jie sik meit, 

wo he uns al de wege streit. 

Statt al de wege ist zu lesen: alderwegen „überall"; vgl. Reineke Vos 4963, 
sowie Schambach S. 7, Woestes Westfäl. Wb. S. 5. — streit von streigen 
'Futter streuen'. 

74, 29. AI sürogede is 6k de man, 

dat he nicht wol gesein ne Jean. 

sürogede erklärt Damköhler als „triefäugig", das Mnd. Wb. als „schielend". 
Seelmann erklärt es durch „boshaft blickend". Letztere Bedeutung verlangt der 
Zusammenhang. Zur Erklärung dient der Umstand, dass dem Schielenden nach 
dem Volksglauben „der böse Blick" zugeschrieben wird. Vgl. Adolf Wuttke, 
Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 2. Ausg. § 220. 

74, 41 ff. de jungen na der jungen sede 
wolden da den hert besein. 

Für hert ist das hdsl. we^i, welches im Mnd. oft = Mann im allgemeinen ist, 
wiederherzustellen. Die jungen Vögel wollten den Vogelsteller näher betrachten. 
81, 14 lies: Duve het ök ir aller sede. Vgl. 56, 29 Duve is it al, des 
du di generest. 

1* 



100 

81, 17 f, lese ich: 

Oh schaltu proven min beste daran, 
dal di nein hunt getvinnen kan 
^Auch sollst du mir dadurch Vorteil schaffen, dass dich kein Hund hezwingen 
kann." Die Erklärung geben die folgenden Verse. 

81, 43 f. ist zu lesen: 

De vmlf sprak : Wat mach ik dön ? 

lete ik varen dat schäp, ivere it ein hon, 
D. h. : Der Wolf sprach: „Was kann ich thun? Liesse ich das Schaf fahren 
es wäre ein Schimpf!" V. 45 lese ich: 

De husch is uns nicht so vere. 
Die Aenderung ist geboten, da der Wolf nur durch den Hinweis auf die Nähe 
des Waldes seine Hoffnung, das Schaf davon zu bringen, begründen kann. 

82, 37 verrät sich schon durch den ungeschickten Reim als späterer 
Einschub. V. 36 ff. lese ich: 

Stoltem papen knecht van dilder art, 
he ne kan singen edder lesen, 
nochtan gelik wil he om wesen, 

D. h. : „Ein Knecht aus niedrigem Stamm will, wenn er auch nicht singen oder 
lesen kann, einem stattlichen Pfaffen gleich sein." Vgl. Fab. 94, 101 ff. Sus 
is mannich drogenaftich man, de nu gut fundament ne wan van pdpheit 
unde leit sek an, dat he wil ein msister wesen, de nichtes nicht kan lesen 
noch der hohe verstän. 

83, 1 ff. lese ich: 

De hosen klageden oversere, se wonden, se wolden de were hestän, 

dat ore siechte so blöde were ök um it one scJwlde irgän. 

beneden alderhande dere, Dat spreken se alle üi ene^n munde, 

des were one de Uf so unmere, Toiiant sagen se dar hunde 

dat se sek wolden drenken, wnde jegere komen al mit winden: 

al scholden se ore siechte krenken, toliant Uten se sek up jagen unde binden 

tmde begaven sek der were 
Es ist zu übersetzen: „Die Hasen klagten gar sehr, dass ihr Geschlecht unter 
allen Tieren so feige wäre. Deshalb wäre ihnen das Leben so verhasst, dass 
sie sich ertränken wollten, und sollten sie dadurch (durch den schimpflichen 
Selbstmord) ihr Geschlecht kränken. Sie meinten, sie wollten sich von nun an 
zur Wehre setzen, wie es ihnen auch ergehen sollte. So sprachen sie alle wie 
aus einem Munde. Alsbald sahen sie da Hunde und Jäger mit Windhunden 
kommen, und sofort verliessen sie sich auf Laufen und Springen und unterliessen 
es, sich zur Wehre zu setzen." binden erkläre ich = altfr. bundir, engl, to 
bound, springen; es ist wahrscheinlich ein aus Frankreich überlieferter Jäger- 
ausdruck. 

83, 34 ff. lese ich: 

We leven echt na unser art: 

so du^htich hase noch nu gewart, 

den do einen hunt gerink, 

dat it ome wol darna gegink. 

Das hdsl. eynen in V. 36, der bekannte niederdeutsche Accusativ für den 
Nominativ (siehe Lübben, Mittelniederd. Gramm. S. 104), ist um so weniger zu 
bezweifeln, als es von dem Schreiber nicht verstanden wurde und ihn zu weiterer 
Entstellung des Verses veranlasste. 



101 

86, 49. Dat do ek dor d 

dat ek se werme unde de bede 
mit minem ätem, de mi heit 
ein del van deme live geit. 

Es ist zu lesen: Dat ek werme de lede, Ut ist = Fingerglied, vgl. die Stelle 
aus den Goslarer Stat. 31, 22 welk wunde nagheles dep is unde ledes lang 
im Mnd. Wb. 2, 704. 

86, 65 ff. lese ich: 

Ei7i klene was it ome to heit, 
daf^mms he des nicht enleit, 
he bles darin mit sinem munde, 
icht he des ieht gekolen künde. 

Ein klene 'ein wenig' statt des hdsl. Vil klene verlaugt der Zusammenhang; 
leit statt heit ist schon von Damköhler richtig gebessert. „Da ihm der Trank 
ein wenig zu heiss war, unterliess er nicht, ihn durch Hineinblasen zu kühlen.'' 

86, 87 ff. lese und interpungiere ich: 

De valschen lüde sint vil rechte de döt dat sulven nur der leve kolden 

gemarket hi dem hloten knechte, unde tvil darvor de veide holden, 

de dreget honnieh in dem mimde des ^ja' mot me vorstän vor ^nein\ 

unde galten in des herten gründe. De des doch nicht willen gein, 

we hüte to der kulde 7nengct der hebte ik leider vel gesein; 

unde under vrunde oi'lige bre?iget, des mote one lede schein. 

Nach Fab. 92, 83 setze ich Punkt statt des Kommas und lese V. 84 f.: 
icht ek gd nicht kome weder, 
so seit sulven an juwen vromen, 
dat gi bi tiden van hinnen kamen, 

Dat is ju gut . , . 

gä fasse ich als adv. = schnell, nicht als Form vom Verb. gän. 

93, 27 ff. lese ich: 

Do de esel xochte 

to wolde wat he mochte, 

mit dem lüde vorjagen 

de dere dede he unde vorzagen, 

rochte ist = rogede (rugede) brüllte. Als der Esel im Walde so laut er ver- 
mochte brüllte, machte er durch den Laut die Tiere erschrecken und verzagen. 
vorjagen 'erschrecken' (vgl. V. 77 vor jagen unde vorveren) fehlt im Mnd. Wb. 

Dagegen halte ich die Einschiebung von mere in V. 60 für nicht geboten. 

93, 70 ff. sin here des lowen hüt 
tut enem esele an 
unde maket enen ammechtman 
enen bur van older art, 
dede gut, wis, truwe nu ne wart 
Statt older verlangt der Zusammenhang dilder, vgl. kriecht van dilder art 82, 36. 

94, 95 interpungiere ich: 

Bi dem poggen mxich men proven, 
de mennige kunst unllen oven. 



102 

d&r se kunnen nicht ein här. 
ek spreke dat vor war: 
we se lerde verlieh jdr, 
dat he nicht so vele kan. 

nicht so vele mit der bekannten Fingerbewegung 'nicht so viel, d. h. gar nichts'. 
„Ich sage dies fürwahr: Wenn einer sie vierzig Jahre in die Lehre nähme, er 
wird nichts (bei ihnen) ausrichten.*' 
101, 143 lese ich: 

Do sprak de wulf: 'Vil leve kriecht, 

dat dunket mi werliken unrecht, 

dat di de dat dunket hose, 

dat du hefst hönre, ende, gose 

aldus vordoniet in der borde. 

so rechte nu nicht worde! 

„Dass du den Bauern ihre Hühner, Enten und Gänse stählest — nichts geschah 
jemals mit solchem Rechte." Die Begründung folgt in den nächsten Versen 
103, 23 ff. interpungiere ich: 

Do se dut van ome gesagen 
men kos on to konninge na siner hede 
— dorch sm golt dat me gerne dede — 
unde wart daraf ein mogent here, 
al (obgleich) sm gut al duve were, 
V. 26 ist he zu ergänzen. 
103, 101 f. lese ich: 

Qode Uvet de wärheit ane twivel, 
de logene hoget jo den duvel. 

„Gott ist die Wahrheit lieb, die Lüge erfreut den Teufel." 

Za Konemann. 

K. Koppmann hat im Korrespondenzbl. XVII S. 18 ff. unwiederleglich 
dargethan, dass die Eilenstedter Hds. des Kaland ein nur gelegentlich durch 
Nachlässigkeit entstelltes treues Bild der Konemannschen Dichtung wiederspiegelt, 
während der Urheber der Kecension BH seine Vorlage planmässig umgemodelt 
hat. Wirklich unverständlich scheint ihm die Stelle 

A 871 : Nu laz dir sinen kumher leit 
mit ganzer dancknamicheit 

gegenüber BH 910: Nu lath dek synen kummer wesen legt 
Myt gantzer danknamicheit. 

Koppmann meint also, wie auch schon Sello und Euling annahmen, dass hier in 
A wesen durch die Nachlässigkeit des Schreibers ausgefallen sei. Nun wird aber 
im Ahd. und Mhd. nach lassen, wenn ein Adjektiv mit sein oder wesen und 
dem Dativ der Person folgt, das Verb, subst. gern unterdrückt ; eine Erscheinung, 
die in J. Grimms Gramm. 4. Teil S. 133 mit Stellen belegt ist. Es ist demnach 
nicht zu bezweifeln, dass auch hier die Lesart von A die ursprüngliche und 
ivesen in BH erst später eingesetzt ist, worauf auch die ungebührliche Länge 
des Verses schliessen lässt. Auch für die V. 1007 ff. lässt sich die Ursprüng- 
lichkeit der Lesart von A erweisen. Man vergleiche: 



103 

A 1007 (it is) ir meiste jamers stach, mit H 1043 Dat is ores meysten Jammers stach, 
daz diz sich nimber endet Dat sik dat nummer endet 

unde daz se sin gependet Unde ok dat se syn ghewendet 

goddes angesichtes. Van Ooddes angesichte dar, 

Mhd. phenden, niederrhein. z. B. im Karlmeinet penden mit Genet. (s. Lexer II, 
236) ist = „jemand eines Dinges berauben". Dieselbe Bedeutung hat auch 
niederd. panden (s. Mnd. Wb. VI, 232). Die alte Anschauung, dass das Aus- 
geschlossensein vom Anschauen Gottes, der höchsten Freude der Seligen, die 
grösste Strafe der Verdammten ist, wird danach in A klar ausgedrückt, während 
der Bearbeiter von BH das ihm unYeTBt^näiiche »gependet in ghewendet entstellt hat. 
Zu Eulings Text bemerke ich noch folgendes: 

V. 121. We dem, de atleyne schal syn; 
Wente vatt he, dat is syn pyn, 
Dat he nemxinde hefß, de one wedder upheve. 
Statt Dat in V. 123 hat die Hds. De; zu lesen ist Do = wenn, weil {do statt 
de V. 787). Hinter Wente V. 122 ist Komma zu setzen. 

V. 463. Dat sttccke is schentlik, 
Dat nicht gevotget sick 
Synem gantzem deile. 

Nach dem lat. Texte: Turpis est omnis pars, quae non congruit suo toti 
möchte man vermuten, dass gevoiget seck 'fügt sich' zu schreiben sei. Allein 
da auch in A V. 427 gevelteget sich überliefert ist, so ist die hdsl. Lesart nicht 
zu beanstanden. Das im Mhd. Wb. nicht belegte sich gevellegen gehört zu dem 
Adj. gevellec, aptus (Lexer I, 959). Auch im Mnd. Wb. ist sik gevolgen = 
congruere nicht belegt. 

V. 486. misfanges 'aus Irrtum, Versehen' fehlt im Mnd. Wb. 

V. 504. Weret ok also ghetegen, Denie schat men altohand 

Dat des katandes eyn geselle Bewisen hroderlike goyde, 

Van kii/mmers ungevelle Efft he des hiddet myt othmode. 

Nicht konde denen dem kaland, So dat he des denystes moghe wesen quit. 

In V. 507 hat der Herausgeber das hdsl. den in dem geändert; allein der 
Accusat. ist richtig, denn denen ist hier transit. und hat die Bedeutung „als 
Pflicht geben, leisten'' ; den kaland denen ist also = den pflichtmässigen Kaland- 
schmaus geben. Vgl. das Deutsche Wörterb. unter die7ien 7, und Mnd. Wb. I, 
603; besonders die dort angeführte Stelle aus Westphalen, Monum. ined. 3, 561: 
ok schatten de jemien, de unse (Plur. oder unsen zu lesen?) kaland denen, 
houwen taten twelf gude sttccke vlesches. Ebenda ist aus Oldenburger Urkunden 
belegt: den toyen (Amtschmaus der Goldschmiede) de'fien „ausrichten". 
V. 529 ff. (vgl. A. 486 ff. mit Seilos Bem.) interpungiere ich: 

So schat men singen dar 

Dre missen edder eyn par 

(De ersten vor de doden, 

De dar noch syn in noden. 

De andern vor de broder) 

Der barmheriighen moder 

Der juncfruwen Sunte Marien . . . 

D. h.: Es sollen zwei oder drei Messen zu Ehren der Jungfrau Maria gesungen 
werden: die erste für die armen Seelen im Fegefeuer, die andern für die (noch 



104 

lebenden) Brüder, de andern kann als schwache Form des Singular oder als 
Plural gefasst werden, je nachdem es auf dre oder eyn par bezogen wird. 
V. 607 ist graß „Begräbniss*' zu lesen; vgl. 636 und 627 bigraß. 
V. 682 lies: nesdo statt nesds, 
V. 744 lese ich: 

Wu mochte eyn wifflick wiff 
Vorgetten ores kindes, dat or Uff 
Heß to der werlde ghebracht 
Doch is it des under tyden umbedacht, 
Sunder, du, machst dat wetten, 
Ik wil dyner nummer mer vorgetten; 
Doch in V. 747 ist relat. = „wenn auch", eine Bedeutung, die im Mnd. Wb. 
nicht, wohl aber bei Lexer belegt ist. eines unbedacht sm „nicht an jemand 
denken **; im Mnd. Wb. ist nur verzeichnet: unbedacht = unverdächtig. 

V. 951. Nu merket myne word, 

TJnde wur de sele blyve 

Na dussem krancken live; 

Dar eyn so kumpt et in leyff edder leyt . . . 
Der in A nicht tiberlieferte Vers ist unzweifelhaft entstellt. Euling vermutet: 
Darna so kumpt se in leyff edder leyt. Ich schreibe: Dama so kummet ir 
leyff edder leyt. Auf kummet = geschieht (s. Lexer I, 1669, Z. 7 v. u.) führt 
auch die Lesart von B kump met; siehe Sellos Bern, zu V. 931 — 39. 

V. 1188. So mod men denne by nod 
BeJcennen unsen heren god. 
An synem strengJien gherichte, 
De nu myt nichte 
An syner barmherticJieyt 
Bekennen wil unse dorheyt. 
Statt De in V. 1191 ist Den zu lesen, wie auch B hat (vgl. Sello zu 1157a). 
V. 1194. Die hdsl. Lesart redde ist im Mnd. Wb. 3, 440 aus einer 
Oldenburger Urk. vom J. 1512 belegt. 

V. 1283. Dat men umme dat hymmelrick 

Unde dorch des hymmelrickes willen 

Scholde buwen eyne helle 

Unde eyne wyle lyden, 
V. 1285 ist eyne Schreibfehler, dadurch veranlasst, dass das Auge des Schreibers 
auf das eyne der folgenden Zeile abirrte. lieber das richtige buwen de helle, 
buwen = bewohnen, s. das Mnd. und die Mhd. Wbb., sowie J. Grimm, Kleine 
Schriften 4, 234. Der Ausdruck begegnet in Wackernagels Altd. Predigten 7, 
25, Ulrichs Wilh. 146b, Diemers Ged. des 11. u. 12. Jahrb. 372, 24 u. öfter. 
1393. rikedaghe ist nach A 1365 als Composit = „Reichtum" zu fassen. 

Zar Marienklage 

(her. von Schönemann als Anhang zum Sündenfall). 

V. 38. Wat is, dat dar hanget an dem böm? 

Wer isset, ein mynsche edder ein worm ? 
It windet sik unde drivet groten storm. 
Die Stelle ist nachzutragen in der Bemerkung Schröders z. Redentin. Spiel V. 423 f. 



105 

V. 52 ff. interpungiere ich: 

Wat munt von leide ju gesprach, 
Dat is allet gar ein wint 
Vor dat dttsse leide sint 

'Was je ein Mund von Leiden erzählte, das ist alles nichts vor diesem Leide.' 
Vgl. noch gehräuchliche auch in die hochdeutsche Umgangssprache eingedrungene 
Umschreihungen wie: 'Was mein Bruder ist (= mein Bruder) hat mir gesagt.' 
Nach 57 ist weiter ein Eomma st. des Punktes zu setzen, dat in V. 55 ist 
= 'gesetzt dass\ vgl. die im Jahrb. XYI, 139 angeführte Stelle aus dem Helm- 
stedter Theophilus 737 ff. 

80 f. ist wahrscheinlich zu lesen: wente we eine Den hummer enkunnen 
nicht half vullen klagen, 

V. 63 ist zu lesen: Marie, sunde vrie, ebenso V. 70 vrie : Marie, 

V. 95. se doch an de hruste mm, Dar mede ik dy gewydet hän. Zu 
lesen ist gevoydet. Vgl. Sündenf. 2985 Or kint or an den (Hds. der) bricsten 
lit. Dat voidet se wol nach oren lusten Mit der melk orer brüsten, 

V. 144 ist zu lesen: Uc bevele dy de moder mm; vgl. 140. Die Hds. 
hat der moder, 

147. Her meister, vor wat ik iu sagen wille. Es ist zu lesen: Her 
m, vor war ik iu sagen wille, 

V. 195 ist zu lesen: Eft iuwerlde alsoddn pin 

Eineme deve worde an gelacht (Hds. gedacht) : bracht 

'Ob jemals einem Diebe solche Pein angethan wurde'. Die Form angelacht statt 
angelelecht ist im Mnd. Wb. I, 96 aus dem Ulenspegel belegt. V. 202 lies: 
iuwerlde 'irgendwo'. 

V. 231 lies: Wen ik den se vor mik döt up des brüsten ik untslep, 

V. 252 f. lese ich: Dat ik mik arm Petrus 

Nu al sulven han gedoret aldus. 

Nach Y. 266 scheint nur ein Vers zu fehlen. 

V. 268 ff. Ik gä, ik slape, ik wake, 

So bedorf ik wol, dat ik my bedecke 

Unde mm herte van sunden vlecke, 

Ofte ik arme maria magdalena wanteystich werden 

Van sunde wegen hir up werden. 

Dass wanteystich verschrieben ist, hat schon Höfer, Germ. XV, 76 erkannt, der 
dafür wantrostich 'trostlos' vermutet. Aber dies scheint mir wenig in den Zu- 
sammenhang zu passen, ganz abgesehen davon, dass dieses allerdings ganz richtig 
gebildete Compositum nicht weiter zu belegen ist. Schönemanns Text ist un- 
verständlich und folgendermassen herzustellen : 

Ik gä, ik slape, ik wake, 
so bedorf ik wol, dat ik my bedecke 
unde mm herte van sunden vlecke, 
Ofte ik arme M, M, wansedich berde 
van sunde wegen hir up erden, 

vlecke gehört zu vlicken, sonst vlien, vligen 'in Ordnung bringen' Mnd. Wb. 5, 
273. V. 271 ist zu übersetzen: 'Oft benahm ich mich unsittlich.' 



106 

274 ff. lese ich: Des wart my van godes wegen 
ein tröstelik hulpe her gesant, 
den my der boxen joden hant 
hebbet jamerliken benomen, 
hulpe, sw. m = Helfer. 

316. Van di unsta my trövickeit 'Deshalb höre mir auf zu trauern!' 
unstan hier wie entstan Zeno 1591 Nu unl ik troren entstan. 

317. Oedult was dich io bereit. 
Des hestu nu vorgeten gär. 
Undult is dy nu worden war. 

V. 319 wird im Mnd. Wb. 5, 41 übersetzt: Tngeduld ist dir nun zur Wahrheit, 
Wirklichkeit geworden.' Es lässt sich aber für die Länge des ä in gar kein 
Beispiel ans unserem Gedichte erbringen. Auch hier ist gar anzusetzen und 
der folgende Vers folgendermassen zu schreiben: 

Undult is dyn nu worden war. 
„Ungeduld ist deiner nun gewahr geworden; hat dich nun ergriffen." 

322. Unde Idt one uns begraven nach v^sem sede, 
Unde wes dar sulven mede, 
So endarf he nicht to gisel stän, 
Den, de dar vor henne gän. 

Während V. 340 to gisel stän richtig ist, wird es hier nach V. 306 in: to 
speigel stan 'zum Ansehn, Schauspiel dienen' zu ändern sein. 

360 am Schluss ist im Keime zu stunde wahrscheinlich lidunde zu ergänzen. 

374 f. lese ich: Wolde god dat hir ein ungedult 
Des dodes my Yunde eine schult. 

'Wollte Gott, dass Missgunst eine todeswürdige Sünde aii mir fände.' 

V. 384 f. ist zu lesen: De my dicke vroide gaf, 

de licht hier vor my an ein graf. 
an = nhd. in. 

V. 396 ist zu lesen: Wat wil ik vil arme ane gän? 
'Was werde ich arme beginnen?' angän =■ „anfangen" wird noch in der Göt- 
tinger Mundart gebraucht, vgl. Schambach S. 10. Vgl. auch Zeno 102. Wat 
schal ik nu ane gän? 

V. 415 lies: Owe der iamerliken scheide! 

Kum, dot, unde nim uns beide! 
Vgl. V. 440. Döt, kum, nym uns beide. 

419 ist im Heime: begraven st. begnaden vielleicht das gleichbedeutende 
begaven einzusetzen. 

V. 424 f. lese ich: De werlt en künde anders nicht genesen, 
Wan der iammerliken vart 
„Die Welt konnte nicht anders gerettet werden als durch Christi Höllenfahrt.* 

V. 453 lies: Latet gik vorbar nien, 
Dat ik an äussern live 
So grote ruwe drive. 

ruwe driven = -bekümmert sein." 



107 

Zum Sfindenfall. 

Zu meinen früheren Bemerkungen im Jahrb. XIY, 148 ff. und XVI, 116 
ff. trage ich noch folgendes nach: 

V. 1456 lese ich: Hör sethf wat dat kleine kint mende 

Dat dar uppe denie bonie sat unde wende, 
De dar vordroget stot, 
Des wil ik dy nu maken vroL 
Die Hds. hat V. 1458 vor droge, was Damköhler im Jahrb. XV, 81 verteidigt. 
Schönemanns Verbesserung wird aber gestützt durch die Parallelstelle im Gedichte 
Vam Holte des Hilligen Cruces V. 184 : he vragede eme altohant, wat dat kleine 
kint mende dat uppe deme home lach unde wende, de dar so grot vordorret stunt 

V. 1470. De missedat scal dat kint wedderropen. 
V. d. Holte d. H. C. V. 199 heisst es: dat mot dat kint wedder kopen, und 
dies scheint die richtige Lesart, da ein Widerruf der Missethat nicht gentigt, 
sondern nach germanischer Rechtsanschauung nur eine Busse, Entschädigung. 
Vgl. mhd. widerkoufen, Lexer III, 841. 

V. 1507. Dar bi mach rne den vader nomen. Die hdöl. Lesart wird 
bestätigt durch V. d. Holte V. 245 dar bi ik den vader nome. 

V. 1541. Aver ik segge, dat ik sach 

Middefn in deme paradise ein bome springen, 
Dar veer grote water ut gingen, 
Dat erste dat is physon genant, 
Dat vlut i7i emrnelat dat lant. 
Schönemann vermutet im Wörterb. z. Sündenfall unter emmelant „England^. 
Er begründete seine Vermutung wahrscheinlich auf das den gleichen Stoff be- 
handelnde Stück im Hartebok der Flandrerfahrer, wo es heisst: De erste is 
Phison ghenant, de lopet umme den trent Engelant. Allein die Unrichtigkeit 
dieser Lesart ergibt schon der Zusammenhang; in der Hamburger Hds. des Ge- 
dichtes vom Holze des heiligen Kreuzes [s. Niederd. Jahrb. II (1876), S. 90] 
lesen wir: de eiste is Phison ghenant, de lopet al umnientrent dat lant dat 
dar het Enbat. Danach scheint mir in emmelat der Name einer asiatischen 
Landschaft verborgen zu sein. Nicht zu erklären wusste sich ihn offenbar 
auch der Schreiber einer hannoverschen Miscellan.-Hdschr. (angeführt im Mnd. 
Wb. I, 637), wo es heisst: Dat ene water is ghenant Phison und dat water 
overgeit al dat einlani. 

V. 1546. Dat ander dat ik mene 

Hetet geon unde en is nicht kleine, 
Unde vliit in ethiopien 
Nar de swarten lüde hen. 
Statt Nar hat die Hds. Dar und dafür will Damköhler Jahrb. XV, 82 Dor lesen; 
da jedoch auch dar =■ „durch* belegt ist, so ist kein Grund zur Aenderung. 

V. 1551. TJnde lopt in lant van asia. 
Zu lesen ist int lant, vgl. V. d. Holte V. 152 ; Damköhler schreibt in dat lant, 

V. 1522. Hir umme so mach me merken V. d. H. des geltkes mach men merken 

Den hilgen geist in sinen 268. den hilligen geist an sinen 

werken, werken. 

De sine gave gevet tware de sine gnade Mr unde dar 

Hemelik unde openbare hemelik unde äpenbär 

So mennich utespret, so mannichvolt üt spret 

Dar me nein tal af wet. dat 'inen nenen tal dar van wet 



108 

Beide Stellen hängen anzweifelhaft von einander ab. Da nnn das Heilige Krenz 
das ältere Gedicht ist (s. Schröders Einl. zn seiner Ausg.), so wird utespret = 
»er breitet aus* sein, und gevet nur eine Art Dittographie von gave. Ich lese 
jetzt: Hir timme so mach me merken Den hilgen geist in shien werken, 
De sine gave tware Hemelik tmde openhare so mennichvoU utespret, Dat 
me nein tat af wet, 

V. 3829. Nu sit uilkomen, min leve tnit, 
Joachim, gy setten my lange ut. 

Ich lese: gy seien mi lange ut „ihr bliebt mir lange aus", gy ist Dat. ethicas. 
Ueber sitten = *sich aufhalten, sein und bleiben* vgl. Mnd. Wh. 4, 218. Anders 
erklärt Damköhler, Jahrb. XV, S. 83. 

Zu Valentin nnd Namelös. 

V. 1245 ist sart statt scart zu lesen, vgl. V. 1824, 1970. 

V. 1369. 'tuen schal hir ksten nicht to spade, 
dat jene twe, de mechtich sin, 
werden bracht in dodcs p1n\ 
Im Mnd. Wb. II, 672 wird, nur nach dieser Stelle, ein schw. Verb, leisten = 
„säumen, zögern" angenommen, da in der Hamburger Hds. die entsprechende 
Stelle lautet: man schal hir nicht heyden to spade; allein es hindert nichts, 
hier listen, leisten in der Bedeutung 'ausführen, vollbringen' zu fassen, nicht 
to spade d. i. 'nicht zu langsam, sofort'. 

1427 und 2069 ist das in beiden Hss. überlieferte meysterscaft (s. Anm. 
zu 1426) nicht zu ändern. 

V. 1625 ff. lese und interpungiere ich: 

Valentin quam up sin ros: 
bi eme 6k stot Namelös 
unde Elandemer, de upsprungen, 
de konink mit sinen jungen 
de rosse rorden dar den kle. 
to der were setteden sik de dre. 

So entsprechen die Verse der schwedischen Uebersetzung: Tita sprang Valantin 
}xi siti Juesty och Nampnlos gik sta nar honom, och Blandanuer tok sin 
skiold for sik; och konungen och hans m<ni ihren gede HL och tJie iij scetice 
sik Hl werifc. Von hdsl. Lesarten habe ich geändert: V. 1628 do in de, V. 
1629 dingen in jungen, der junge »s. Lexer I, 14i>S) bedeutet, wie noch jetzt 
im Niederd. Jung 'junger Mann\ Statt dr n/sse^) rorden, wie schon Seelmann 
verbesserte, haben beide Hdss. de rose rorde; Walther im Jahrb. XVIII, S. 136 
fasst rose als „das im Kampfe geflossene Bluf. V. 1629 ist dar = durch; 
s. Mnd. Wb. I, 544. — upspringen V. 1627 heisst 'sich in kampfbereite Stellung 
setzen', vgl. V. 477, 709, 2412. dat ros rören = 'das Pferd in Bewegung 
setzen', vgl. V. 933, 1282 und Lohengrin her. v. Rückert swenn si durch tjost 
diu ors xesamne ruorten (s, Lexer unter 'rücren). 

V. 1835. se Icvet mi boven alle icif, 

se achtet nicht up mi ein kciiif, 
ein keitif ,ein Schelm" ist dem Zusammenhange nach nicht wahrscheinlich. H 



M Vielleicht ist der unflectierte Plural de ros (vele ros unde perde Mnd, 
Wb, III, 508) zu setzen. 



109 

bat up myn hedriff, und dies führt auf die Vermutuug, dass es ursprünglich 
gelautet hat: se achtet nicht up minen Mf. 

Ich nehme an, dass Mf hier, wie mhd. Mp (Lexer I, 1578) die Bedeutung 
„leidenschaftliches Streben" hat, also das eifrige Minnewerben des Riesen be- 
zeichnet. In der gewöhnlichen Bedeutung steht ktf ebenfalls im Reime auf wif2hl^. 

V. 2043. de en was mdket wol dun. 
Ich lese mit der Hs.: en was makes wol to don. „Sie waren der Ruhe wohl 
bedürftig." Vergl. die Stelle aus Grimms Weistümem 3, 182 ^dat di geene, die 
dar in gewabert sein to dustwaer, moegen hauweUy wes sie tho doen hebben 
eres lieerdes (für ihren Herd nötig haben) in vuringe, und andere im Mnd. Wh. 
I, 539, sowie die neuhochdeutsche Redensart „es ist mir darum zu thun". 

V. 2251. Magros de rese lieft se vangen sat 
dorch s'bien tom in sin bat 
Dass bat hier und 2400 „Wäscherei" bedeute, ist nicht zu belegen; es ist viel- 
mehr eine Umschreibung für „Gefängniss", vgl. Mnd. Wh. I, 158, Grimms 
Wörterb. unter Bad 3 und 4. 

V. 2414 vermute ich statt den segehaft: den segevacht „den Sieg" (: stach), 
V. 2560 streiche ich was, das auch H nicht hat und erkläre teste als 
Adverb. = zuletzt. 

NORTHEIM. R. Sprenger. 



Zu mnd. Gedichten. 

Za Botes Boek van veleme rade. 

(Nd. Jahrb. XVI, 1 ff.) 
I, 9 ff. ist zu interpungieren : 

Wente wo boze, wo valsch unde quaet 
Mank den luden is nyt unde haet^ 
Dat wet nemayit unde recht vorsteit 
Wen de jenne, de mit eynem unimegeit; 

21 ff. lese ich folgendermassen : 

Nyt unde hat de maket alle twidracht 

Unde benimpt den weldigfien ere walt unde macht, 

(Hirumme weset voersichtich overalfj 

De land unde lüde regeren scaL 

V. 22 fasse ich ere als Pron. poss., da Ehre meist eere geschrieben ist. In V. 
23 werden die weldighen angeredet. De in V. 24 bezieht sich auf walt unde 
macht in V. 22. Vergl. V. 3/4. 

n, 21. Seet to, dat to dem rade nicht käme quaet brockelik holt! 
Das Adj. brockelik ist nicht erklärt. Der Herausg. hält es offenbar für bröklich, 
das im mnd. Wb. = h^ökhaftich, 1. ermangelnd, 2. straffällig erklärt wird. 
Beide Bedeutungen passen hier nicht, die richtige ist vielmehr 'anbrüchig^; also 
Holz, das nicht eckervast ist, sondern bereits in Fäulnis überzugehen beginnt. 



110 

51 If. ändere ich so: . 

Wes eyn vrunt der hillighen kerken 

AI na sunte Peters werken 

Unde deme ivrevel unde stolt, 

De synen geysüiken staet nicht holt! 

III, 8 ff. ist zu interpungieren: 

Oy eddelen koerforsten, dencket hiran, 

Wen dat romesche rike vorstorven were^ 

Gy ertzbisscJwppe Rollen, Mentz unde Trere, 

De hochwerdighe konninck, to Benien gJienant, 

De j^o.lt^greve unde Jiertighe to Sasserlant 

Unde de liochghebaren marchgreve to Brandenborchy 

(De sy?it alle erluchtet mit doglieden dorch): 

Slaet dat kafnrad tohope vast unde dicht, 

y, 70. Hinter grunth ist statt des Punktes ein Komma zu setzen. 
103. Eyn iewelk rapet in synen sack, 
Dyt maket juw alle den quack. 
Der Herausg. übersetzt qu^ack mit 'unnützes Gerede' von quackelen und beruft 
sich auf westf. kivack 'Schnattern der Enten' etc. und ndl. kwak 'Geschichte, 
Erzählung'. Diese Bedeutung scheint mir hier sinnlos. Ich halte quack für 
ein anderes Wort. In der Kattenstedter Mundart bedeutet kwack, m., so viel 
wie dauernder Schaden, Krankheit, Leiden, z. B. disen unnter het Jiei stnen 
kwack ekrein, diesen Winter hat er genug bekommen. Dazu gehört das Adj. 
kwackich, schwächlich, leicht erkältlich, nicht widerstandsfähig. Vergl. Dähnert : 
qu^ack^, im figürlichen Sinne wird es auch von Kindern gebraucht, welche nicht 
die Kraft haben, sich aufrecht zu erhalten, sondern zusammensinken, dat jäÖr 
hängt ass^n qu/JLck, Adj. quackig, Ostfr. Wtb. II, 427: kwakke, kwak, ein 
unfester, weichlicher, schwächlicher, oft kränkelnder Mensch etc. Vielleicht ge- 
hört hierher auch quakJcebrook, ein weichlicher, kränklicher Mensch, der gleich 
bei den ersten Schmerzen ächzt und schreit; Br. Wtb. III, 392. kwack stelle 
ich nicht zu mnd. qitackelen 'schwatzen', sondern zu und. kwacken, 'nach einem 
heftigen Fall oder Wurf einen lauten, hellen Schall verursachen'. Demnach be- 
deutet quuck zunächst Schlag, Fall, dann die Folgen des Schlages. Das passt 
für unsere Stelle: 'ein jeder scharrt in seinen Sack, das bringt euch allen 
den Schaden'. 

130/1 ändere ich also : 

So werde gy vor uprichtighe manne angheseen, 
Eere unde rechte juw denne vallet by. 
deme für denne bietet der Druck auch in VI, 36. 
VI, 53 ff. interpungiere ich folgendermassen : 

Gy weldighen, gy scholet dat staden nicht, 

Dat unvornujft schal sitten in ghericht, 

Wente de deit nenen vramen. 

De unvornufft unde unwetenheit let kamen 

To grade, dar dat sik nicht enboert, 

Nicht gudes wert dar ghespoert. 

De geystliken unde werldliken kamen darvan to nichte. 

Woer unwetenheit unde unvornufft holt dat richte, 

Unde syd rad in hoghem grade werd. 

Dar is de cristenheid seer mede beswerd. 



111 

106 ff. So maehstu hy dynem arbeide blyven, 

Dat sy slachten, smeden, gheten, sticken, neghen, 
Backen, brouwen, houwen, sniden unde dreghen, 
Dat sy, wat id vor eyn ammet sy. 
Dar rode he over unde hlyve darby. 
Unde bespeghele dy an dessem plochrade, 

In V. 110 ist die 3. Person störend, die nnr auf V. 104 und 105 bezogen 
werden kann. Ich yermnte, dass hinter V. 108 ein Komma zn setzen nnd V. 
1 10 zu lesen ist : dar rade (du) over mide blyff darby. Der Ausdruck ammet 
ist auch für die V. 107/8 aufgezählten Beschäftigungen zulässig. Mnd. Wb. I, 67. 

VII, 86. Eyn vraem wiff der eere unde doghet tolet 
Vorware se wal eyn pollererrad het. 

In y. 86 ist mir tolet unklar. Der Reim auf het = het scheint ein langes e 
zu fordern. Darum vermute ich einen Druckfehler für klet = Met = kledet 
^kleidet, ziert'. Konstruktion mit dem Dat. und Bedeutung sind zwar im mud. 
Wb. nicht belegt, aber dem heutigen Niederdeutsch gewöhnlich. Der Relativsatz 
der — klet ist in Kommata zu setzen. 
Vm, 19 lese ich: 

Dat docht nicht men to spolen unde to spinnen. 

Alle de lichtvorich arbeit to beghinnen, 

Beghinnen hat hier die nnd. Bedeutung ^thun, verrichten'. 

55. Se synt heit vort hovet, stede ju>ch unde wach 
Unde dencken nicht, wat darna kamen mach. 

Der Herausg. übersetzt juch mit 'betriebsam, thätig'. Ich stelle es zu mnd. 
juchei *Lebemann\ Jüchen 'schreien', nnd. jv>cheen 'ausgelassen, heiter sein mit 
Gesang und Tanz' (Kattenstedt a. Harz), und übersetze es 'ausgelassen'. 

Zn Gerhard von Minden. 

Fab. 100, 37. De konnink sprak: So saget mi, 
wat juwer beider ammecht si, 
darto juwe kunst unde wo gi heten, 
darto möge gi mm gerieten, 
wente na der kunst sciial tne jo geven. 

Statt darto in V. 40, das keinen passenden Sinn giebt und wahrscheinlich aus 
der vorhergehenden Zeile hierher geraten ist, lese ich darna, 

73. Do sprak de konnink: ^Dat is gewis, 
dat juwe kunst nicht sehen is 
an alle minem rike; 
mit beider kunst wol juive gelike 
vil node doch wolden des gein, 
wo vele der wert von mi gesein. 

Da V. 47 Girelin sagt: unde en levet nicht ein mm gelike mit giricheit in 
al dem rike, so ist V. 74 nicht auffällig und statt dessen recht zu lesen. Die 
V. 76 — 78 besagen dann, dass ihresgleichen im Reiche überhaupt nicht gefunden 
werden. Das Semikolon hinter V. 75 könnte auch hinter V. 74 gesetzt werden. 
Statt wotden in V. 77 lese ich wolde nie. 



112 

Fab. 101, 148 lese ich Wo rechte statt So rechte ik ju icht worde, 

171. Wai niachstu on dar schaden arte dort? 
Kunistu daraf, du deist unrechte, 
wente des geplogen lieft al dm siechte. 
Statt des hs. vil rechte hat der Herausg. unrechte gesetzt, yermutlich weil er 
kumstu daraf in dem Sinne nahm ^kommst du davon ab, hörst da anf , ihnen 
Schaden zu thnn. Diese Bedeutung ist nicht belegt. Das hs. vil rechte halte 
ich für richtig und übersetze ^kommst du mit dem Leben davon'. Vergl. mnd. 
Wb. afkomen mit einem Gen. = von etwas loskommen, z. B. der plaghe afkomen, 

179. Neman so gvden kop ne gaf 

dan umme ein hon vel unde lif; 
Hinter hon ist ein Komma zu setzen, vel unde lif ist Apposition zu kop. 

Fab. 102, 76. so wert he is unde ök ju gewds 

sin holt allen luden behande, 

dat is untlik in dem lande, 
y. 76 ist so sinnlos; statt dessen ist wo zu lesen. Vergl. Fab. 101, 148. 

95 ff. ist vom brämber, bräm die Rede ; die Wortlese erklärt : *ein Strauch 
(Pfriemen, spartium scop. L.?), doch schwerlich der Brombeerstrauch\ Der Nd. 
Aesopus hat V. 36 de gele bräm und Hoffmann erklärt es offenbar richtig als 
spartium scoparium. Im Schottischen heisst diese Pflanze broom, spr. brurn, 
Sie ist auch an unserer Stelle gemeint. Mnd. breme, brame, brumme, Rubus 
und Scoparium. bräm statt brämber zu schreiben, wie Sprenger, Progr. Nort- 
heim 1879, will, scheint nicht notwendig. Am Harz sagt man heute allgemein 
brambere oder brambranke, das aus bramberranke zusammengezogen sein wird, 
statt bräm. 

Fab. 103, 45 ff. De jene de dar dröch dat swert, 

de was al der werlde unwert, 

wente he nicht wenne logene sprak, 

de andere dar nicht ne brak, 

wente he gerne spreken wolde 

de wärheit, wai dat kosten scholde, 

Sprenger fasst de wärheit in V. 50 als Objekt zu brak und fügt hinter he in 
V. 49 ein se ein. Folgerichtig ändert er auch dar in dor. Nd. Jahrb. IV, 104 
und Germania XXXIV, 430. Diese Aenderungen scheinen unnötig. Die V. 
46/47 und 48/49 stehen sich gegenüber: Der eine war ein Taugenichts, weil 
er nur Lügen vorbrachte; der andere ward nicht straffällig (verbrach nichts), 
weil er die Wahrheit liebte. Zu breken ^verbrechen, straffällig sein' s. mnd. 
Wb. I, 419: vortmer scal neman vor den anderen beteren, men we %e (wer 
da) dar brekt, de scal vor syk sulven beteren. 

BLANKENBURG a/H. Ed. Damköhler. 



113 



Der Verfasser der jüngeren Glosse 
zum Reinke Vos. 

Beinahe könnte es Wasser ins Meer tragen heissen, wenn ich es 
unternehme, noch einmal die so oft und so gründlich behandelte Frage 
nach dem Verfasser der jüngeren Glosse des Reinke Vos zum Gegen- 
stande der Untersuchung zu machen, zumal nachdem Brandes in seiner 
trefflichen Ausgabe ^) alles Einschlägige aufs Umsichtigste erwogen und 
den derzeitigen Stand unseres Wissens aufs Klarste dargelegt hat. 
Gerade diese Zusammenstellung war es aber, die mich in der Ueber- 
zeugung bestärkte, dass das Festhalten an der durch Rollenhagen 
formulierten Ueberlieferung nur im Kreise herumführe und dass auf 
diesem Wege nicht weiter zu kommen sei. So möchte ich denn meine 
schon in einer Besprechung der Brandesschen Ausgabe^) in Kürze 
angedeutete Ansicht näher begründen. 

Bei dem ausserordentlichen Beifall und Einfluss, den sich der 
alte Reinke Vos im neuen Gewände so überraschend erworben hatte 
— von 1539 bis 1595, dem Erscheinungsjahr von Rollenhagens Frosch- 
meuseler, sind nicht weniger als 8 niederdeutsche, 17 hochdeutsche, 
5 lateinische und eine dänische Ausgabe erschienen^) — und bei der 
unverkennbaren Sorgfalt, mit welcher der Bearbeiter seine Anonymität 
bewahrte, konnte es nicht ausbleiben, dass schon frühzeitig die Frage 
nach der Person des Urhebers der Glosse die literarischen Kreise 
beschäftigte. Aus dem Werke selbst geht nur hervor, dass der Ver- 
fasser ein Mann war von ausserordentlicher Belesenheit und aus- 
gedehnter Sprachkenntniss, von reicher Lebenserfahrung und scharfem 
Blick für die offenbaren und verborgenen Schäden in Staat und Kirche, 
im öffentlichen und Privatleben, erfüllt von dem ernsten Bestreben, 
nach Möglichkeit zur Belehrung und Veredelung seiner Zeitgenossen 
beizutragen, indem er frei von Menschenfurcht allen Ständen ohne 
Unterschied ihr un geschmeicheltes Abbild vor Augen hielt. Das ist 
aber auch alles, was sich daraus entnehmen lässt und Bieling*) geht 
offenbar zu weit, wenn er aus den freimüthigen Aeusserungen gegen 
den geistlichen Stand den SchluSs zieht, der Verfasser könne kein 
Geistlicher sein, sondern müsse dem Laienstande angehören. Hab- 
sucht, Wucher und Unkeuschheit der Pfaffen, Cölibat, Ablass, Mönchs- 



^) Die jüngere Glosse zum Reinke de Vos, herausgegeben von Herrn. 
Brandes. Halle a. S. 1891. S. I— XX. ^) Deutsche Litteraturzeitung 1892, 
Nr. 13, Sp. 435—437. ^) Reinke de vos. Herausgegeben von Friedr. Prien. 
Halle 1887. S. XXIX— LXHI. *) AI. Bieling, Die Reineke - Fuchs - Glosse in 
ihrer Entstehung und Entwickelung. Berlin 1884. 4°. S. 14 und 15. 



Kiederdeutsohds Jahrbuoh. XIX. 



114 

thum geisselt er mit den schärfsten Worten, aber nicht um ein Haar 
schärfer als die Reformatoren selbst und alle evangelischen Prediger 
es thaten, und wenn er dann davon spricht, dass die Diener des 
Wortes uns weiden sollen mit dem göttlichen Wort und gutem Beispiel, 
so tritt er damit nicht für seine Person in Gegensatz zur Geistlichkeit, 
sondern versetzt sich nur in lebhaft - lehrhafter Weise unter die Zahl 
derer, für die sein Werk hauptsächlich bestimmt ist, in die evangelische 
Gemeinde. Alles dies giebt noch nicht den geringsten Anhalt für die 
Person des Verfassers; das einzige, was dafür von Wichtigkeit sein 
könnte, das Versprechen „dath Bock Plutarchi van dem Gemeinen 
besten in Sassyscher sprake" dem günstigen Leser „tho nütte uppet 
baldeste" auch zu verfertigen^) ist uneingelöst geblieben. Auch von 
ihm galt offenbar, was er vom Dichter des Reinke sagt^) „dat de 
Poeta orsake hedde dat yenne uththospreken, so he ym gemöte bedacht, 
averst befaringe und forchte halven under syner persone nicht apen- 
baren dorffte." Dass der Verfasser unter einer Nothwendigkeit steht, 
die ihm nicht nur die Verschweigung seines Namens, sondern auch 
gewisse Beschränkungen in der Wahl seiner Vorlagen auferlegt, liegt 
klar auf der Hand. Jedem muss bei einem Manne, der so entschieden 
auf der Seite der Reformation steht, dass ihm „evangelisch" und 
„christlich'' als gleichbedeutend gilt^), das gänzliche, nur durch vor- 
sichtige Ueberlegung zu erklärende Fehlen Luthers, Melanchthons, 
Bugenhagens und der anderen hervorragenden Reformatoren unter den 
benutzten Schriftstellern auffallen und ich vermag dabei nur auf die 
analoge Erscheinung hinzuweisen, dass im selben Jahre 1539 bei 
demselben Drucker ein für „de Olden vnnd bedageden lüde" in grober 
Schrift gedrucktes Neues Testament in niederdeutscher Sprache erschien, 
von dem es zwei sonst identische Ausgaben giebt; die eine sagt auf 
dem Titelblatt „dorch D. Martinum Luther mit vlyte vordüdeschet", 
während die andere statt dessen setzt „na dem Grekeschen recht 
gründtlick vordüdeschet".*) In beiden Fällen besorgte also der Drucker 
und Verleger, durch allzuoffene Hervorkehrung des lutherischen Stand- 
punktes die Absatzfähigkeit seiner Artikel zu beeinträchtigen. 

Es ist geradezu undenkbar, dass bei dem beispiellosen Erfolg 
des Werkes nicht doch auch Andere Kunde von der Person des Ver- 
fassers bekommen hätten, aber bewundernswert ist es, dass trotzdem 
die Festhaltung der Anonymität mit Erfolg durchgeführt werden konnte. 
Der Verfasser der schon im Jahre 1544 in Frankfurt a. M. er- 
scheinenden hochdeutschen Uebersetzung resp. Bearbeitung nennt den 
„Sechsischen Glossator" seinen „besondern bekandten Freundt", da 
er sich aber gleichfalls in Dunkelheit hüllt, ist auch dieser Hinweis 
zur Feststellung des Verfassers seiner Vorlage nicht zu verwenden. 
300 Jahre lang hat man allgemein Michael Beuther, geb. 1522, 1546 



1) Brandes, Glosse S. 235, 39 ff. «) Ebenda S. 234, 10 ff. ») Ebenda S. 132, 
120 ff. 134, 178 f. — Bieling 8. 11. *) C. M. Wiechmann, Meklenburgs alt- 
niedersächsische Literatur I, Schwerin 1864, S. 178 ff. 



115 

Professor der Geschichte zu Greif swald, 1565 zu Strassburg, gest. 
1587, für den Bearbeiter gehalten, bis Prion 1887 den Nachweis führte, 
dass der einzige Gewährsmann dafür, Hartmann Schopper, Beuthers 
Namen nur als Vermuthung ausspricht, innere Gründe aber diese Ver- 
muthung als wenig glaubhaft erscheinen lassen^). Erasmus Alberus, 
der 1550 erklärt, er habe noch nie kein feiner noch meisterlicher 
Gedicht gelesen als das Buch von Reinicken, womit er wie alle Zeit- 
genossen die mit der jüngeren Glosse versehene Bearbeitung meint, 
durch die die älteren Drucke vollkommen in Vergessenheit gerathen 
waren, weiss auch nichts mehr zu sagen, als dass desselben Buchs 
Meister ein Sachs gewesen sei, „ein hoch verstendiger weiser Mann, 
ein Ehr aller Sachsen"^}, und dazu genügte die als sicher voraus- 
zusetzende Bekanntschaft mit der Vorrede des hochdeutschen Bearbeiters. 
Sechsundfunfzig Jahre waren vergangen, in dreissig Ausgaben 
war der Reinke verbreitet und in alle Schichten des Volkes gedrungen, 
und noch war der Schleier nicht gelüftet, der über seiner Entstehung 
lag — da trat 1595 Georg Rollenhagen mit seinem stark vom Reinke 
Vos beeinflussten ^) Froschmeuseler auf und berichtete haarklein, was 
es damit für eine Bewandtniss habe. Ein gelehrter scharfsinniger 
weltweiser Sachse mit Namen Nicolaus Baumann „beim vrsprung 
des Weserstroms bürtig" habe unter dem Namen Reinicken Fuchses 
das ganze politische Hofregiment und das Römische Papstthum nach 
seinen eigenen als Rat und Sekretär am Jülichschen Hofe gemachten 
schlimmen Erfahrungen weislich beschrieben und nachdem er in die 
Dienste des Herzogs Magnus von Mecklenburg getreten, dem Rostocker 
Buchdrucker Ludwig Dietz übergeben. Dieser, ein Oberländer von 
Speyer und selbst ein guter Reimer, habe alsdann die Glosse aus 
anderen Reimbüchern dazugesetzt und das Buch so im Jahre 1522 
erscheinen lassen, aber nicht unter dem Namen des Verfassers, sondern 
als wenn es zuvor „ein altes Welsch und Frantzösisch Buch gewesen". 
Gleichsam zur Beglaubigung seiner Erzählung fügt Rollenhagen noch 
hinzu, dass Baumann in der St. Jakobikirche zu Rostock seine letzte 
Ruhestätte gefunden habe und theilt den Wortlaut des ihm im April 
1526 von der hinterbliebenen Wittwe gestifteten Epitaphs mit eigener 
deutscher Uebersetzung mit*). Dass sich Rollenhagen diesen Wahres 
und Falsches in wunderbarer Weise durcheinandermengenden Bericht 
nicht aus den Fingern gesogen haben kann, ist klar, ebenso dass ihm 
die Grundlagen dazu nirgends anders her als aus Rostock zugegangen 
sein können, und da kann nur der poeta laureatus Peter Lindeberg 
in Frage kommen, der ebenso wie Rollenhagen dem grossen Kreise 
von Gelehrten angehörte, der in Heinrich Rantzau, dem prorex 
Cimbriae, seinen Mäcen und Mittelpunkt fand. Lindeberg starb am 



*) Friedr. Prien, Ueber die hochdeutsche Reinke-Üebersetzung vom Jahre 
1544. Neumünster 1887. 4<^. S. 19 ff. ^) Brandes S. XV, Anm. 1. ») Jahrbuch 
d. V. f. niederd. Sprachf. XIV (1888), 1. (Brandes.) *) Rollenhagens Bericht ist 
vielfach abgedruckt ; nach der ersten, ausführlichsten Fassung bei Brandes S. XI/XII. 

■ 8* 



116 

16. Juli 1596, als der Druck seines Chronicon Rostochiense ungefähr 
bis zur Hälfte fortgeschritten war. Der Rest wurde dann im Auftrage 
der Erben von Mag. Nik. Peträus ohne jede Aenderung des vorliegenden 
Manuscripts herausgegeben und das Ganze erschien im September 
desselben Jahres. Auf der vorletzten Seite finden sich die Zeilen, die 
zur Kontrolierung Rollenhagens von hohem Werthe sind. Es heisst 
da in der Beschreibung der Universität : „Diesem (Nikolaus Marschalk) 
folgte Nikolaus Bau mann, der (nachdem er eine Zeit lang ana 
Jülichschen Hofe als Rath gelebt hatte und schliesslich bei dem Fürsten 
verläumdet worden war, so dass er genöthigt war, mit Gefahr seines 
Lebens zu Herzog Magnus von Mecklenburg, dessen Sekretär er später 
wurde, zu flüchten) auf Gnind seiner eigenen Erfahrungen die Ränke 
des Fuchses in deutschen Versen scharfsinnig und kunstvoll geschildert 
und in Rostock, wo er nach vollbrachtem Lebenslauf in der St. Jakobi- 
kirche beerdigt ist, in Druck gegeben hat." In diesen schlichten Worten 
haben wir die Quelle von Rollenhagens weitausgesponnenem Bericht 
zu suchen; entweder direkt auf Grund persönlicher Bekanntschaft oder 
durch Vermittelung Rantzaus hat Rollenhagen dort angefragt, wo 
voraussichtlich am ersten noch eine Kunde vorhanden sein konnte, in 
Rostock, und Lindeberg, der anscheinend sich vorher mit dieser Frage 
nicht beschäftigt hatte, zieht nach Möglichkeit Erkundigungen ein, 
was ihm nicht allzu schwer werden konnte, denn Stephan Möllemann, 
dessen Druckerei er selbst benutzte, war mit Ludwig Dietz' hinter- 
lassener Wittwe verheirathet. Dass vorher derartige planmässige 
Nachforschungen nicht angestellt sein werden, dafür glaube ich die 
von Möllemann gedruckte Reinke - Ausgabe von 1592 als Beweis an- 
führen zu dürfen, der zwar der Verleger Laurenz Albrecht eine besondere 
Vorrede mit auf den Weg giebt, aber mit keiner Silbe auf eine Bekannt- 
schaft mit dem Verfasser und dem Glossator hindeutet^). Was Linde- 
berg zugetragen wurde, theilte er Rollenhagen mit; was er selbst 
davon für feststehend erachtete, fügte er seiner Chronik einstweilen 
da ein, wo es ihm noch am besten hinzupassen schien, nämlich bei 
dem nächsten Vorgesetzten des Sekretärs Nik. Baumann, dem Rath 
Nik. Marschalk, und so blieb, da die letzte bessernde Hand fehlte, 
Baumann mitten unter den Universitäts-Professoren als ihres gleichen 
stehen, trotzdem er in Wirklichkeit nicht einmal einen akademischen 
Grad besessen hatte. Rollenhagens Bericht ist von Zarncke^) zur 
Genüge zerpflückt worden, sodass wir hier, zumal es sich für uns 
nicht um den Verfasser des Reinke, sondern um den der Glosse von 
1539 handelt, nicht weiter darauf einzugehen brauchen. Es mag nur 
bemerkt werden, dass von allem, was Rollenhagen über den sonst 
nirgends besonders hervortretenden Baumann, dessen Andenken nur 
zufällig durch das vielleicht an auffallender Stelle angebrachte, bis 
ins vorige Jahrhundert noch vorhandene Epitaphium^) etwas frischer 

») Wiechmann III, S. 165-167. — Prien, Keinke S. XXXVI. ^) Zeitschrift 
für deutsches Alterthum IX, 377 ff. ^) (Mantzel) Butzowsche Ruhestunden XX 
(1765), 36. 



117 

geblieben sein mag, nichts von Bestand bleibt, als dass er Sekretär 
der Mecklenburgischen Herzoge (aber weder des schon 1503 ver- 
storbenen, noch des späteren erst 1509 geborenen Magnus) war, 1526 
in der St. Jakobikirche zu Rostock beerdigt wurde und nicht aus 
Rostock stammte. Selbst die Angabe seiner Herkunft vom Ursprung 
des Weserstroms läset sich darauf zurückführen, dass sein Bruder und 
Erbe in Eisenach seinen Wohnsitz hatte ^). Dass Baumann den bisher 
noch durchaus in der Luft schwebenden und nur auf Rollenhagen 
beruhenden Druck von 1522 veranlasst habe, ist bei dem feindseligen 
Verhältniss, in dem Dietz zu ihm stand und das Ende 1520 selbst 
das Einschreiten des Landesherren und des Rathes erforderlich machte*), 
von vornherein abzuweisen. 

Trotz des schwankenden Grundes, auf dem also die einzige aus- 
führlichere Nachricht über die Entstehung des Rostocker Reinke steht, 
dürfen wir doch den durch sie gegebenen Hinweis nicht unbeachtet 
lassen, sondern müssen untersuchen, ob sich das, was uns über Ludwig 
Dietz' Leben und Wirken anderweitig bekannt ist, mit Rollenhagens 
von Dr. Brandes wieder zu Ehren gebrachtem Bericht vereinigen lässt. 
Da stossen wir schon beim ersten Schritte an: Das einzige, was uns 
mit Sicherheit über die Person des Glossators berichtet wird, ist, dass 
er ein Sachse war, und man mag nun den Ausdruck „Sasse" so weit 
fassen wie irgend möglich, der Oberländer aus Speyer, mag er auch 
in Niederdeutschland noch so heimisch geworden sein, hat ebensowenig 
Anspruch darauf wie der Thüringer von der Werra. Die hervorragende 
Tüchtigkeit des Buchdruckers Dietz in allem, was seine Kunst betrifft, 
findet überall die wohlverdiente Anerkennung; wo es Aufgaben gilt, 
die aussergewöhnliche Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des 
Typographen stellen, die Lübecker Bibel von 1533/34, die Kopenhagener 
Bibel von 1550, werden seine Pressen in Anspruch genommen. Früh- 
zeitig macht er seine Druckerei dem Reformationsgedanken dienstbar, 
wenngleich er dabei als Geschäftsmann vorurtheilsfrei genug ist, sie 
auch jeder anderen Richtung zur Verfügung zu stellen, mag diese nun 
päpstlich, zwinglianisch oder wiedertäuferisch sein. Wie alle seine 
Berufsgenossen jener Zeit ist er gleichzeitig in ausgedehnter Weise 
als Verleger thätig, behält die verschiedenen Strömungen im geistigen 
und politischen Leben ebenso scharf im Auge wie die praktischen 
Anforderungen des Tages und ist eifrig bestrebt, allen Bedürfnissen 
und Wünschen nach Möglichkeit entgegen zu kommen, sei es durch 
Nachdruck hier nur schwer erreichbarer Schriften (verschiedene im 
Original nicht mehr bekannte Schriften, so das erste niederdeutsche*) 
und das erste dänische Gesangbuch, sind nur in Dietz'schen, unmittelbar 
nach dem Erscheinen veranstalteten Nachdrucken auf uns gekommen*), 
sei es durch Uebersetzung, aber auch durch Originalwerke, zu deren 

Lisch, Jahrbb. d. Vereins f. meklenb. Geschichte IV (1839), 194. 
') Jahrbb. d. V. f. mekl. Gesch. LIV (1889), 208/9. ») Bachmann, Geschichte des 
evang. Kirchengesangs in Mecklenburg, Rostock 1881, S. 22—37. — Wiechmann III, 
S. 117—121. *) Jahrbb. d. V. f. mekl. Gesch. LIV, S. 212. 



118 

Ausführung er den Anstoss gab. Die geeigneten Kräfte zu finden, 
die gern bereit waren, durch ihre Mitarbeit die Wissenschaft und die 
Sache der Reformation zu fördern, konnte ihm in der blühenden 
Universitäts- und Hansestadt mit ihren weitreichenden Verbindungen 
nicht schwer fallen, und gar mancher unter den so geworbenen Mit- 
arbeitern mag aus verschiedenen Gründen vorgezogen haben, ungenannt 
zu bleiben und dem Drucker -Verleger die Vertretung zu überlassen. 
Dass Dietz selbst litterarisch thätig gewesen sei, dass er Gedichte 
verfasst oder Bücher geschrieben habe, davon wissen seine Zeitgenossen 
nichts zu melden, selbst David Chyträus, der bei Gelegenheit der 
Beerdigung des am 19. Januar 1500 im Alter von 70 Jahren ver- 
storbenen Gurt Dietz dem nur vier Monate früher entschlafenen älteren 
Bruder einen glänzenden Nachruf widmet und keins seiner Verdienste, 
keinen seiner Vorzüge unterdrückt, macht auch nicht die leiseste 
Anspielung darauf, dass er je selbstthätig zur Bereicherung der Litteratur 
beigetragen habe^). Aber er sagt es uns ja selbst und die Bücher, 
als deren Verfasser er sich bekennt, sind noch vorhanden, wird man 
mir einwenden. Allerdings giebt es einzelne derartige Andeutungen 
in den Dietzischen Drucken, doch verlieren dieselben bei näherer 
Betrachtung sehr viel von der ihnen namentlich durch Wiechmann 
zugeschriebenen Beweiskraft. Gleich im allerersten Werke, womit der 
vorher nur als Diener und Bevollmächtigter des Rostocker Raths- 
sekretärs und Buchdruckereibesitzers Hermann Barckhusen genannte^) 
Ludwig Dietz selbst als Drucker an die Oeffentlichkeit tritt, der 
Editio princeps des Lübischen Rechts, findet sich die Erklärung, dass 
er, der Drucker, um einem allgemein gefühlten Bedürfnisse entgegen- 
zukommen, eine grosse Anzahl von Handschriften geprüft und diejenige 
davon, die ihm als die Beste erschienen sei, abgedruckt habe^). Diese 
Erklärung ist fast überall mit dem ausgesprochensten Misstrauen auf- 
genommen worden und es ist in der That schwer glaubhaft, dass der 
höchstens 25jährige Pfälzer, der vielleicht seit drei Jahren als Werk- 
führer Barckhusens in Rostock wohnhaft war, eine solche Arbeit aus 
eigener Initiative und ohne rechtsverständigen Beirath unternommen 
haben sollte und wir können wohl annehmen, dass unter den „guten 
Gönnern und Freunden", die die Ausführung betrieben und unter- 
stützten, Hermann Barckhusen der erste und einflussreichste war. 
Immerhin mag zuzugeben sein, dass der Antheil Dietzens ein so 
beträchtlicher war, dass er sich ohne Ueberhebung als Herausgeber 
bezeichnen konnte. 

Der nächste Hinweis auf eigene persönliche Betheiligung an einem 
seiner Drucke wird in dem 1526 gedruckten Auszug aus der Preussischen 
Landesordnung*) gefunden, in dessen Schlussschrift es heisst: „Uth 
Hochdudescker jnn Neddersassescke sprake gedrucket dorch Ludwich 



^) Scripta in Academia Rostochiensi publice proposita ab anno 1560 . . . 
ad initium anni 1567, Rostochn 1567, fol. 11/12. «) Jahrbb. d. V. f. mekl. Gesch. IV, 70. 
») Ebenda IV, S. 75. 81—84. 135. — Wiechmann I, 24—27. *) Wiechmann I, 105-109. 



119 

Dietz". Der so nicht wieder vorkommende Wortlaut erlaubt, das muss 
man zugeben, die Deutung, dass Drucker und Uebersetzer eine Person 
seien, aber er zwingt nicht dazu und innere Gründe nöthigen uns, einen 
anderen Uebersetzer anzunehmen. Die Vorrede kann ihrem ganzen 
Stil und Gedankengang nach nicht wohl von Dietz herrühren und im 
Text zeigen sich sprachliche Eigenthümlichkeiten, die von denen aller 
übrigen Erzeugnisse der Dietzischen Pressen abweichen. Am auf- 
fälligsten ist, dass in der ganzen 16 Seiten 4® umfassenden Schrift 
die Ableitungssilbe -isch ausnahmslos -isck geschrieben wird, also 
evangelisck, hönscke worde, Colmiscke buren, hochdudesck, nedder- 
sassesck und dem entsprechend auch minscken; ähnliches zeigen von 
sämmtlichen Dietzischen Drucken nur die in demselben Jahre erschienenen 
„Twe Artikel Virich Zwinglij ^)", für deren Uebersetzer der Wismarsche 
Prediger Heinrich Never gilt, doch ist auch da nicht minscke, sondern 
minsche gebräuchlich, während in allen übrigen Schriften -isch weitaus 
das -isck überwiegt. 

Ganz klar und unanfechtbar erscheint die Uebersetzerthätigkeit 
Dietzens bezeugt in der Ausgabe von Sebastian Francks Schrift „Van 
dem gruweliken laster der Drunckenheit" aus dem Jahre 1542^), wo 
es in der „Der Drucker wünschet dem Leser Gnad, Frede vnd erkant- 
nüsse Gades, durch Christum vnsen Heylandt, Amen" überschriebenen 
Vorrede heisst: Dewile averst solcke Böchlin vast vorkamen, ock der 
spracke halven dem gemeynen Man unvorstendich, byn ick van etlyken 
myner günstigen Heren und guden fründen thom mehrerm mal früntlich 
ersocht unde angelanget, dat ytzt gedacht Christlick Böchlin in 
Sassischer Sprake wedder in den Druck stellen mochte .... Hebbe 
also ... na vormöge mit hülpe etlyker guden Fründe dyt Böchlin 
in düsse Sassische sprake vorfertiget und in den Druck gebracht." 
Die Worte erinnern unwillkürlich an die Vorrede zum Lübischen Recht; 
auch dort spielen „gute Gönner und Freunde" hinein, die bei der 
Ausführung mitgewirkt haben, ohne dass ihr Antheil näher bezeichnet 
wird. Besonders ist es aber eine Wendung, die sich an der einzigen 
Stelle der ßeinke-Vos- Glosse, wo der Autor von sich selbst spricht, 
wörtlich wiederfindet, nämlich „in Sassische sprake vorferdygen". Ent- 
weder hat der Verfasser der Vorrede von 1542 diese ungewöhnliche 
Redensart aus dem Schluss des Reinke von 1539 entlehnt, oder es 
ist beidemal derselbe, der den gleichen Ausdruck gebraucht. Das 
Letztere angenommen, wie Wiechmann und Brandes thun — wer ist 
dann aber der Uebersetzer der zuletzt besprochenen Schrift? Ist es 
wirklich so zweifellos Dietz selbst? Zu dieser Frage berechtigt uns 
die erst vor fünf Jahren wieder zum Vorschein gekommene nieder- 
deutsche Uebersetzung des Biblischen Betbüchleins von Otto Brunfels^) 
„in der laveliken stadt Rozstock by Ludowich Dietz gedrücket, ym 
jar 1530, am 10. daghe Januarii," in deren Vorrede der Drucker dem 



1) Ebenda I, 102—104. «) Ebenda I, 187—189. ^) Ebenda I, 144/45. — 
Jahrbb. d. V. f. meklenb. Gesch. LIV, 214. 



120 

christlichen Leser Gottes Gnade durch Christum wünscht und erklärt, 
er habe das vorliegende Gebetbuch für überaus nützlich und heilsam 
befunden und darum dem Christlichen Leser zur Erbauung dargeboten. 
Das spricht genau so klar für Dietz als Urheber der Uebersetzung, 
wie die Worte in Francks Warnung vor der Trunkenheit, aber schlagen 
wir das Ende 1528 bei Hans Schott in Strassburg mit sechsjährigem 
Privileg gegen Nachdruck erschienene Original nach, so werden wir 
durch die Wahrnehmung überrascht, dass daselbst „Hans Schott 
Trucker" Wort für Wort das gleiche sagt, was Dietz durch einfache 
Weglassung des Namens für sich in Anspruch nimmt. Bei solchem 
Verfahren hört jede Möglichkeit einer Sonderung eigenen und fremden 
Antheils auf und Dietz darf sich nicht beklagen, wenn man nach dem 
Sprichwort „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht" noch andere 
Beweise verlangt als seine Worte. Natürlich hören damit auch die 
der Preussischen Landesordnung und Franck voraufgeschickten Verse 
auf als vollgültige Beweise zu dienen für Dietz's von ßollenhagen 
gerühmte Geschicklichkeit im Reimen, die offenbar erst aus der Glosse 
hergeleitet ist. Aber selbst zugestanden, dass Dietz von der ihm 
nicht abzusprechenden Befähigung zu eigener litterarischer Thätigkeit 
auch Gebrauch gemacht hat, so besteht doch zwischen der Thätigkeit 
eines Uebersetzers und der des Verfassers der Glosse, deren plan- 
mässig einheitliche Anlage ihr den vollen Eindruck einer Originalarbeit 
verleiht^), ein himmelweiter Unterschied. Wir müssen also, wollen wir 
uns nicht mit einem Anonymus begnügen, den Verfasser anderswo 
suchen und naturgemäss unter der Zahl der Männer, deren litterarische 
Beziehungen zu Dietz eines weiteren Nachweises nicht erst bedürfen. 
Es sind deren nicht viel, trotz der recht beträchtlichen Zahl von 
Druckwerken, allerdings meist geringeren Umfanges, die von 1520 bis 
1560 aus seinen Pressen hervorgingen; unter den Gliedern der Universität 
und der Rostocker Geistlichkeit befindet sich um 1538/39 keiner, an 
den gedacht werden könnte. Der Lübecker Syndikus Johann Olden- 
dorp, dem die Befähigung dazu allerdings ein jeder zugestehen muss, 
hatte zu jener Zeit schwerlich Lust und Müsse zu einer derartigen 
Arbeit, auch wohl selbst zu viel von Reinkes Natur in sich („ein klen 
Menneken, men grot in der Schalkheit" charakterisiert ihn ein Zeit- 
genosse) und von den übrigen hat keiner grösseren Anspruch auf 
Berücksichtigung als Johannes Freder der Aeltere^). Am 29. August 
1510 in Köslin geboren, bezog er schon 1524 die Universität Witten- 
berg, wo er mehrere Jahre hindurch Luthers Hausgenosse war. Drei- 
zehn Jahre weilte er hier, lernend und lehrend, bis er 1537 als 
Conrector an das Johanneum zu Hamburg berufen wurde. Diese 
Stellung vertauschte er 1540 mit der des zweiten Lectors am Dom, 
die er bis 1547 bekleidete. Zu Anfang des Jahres 1543 steht er 
nachweislich mit Dietz in Verbindung und zwar lässt die Art, wie er 



*) Brandes S. XXI. *) lieber ihn: (Mohnike) Johannes Frederus. I— III. 
Stralsund 1837. 4^. 



121 

sich darüber ausspricht, klar durchblicken, dass er vorher schon 
mit dem Buchdrucker näher bekannt war. Es ist sein Buch „Loflf 
unde Unschuld der Frouwen", was er Dietz übersendet^), welches sich 
besonders gegen Sebastian Franck wendet und eine genaue Bekannt- 
schaft mit den Schriften dieses in der Glosse häufig benutzten Autors 
bekundet. Es liegt daher die Vermuthung nahe, dass Freder auch 
der nicht genannte Uebersetzer von Francks „Laster der Trunkenheit" 
von 1542 ist, für den bisher Dietz galt, und von da zu der Glosse 
von 1539 ist der Uebergang schon vorhin angedeutet. Auch mit den 
Schriften von, Johann Brenz, die gleichfalls in der Glosse verwerthet 
sind, ist Freder sehr vertraut und überträgt mehrfach Abschnitte 
daraus ins Niederdeutsche, die ebenfalls bei Dietz erscheinen^). Ueber- 
haupt stimmt die ganze schriftstellerische Thätigkeit Freders, wie sie 
Mohnike im zweiten Theile seiner Monographie schildert, vollständig 
zu unserer Annahme. Eigene, von ihm selbst verfasste Schriften 
kennen wir sehr wenig, ausser seinen Rechtfertigungsschriften betreffend 
die Ordination und den Streitschriften gegen Knipstro nur drei, eine 
in lateinischer, zwei in niederdeutscher Sprache und von letzteren 
richtet sich die eine^) gegen Seb. Franck, während die andere an ihn 
anknüpft*). Ausserdem rühren noch 16 geistliche Lieder in nieder- 
deutscher Sprache von ihm her ^) ; alle die übrigen ziemlich zahlreichen 
Schriften, die seinen Namen tragen, sind Uebersetzungen aus dem 
Deutschen ins Lateinische oder aus dem Lateinischen und Hochdeutschen 
ins Niederdeutsche und gerade bei den letzten stellt er mit Vorliebe 
die Aussprüche mehrerer Verfasser über ein bestimmtes Thema zu 
einem Büchlein zusammen, so von Hieronymus Weller und Johann 
Brenz über das Abendmahl^) und von Bugenhagen, Luther, Brenz und 
Veit Dietrich über die Sonntagsheiligung'), ganz entsprechend der 
compilatorischen Arbeitsweise des Glossators. Da er in so jugend- 
lichem Alter schon die Heimath verlassen hatte, kann es kaum auf- 
fallen, dass ihm die an sich ja ohnehin nicht reiche niederdeutsche 
Litteratur fremd geworden war; weit auffälliger würde das Fehlen 
aller niederdeutschen Quellen ausser dem Narrenschiff und dem Henselin 
sein, wenn Dietz der Verfasser der Glosse wäre, aus dessen Druckerei 
nicht wenig Schriften hervorgegangen sind, die sich wohl dazu eigneten, 
mit herangezogen zu werden, wie z. B. Aeneas Sylvius, Van Frouwe 
Glück unde van allen Stenden der Werldt von 1520 oder des Stral- 
sunders Johannes Crützeberch Bericht und Unterweisung von 1526^). 
Daher trage ich kein Bedenken, als den Verfasser der Rostocker Glosse 
* aufzustellen Johannes Freder, den ersten evangelischen Superintendenten 
von Stralsund. 

ROSTOCK. Ad. Hofmeister. 



^) Wiechmann I, 200—202. «) Ebenda II, 18. 19. III, 153. ») Ebenda II, 14. 
*) Ebenda I, 200. ^) Mohnike II, 45 zählt deren 13 auf, drei andere bei Wiech- 
mann III, 153. •) Wiechmann II, 19. ') Ebenda III, 159. ») Ebenda I, 59/60. 92, 
95. II, 14. III, 195. 



122 



Niederdeutsehe Hoehzeitsgediehte 

des 17. und 18. Jahrh. aus Pommern. 



Seit etwa 12 Jahren birgt die Universitäts-Bibliothek zu Greifs- 
wald in ihren Räumen die ursprünglich 41 Bände umfassende, neuerdings 
auf 152 Bände erweiterte und 'Vitae Pomeranoruni' genannte Sammlung 
des am 20. Juni 1786 verstorbenen Tribunalpräsidenten zu Wismar 
Augustin von Balthasar (vgl. Pyl, Pomm. Gesch.-Denkm. V. S. 110). 
Hiervon enthalten die Bände 1 bis 108 eine grössere Zahl von nieder- 
deutschen gedruckten Hochzeitsscherzen und zwar nach Ausscheidung 
von etwa 6 holländischen Gedichten gegen 36 plattdeutsche in zumeist 
ortsheimischen Mundarten. Ist auch die Ausbeute an seltenen oder 
unbekannten Wortformen gering, so finden sich doch darin mehrere 
den Sprachforscher wie den sittengeschichtlichen Sammler anregende 
Redensarten. Vor Allem aber legen die lebensfrohen und vielfach 
grobsinnlichen Dichtungen ein beredtes Zeugnis ab für die unversiegbare 
Frische des deutschen Volkshumors, hier besonders in den Kreisen 
altstädtischer Patrizier - Familien, pommerscher Universitätslehrer, 
Studenten und Pastoren. 

Kaum hatte der Rest der kaiserlichen Truppen am 16. Juni 1631 
das Land geräumt, da erwachte wieder die Freude an den schon im 
16. Jahrhunderte üblichen gedruckten Hochzeits - Carminibus, welche 
meist aus Kollektiv-Dichtungen von je 2 bis 10 Verfassern bestanden. 
Man wählte fortan aber nicht mehr ausschliesslich, wie bisher, die 
lateinische Sprache, sondern halb etwa diese, halb die hochdeutsche; 
dann hängte sich hie und da ein plattdeutscher Schwank an die Lieder- 
sammlung an, bis schliesslich das Latein um die Mitte des 17. Jahr- 
hunderts fast ganz verdrängt war. 

Der im 17. Jahrhunderte besonders rege Verkehr mit den freien 
Staaten der Niederlande zeitigte in den Seestädten Stralsund, Greifs- 
wald und Wolgast holländische Glückwünsche in gebundener Rede. 

Um das Jahr 1700 hörten die lustigen Scherze plötzlich ganz 
auf, zweifellos im Zusammenhange mit der in Vorpommern Ausgangs 
des 17. Jahrhunderts herrschenden orthodoxen Theologie, welche 
namentlich in den Jahren 1701 bis 1712 von dem Generalsuperinten- 
denten Joh. Fr. Mayer auf das Rücksichtsloseste behauptet wurde. 
Vollends aber war der von Mayer bekämpfte Pietismus lebensfrohen 
Liedern abhold. So geschah es, dass die hochzeitlichen Glückwünsche 



123 

in der Sammlung der 'Vitae Pomeranorum' bis zum Jahre 1728 ganz 
ruhten und dass der erste und letzte plattdeutsche Scherz seit 1698 
erst im Jahre 1735 gedruckt wurde. 

Nachstehend erfolgt ein Verzeichnis der in oben genannten 
Bänden befindlichen plattdeutschen Scherze derart, dass der Familien- 
name des Bräutigams in alphabetischer Folge als Richtsteig gilt. 
Fehlt irgendwo die Angabe des Formates, so ist Quart -Format zu 
verstehen. 

1) Alvert, Nikol., Pastor zu Ken z bei Barth, Vorpommern; uxor: Barbara Begina 

Merzahn, verw. Krüger, d. 1. XII. 1690. Anonymes plattd. Gedicht von 
7 Strophen in: „Glückwünschender Zuruif ..." beginnt: „Ey it is doch 
liedend wacker / Prester up dem Lande syn." Gedruckt: Greiffswald (1690). 
[Vitae Pom. Vol. 68.] 

2) Bahde, Ernst, Pastor zu Rakow bei Grimmen, Vorpommern; ux. : Kathar. 

Sophia Plötz seit 1691. — Kollektiv-Glückwunsch; am Schluss der Samm- 
lung wird dem „Sindicus to Rakow" ein niederd. Gedicht in den Mund 
gelegt. Greiffswald 1691. [V. P. Vol. 1. (Nr. 25.)] 

3) Boemer, Job. Christoph, Apotheker zu Greifswald; ux. : Benigna Manss, 

Wittwe d. Apoth. Gadebusch ebend., am 6. V. 1663. — Enthält- im 
Anschluss an latein. Gedichte plattdeutsch: a) ein Zwiegespräch zwischen 
zwei Rüpeln : dem Pracher-Vogt Herrn Hans Klien und Klags Hagel- 
bargen, Sänger in der langen Rege (Lange Reihe eine Vorstadtstrasse), 
b) einen Freudengesang in schwungvollen daktylischen Reimen, c) eine 
Zugabe des Kloster-Vaders, besteh, aus einem überaus derben, aber schönen 
Gedichte. Gryphiswaldiae (1663). — [V. P. Vol. 4. (Nr. 33.)] 

4) Boettieher, Job., Past. zu Voelschow bei Jarraen, Vorpommern; ux. : Christina 

Olant 27. VII. 1685. — Titel: „Schart- Gedicht up den Ehren-Dag . . . 
Johannis Böttchers .... Upgesett van enen stern goden Fründe. Gedrückt 
in dissera Jahr." (s. l. 1685.) 

Dies Gedicht hat ein Vorbild gehabt in dem von K. E. H. Krause 
veröffentlichten Rostocker Sclierzgedicht von 1650 auf einen Namenstag 
(Korresp.-BI. d. Vereins Jahrg. 1886 S. 49 — 51); es ahmt die erste» lat- 
plattd. Doppelzeilen dieses Vorbildes fast wörtlich nach, geht dann aber 
sehr glücklich seine eigenen Wege, sodass der Inhalt keine Nachahmung 
bildet. [V. P. Vol. 71.] 

5) Brunst, Job., Praepositus u. Past. zu Poseritz a. Rügen; ux. : Margar. Bolten 

11. X. 1687. — Innerhalb des Kollektiv-Titels „Taedae ardentes in Nuptiis 
.... Brunsti . . . Gryphiswaldiae" s. a. wird scherzhaft dem „Cantor 
tho Poseritz " zugeschrieben ein „Hochtydlick Radel-Leed im Thon: Hans 
de fieng an to grienen, als he syn Greite sach". Das Lied enthält ein 
Rätsel, dessen Lösung: Brunst und Bolzen, später vereint im Plätteisen 
als Brautbett. [V. P. Vol. 4» u. Vol. 72] 
6a) Bttnsow, Christoph, Patrizier zu Greifswald; ux. : Regina Engelbrecht den 
19. II. 1656. „Hertzliche Glückwünschungen" (3 Bogen in 4°) worunter 
2 plattd. Gedichte: a) 12 Strophen in ostpreuss. Mundart, „Geschreven 
van Haselio Windsprung ut Thoren." — b) Titel: Een eentfoldiget . . . 
Recept dem Hart - Allerlevesten Jungfern - Timmer tho nütte in disse nye 
Forme gegaten." Greiffswald (1656). [V. P. Vol. 73.] 



124 

6b) Dieselben Brautleute: Ein Bogen in 4°. Titelbl: „Fruwen-Koltz. Erste Deel, 
Tom ersten mal uppelegt un övergeven bi der Koste der dögentsahmen 
Brut -Lüde Hern Stoffer Bünsowen vn J. Reginke Engelbrechts im Jahr 
1656. Recht im hilgen Fastelafeu van enem goden Fründe apenbahret 
unne thom Drück befördert." Dialog zw. „Geske* und „Talke", (s. 1.) 
[V. P. Vol. 73.] 

7) Bünsow (Kaspar), Patrizier zu Greifswald; ux. : Anna Schwartz den 14. X. 

1662. In „Hochzeitlicher Ehren -Dienst" enthalten die Abstattung e. 
Ehren-Trunkes in vorpomm. Plattd. Greiffswald (1662). [V. P. Vol. 73.] 

8) Bünsow (Samuel), Past. Neuenkirchen bei Greifsw. ; ux. : Katharina Wendt 

d. 11. IV. 1665. U. a. zwei plattd. Gedichte. Greiffswald (1665). [V. P. 
Vol. 5 Nr. 10] 

Für die Zeit charakteristisch: Sam. B., der Spross einer der ältesten 
und vornehmsten städtischen Familien endigte bereits nach drei Jahren 
(1668) in bitterster Armuth (Biederstedt's Beyträge z. Gesch. d. Kirchen, 
1818, Th. IL S. 90). 

9) Eppen (Melchior), Past. zu Gross Luckow, Kreis Prenzlau ; ux. : Doroth. 

Sternhagen i. J. 1689. — An der Glückwunsch-Sammlung betheiligen sich 
fünf hervorragende Universitätslehrer; zum Schluss steht ein anonym, 
plattd. Gedicht von vierzehn Strophen mit dem Kehr-Reim : „Denn Kösten- 
un Gillen- un Gastgebahds-Dag Ick alle mien Levdag versühmen nich 
• mag." Greiffswald (1689). [V. P. Vol. 77.] 

10) Flesch (Otto Ernst), Laken-Händler zu Greifsw.; ux. : Anna Usabe VölscAoir 

den 18. IX. 1695. U. a. ein plattd. Doppel-Gedicht. Greiffswald (1695). 
[V. P. Vol. 79.] 

11) Gerdes (Georg), Pastor zu Wusterhusen bei Wolgast; ux. : Margar. Caden 

den 4. V. 1664. Inhalt u. a. ein langes plattd. Gedicht üb. den Floh: 
„Bn Radeis vp den Brudt-Disch by der Braden tor Stippe vörtosetten.' 
Gryphiswaldiae (1664). [V. P. Vol. 13.] 

12) Hartwig (Friedr.); ux.: Anna Pöppelow 1656. Titel: „Ein eintfoldich Platt 

Pamersch Gedicht vp den Hochtydtliken Ehren-Dach Hern Fredrick Hart- 
wigen vnde dessen Hartallerleevesten Jumffer Annen Pöppelowen wol- 
menende van enem goden Fründe upgerichtet unde thom Druck beföddert 
, im Jahr 1656 des 2. Harfstmahnds. — Vnde up de Hochtydt in Anklam 
översandt." Inhalt massig. Zwei Blätter in 4^ s.- 1. und a. [V. P. 
Vol. 15 Nr. 22.] 

13) Helwig !• (Christoph), seit 1667 Prof. med. und Stadtarzt zu Greifswald; 

ux. : Anna Regina Ueune, Tochter d. Prof. med. Joh. Heune, den 15. X. 
1667. Titel: „Stippelisse bye de Brade üb Hern Doct. Christoff Helwigs 
unne Junfer Anna Regina Huninn Hochtieddach. Gedruckt tho NuUibi 
dorch Niemand im Jahr un am Dage as idt was." Zwei Blätter 4^ 
[V. P. Vol. 17.] 

14) Hoppe (Mich.), Kaufm. zu Wolgast; ux. : Anna Schnitze aus Wismar den 

4. in. 1644. — Die Sammlung „Epithalamia in Festivitatem Nuptiarum. .." 
enthält zwei plattd. Scherze: a) „ Sonnet ''j beginnend: „Nu Junfer Anne, 
nu! gy möten man toflyen; b) titellos. Scherz, beginnend: „Idt iss in der 
Fastlavend Weken, Dar sick de Lüde plegn affsteken." Gryphiswaldiae 
1644. [V. P. Vol. 84.] 

15) Jo61 V. Örnstedt (Phil. Joach.), Kgl. Schwed. Regier.-Rath ; ux. U. : Brigitte 

V. Sparfeldt i. J. 1664. — Tttel: „Övergeblevene Nege up de Biecke 



125 

Koste Bn. Philip Jochim Joel van Öhrnstedt unde Jungf. Brigitten 
y. Sparrfeld van ntten npgegahten dorch Peter Harm, hochbetrngten Gläser- 
wachter hy disser Kost, süst wolbestelten Holm -Schipper." Ein Blatt 
schmal Fol. s. 1. und a. [V. P. Vol. 27.] 

16) Krockisius (Balthas.), Past. z. H. Geist, seit 7. IL 1670 Pastor bei St. Marien 

zu Stralsund; ux. : Christine Maria Schoner 12. XI. 1660. — In der Samm- 
lung „Bona Verba Taedis . . . Dni B. Krockisii ..." Ein plattd. Gedicht 
von „C. H. H. S. P." Stralsundi den 12. Nov. 1660. [V. P. Vol. 22.] 

17) Kühtz (Daniel), Pastor; ux.: Anna Schaar den 3. VII. 1693 zu Wrietzen 

an der Alten Oder. Titel: „Dat leve Leves - Schaarwarck der Bahren un 
aller Lüde up der fröliken Prester-Köste (Tit.) Herrn Daniel Kühtzen un 
(Tit.) Ihr. Anneke Schaaren, de den 3. Julii des 1693. Jahrs tho Wrezen 
an der Ajer geholden word, mit eenfoldiger Pahmerischer Buhr-Sprake 
vörgedragen van Zippel-Tewes Naber, de wol wet wo he sit." (Oder- 
ländisches Plattd.) Zwei Blätter in 4^ s. 1. (1693). [V. P. Vol. 86.] 

18) Lange (Nikol.), Pastor zu Bauer bei Lassahn; ux. : Anna Sophie Blanck den 

26. IL 1691. — In dem Sammelhefte (ein Bogen 4^), betitelt: „Glück- 
wünschender Zuruff" findet sich ein längerer plattdeutscher Schwank, worin 
einige sprachlich merkwürdige Ausdrücke, z. B. : „Man sümmer allgn kranckt: 
ick bün wol gantz verdwalet" u. a. Greiffswald (1691). [V. P. Vol. 87.] 

19) Xeveling (Martin), „Herr"; ux.: Regina Sehwellengrabel i. J. 1661. — 
Titel: „Der Stattinschken Jungferkens Köste-Schincke, gespicket mit ullen 
terretenen Liefländischen Scholappen; Süst nt Nergend-Laud den tween 
lewen Brut-Lüden Herrn Martin Newveling un Jungfer Regina Schwellen- 
gräbels tho sonderlicken Ehren van eren kenmahls gewesenen Eeller-Kock 
upgesadent ewergeschicket . . . van enen ullen Cordewanischen Flöhen- 
Griper." Zwei Blätter 4^ s. L 1661. [V. P. Vol. 27.] . 

Beide Brautleute entstammten altangesehenen stettin'schen Familien 
(15. Jhdt. f.). Den Schluss des derben Scherzes bildet das Wiegenlied: 
„Jussle Pussle, schlap myn Einken, Vnsre Magd gaf hüt' er Münken 
In en Winckel unsren Knecht: Jussle Pussle dat iss recht." 

20) T. Smstedt s. Nr. 15: Joel v. Örnstedt, den Urenkel des Prof. med. Franz 

Joöl L, eines Hauptgegners des Paracelsisten Thurneysser. 

21) Plaster (Samuel), Past. z. Wartenberg u. Belitz, Kreis Pyritz ; ux. : Dorothea 

verw. Stareke, geb. Böhm, Wittwe des Amtsvorgängers. In dem Sammel- 
hefte u. A. ein unbetiteltes plattdeutsches Gedicht, unterschrieben: „So 
schref mit dem dreytünnigen Knefelstaken Schulten Bisitter vam negsten 
Dörp." Stetini s. a. (2. Hälfte 17. Jhdts.). [V. P. Vol. 95.] 

22) 8aalbaeh (Chrn.). — In „Ehren -Bezeigung Herrn M. Christiano Saalbach, 

P. P. der löbl. Philosophischen Facultät Decano, und der Königl. Universität 
Greiffswald jetzigem Rectori Magnifico, und der . . Jungf. EvaeLucretiae 
Greiggin, als dieselbe den 4. Decembr. 1683 ehelich verknüpffet wurden. 
Abgestattet von Nachgesetzten" (seil. J. H. von Greiggenschield, C. Eich- 
mann und Pseudonym (plattd.) „Spinäus Raderus") ist enthalte „Een kort 
Rätzel an dat söte Junffer-Volck" (Auflösung?), s. 1. s. a. [V. P. Vol. 13 
Nr. 33 (s. V.: Greigg).] 
23a) Seherenberg (Peter), Kaufm. zu Alt Stettin; ux. : Doroth. Held am 13. IL 
1665. — In „Hochzeitliche Ehrengedichte auf" pp. Unter vier Scherzen 
zwei niederdeutsche verschiedener Mundart. Alten Stettin (1665). 
[V. P. Vol. 100.] 



126 

23b) Dieselben Brautleute, besondere Druckschrift, zwei Bl. in 4*^: „Kösten- 
Infälle, welcke ick all vär dre Wäken, as ick met de Bollinsche Post ver- 
reiset was, nn met den Tehlen Schledden wedder qTain, gekregeu, un dat 
di de Doht hall, ball vergeten had', wau ick sülkes an enen goden Ohrt 
nich had verteilen hört, Nu öferst sind se den leven . . . Hochtied-Lüden 
tho goder Starckung upgesettet. Yn dat gibt glickwol waten mägeu, van 
wehm dit iss gekahmen, wull ickt ju woll seggen, want nich söhn umpünt 
Wedder wer; doch wat frag ich darna, ick bin nich uth dem uhrollen 
Jagdüfelschen Geschlecht." Auf drei Seiten wird nun die Brautnacht mit 
einem lustigen Kriege oder Duell verglichen, s. l. s. a. [V. P. Vol. 100.] 

24) Stegemann, ux. : Willich den 20. X. 1735. — Titel: „Ass Herrn Steegmann 

siene Brut / wurd vam Prester angetrut, / wünschde Glück to diessem 
Fest / Euer van de Hochtieds-Gäst. Hier tom Sund wurd dit geschickt, 
ün da is et ook gedrückt. / Den 20sten in Wien-Mand 1735." („tom 
Sund" 1735.) Zwei Bl. fol. [V. P. Vol. 37 Nr. 30.] 

25) üecker, Johann, Bürgermeister v. Stettin, * 2. IL 1634, f 21. I. 1703, 

erzogen im Collegium Jagteuffelianum, einer Stiftung des i. J. 1412 gest. 
Bürgerm. Otto Jageteuffel. Auf Letzteren spielt zweifellos der Anonymus 
in dem unter Nr. 23b wiedergegebeneu Titel an! — Scherz - Eätsel auf 
Uedker's Verlobung im J. 1665, zwei Bl. in 4*^: „Kasten Suerbroks Blinue- 
Koh: dat iss vp Dütsch en kleen lustig Tietverdrieff vär datt sävenkloke, 
Hemmelhoch wiessnäsige un schnippisch-püntlicke Jumifern-Tüch, so sick 
up Hn. Johann Vkers un Fr. Margareta Stubben, Seel. David Schönings 
nagelatene Widwe hochtiedtlichen Bradendach herruth breiden warn, ä ver- 
schickt vam Baven gedachten." Lösung des Rätsels: der Flachs, s. 1. 
s. a. [V. P. Vol. 39.] 

26) Völschow, Moritz, Patrizier zu Greifsw. ; ux. : Elisab. Mecliow 5. VIL 1647. 

— Kollektiv - Gedichte, darunter zum Schluss ein sangbares holländisches 
„Bruylofs Liedt op syn eegen Wise" und ein Scherz in vorpommerscher 
Mundart mit dem Nachsatz: „Vp der Galleyen gemaket van Tyeschen, der 
Schipperschen vam Stralsuun." Greyffswald 1647. [V. P. Vol. 107.] 

27) Volz, Friedr., Hofgerichts - Advokat zu Stargard; ux. : Anna Marie Moller, 

Tochter des Bürgermeisters M. zu Greifenberg, den 13. X. 1673. — In 
„Thalassus hymeneus Festivitati Nuptiarum ..." pseudonym unter „Görries 
van Tunnenbuhr" ein plattd. Rätsel (Lösung: Mörser des Stadt- Apothekers 
zu G.), scheinbar im Dialekt von Greifenberg. Stargardiae (1673). [V. P.Vol. 39.] 

28) Wagner, Job. Chph., Magist. Philos. ; ux. : Anua Gabriel, Witwe des Hofger.- 

Adv. Johann Fabricios, den 21. IV. 1662. — Li „Hochzeitl. Glückwünsche" 
enthalten: „Jädens Fiendes Radeis Schrifftken thor Braden - Stippe den 
Jungferkens by dijer Brut-lach upgegaten un ingedahn van Hansen des 
Radelstückgens Halfbroder" (Rätsel in gebundener Rede). Alten Stettin 
(1662). [V. P. Vol. 108.] 

29) Wendt, Matthäus, J. U. D. ; ux. : Soph. Kathar. Meyer. Vermählt zu Stargard 

15. XL 1670. — In „Hochzeitl. Glückwünschungen" ein plattd. Rätsel 
(über den Krebs) u. d. T. : „Ehn verdecket Etend vor dat leefleke Fruwen- 
Timmer", Am Schluss: „Thogericht van Jim Kaker". Alten Stettin (1670). 
[V. P. Vol. 108.] 

30) Westphal, Peter, Magister und Rektor der Greifswalder Stadtschule; ux. : 

Anna Margar. Brunst den 12. VII. 1698. — „Lust- unn Schertz-Ode vau 
dei verdreitlike Schaul - Arbeit. Sülkes hefft in Bronsewieker Sprake ut 



127 



recht oprichtigen dütsken Harten upsetten wollen dei da hett: Ick lefde 
leiTer im Bronsewieksken Holte.'' - Eine lange und gute Ode in Braun- 
schweig'scher Mundart. — Vgl. Lehmann, Gesch. d. Gymnas. zu Gr. 82 — 86. 
Ein Blatt gross 2^ Greiffswald (1698). [V. P. Vol. 40.] 
31) Witton (Joh.), Fast, zu Crummin auf Usedom; ux. : Barhara Ciese den I. IX. 
1696, Tochter des (1680 f) Stadtrichters Pet. Ciese zu Anklam. In „wol- 
gemeinteJÖedancken pp." ein sehr gewandtes, sprachlich ziemlich modernes 
plattd. Poem aus der Feder des Bruders der Braut: P(aul) C(iese), L. L. 
Stud. — Der Dichter, geh. 26. März 1670, starh als Advokat zu Rostock 
d. 3. Dez. 1746; er schrieb namentlich das Manuale exceptionum foreusium 
(zwei Auflagen) und (1699) eine summarische Relation, was in Pommern 
sich Ton 1024 bis 1637 jährlich zugetragen hat. Zwei Blätter in Folio. 
Alten Stettin (1696). [V. P. Vol. 40.] 



Aus Nr. 6. 

Glückwunsch an Herrn Christoflfer Bünsow und Jungfer 
Regina Engelbrecht zu Greifswald auf „dero hochzeitlichen Ehren-Tag 

den 19. Febr. 1656": 

Stulto quoties delectari volo, me video. Seneca. 

2. Kum alss he mi dat vörsede. 
Eck de Nestlen-Brock anlede. 
Dacht: du schalt wat mehrers syn, 
Gähnen nich wie andre Schwiu. 



1. Alss eck op dem Bedd' noch schlepe, 
Mi en goder Fründ tho repe: 
Broder, ey du most opstahn 
On met mi thor Kesting gähn! 

3. Solcke Lüde möten stutzen, 
Tho gefallen seck utputzen: 
Opgesettet Haar on Bart 
Mot syn na Frantzöscher Art. 

5. Schall eck mi nich Ansehn maken ? 
Stahnen mi doch wol de Saken: 
Min Hemhd wi en Wagen-Rad 
Hängt vor ut het en dat Fat. 

7. Wat schall minen Schoen schaden? 
Voren syn se wie en Spaden 
On et mangelt nich gar vehl, 
Dat se syn dreverdel Ehll. 

9. Wat schall eck mi nu bedreven ? 
Manchet. Macken werd mi leven; 
• Doch de nich es rick on fyn. 
Schall my nich gewassen syn. 

11. Jungfern syn bahld tho vexeren, 
Laten lichtlich seck verf Öhren, 
Dencken : wie dat Haar en Perdt, 
Dat dat Kled den Mann magkt werth. 

In £yl in den kalten Hunds -Tagen geschreven van Haselio Windsprung 
ut Thoren." 



4. De Geroch ock mi erfrewet, 
Wenn met Polver wit bestrewet 
Es dat ange] echte Haar, 
Dat erst enes Dewes war. 

6. Wenn eck man gah op der Straten, 
Hör eck, dat de Lüde prateu: 
Op dem Fod de Kappen stahn 
Runder alss de Hoff vam Mahn. 

8. Darmet kan eck mi wol hecken 
On thom Revereutzen Schecken; 
Jeder secht: eck dantz so wyss 
Wie de Krehg op blanckem Yss. 

10. Wer met Saromet kommt opstiegen, 
Kau en ricket Macken kriegen: 
Denn de schöne Ogen-Weyd 
Mackt den Mädkens Lost on Freyd. 

12. Ey so well eck nich verzagen. 
Well drob fresch benennen wagen: 
Eck wet dat gewiss, en Brut 
Werd mi dardorch noch vertrat. 



128 

Aus Nr. 17. 

„Dat leve Leves-Schaarwarck der Buhren un aller Lüde up der fröliken 
Prester-Köste (Tit.) Herrn Daniel Kühtzen un (Tit.) Jfr. Anneke 
Schaaren, den 3. Julii des 1693. Jahrs tho Wrezen an der Ajer (!) 
geholden- word, mit eenfoldiger Pahmerischer Buhr-Sprake vörgedragen 
van Zippel-Tewes Naber, de wol wet wo he^hit: 

Et schaarwarckt sick jo so tho dissen unsen Tyden; 
Men will nun ock darmit uns arme Buhren brüden: 

Wann wi den gantzen Dag tho Hafe-Deenst gegahn, 

So will de Scharwarcks-Deenst doch ock noch syn gedahn. 
De Juncker schenckt uns nist by levendigem Lyve: 
Un schaarwarckt dan de Buhr by sinem eegnen Wyve, 

So nimmt de Juncker flucks dat Balg thom Underdahn, 

Dat enem up de Wyss dat Schaarwarck mücht vergahn. 
Mien Naber Zippel-Tews hefft Föffthein leve Bälge 
In sinem Kaken gähn: De Juncker (den Gott delge) 

Kam eens van achter tho un wuU' de Bälge sehn : 

Dar beefde minem Tews de Kop un Hand un Been; 
He wüst' nich, wat he schuU in sülker Hast bedriwen: 
He nam der Bälge Fyif un stülpt se unnert Kufen; 

Fyff andre kröpen all in dat Back-Afen-Loch « 

Un Fyfe stünnen dar för unsem Juncker noch. , 
De sede: „Tewes, sind dat alle dine Kinner? 
Bekenne mi man recht: heffstu nich mehr noch nimmer 

As disse Fyff alleen?" He krabbd' sick in den Kop 

Un dacht' : wat schaltu dohn, du arme Dudendop ? 
„Ja, Juncker," (sede he,) „ick kan se so nich räken, 
Der mägen hier un dar noch wol so welke steken:" 
.He. seed', de Juncker schull in den Back-Afen sehn; 

Dar burrden Fyff heruth recht ass de jungen Spreen. 
Dun bährd' he 't Kufen up; dar schurrden ock de Fyfve 
Ass een Raphöner-Volck dicht weg by sinem Lyve. 

„Nu," (seed' de Juncker,) „nu: wer sone Mandel het, 

De heffst mi doch (Gott loff) mien Dörp noch wol besett!" 
„Ja, Juncker," (sede Tews,) „ick mut juw liker seggen: 
Gi möten mi jo nich thom quaden dat uthleggen, 

Dat ick veel Kinner hebb'; se sind so uth gestaakt 

Un allthomietzsche mahl by Schaarwarcks-Tydt gemaakt. 
An Juwem Hafe-Deenst iss nist darby versümet: 
Et hefft sick jümmer so geflaschet un gerimet, 

Dat, wan ick kam tho Huuss un et Fier-Avend wass. 

Ick dan un wan noch steeg mit Modern up den Tass. 
Wo darvan jümmer nu de Gören sin gekamen, * 

So kan ick nich darför; Juw hebb' ick nist genamen 

Tho miner I^enden-Sterck ; by mi iss alles goot, 

Wan ick man hebben kan dat leve Keess un Brodt." 
„Ne" (seed' de Juncker,) „ne, so böss ist nich gemenet; 
Dat du veel Kinner heffst, dar is mi mit gedenet: 

So mannig Dochter, Söhn, so mannig Underdahn; 

Ick wull, se hedden all' so veel ass du Cumpahn." 
Dun dacht ick: groote SüückI Schall men de Kinner maken 
Tho unsgs Junckers Deenst, un doch ook plögen, haken, 

Un bringen' t Schaarwarck ook un Scheerwerck int geschick: 

So huir dat mit der Tydt en ander uth; nich ick. 
De Lüde in der Stadt de hebben bet're Dage, 
De weten jo wol nich van unser Buhren-Plage : 



129 

De könen Koste dobn, scharrwarcken jümmör hen, 
Wol iss de Se ün de ook ere Kinner kenn ? 

De Presters allerdegs de känent ook nich laten, 

Un wan men en ock schüll' dat Huuss för enen Katen: 
Dat Schaarwerck steckt en doch ock jümmer in dem Kop 
Wann reets de Kop studeert doch prekelt Leev im Krop. 

Ick was nu in Berlin tho Marckt mit unsem Vajer, 

Dar seden mi de Lud': tho Wrezen an der Ajer 
Dar war en Prester-Mann, de heet Herr Daniel, 
De hedde hier gekofft en schmuck Jung Jumfem-Fell. 

Ick froog: „Wo hith de BruthV" Se seden: „Anna Scharen"; 

Ja, ja, (dacht ick,) mien Kind, gi warrent wol erfahren, 
Wat dat för Schaarwarck geeff; men kant tho Wrezen oock, 
De Presters weten dar oock Raht för Rock un Brook. 

Hört, Jumfer Anneke, juw Nähme wart gelesen 

Van hinnen ass van förn; lath Juw nich bange wesen: 
Dat Scharwarck gifft sick wol; want hefft juw Mann studeert 
So deit he wol so veel, dat he de Kunst Juw lehrt. 

Un gi, Herr Daniel, denckt, dat dit leve Kindken 

Veel Zucker hefft geschmeckt mit sinem Zucker-Mündken 
Fort van der Kindheit an; un so denckt ook darby, 
Wo zucker-söth dat Hart in erem Lyve sy. 

Schaarwarcket wol, Herr Kühtz, mit Jumfer Annke Scharen, 

De Leve trute Gott de wulle Juw bewahren 

För't Buhren- Scharen -Warck; He geve Juw en Schaar 
Mit Lyff un oock mit Seel na een Dre Vardel Jahr I 

Aus Nr. 22. 

Aus : „Ehren-Bezeigung Herrn M. Christiano Saalbach, P. P. der Löbl. 
Philosophischen Facultät Decano, und der Königl. Universität Greiflfs- 
wald jetzigem Rectori Magnifico, und der Wohl-Edlen Jungfer Jungf. 
Evae Greiggin, als dieselbe den 4. Decembr. 1683 ehelich verknüpffet 

wurden" : 

„Een kort Rätzel an dat söte Junffer-Volck." 

Kuhm was ick hüden frü uth minen Posen krapen, 

Da quam für mick een Ding sehr kruhs und bund gesckapen, 

Dat hadd nich Kopp nich Hand, dat was nich Mann nich Wieff, 

Doch lyckvol düchte my, et hädde recht een Lieif. 

Mick ahnd', et sehd to my: Ick schuU by dieser Küste 

Mick siner nemen an und spreken doch dat beste 

By disser Brüht, wiel Se Em vertyds leef gehat, 

Dat Se Em künfftig ock mitdeelde eene Gnad. 

Se möcht de olle Leef by Ehr nich rustern laten 

Un nemen em ock mit in Eeren nyen Katen, 

He wuU van Harten gern alltyd na Eerem Sinn 

Bedriven dat alleen, wat Eer kehm to Gewinn. 

Darto wull he ock gehrn vergeten und vergewen, 

Wat Se für Harteleed Em hedde togedrewen 

Wo Se Em'angespygt, byr Nase ümgekeert, 

De Haare uthgeröpt un treiüick sehr vexeert. 

Se schuU man für de Küll Em eene Mütze gefen, 

Wat süss sien Lieff bedürffd' an Uunerhold to lefen, 

Dat wehr een schlichter Drunck, darto een dünne Reep, 

Dat spand' he ümhet Lieff un so tor Arbeet greep. 

Drüm, Junffer Brut, wyl gy juw immer üffer Armen 

Niederdeutsches Jahrbuch. XIX. Q 



ISO 

Un de Nobtliedende noch pleget to verbarmen, 
So stell't ja nu ock so by mynem Bidden an, 
Dat man ju nah als für noch beeter lawen kan. 
Laht 't dissen ollen Knecht noch länger by ju lewen, 
6y därffen Em jo nich veel Lohn noch Freeten gewen ! 
Ick hape wo he ju man wedder ward bekand, 
So gryp gy recht nach Em mit söt un lefer Hand. — 
Ju andern Junffern - Volck bidd ick uht Harten-Grundc, 
Dat Gy dit raden wuirt un denn mit söten Munde 
Myn Bidden drifet fort, wyl gy recht hebbt gelehrt, 
Wo eener bidden skall, süst ward ick ganz verstört. 

Den beeden Bruth-Lüdden to Eren lebt dit uhtlopen 

. Spinäus Raderus." 

GREIFSWALD. Karl Adam. 



1^1 



Mittelniederdeutsche Margareten- 
Passion. 



In der Bibliothek des Domes zu Fürstenwalde, wo von 1385 
an der Sitz eines Erzbischofs war, fanden sich in dem Umschlag eines 
Buches zu Deckelpappe zusammengeklebt achtzehn Blätter in Oktav, 
deren Inhalt mittelniederdeutsche Bruchstücke teils in Versen, teils 
in Prosa sind. Derselbe Einband umfasst y.wei Werke: 

1) Der Ordinanden Examen wie es zu Wittenberg gehalten wird u. s. w. 
Geschrieben durch Herrn Philipp. Melan. — Gedruckt zu Leipzig durch Jacobum 
Berwaldt. 

2) Die Heupt- Artikel Christlicher Lere Frageweise gestellet durch Job an. 
Spangenberg u. s. w. Wittenberg 1561. — Gedruckt zu Wittemberg durch Veit 
Creutzer. 

Die erste handschriftliche Einzeichnung ist datiert vom 24. De- 
cember 1573; leider ist aber die Namensunterschrift nicht mehr zu 
entziffern. Das Wasserzeichen, das den Blättern der Handschrift ein- 
geprägt ist, stellt einen gotischen Bogen dar, der ein Kreuz umschliesst 
und oben in eine Kreuzblume ausläuft. Einige andere Papierblätter, 
welche ausserdem noch zum Bekleben der Deckel verwendet wurden, 
haben als Wasserzeichen das kursächsische Wappen. Die in der 
Handschrift enthaltenen Bruchstücke sind: 

1) 335 Verse einer Margareten-Passion; 

2) 378 Verse eines Anseimus, entsprechend dem V. 45 bis 424 
des von Lübben herausgegebenen Anseimus (Zeno etc. Ancelmus, vom 
Leiden Christi. 3. Aufl. Norden 1885); 

3) der Anfang von „Buschmans Mirakel" Cp. 1 — 3 bis zu 
den Worten: „vnde wolde em mer vraghen^^ vgl. W. Seelmann Ndd. 
Jahrb. 6, 32 ff. 

Da der Dialekt des Prosastückes mit den Versen genau überein- 
stimmt, so muss man annehmen, dass dies der Dialekt des Schreibers 
oder dessen war, der die Sammlung veranstaltete. Seine Sprache ist 
im wesentlichen frei von Umlaut und steht in dieser Hinsicht etwa 
auf derselben Stufe wie der Reineke Vos. Allerdings stehen über dem 
u oft die Striche, welche bei uns jetzt das ü bezeichnen; aber diese 
Striche sind in damaliger Zeit, wie Lübben nachgewiesen hat (Zeno 
S. XVII und Ndd. Jahrb. 4, 41 ff.), nur diakritische Zeichen, welche 
n und u scheiden sollen, und finden sich auch in lateinischen Hand- 
schriften. Dazu stimmt, dass in unserer Handschrift auch düüe und 
mdüe geschrieben wird, wo ü für ein v steht. Auch der Umlaut von 

9* 



132 

erscheint garnicht. Einmal freilich liest man äuer Marg. 477, wo 
aber die Striche von zweiter Hand hinzugesetzt sind; ursprünglich 
stand auer da, was noch sehr oft vorkommt. Sicherlich wird der 
Umlaut nicht bezeichnet durch ein dem o nachgesetztes e. Aber auch 
Schröders Ansicht (Reineke Vos S. XVII), dass dieses e die Vokallänge 
bezeichne, kann nicht als allgemeines Gesetz hingestellt werden. Für 
westdeutsche Handschriften mag die Regel gelten, da dort niedei-- 
ländische Schreibung angenommen wurde. Aber in ostdeutschen Hand- 
schriften bezeichnet dieses e sicher einen gesproc^henen Laut. Neben 
Icryech findet sich „tyit Zeit^ (Frankfurt. Cod. dip. Hrand. XX, S. 208), 
neben tuet auch rait (Hamburg. Cod. dip. Lubec. V Nr. 202). Diese 
Form entspricht genau dem niederrheinischen Dialekte, in dem doch 
auch die Diphthongierung ursprünglich durch Nachschlag eines Vokals 
entstanden ist. Zur Gewißheit aber wird diese Ansicht, dass jenes 
e wirklich gesprochen wurde, durch einige Beis])iele erhoben, in denen 
zwischen das nachgeschlagene e und den vorhergehenden Vokal ein h 
gesetzt ist: ohen = ocn eis (Salzwedel C. D. B. XIV, G86), oheften 
(ebenda Nr. 042), oheme (Nr. 660), dohem 'Dom' (Nr. 685). In der 
Mark also war sicherlich dieses e nicht ein orthographisches Zeichen, 
sondern ein gesprochener Laut, den man noch jetzt in der Sprache 
hören kann. 

Wichtig für die Bestimmung der Zeit, in der die FürstenwaWer 
Handschrift entstand, ist ferner der Umstand, dass hier schon durchwe»; 
ein betontes, in offener Silbe stehendes kurzes ö zu a geworden ist: 
vorlaren (Marg. 80) und alle ähnlichen Participia, lauede lobte (M. 
253), dagegen löuen glauben (Ans. 20), gesaleth (Busman), gades (M. 
249), gade (M. 97), gaden (M. 105) u. s. w., nur goden (M. 64) und 
affgoede (M. 27 u. 87); bade (Gebote (M. 297), baden 'Butte' (M. 359), 
vagel (M. 55), vrame (M. 272), graue 'grobe' (Ans. 155), apen (M. 
252) u. s. w., dauendich (M. 350), auer (M. 269) u. s. w. In diesen 
Worten ist eine Lautwandlung wirksam, welche sich bekanntlich im 
Laufe des 15. Jhdts. über das ganze Gebiet des Niederdeutschen ver- 
breitet hat mit Ausschluss des Südens. Natürlich konnte dieses a 
auch innerhalb des Gebietes, in dem es herrscht, nur so weit das 
ursprüngliche o verdrängen, als dieses nicht schon zu ö* geworden war. 
Die Ausbreitung des a zeigen sehr übersichtlich schon die hierher- 
gehörigen Ortsnamen: Wigersrade in Holstein: Wigersrode (Cod. dip. 
Lubec. V, 524. 1415), Steinrade bei Lübeck: Stenrode (ebd. V, 277. 
1409), Dakendorf bei Lübeck: Dokenndorpe (ebd. VI, 801. 1418) u., 
Dakendorppe (VIII, 399. 1447), Gadebusch in Mecklenburg: Godebus 
(ebd. V, 653. 1408), Bergrade bei Lauenburg: Berkrode (ebd. VI, 67. 
1418), Radt in Westfalen: Rode vor dem wolde (ebd. VI, 534) und 
Royde vur dem ivalde (Lacomblet Urkundenbuch IV, 127. 1423), Gräf- 
rath bei Elberfeld: Greucroide (ebd. IV, 40. 1403), Wickrath bei 
Rheydt: Wyckerode (ebd. III, 95. 1310), Anrath bei M.-Gladbach: 
Anrode (ohd. IV, 628. 11()1), Herzogenrath bei Aachen: Hertogenrode 
(ebd. IV, 548. 1544). Gerade diese Namen auf rade sind in dieser 



133 

Frage sehr lehrreich, wenn man sie mit dänischem Hilleröd^ mit 
schwedischem Mellerud und mit den Harzischen Orten auf rode ver- 
gleicht. An den äussersten Vorbergen des Harzes also und an den 
Wesergebirgen ist die Bewegung zum Stillstand gekommen; sie er- 
scheint auch in dem nördlichen Teil der Rheinprovinz, während das 
eigentliche Westfalen davon frei blieb. Damit stimmen die Urkunden 
vollkommen überein; Braunschweig (ÜB her. von Hänselmann 1872), 
Wernigerode (ÜB her. von E. Jacobs 1891), Göttingen (ÜB her. von 
G. Schmidt 1863 u. 68) kennen das a an Stelle des o nicht; einige 
Beispiele bleiben so vereinzelt, dass sie die Regel nicht umstossen. 
Ursprünglich betraf diese Assimilation aber nur diejenigen o, welche 
aus kurzem u durch folgendes a oder 6 umgelautet waren. Ob bislatenun 
der Merseburger Glossen hierherzuziehen ist, muss bezweifelt werden, 
da es von der hier besprochenen Lautbewegung um 300 Jahre ge- 
schieden ist (Heyne, Kleinere altniederdeutsche Denkmäler Paderborn 
1877 S. 97). Das älteste mir aufgefallene Beispiel ist gadcs in einer 
urschriftlichen Urkunde Waidemars, die zu Spandau 1318 gegeben ist 
(Cod. dip. Brandenb. XXIII, 16); dann apenhar^ vriimen in Salzwedel 
(C. D. B. XIV, 223. 1373). Doch bleiben diese Formen noch lange 
vereinzelt. In Salzwedel werden die Beispiele häufiger 1427 (Nr. 312), 
und um 1444 (Nr. 341) ist die Lautwandlung dort ganz durchgeführt 
(apenbar, gade^ laue^ auer, framen, bovalen, tokamenden, kamen^ vth- 
genamen) und um dieselbe Zeit auch in Stendal (C. D. B. XV, 315. 
1439). Die Altmark scheint also mit der helleren Aussprache des o 
den Anfang gemacht zu haben. In Lübeck tritt dieselbe viel später 
auf; die Ratsurkunden um 1450 kennen sie nicht, ebensowenig das 
ganze nördliche Gebiet des Niederdeutschen, das man aus dem Cod. 
dipl. Lubecensis gut übersehen kann. Das Zeitwort halen darf nicht 
dagegen geltend gemacht werden, weil darin das a ursprünglich ist, 
ebenso nicht das Participium bevalen^ da schon das Präsens bekanntlich 
häufig ein a hat. Die Aussprache des Volkes scheint allerdings auch 
in Lübeck um 1450 heller gewesen zu sein. So erklärt es sich, dass 
der Lübische Syndikus Arnold van Bremen in einem Privatbriefe schon 
öfter a statt o setzt 1447 (C. D. L. VIII, 454). Unter den 17 aus 
Bremen und Oldenburg stammenden Gedichten, die Lübben heraus- 
gegeben hat (Mittelniederd. Ged. Oldenburg 1868), hat nur das vierte 
einige Beispiele des a, die übrigen kein einziges. Ziemlich häufig hat 
dann a statt o das Redentiner Osterspiel, das 1464 entstanden ist, 
dessen Handschrift aber nicht vom Dichter selber herrührt. Auch das 
Lübecker Passional von 1492 zeigt schon Vorliebe für a; und ganz 
durchgeführt ist die Lauttrübung in der Lübecker Bibel von 1494. 
Es ist zwar bedenklich, aus alten Drucken über die Sprache der 
Druckorte Schlüsse zu ziehen. Aber die Lübecker Bibel stimmt in 
dieser Hinsicht genau zu den Urkunden, die ungefähr aus derselben 
Zeit stammen. Die aus dem Lübecker Wettebuche von 1527 mitge- 
teilten Urkunden (C. D. L. II, 1 S. 354 u. 355) haben alle Beispiele 
des betreffenden o zu a verwandelt: bauen, angenamen, auertryt; ebenso 



134 

die in dein Copiarius von 1530 enthaltenen Urkunden (C. D. L. II, 
1 S. VIII u. IX) : vaget (dreimal), gadeshuses^ auereynkamen. Die 
Bibel scheint also in der That im Lübecker Dialekt geschrieben zu sein. 

In dem Ostfriesischen Urkundenbuche (her. von Friedländer 
Emden 1878) finde ich in Originalen bis 1400 kein o für jenes o; 
unter den Urkunden des Jakres 1400 verliert sich das einzige bauen 
(N. 172. 25. Mai Jever) ganz und gar. Auch im Jahre 1450 lese ich 
nur das einzige apenlHxr (Nr. 622. 24. Jan. Die Häuptlinge); denn die 
Abschriften 632 und 634 können nicht massgebend sein. Sogar noch 
1490 ist a nicht zu häufig: Nr. 1264 auer, Gades^ prauest, ghebaren 
neben gheboren; denn es erscheint ausser in der Abschrift 1273 nur o. 
Erst in den Urkunden von 1500 ist a statt o überwiegend in der 
Sprache des Volkes: Nr. 1667 (Testament des Barnecate) apenbar, 
apetien^ Gades (dreimal), Gade^ vramen^ vthgenamen^ aver, bauen^ baren^ 
während in anderen Urkunden noch immer beides neben einander 
hergeht. Ostfriesland scheint also noch etwas später als Lübeck sich 
der Lautwandlung angeschlossen zu haben. 

Abgesehen von den oben zusammengestellten Beispielen enthält 
aber die Fürstenwalder Hs. einige ähnliche Formen, wie man sie um 
1500 nur in der Altmark findet, nicht in den nördlichen Gebieten. 
Durch falsche Analogie, nicht durch Wirkung eines folgenden a oder 6, 
ist sane zu erklären, das neunmal neben sone vorkommt; damit ver- 
gleiche man sauen = souen (Tangermünde C. D. B. X, 133. 1476). 
Für gebadc (Marg. 26) finde ich allerdings kein entsprechendes Bei- 
spiel, ebensowenig für jagcth (Marg. 91), das in Lübeck nur jaget und 
später jöget lautet. Aber se Scalen (Marg. 101) klang ebenso in der 
Altmark: schdeivy (Tangermünde C. D. B. X, 133. 1476), se schalen 
(Stendal XV, 535. 1511). Neben dar vare (Ans. 173), var (Marg. 
101), vartiden (Busm.) stelle man var unde nha (Brandenburg IX, 274. 
1472), varsichtigen (Salzwedel XIV, 353. 1445), varstendere (Dambeck 
XIV, 381. 1457), varscreuen (Stendal XV, 494. 1497). Ebenso wie 
tarne (Marg. 350) ist gebildet karnepechte (Stendal XV, 537. 1511). 

Wie in den letztgenannten Beispielen das r wohl den Uebergang 
von ö zu a veranlasste, so wahrscheinlich auch in war^ wie man 
durchweg in der Fürstenwalder Hs. liest. Allerdings ist war auch die 
ursprüngliche Form; später aber ging auf dem ganzen Gebiete des 
Niederdeutschen um 1300 in dem Worte das a in ö über. Hamburg, 
Lübeck, Bremen, Mecklenburg haben auch um 1500 noch wor (Nerger, 
Grammatik. § 42). Auch die Altmark hatte zuerst wor aufgenommen 
(Stendal XV, 172. 1346. Salzwedel XIV, 248. 1388), später aber 
erringt war die Herrschaft (Stendal Nr. 261, 1409. Nr. 319, 1440. 
Nr. 349, 1460. Nr. 486, 1499. Tangermünde Nr. 133, 1476. Nr. 
141, 1487). In dem südlichen Gebiete des Niederdeutschen wurde da- 
gegen wor schon früh in tvur verwandelt. In den Wernigeroder Ur- 
kunden hat wur schon um 1350 das Uebergewicht. Gerade dieses 
Adverbium in seiner Form war weist also sehr klar darauf hin, 
dass die Altmark die Heimat der Fürstenwalder Handschrift ist. 



135 

Zu demselben Ergebnisse führt uns die Betrachtung der persön- 
lichen Fürwörter, unter denen neben häufigem eme, ene, ere auch 
Formen mit o in den Fürstenwalder Bruchstücken erscheinen. Es 
kommen folgende vor : oer Marg. 63, B17, 333, 358, 387; or Ans. 44, 
oere 98, oerer 59, oeren 97. Im Arnt Busmann findet sich kein Bei- 
spiel. In diesen Formen ist eine Lauttrübung wirksam, welche für 
die Zeitbestimmung vieler niederdeutscher Dichtungen wichtig ist. Der 
Sachsenspiegel hatte in jenen Fürwörtern nur i; ich lese diese Formen 
ausschliesslich auf einem handschriftlichen Pergamentblatte des Sach- 
senspiegels, welches Umschlag eines aus Zerbst stammenden Buches 
war (Die Gantze Lehr vom Tod und Absterben der Menschen durch 
Mosen Pflacher. Zerbst 1597. 8^). Dasselbe scheint daher noch 
dem 13. Jahrh. anzugehören; denn die Oldenburger Handschrift von 
1336, nach welcher Lübben den Sachsenspiegel herausgab, giebt schon 
fast ganz dem e den Vorzug. In Braunschweig hat das Ottonische 
Stadtrecht von 1227 (Braunschw. l'B her. von Hänselmann) noch vor- 
wiegend die Formen mit i, neben sehr seltenem e; in der Fassung 
des Rechtes von 1265 ist dagegen das Verhältnis umgekehrt, während 
das um 1300 geschriebene Recht der Neustadt (Nr. 16) nur das e 
kennt. Die Vehmgerichtsordnung, die niclit vor 1342 geschrieben ist 
(Nr. 21), bevorzugt o sehr entschieden, und von 1367 an (Nr. 46) 
hat das o fast die Alleinherrschaft in jenen Fürwörtern erlangt. 
Ungefähr um dieselbe Zeit hat die Sprache von Wernigerode das o 
aufgenommen (ÜB her. von E. Jacobs Nr. 106. 1351), wenn auch ein 
langes Schwanken stattfand. In Göttingen aber kennen schon die 
ältesten niederdeutschen Urkunden um 1300 nur das o in den be- 
treffenden Fürwörtern. In die Altmark ist diese Lautverdumpfung 
später eingedrungen. Die ältesten Urkunden von Stendal, die häufiger 
o statt e haben, gehören ins Jahr 1410 (C. D. B. XV, 262) und 1425 
(XV, 276); aber erst um 1450 erhält das o entschieden den Vorrang. 
In Salzwedel hat zuerst eine Urkunde von 1444 (C. D. B. XIV, 349) 
öfter 0, welches aber erst im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts 
durchdringt. Also ist, wie man sieht, die Bewegung von Süden nach 
Norden fortgeschritten. Sie ist auch wohl bis an die Grenze von 
Mecklenburg gedrungen, aber Lübeck, Hamburg, Bremen sind um 1500 
davon frei, wie das Redentiner Spiel, die Lübecker Bibel, das Passional, 
die Lübbenschen mittelniederdeutschen Gedichte erweisen. 

Wendet man diese Betrachtung auf die Fürstenwalder Handschrift 
an, so passt also der Wechsel zwischen o und e in den Fürwörtern 
sehr gut zu der Sprache, wie sie im nördlichen Teile der Altmark um 
1490 gesprochen wurde. Wer zur Vergleichung heranzieht etwa eine 
Urkunde aus Stendal XV, 510 von 1502 oder aus Tangermünde XV, 
565 von. 1516, dem muss die Aehnlichkeit der Sprache sofort auffallen, 
so dass er an jenem Schlüsse nicht mehr zweifeln wird. 

Das Bruchstück einer Margareten-Passion^ welches- die Fürsten- 
walder Handschrift enthält, gehört zu denjenigen dichterischen Bear- 



136 

beitungeu dieser Legende, die aus der in Mombritiuö sanctuarium 
zuerst gedruckten Lebensbeschreibung der Heiligen hervorgegangen 
sind. Da aber über diese und über Margaretenlegenden überhaupt 
F. Vogt (Beiträge zur Gesch. d, deutschen Sprache 1, 263 ff.) eine 
genaue Untersuchung angestellt hat, so genügt es, auf ihn zu ver- 
weisen. Unter den von ihm behandelten und bisher veröffentlichten 
Margareten-Dichtungen ist keine der Fürstenwalder Fassung gleich, 
auch nicht die mitteldeutsche Passion, von der K. Stejskal eine kri- 
tische Ausgabe veranstaltet hat (Buchelin der heiligen Marg. Wien 
1880); ebensowenig eine niederländische nach Mombritius gearbeitete 
Passion, welche v. Bahder in einer Kopenhagener Handschrift gefunden 
hat (Germania 19, S. 289 ff.). Dass V. 585 der von Bartsch bekannt 
gemachten Margaretenmarter in swelichem huse min fnarter si mit 
V. 429 unserer Dichtung in welkem huse mine martel is übereinstimmt, 
ist allerdings auffällig; denn Mombritius sagt: Adhuc peto doniine, 
ut qui . . . scripserii passionem meam vel qui de suo labore comparaverit 
codicem passionis meae . . ., in domo illius non nascatur infans clattdus 
aut caecus vel mutus. Aber Entlehnung darf man doch wohl nicht 
annehmen; denn gleich das Folgende V. 434 stum^ doff vnde blint ist 
genauer nach Mombr. gearbeitet als Bartsch V. 291 l>ehüet sie vor 
solchem chinde^ da man missetvende ane vinde. Und dies Verhältnis 
kehrt noch öfter wieder. 

Dagegen ist mit unserer Fassung identisch eine Margareten- 
Passion einer Oldenburg er Hs., aus der Lübben im Wörterbuch s. v. 
maisch V. 106, 107, 245, 24() mitteilt. Beide Handschriften sind un- 
vollständig; in der Fürstenwalder fehlt V. 1 — 24 und 111 — 141, in 
der Oldenburger der Schluss von V. 366 (449) an. Da sie sich aber 
gegenseitig ergänzen, so ist es doch möglich, die Dichtung vollständig 
zu geben. Die Oldenburger Hs. (Mscr. Oldenb. spec. Sibelshausen I) 
besteht aus 25 Papierblättern in 8®. Blatt 1 hat die Aufschrift: 
Tyarick tansen hört desse passien^ darunter : Sancta margareta ora pro 
nobis. Auf Blatt 2 steht: Dyt hxlendeer hört tiarick tho Sibelsehusen 
we dat vynt de doet hem wedder vmme gades wyl etc. Darunter : domine 
libera animam meam a lalnis iniquorum. Blatt 3 — 13 enthalten ein 
Kalendarium, Blatt 14 — 20 ohne Ueberschrift die Margareten-Passion. 
Darauf folgt auf Blatt 21 — 23 ein Gedicht Van den seuen bedrouenissen 
vnses heren^ am Anfang und Ende unvollständig, entsprechend dem 
V. 21—91 von Nr. XVII der Mittelniedd. Ged. hersg. von Lübben. 
Den Titel darf man wohl ergänzen aus der Ueberschrift einzelner 
Teile, z. B. ^De ander bedrouenisse etc.-'^ Blatt 24 u. 25 trugen 
kurze Notizen über Sterbefälle, die wohl in der Familie des Besitzers 
vorgekommen waren; die Namen sind aber nicht mehr zu lesen. Da 
die Hs. an einigen Stellen schadhaft geworden ist, so ist es notwendig, 
dort zur Ergänzung eine früher von einem Oldenburger Registrator 
angefertigte Abschrift heranzuziehen. 

Zu diesen beiden Handschriften, die mit F und (Abschrift o) 
bezeichnet werden mögen, tritt nun hinzu als dritter Zeuge ein Mag- 



13*^ 

deburger Druck von 1500 mit dem Titel: Hyr begynnet dal kuent vnde 
passie Sunte Marghareten, dat Theotinus mit vlyte beschreuen hefft^ 
herausgegeben von Ph. Wegener (Drei mnd, Gedichte des 15. Jahrh. 
Programm. Magdeburg 1878). Der Verfasser sagt nämhch selber, dass 
er mehrere verschiedene Dichtungen benutzt habe in \, 871/2 Desse 
passie is vt velen tosamende genomen Sunte Margareten to laue vnde 
vns to vromen. So hat denn schon Wegener die Verse angegeben, 
die der Magdeburger Dichter aus Bartschs Margaretenmarter und aus 
der niederrheinischen Passion bei Schade (Geistl. Ged. vom Nieder- 
rhein, Hannover 1854) entlehnt hat. Als dritte Quelle hat er aber 
noch unsere in F und erhaltene Dichtung benutzt und etwa 150 
Verse daraus hergenommen, und zwar nicht blos einzelne Zeilen, 
sondern sogar längere Abschnitte, z. B. V. 96 — 103 = M 184 — 191, 
155—167 = M 258—270, 183—188 = M 284—289,' 197—214 = 
M 300—317, 369—374 = M 615—620, 410—417 = M 675—682. 
Da nun der Magdeburger Verfasser begreiflicher Weise im Jahre 1500 
eine bessere Vorlage haben konnte als wir, so wird niemand zaudern, 
aus Stellen, die er wörtlich übernommen hat, gute Lesarten zurück- 
zuführen; solche sind V. 22 ammen, 72 Margaret a sprach fehlt, 131 
mync wunden, 155 lauet, 184 dyn, 203/4 trad : bath, 206 soken, 208 
man, 209/10 segen : vnderwegen, 216 water vnde, 214 vyant, 224 geu^n, 
226 Darvan wart so vuel eyn, 238 Vnde nene serickeit^ Schluss 325 
sinnen. Auch die ausgefallenen Verse 168, 207 und Schluss 378 
wird jeder nach M ergänzen. Nur darf man nicht vergessen, dass 
die Form der Worte dem Magdeburger Dialekt entspricht und auch 
der Satzbau vielleicht ein wenig geändert ist. 

Was das Verhältnis der beiden Handschriften F und anbetrifft, 
so sieht man auf den ersten Blick, dass der Zustand der Plrzählung 
in sehr trümmerhaft ist. Es kommen Wiederholungen derselben 
Verse vor: V. 173—178 stehen auch nach V. 40, 125/6 = Schluss 
382/3, Schluss 312/3 — 322/3. An falsche Stelle sind geraten 
V. 215, 216 und V. 288—291. Dann ist der Text, abgesehen von 
starker Verderbnis einzelner Worte, auch noch durch zahlreiche 
Lücken entstellt. Ausgefallen ist V. 252. Für die ebenfalls allein in 
F erhaltenen Verse 26, 27 sprechen die Worte des Mombritius: Veniebat 
autem (Oliberius) persequi Christianos et deos vanos multos suadebat 
adorare; für V. 58, 59 die Worte adiuva me et sana me, domine. ne 
me derelinquas in manibus impiorum. Die V. 260 — 274 sind we- 
nigstens zum Teil geschützt durch: et cum dormierint, venio super cos 
et excito illos a somno . . . et quos non possum movere de somno, fucio 
in somnio peccare; dagegen sind V. 265 — 268 nicht gesichert und 
müssen vielleicht als Zusatz von F gelten. Vorbild für V. 283-r285 
war : quis vobis praecepit in sancta opera insidiari. Daemon dixtt : Die 
mihi Margareta, unde vita tua . . . vel qu$modo in gressus est Christus 
in te. Mit V. 304, 305 vergleiche man: Altera die jussit praefectus 
beatam Margaretam adduci und M 557 Dar na se oene nicht mer 
ensach. Allerdings haben V. 80, 81 in Mombritius nicht ihre Vorlage, 



138 

aber da M 136, 137 Sc sprach: des nioten se ewych verloren syn Vfide 
lydcn in der helle grotc pt/n, ganz ähnlich sind, so müssen sie doch 
als echt gelten. Am meisten durcli Verderbnis entstellt sind die 
letzten 100 Verse in (), so dass es notwendig war, sie besonders 
drucken zu lassen, um eine klare Anschauung davon zu geben. 

Andrerseits *ist auch die Hs. F, die sonst einen lesbareren Text 
bietet, von Lücken nicht frei. V. 74 ist allein in erhalten, und 
auch zu V. 326 giebt wenigstens Schluss V. 316 De de werld gheloset 
hat den passenden Reim. Ueberhaupt scheint der Schreiber oder Ver- 
fasser von F sich gegen Ende mehr Freiheiten genommen zu haben. 
Denn der Schluss von hat mehrere gute Verse, deren Echtheit 
durch die Uebereinstimmung mit M erwiesen ist, während F sie ent- 
weder garnicht hat oder in anderem Wortlaut; es sind Schluss ü 
V. 324, 325 *= M 599, 600; 350 = M 631; 378 = M 683, G84. 
Vielleicht war also auch die Vorlage, aus der F hervorging, ähnlich 
wie gegen Ende schadhaft, so dass der Schreiber eigene Dichtungs- 
versuche machte.* Das wenigstens kann nicht bezweifelt werden, dass 
V. 337 — 356, die ü nicht kennt, ein späterer Zusatz sind. Während 
sonst .die Reime unserer Passion so genau oder ungenau sind, wie in 
anderen niederdeutschen Dichtungen jener Zeit, zeigt darin "der ge- 
nannte Teil eine unglaubliche Nachlässigkeit; gebunden sind sach : 
sprach^ vthsperren : thoschoren, haken : makeden^ hamel : ghetagen, 
iiycht : dyck, dath : warth etc. Während ferner alle übrigen Teile 
der Passion Wort für Wort nach Mombritius gearbeitet sind, ist jener 
Abschnitt aus der vita Rebdorfiensis (Acta Sanctorum Julii tom. V 
S. 33 ff.) oder einer ähnlichen Legendenform hervorgegangen. Bei 
Mombritius wird sie nur mit scharfen Ruten gepeitscht, es heisst: 
Tunc praefectus iratus jussit eam in aere iuspendi et cum virgulis 
accrbissimis carnes cius disrumpi, ganz abgesehen davon, dass diese 
Worte schon Vorlage für V. 167 — 200 waren. Von einem Galgen 
dagegen spricht die vita Rebdorfiensis in folgender Weise: Tunc 
praeses iiissit Christi Märtyrern in ecüleo suspendi atque sacratissimos 
mis artus aeutissimis ungulis laniare (a. a. 0. S. 37c). Auch Jacobus 
a Voragine spricht ähnlich von einem equuleus (Graesse I, 401) und 
schon Rhabanus Maurus: OUberius . . in equülco suspensam ungulis 
aeerhissimis iussit carnes eius lacerare (opp. Colon. 1626 fol. VI, 190). 
Noch grausamer ist die Marter bei Surius, der sagt: Is . . . ferrcis 
cam hminis conclusam et clavis afßxam jubet ferreis caedi fuscinis 
(Historiae seu vitae Sanctorum. Aug. Taur. 1877. VIT, 386). Man 
sieht, die Erzählung einer solchen Marter, welche einer Hexenfolterung 
sehr ähnlich ist, war auch das Vorbild für den betreffenden Abschnitt 
in F, den man daher als unecht betrachten muss. 

Vielleicht darf man auch die weitere Eigentümlichkeit, dass F 
einen doppelten Schluss hat, dem letzten Schreiber in die Schuhe 
schieben. Den Versen 481 — 490, welche eine Apostrophe an die Ge- 
meinde enthalten, entspricht nichts bei Mombritius; derselbe geht 
vielmehr gleich' von der Heilung der Siechen zur Bestattung der 



139 

Margareta über. Nun hat aber jener erste Schluss von F inhaltlich 
eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Schlüsse der niederrheinischen 
Margareta bei Schade. Man vergleiche V. 481 Nu hyädet och dlghe- 
meyne mit Schade V. 428 Nu laiet uns bidden algemeine^ wenn auch 
sonst die übrigen Reime nicht gleich sind. Nur bilden bei Schade 
die Verse 428 fF. auch wirklich den Schluss und folgen der Bestattung. 
Da nun in F der genannte Abschnitt der Bestattung vorhergeht^ so 
wird die Beziehung des Verses 491 Do dit Theodosius vornam fast 
unmöglich; denn dit kann nur auf den Tod der Margareta bezogen 
werden. Ausserdem muss die Aehnlichkeit von V. 489 mit V. 502 
auffallen. Man wird daher zu der Vermutung gedrängt, dass auch 
V. 481 — 490 der niederdeutschen Dichtung nicht ursprünglich an- 
gehört haben. 

Beiläufig mag noch auf einige Unterschiede des Dialekts von F 
und aufmerksam gemacht werden. Die Hs. neigt dazu, ein am 
Ende nach unbetontem c stehendes «, besonders im dat. plur., abzu- 
werfen: V. 7 hillige, 23 euenolde, 32 ghesdle, 57 hui^de, 64 gade, 105 
myne gade, 120 dorne, 128 bende, 155 alleueldighe, 166 lose, 191 an- 
bede, 290 boke, Schluss 345 ere vote; in F findet sich nur ein Beispiel 
V. 42 vorderve. Umgekehrt lautet das Fürwort „man" in F häufig 
me, in nur men. Das persönliche Fürwort der 3. Pers. hat in F 
oft die Formen mit o (s. o.), während nur die Formen mit e kennt. 
Allerdings hat die Abschrift o Schluss 385 owe, aber in steht 
eme. Demgemäss erscheint die Vorsilbe be- auch niemals als bo-, wie 
häufig in F, sondern hat in oft die Form by-. Das Zeitwort 
^haben" erscheint in F immer in den Formen „du hest, he het^, in 
nur als „heffst, heuest und hefft". Die sonst mit sl anlautenden 
Worte haben in durchweg den Anlaut sd: sclaen 110, 143, Schluss 
353, 356, 393, sdach Schluss 384, sdaghe 133, sdanghe 222, 
voersdaent 232. Die Präposition „mit" kennt nur mit i, F nur mit 
e; nur einmal Anselm. 70 (= Lübben 114) steht myd. Die Partikel 
nicht wirft in F oft das t ab, was in nicht vorkommt. Die Par- 
tikel do, welche allein anwendet, heisst in F oft don und done. 
Die Verstärkung der Negation ist in manchmal zu eyn gedehnt, 
während F dieselbe meistens fortlässt. 

Die Frage endlich, in welcher Sprache die Urschrift unserer 
Passion verfasst war, lässt sich mit Bestimmtheit aus den Reimen 
entscheiden. Dabei aber muss man wohl beachten, dass niederdeutsche 
Dichter in den Reimen überhaupt nicht die Genauigkeit hochdeutscher 
Dichtungen erstrebt haben. Ungenauigkeiten des Reims, wie sie im 
Reineke Vos oder im Redentiner Spiel gestattet sind, darf man in 
allen ähnlichen Dichtungen erwarten. Dann darf man nicht vergessen, 
dass jene niederdeutschen Dichter, die doch meist Gelehrte waren, 
auch die hochdeutsche Sprache kannten und auch wohl ein hoch- 
deutsches Wort gebrauchten, besonders wenn die Reimnot dazu zwang. 
Wenn wir daher in unserer Passion das Zeitwort „sagen" in hoch- 
deutscher Form antreffen V. 2, 247, 352, 499 (: maghdj, oder ebenso 



140 

das Zeitwort ^habeii" V. 45ri hau (: ghedfin), Schluss O V. 316 hat 
(: raet)^ so darf man daraus noch nicht (»inen weitgehenden Schhiss 
ziehen. Auf ist, welches V. 429 mit Grist reimt, grosses Gewicht zu 
legen, wäre unrichtig, da ein am Ende stehendes t öfter nicht beachtet 
wird; auch lauten in die Verse anders. Ebenso unsicher ist es, 
ob der ursprüngliche Dichter sprach oder sprach sagte: V. 172 u. 
816: vnghemnck, V. 317: anghesach, aber die Verse fehlen in 0, V. 437: 
slach, aber hat andere Reime vuUenhracht : slach, Dass ausserdem 
noch die Form sprach dreimal in dem Abschnitte von F sich findet, 
der als Zusatz erkannt ist, beweist natürlich nichts. Es kommt also 
sprach nur in F, nicht in vor. Aus solchen einzelnen hochdeutschen 
Reimworten darf man also nicht schliessen, dass die Vorlage von F 
und hochdeutsch gewesen sei. Entscheidend in dieser Frage ist 
vielmehr die Mehrzahl der Reime. Von diesen sprechen gegen mhd. 
und md. Urschrift: V. 15 haet : hat^ 72 hete : margarete, 134 vloet : 
roety 186 Ijat : trat, 188 vloet : hloct, 251 sath : stat, 36 J) grot : roth, 
385 hat : stat (t : z). Ebenso ist allein dem Niederdeutschen eigen- 
tümlich, dass ursprüngliches tu unter bestimmten Bedingungen zu e 
zusammengezogen wird: V. 137 neten : margareten, 105 knen : sehen, 
16D offteen : been, 208 vorlesen : wesen, wenn auch dies letzte Beispiel 
unsicher ist, da der Reim wesen aus M ergänzt ist, und der \ers 
überhaupt nicht heil ist. In allen jenen Fällen hat das Niederländische 
und Niederrheinische ie; das Mitteldeutsche zieht diesen Laut dann 
noch zu i zusammen, an dessen Stelle nur sehr selten e auftritt (vgl. 
R. Bechstein, Zu der thüring. Chronik v. Joh. Rothe, Germania 4, 
S. 477). Gegen die ebengenannten Dialekte spricht ferner das Prä- 
teritum leeren V. 469 (: eren); denn dieser Jonismus ist nur einigen 
Gebieten des Niedersächsischen eigen. Auch die ungenauen Reime 
hw : wy V. 393 würden in den bezeichneten Dialekten, das Nieder- 
ländische ausgenommen, ganz zerstört werden. Endlich ist hoch- 
deutscher Ursprung noch ausgeschlossen dui'ch V. 74 louest- : prouest 
(uo : o und ou : o), 249 sehen : ghesen, 402 dele : sele (ei : e), 284 
darmede : bede^ 316 vele : seien (i : e), 60 ghehort : vort, 396 schone : 
Jcroue (o : ö). Daraus ergiebt sich, dass die urschriftliche Vorlage, 
auf welche F und zurückgehen, von einem niederdeutschen Dichter 
in der Sprache seiner Heimat geschrieben war. Darin liegt auch der 
Wert dieser kleinen Dichtung; denn bisher war keine ursprünglich 
niederdeutsche Margareten-Passion bekannt gemacht worden. 

Was die Behandlung des nun folgenden Textes anlangt, so ist 
noch zu bemerken, dass die Interpunktion hinzugefügt ist; auch 
haben die Eigennamen grosse Anfangsbuchstaben erhalten. Wo nur 
eine Handschrift vorhanden ist, da ist sie genau zum Abdruck ge- 
bracht, wo beide zu vergleichen waren, sind die orthographischen 
Abweichungen nicht angemerkt. 



Ml 



i]]i 



argareta de vil liillighe maghet 
De was Tlieodocius docliter als vns de scrifft sagliel. 
He was der heyden en houetman; 

De affgade bedede he an. 
5 He enhadde anders nyn kynt 

Men dat sulue dochterlyn. 

Des so voerwulle des hillige gheystes schyn. 

Thohant do dat kynt wort ghebaren, 

Do wort eme eyn amme al vthvoerkaren. 
10 De amme hadde lefF dat kynt. 

Des zo starflf des kyndes moder syn. 

De amme nam erer beter waer, 

Wente dat kynt was schoen vnde klaer. 

Jliesum Cristum yt ane bat, 
15 Daer vmme was eer de vader haet. 

Se was van vyffteyn yaren oelt, 

Vnde se hoerde zo mennighenvoelt, 

Dat men se alle van deme lyue dede, 

De Jhesum Cristum ane bede. 
20 Se gaff syck gade an syn ghewalt, 

Daervmme leet se so mennighenvoelt. 

Der ammen schaep se hoden scholde, 

Margareta myt eren euenoelde. 

Eynes daghes dat gheschach, 
25 Dath Olibrius tho redende plach, 

Dath he den cristenluden dat ghebade, 

Dath se anbededen syne affgoede. 

War he enen cristenmynschen vanth, 

Snelliken he ene vinck vnde banth. 
30 He wart sunte Margareten ghewar, 

Dar se hudde der lemmer schar. 

He sprack tho synen seilen: 

;,Halet my de maghet snelle; 

Is se vri, ick neme se tho wiue, 
35 Is se des nich, ick mede se to mynen lyue. 

Se scal wesen myn eyghen wyfT, 

Wente se het so wunnichlicken lyff.^ 

De knechte grepen se met der verde; 

Do kuelde sick Margareta vp de erde 



1—24 /*. F. — 7 verderbt. — 9 al /. M. — 12 erer des kyndes 0. — 17 
mennighen groten voelt 0. — 20 gade 0. gude o. — 22 ammen M. lammeren 0. 
— 25 einige Verse scheinen zu fehlen, de richter Olibrius tho rydende 0. — 26, 
27 /. 0. — 28 Althohant waer eyn kristen vant 0. — 29 Snelle 0. — 30 enwort 0, 
Margareta vntwaer 0. — 31 hodde der lammeren 0. — 32 gheselle 0. — 35 nicht 
methe 0. nicht mothe o. — 36 eyhen F. alderleueste 0, s. u. V. 115. — 37 Wente 
f. F, hefft 0, wunnichlick eyn F. mennichlyken 0. — 38 an myt -werde 0. — 39 
knede sick 0, vppe 0. 



142 

40 Vnde sprack: ;,we8 my gnedich, leue got myn, 

Entfarme dy vnde lat my dyn arme maget syn; 

Lat my nych vorderve met den bösen 

Vnde van dessen blutsculdigen luden my lose. 

Here Jhesus Crist, lath nu tho desser stunth 
45 Dyn loff konliken gan vth mynen munth. 

Help my, dath myn loue nich werde vormynret, 

Vnde myne szele nicht werde ghehindretb. 

Behold de kusheyt an mynen lyue, 

Dath myn maghetscop reyne blyue, 
50 Dat myn syn sick vor des duuels boshcyt nycht vorvere. 

Sende my den hylchen gest, dath he my lere, 

Dat ick moghe den richter wedderstan 

Vnde synen bösen rath vorsman. 

Ick byn so eyn scap dat manck de w^ulue gath, 
55 Vnde so eyn vagel, de vnder deme nette stat, 

Vnde so eyn vysk, de an der angel hanghet, 

Vnde so eyn re, dat me met den szelen vanget. 

Help my godt dorch dynes dodes ende 

Van desser bösen lüde hende.'^ 
60 Don de knechte dath hadden ghehort, 

Se qwemen wedder tho den richter vort; 

Se spreken: ^here, se ys dy nycht beqweme, 

Dyn both, dath ys oer gar vngheneme. 

De mynsche denet vnsen goden nicht. ^ 
65 Thohant vorwandelde Olibrius anghesicht, 

Don me de mageth tho em brochte. 

He sprack: ;,bystu van vrien siechte?^ 

Se sprack: „here, wo iw dat behaghet. 

Ick byn Cristus arme denstmageth.*' 
70 De richter sprack: „wat ys ivwe name, 

Sageth my dath an sunder schäme.^ 

„Ick saghe dy wol, wo ick bete, 

Myn name heth Margarete.^ 

„Saghe my an, welken got du louest.^ 
75 „Vortmeer, effte du dat prouest, 

Spreke ick al sunder vrist, 



40 Se sprack here myn herte is tho dy ghekert 0, dann folgen die Verse 
173—178 auch hier, — 45 konliken /. M. — 46 dyn loff M, fides mea Mombritius, 

— 52 moghe F. mach M /. 0. — 52, 53 wedderstaen : vorsmaen M, vorsmaen : 
wedderstaen 0. stan wedder : vorsman sedder F. — 54 manck den wuluen M. 

— 55 vogel GM. — 56 yn dem anghele 0. — 57 men myt den hunde 0. — 58, 
59 /.GM. — 60 do G. voerhoert G. — 61 den F, deme G. — 62—64 Se spreken : 
her richter se endenet G. — 64 gade G. — 65 Althohant vorwandelde zyck G. — 
66 Do men eme de G, tho em /. 0. — 68 Margareta sprack wo yt dy byhaghet 
G. — 69 Ick byn vrv vnde G, vry vnde f. F M. — 70 wo het dyn name G. — 
71 dath /. G, an F. al G. — 72 Margareta sprack F G /. M. iw F. dy G. wol 
wo ick hete nach G, F schadhaft, — 73 de het G. — 74, 75 in umgekehrter Folge 
G, 74 /. F. — 75, 76 Margareta sprack effte du dat prouest Ick wyl dy saghen 
wölken god ick dene Vnde ick spreke sunder vrist F. — 76 Margareta sprack al 0. 



143 

• • 

Ick ambede den almechtigen Jhesum Crist. 

Ick byn met Cristus name bevangen, 

Den de ioden han an eyn cruce hangen; 
80 Des synt se ewychlyken vorlaren, 

Se weren beter vnghebaren.*' • 

De richter tornede sick vil sere, 

He let se werpen in enen kerkonere, . 

Wente dat he id bedachte, 
85 Wo he ere reynicheit nemen mochte. 

Dar na qwam he to Antiochia an der stat, 

Dar he syne stumme aflfgode ambat. 

Don sath he vor synen sale; 

Snelliken let he se vor sick halen 
90 Vnde sprack: ^iunckfrowe, denckc an dyno doget, 

Vnde an dyne kyntlike yoghet. 

Do noch, wath *ick wyl ! 

Ick wyl dy gheven gudes vyl; 

Isset, dath ick an dy vynde, 
95 Du schalt wesen baven all myn ghesynde." 

Margareta sprack althohant: 

;,Gade ys myne reynicheyt wol bekant; 

Du mögest my sulken rat nych gheven, 

Dat ick buten der reynicheit wyl leven. 
100 Ick hebbe my Jhesu Cristo bevalen, 

Dar var alle dementen beuen scalen 

Deme alle creatura ys vnderdan; 

Syn ryke schal ane ende stan.^ 

De richter sprack: ;,dith schal sehen, 
105 Wultu nich tho vnsen gaden knen, 

Werestu noch enes so maisch, 

Myn swert snyt dorch dynen hals. 

Dynen licham werpe ick an dat vur, 

Wente du byst altho vnghehur. 
110 Deystu auer mynen rath 

Vppe dat myn got nicht werde voersmaet, 

Vnde dat du myt al dynen synne 



77 anbede 0. den almechtigen /. 0. — 78 myt 0. byvanghen 0. — 79 De 
daer an dat cruce wort ghehanghen 0. — ÖO, 81 /. 0. — 82 vortornyde 0. vil 
/. O. — 83 auer werpen al yn den 0. — 84 Wente so langhe dat he sick 0. — 
85 Wo 0. Met wolker bosheit F, bynemen 0. -^ 86 tho Anthiochien yn de 0. — 
87 syne stumme vnde dode F. synen stummen affgade anebat 0. — 88 De richter 
sat 0. — 89 Vnde leet sunte Margareta 0. — 90 He sprack 0. — 91 iageth F. 

— 92 Vnde do allent dat 0. — 93 vyl F. tho wul 0. — 94 Is dat alzo ick an dy 
wynne 0. — *95 all myn ghesynde F. moyghe synne 0. — 97 Got de ys myn Q. 

— 98 Du^nkanst 0. nicht 0. al sulken F. — 99 wyl F. mach 0. — 100 Ick haen 
my Jhesum byvalen 0. — 101 Daer voer alle elementer 0, scholen 0. — 102 De 
alle dynck is 0, creature synt M. — 103 ryke 0. lofF vnde ere F M, sunder ende 
stan M. nine ende haen 0. — 104 yt 0. — 105 dy nicht tho myne gade 0. ~ 
106 Ock werest 0, enes /. F. — 107 snyt dy 0. geyt F. — 108 Dyn vlesk schalme 
werpen al yn dat vuer 0. — 109 altho F. al 0. — 111—241 / F. 



144 

• • 

"Weflder kerest tho iriynen wynne"! 

Margareta, ick loue dy dat vppe myn liff, 
115 Du schalt wesen myn alderleueste wiff.* 

Margareta sprack: ^ick hebbe myn liflF to gade geuen, 

Wente Cristus leet vor my den doet, 

Daer vmme lide ick alle noet.*' 

Do leet .he se grypen an 
120 Vnde leet ze myt scharpen dorne sclaen. 

Do sach se vppe tho hemmel wert 

Vnde sprack: ;,here, myn herte is tho dy ghekeert; 

Help, here, dat ick myt dy blyue 

Vnde dat de viant neen spot myt my dryue.^ 
125 [Margareta sach vppe tho hemmelrike 

Vnde se bat got ynnichlyke] 

Voerbarme, Jhesum Cristum, dy 

Vnde lose my van dessen bende 

Vnde van desser bösen lüde hende. 
130 Sende my dynen engel hyrnedder, 

De myne wunden sachte wedder." 

Want se rep tho gade sere, 

Des worden ere der sclaghe mere. 

Dat bloet van eren lyue vloet; 
135 Mannich wenede syn oghen roet. 

De knechte repen tho Margareten: 

„Loue noch, des mochstu neten.* 

Dat bloet van eren lyue ran, 

Dat byclaghede beide vrowen vnde man; 
140 Se spreken: „Margareta, yt is vns leyt, 

Dat wy dy seen ane cleyt 

Naket aldus voer vns staen 

Vnde dyn licham so sere thosclaen, 

Och wo schone verwe ys an dy vorloren 
145 Vmme den louen, den du haddest koren. 

De richter vil tornich vppe dy werde, 

Myt schände wil he dy bringen van der eerde. 

So moghestu ynmer bliuen sunt.^ 

Do sprack Margareta drade: 
150 „Swyghet myt uven bösen rade 

Beyde vrowen vnde man, 

GJiy moghet wol van henne ghaen. 

Dodet he den licham myn. 

Des so schal de sele an vrowden syn. 



116 ein Vers fehlt; viell. myn leuent To gade . . . geuen. — 121 vort 0. — 
124 mine viande nenen spot M. — 125—127 /. M; vgl. Schluss v. 322, 323. — 
131 myne wunden M. my vrowde 0. — 133 Des M. der 0, der M. de 0. — 135 
weinede M. wenet 0. — 136 De boddele M. — 137 Lloue 0. — 148 ein V, fehlt. 



14& 

155 Mer lauet den alleweldighe got 

Vnde voervullet syn ghebot, 

So wort iw de hemmel vppe ghedaen, 

De yo langhe hefft thoghestaen. 

Ick wil nicht doen na iwer lere, 
160 Wente iwe gade synt van kopper vnde ere. 

Wente dat leuent ys eyn wynt. 

Richter, du bist der syne blynt; 

Du bist eyn hunt ane schemede, 

Dat du myn iunghen liff heffst tho nemende. 
165 Cristus wil myn hulper syn, 

Vnde lose my van den henden dyn.^ 

Vyl tornich do de richter woert, 

Wente an oer wart nine marter ghespart; 

He leet er dat vel affteen, 
170 Dat men sach ere de blote been. 

Margareta sach vppe vnde sprack: 

„Desse hunde doet my groet vnghemack; 

Help my here drade 

Vnde Sterke my myt dyner ghenade. 
175 Wes my ghenadich vppe desser erde, 

Help my, dat ick ghetwydet werde. 

Sende my dynen enghel hyrnedder, 

Dat ick mynen syn van den richter kere wedder. 

Laet my, leue here, ock byscheen 
180 Dat ick mynen vyant mothe seen, 

Vnde ick myt mynen synnen 

Ene mothe vorwynnen; 

Dat ick dat moghe bewysen, 

Waervmme dyn name sta tho prisen.^ 
185 De ene knecht na den anderen trat; 

Se sloghen se sere vnde bat. 

De richter mochte nicht anseen dat bloet, 

Dat van eren lyue vloet. 

He sprack: „wo langhe wultu karmen, 
190 Wultu dyn iunghe liff nich vorbarmen 

Vnde anbede vnsen affgot, 

Edder du schalt steruen den doet. 

Myn swert bynemet dy dat leuent dyn, 

Wultu my nicht hoersaem eynsyn.^ 
195 Margareta sprack al vnvoerveret: 



155 louet an M bauen 0. — 157 iw M eme 0. — 160 Wente /. M. — 161 
Wente /. M. — 162 Du richter Richter M, der sune blynt des duuels kynt 
M. — 164 Du best min lyff nv wol to nemende M. — 167 voert 0. — 168 ergänzt 
nach M /. 0. — 169 Vnde he 0. — 184 dinen namen M myn name 0. — 189 
karmen vgl. Beineke Vo8 2537 etc. herman 0. — 191 affgade 0. — 193, 194 in 
umgekehrter Folge M. — 194 Vnde wultu Wente wultu M. 

Niederdeutsches Jahrbuch. XIX. XO 



146 

„De duuel heuet dy dat gheleret, 
Byschone ick den licham- myn, 
So mothe myn sele vorlaren syn. 
Daervmme laet ick minen licham slaen, 

200 Dat ick de kröne van gade wil entfaen.'^ 
De richter wort voertornighet sere, 
He leet se aiier werpen yn den kerkenere. 
Do se yn den kerkenere trad, 
Se zeghende sick vnde den heren bath; 

205 ^0 here, daer alle wyesheyt ane stad, 
Tho dy alle creatuere soken raet, 
Du beschermest wedewen unde wesen, 
An dy so enkan nyn man vorlesen. 
Ghyff my, here, dynen seghen, 

210 Myn vader leet my dorch dy vnderwegen. 
sote name Jhesum Crist, 
Wente du en recht richter bist, 
OflFte dat iummer mochte scheen. 
So laet my mynen vyant seen.*^ 

215 De amme sach ane ere noet, 
Se gaff ere water vnde brot. 
Althohant do se dat bat, 
Eyn drake al vthe dem wynkel trat. 
He was grwuelicker bere, 

220 He makede stanck al yn den kerkenere. 
Vurich was eme syn haer vnde wanghe, 
Vnme syn hals lach eyn sclanghe. 
Syne tenen weren eme yserin; 
Syne oghen gheuen vlammen schyn. 

225 Vth syner nesen ghynck eyn roeck, 
Darvan wart so vuel eyn smoeck. 
He hadde eyn swert an syner haut, 
Dat was vurich alzo eyn brant. 
Do wort dat yn den kerkenere alzo lecht, 

230 Do wort sunte Margareta vorscricht. 
Vppe dede he synen munt althohant, 
Margareta he vil schiere voersclaent. 
Dat cruce, dat se vor sick hadde ghedaen, 
Do se yn den kerkenere was gheghan, 



199 minen licham slaen M thosclaen den licham myn 0. — 200 Nach M, 
Daervmme wil ick vntfangen de crone fyn 0. — 202 al yn den in eynen M. -- 
203, 204 trad : vnde do den heren bath M quam : vnde sprack 0. — 205 stad M 
steyt 0. — 206 soken M sulken 0. — 207 Nach M, /. 0. — 208 nyn mach vor- 
lesen neen man nicht genesen M. — 209 godliken segen M segheninge 0. -- 
210 Nach M, Wente dyn vader leet my vnder synen willen vanghen 0. — 211 
name here M. — 214 vyant M vrunt 0. — 215, 216 stehen in nach 210. 216 
water vnde M vader dat 0. — 219 grwuelick 0. — 223 yseren 0. — 224 geuen M 
weren em wul 0, schyn M syn 0. — 226 Nach M, Beyde vuer roeck vnde smoeck 0. 



14? 

235 Dat wos yn des draken munde; 

He thoreet an der suluen stunde. 

Margareta de vth ghynck 

Vnde nene sericheit äff eme vntfynck. 

Do sach ze yn der anderen syden staen 
240 Eyn kole swart man, 

Deme weren syne hande banden alzo eyn deue. 

Done wart Margareta van herten leue; 

Se nam gade gude tho werden 

Vnde warp ene by den hären to der erden. 
245 Done wart se kone vnde malsk 

Vnde sette eren voth vppe synen hals. 

Se sprack: ^^her duuel, ghy vindet dat ghy saghet, 

Ick byn Cristus arme maghet.^ 

Done wart dat gades cruce ghesen, 
250 Dat lecht al auer deme kerkenere scheen. 

Do sprack de duue, de vp den cruce sath: 

„Margareta, des paradises porte dy apen stat.^ 

Do lauede se den alweldigen Crist 

Vnde sprack: „segghe my, we du byst.^ 
255 He sprack: „vil eddele maget reyne, 

Nym van my dynen voth kleyne. 

So wyl ick dy sagheu vnsen rath, 

Vnde Warna alle vnse werck stath: 

Belsebukes schare byn ick en houetman, 
260 De guden werck ick vorstoten boghan. 

Nu heth dy ghehulpen Crist, 

Dattu hest vorwunnen mynen lyst. 

Ick hebbe vele bosheyt ghedan 

Vnde gade ghenamen wyff vnde man, 
2G5 Leygen vnde papen 

Ridder vnde knapen. 

Vil mennich stolt wif hebbe ick ghehalet 

Dartho mennighe stolte maghet. 

Ick moth des nu ghen auer al: 
270 Der lüde ys nen tal, 



235 wos f. 0, crux crevit Mombrüius. — 238 Vnde nene sericheit M Vnseriget 
de se 0, oem M ene 0. — 242 Do wort sunte Margareta 0, leue vro F. — 243 
gude tho werden F verderbt, tho hulpe althohant O. — 244 myt den hären M by 
den handen 0, per capilos Mombr, — 245 Do wort 0, mals 0. — 246 trat den 
duuel myt den voten vppe den 0. — 247 du duuel, du envindest nicht, wat du 
lägest 0. — 248 byn vri vnde cristus arme denstmaghet 0. — 249 Do wort doer 
gades ere 0. — 250 Dat dar so luchtede an den kerkener schyn F, ouer den ker- 
kener M. — 251 Do de duue vppe deme Do sprack de genne F. — 252 /. 0. 
— 253 enlouede 0, se Margareta F. — 254 to den duuel saghe F segge M, 
my viant 0. — 255 Do sprack de duuel F, vil /. 0, eddel junfrowe 0. — 256 
Nv nemet van my eyn kleyne 0. — 257 Ick wyl iw saghen al 0. — 258 waerna 
al vusen willen 0. - 259 byn was F. — 260—274 /. 0. — 267 viell erjaghet. 

10* 



148 

De ick met vnloven an de helle hebbe bracht. 

Alsus hebbe ick vp mynes heren vrame ghedacht 

Ick de(r) ock nicht entleth, 

Wer de raynsche wakede effte slep. 
275 Wo dicke ick darvp dachte, 

Wo ick ene to den sunden brachte. 

Dat sy huden vnde iummermer gheklaget: 

Ick byn vorwunnen van ener maghet. 

Margareta, id doth my doch we, 
280 Dat dyn vader vnde moder 

Hebben ghewesen vnse seilen; 

Dy enkan ick nich ghevellen.^ 

Margareta sprack: ^we het dy de rechticheit geuen?*^ 

De duuel sprack: „nu saghe my erst, wo ys dyn leuent 
285 Vnde wo ys Cristus an dy ghebleven.^ 

Margareta sprack: „ick segghe dy nycht. 

Du bist des vnwerdich, böse wycht.^ 

Don sprack de duuel snelle: 

„Satanas ys vnse koninck in der helle. 
290 Nu machstu wol in den boken lesen, 

Wat vnse siechte raoghe wesen. 

Ick derre nich met dy spreken mere; 

Ick se Jhesum by dy, den vruchte ick sere. 

Doch so bidde ick dy, maget reyne, 
295 Dat ick muchte met dy spreken eyn kleyne. 

Margareta, ick beswere dy by Gade 

Vnde by all syne bade, 

Dattu my wysest an de stade. 

Dar ick den luden moghe schaden." 
300 Do sprack Margareta: „du duuel swich, 

Vnde lath dynen bösen krich. 

Vare van my met der verde." 

Thohant vorslanck ene de erde, 

Dat me ene nych mer ansach. 
305 Des anderen daghes dat ghescach, 



273 vieU. My de . . . entlep. — 275 Vyl dick 0, darvp f. 0. — 276 Wo ick 
ere reynicheit bynemen mochte vgl. 7. 85, — 277 Nv se dat hüte vnde morghen 
0. — 278 Dat ick 0, van eyn kleyne maghet 0. — 279 De duuel sprack dat deyt 
my we 0. — 280 Dat F Wente ; viell. er nach moder zu ergänzen. — 281 myn 
ghesellen 0. — 282 Vnde dy 0, nicht vyllen 0. — 283-285 /. 0. 283 ghewesen 
F. — 284 ein Vers fehlt. — 286 yt amma (l. ick arme) zage dy dat nicht O. — 
287 Vnde du enbist nicht werdich du 0. — 288—291 in nach V. 278. 288 De 
vyant sprack snelle 0. — 289 Tho lucifer syn gheselle 0. — 290 dat an den 
boke 0. — 291 Wo vele siechte vnser moghen 0, wesen /. 0. — 292 Do sprack 
he ick endore nicht myt 0. — 294 Ick bidde dy eddele iuncfrowe 0. — 295 myt 
dy mothe spreken 0. — 296 byswere 0. — 297 alle syn ghebade 0. — 298 stede 
F, Dat du my settest yn der stat 0. — 299 schaden moghe F, Daer ick den kristen 
nicht schaden vnde mach 0. — 300 Margareta sprack 0. — 301 late 0. — 302 
Vnde waer 0, mitter 0. — 303 AI thohant vorklundede sick de erde 0. ~ 304, 305 /. O. 



149 

Dat Olibrius sat vor den sale 
Vnde leth Margareten vor sick halen 
Don se vth den kerkener ginck 
Vnde scholde treden vor dat dinck, 

310 Dat cruce sluch se vor sick; 
Se sprack: ;,here beware mick 
An der zele vnde an den liue 
Vnde lath my ewych by dy blyuen.^ 
Don wolden de lüde alle seen, 

315 Wat Margareten scholde sehen. 
Don de richter se anghesach, 
Vyl gutlyken he tho oer sprack: 
„Margareta, do noch myn gheboth 
Vnde bede an mynen godt, 

320 Vnde do den wyllen myn; 

Myn rychte gheyt anders auer dy.^ 
Margareta de sprack dar wedder: 
^De rede wyl wy leggen nedder, 
Vnde beden Jhesum Cristum an, 

325 Dem alle dinck synt vnderdan, 

So mach dyner werden vyl gut rath. 
Deystu des nych tho desser stunt, 
Du werst ghesenket in der hellen grünt. ^ 
Olibrius vyl tornich wart; 

330 He let de maget met der vart 
Vil sere hoch vphenghen 
Vnde bemende lampen brenghen 
Vnde leth oer lyflf entfengen auer all. 
Don sprack de maget in der qwall: 

335 ^Ick laue dy, here Jhesus Crist, 
Wente du myn troster byst.* 
Don dit Olibrius sach, 
Tho den knechten he don sprack: 
„Ghy scolen se in den galgen vthsperren 

340 Vnde er lyff thoschoren 

Met krowelen vnde met haken. ^ 
De knechte dat vil snelle makeden. 
Se wart ghesperret so eyn hamel; 
Dat vlesk van eren liue wart ghetageu, 

345 Dat me ere ghebente sach. 
Margareta, de reyne sprack: 
;, Crist here, vorgeth myner nycht, 
Dit wyl ick lyden dorch dyck." 
Don Olibrius horde dath, 



306 De richter sat vor synen 0. — 307 Vnde he leet simte Margareta 0. 
308 Schluss von s. u. — 326 ein Vers fehU. 



150 

350 Van tarne he don dauendich wart 

Vnde sprack mer tho der maghet: 

^Ick hebbe dy voer ghesaget, 

Dattu dedest mynen wyllen, 

So dorffte ick dy nich laten villen.*^ 
355 Margareta sprack: ;,swich, du dauendighe hunt, 

Cristus, myn here, maket my wol ghesunt.*^ 

De richter dauendich wart in synen synne 

Vnde leth oer hende vnde vote bynden 

Vnde leth se werpen in ene baden groth, 
360 De van water auer vloth. 

Margareta her tho hemmel sach, 

Vyl ynnichliken dath bede sprack: 

^Got here, lose myne bende, 

Ick oppere my in dyne hende. 
365 Here vader, Jhesus Crist, 

Wente du alles dinges mechtich byst, 

Lat dit water myne dope syn, 

Vor alle de missedat myn.'' 

Thohant wart eyne ertbevinghe grot; 
370 Ene duue brachte ene crone roth 

Van golde lutter vnde dar 

Vnde settede se vp Margareten har. 

Don wart se los van den benden, 

Beyde an voten vnde an henden. 
375 En stemme tho Margareten sprack: 

;,Du best gheleden grot vnghemack, 

Du schalt kamen yn myn ryke, 

Dat ys dy boreyt ewichliken.'' 

In desser stunden, alzo nu ys boscheyden, 
380 Worden bekert vyff dusent heyden, 

De de cristenheyt entfengen 

Vnde tho deme dode gingen. 

Thohant let de richter ane wan 

En alle de houede aflfslan. 
385 Nochten enlet he io nich syne(n) haet 

He sprack: ^trecket de touerersch vthe der stat, 

Men scal oer dat houet affslan." 

Don sprack Malchus, eyn iungerman, 

Den was se bevalen vnde vnderdan. 
390 Se kuelde sick nedder vp dat gras; 

CristuSj vnse here, by oer was. 

Malchus vel nedder vp syne kne. 



353 Dattu] Vnde F. — 385 haet : vthe der stat ergänzt nach M, 
F schadhaft. — 38^ vnde vnderdan] vndedan F. Viell nach M 657—660 zu ^^^ 
ganzen Kne nedder vp desseme plan. 



151 



He sprack: ;,Margareta, vorbanne dy auer my 

Huden, des bidde ick dick. 
395 Cristus steyt by dy, dat se ick, 

Met synen enghelen schone. 

In syner hant het he ene crone; 

De schal dy vmmer syn boreyt. 

Seal ick dy slan, dat ys my leyt.^ 
400 Margareta sprack: ;,sustu by my stan Crist, 

So geff my ene wyle vrist, 

Dat ick myn bet met der cristenheyt dele 

Vnde bevele gade myne sele.^ 

Malchus sprack: ^ick geue dy dult; 
405 Bidde wo langhe dattu wult.^ 

Margareta, de .wart don vro, 

Ere beth sprack se don: 

^(Here Jhesus) Crist, gades kint, 

(Alle dinck) dorch dy ghemaket sint, 
410 (Here), se an myne noth, 

Dorch dy lide ick den bitteren dodt. 

Twide my, effte dath mach wesen. 

Alle de dit bock myner marter lesen, 

Edder de dit hören met trvwen, 
415 Dat du ene genest wäre rvwe; 

Vnde we mynen namen ereth 

Vnde sick tho mynen denste kereth, 

Dattu ene tho allen stunden 

Vorgeuest alle sine sunde. 
420 Isset dat ock iemant vor gherichte 

Wert ghevoret van vmplichte 

Vnde denket an den namen myn. 

Sin vorloser schaltu syn. 

We ock bvwet eyn gades hus 
425 In myne ere edder ene klus, 

Dattu eme willest gheven 

Dat Ion in dat ewighe leuent. 

Ick bidde dy, leue here Jhesus Crist, 

In welken huse myne martel ys, 
430 Dat dar neyn mynsche gheqwalet werde 

Van den ouelen gheste. 

Ock bidde ick dy aldermeyst, 

Wert dar inghebaren eyn kint, 

Dath id nych werde stum, doff vnde blint; 
435 Ock vorlige der moder ere ghesunt. 

Des twide my tho desser stunt.^ 



408 das Eingeklammert ergänzt, F schadhaft — 413 de] dee F. — 430 
vidi, werde vorquyst. 



152 

Don se dit beth ghesprach, 

Don wart dar ghehort eyn donreslach, 

Vnde gades stemme dar mede. 
440 He sprack: ^^Margareta, dyne bede, 

Der schaltu al ghetweden syn. 

Ick wyl se nemen an de hulde myn 

Vnde wyl se losen vth aller noth 

Vnde wyl se boschermen vor den doth. 
445 Kum nu tho my, de ewighe kröne, 

De wyl ick dy gheven tho lone.*' 

Don sprack Margareta den knechte tho: 

„Dat dy bevalen ys, dat do, 

Nu machstu my myn houet affslan, 
450 Got wyl my in syn ryke entfan.^ 

De knecht sprack: „scolde ick iummer ghenesen, 

Dynes dodes wyl ick vnschuldich wesen.*' 

Se sprack: ^sleystu my nycht, 

Du schalt met my nene plycht 
455 In deme hemmelrike han. 

Wattu my deyst, dat hestu nych ghedan. 

Du deyst des rychters both; 

Du schalt liden nene noth.^ 

Malchus kuelde sick, 
460 He sprack: ^Margareta, bidde vor mick, 

Dat my goth mote vorgheven, 

Dat ick dy beneme dyn leuent.^ 

Don helt se vp ere hende 

Vnde sprack: ;,here, vorgeff em al syne sunde.'' 
465 Met vruchten sluch he enen slach, 

Margareten ere eddel houet äff. 

Don starff Malchus tho den suluen tyden 

Vnde vel nedder tho erer vorderen syden. 

Don se beyde dothweren, 
470 Dar qwemen met groten eren 

De engel vnde nemen ere seien. 

Done schegen dar teyken vele. 

Lamen, blinden tho der stunth 

Vnde alle krancken worden ghesunt. 
475 De met den duuel weren behafft, 

De worden gheloset van syner krafft. 

Tho den male auer hoff 

Sunghen de engel gades loff 

Vnde vurden de szele vroliken 
480 In dat ewyghe ryke. 



437 hadde vullenbracht 0. — 445 de] du F. — 459 Am Bande eine un- 
lesbare Bemerkung. — 466 Dat oer dat houet vp der erden lach M. — 476 syner] erer F. 



153 

Nu byddet ock algheineyne 
Margareten, de maget reyne, 
Dat se vns helpe vth aller noth 
Dorch eren hilghen doth 

485 Vnde dorch erer martel ere, 
Dat Cristus, vnse leue here, 
Dorch eren wylle mothe vns gheven 
Na dessen leuende dat ewighe leuent. 
Dat gesche vns allen samen. 

490 In gades namen amen. 

Do dit Theodosius vornam, 
He heymeliken tho den lycham qwam. 
He nam ene vp van der erden 
Vnde lede ene vil werde 

495 In eynen marmelynen schryn. 
He screff ock dit bokelyn 
Van der martel vnde pyn 
Der reynen iunckfrowen vnde maget, 
Van der dit bück het ghesaghet. 

500 Van den het he tho lone ghenamen 
Vnde ys in dat hemmelrike kamen. 
Dat vns dat altomale ghesche, 
Des helpe vns der namen dre. 
Hir het sunte Margareten passio (ende); 

505 Got mote vns syne warheit (senden). 



Schluss von = V. 308—449, 

308 Do se vthe deme kerkenere gynck, 

Se zeghende sick vnde ghynck vortan. 
310 De lüde wolden alle seen, 

Wat sunte Margare ta scholde byscheen. 

De richter sprack: „Margareta, do noch myn ghebot 

Vnde anbede an mynen gof 

Se sprack althohant al sunder vrist: 
315 „Ick anbede Jhesum Crist, 

De de werld gheloset hefft 

Van den bösen duuel raet." 

Vnde myt barnende lampen den wat se snelle to sick. 

Dat se brenden eren licbam. 
320 Se sprack: „here, hyrtho byn ick byreyt; 

Laet nv an my vorbernen alle boesheit." 

De richter sprack: „do noch myn ghebot, 

Vnde anbede an mynen got." 

„Dyn duuel kan my nicht voerwynnen, 



491 Theotinus M. — 500 van den verderbt, ghenamen tho lone F. — 504 
Die letzten beiden Verse eingerückt. 



154 



32Ö Dat ick wil doen na dynen willen. 

Wo du bist, so bliff; 

Gut de bywaere myn sele vnde myn lifF." 

Me bant ere bände vnde ere vote alzovort. 

He leet se werpen ane eynne bodene gröt, 
330 De van beten water vth vloet, 

Dar mannich ane vurdernede. 

Se sach vppe tho hemmelrike 

Vnde se bat got ynnichliken: 

,Lose myne bende, 
335 Ick byvele my, here, an dyne hende. 

Here vader, Jhesam Crist, 

Wente du alle dynck weldich bist, 

Laet dyt water myn dope syn 

Voer alle mysdaet ghe myn." 
340 Thohant wart daer eyn ertbeuynghe grSt. 

Daer brochte eyn duue eyn crone roet 

Van golde lutter vnde ciaer, 

Se sette se Margareta vppe ere haer. 

Thohant wart se loes van den benden 
345 Beyde van ere vote vnde benden. 

Do sprack eyn stempne yn vroliker stalt, 

Dat dy got bywaret an desser stunt. 

Alzo ick nv byscheyden kan, 

Vorden daer louedich vyff dusent man 
350 Ane megeden vnde vrowen, 

De alle ere sunde rwuen. 

Thohant leet se de richter vppehaen 

Vnde wolde ere laten dat honet affsclaen. 

Noch leet he nicht syn haet; 
355 He leet ze trecken vthe der stat, 

Vnde leet eer dat honet afFsclaen. 

Do sprack Malchins, eyn iungher man: 

„Sterke den als, Margareta, vnde vorbanne dy auer my; 

Ick se Jhesum myt synen enghelen wanderen by dy." 
360 „Vyl leue vrunt, sustu by my Crist, 

So ghyff my eyne wyle vrist, 

Dat ick iw den cristendoem dele 

Vnde bevele gade myne sele." 

Malchins sprack: „ick geue dy dult, 
365 Bidde, wolanghe du suluen wult." 

Do beghunde ze tho spreken ere bet: 

„Here got, de du alle dynck heuest ghemaket, 
Hemmel vnde erde vnde alle dynck 
Beyde water, vuer vnde wynt, 
370 Dencke, here, an myne noet; 

Dore dy lyde ick den bitteren doet. 
Twyde my, offte dat mochte wesen, 
Alle de dyt bock lesen 



325 Dat ick volge dynen bösen sinnen M. — 348 ick ock o. — 358 vieU, 
strecke den hals; extende cervicem Mombrit 



155 



Edder anhören myt tmwen, 
375 Dat du ghenest erer sande ruwen. 

Vnde we mynen namen eret 

Edder sick tho mynen denst keret 

Myt oifer edder myt ienigher plicht, 

Vnde bnwet an mynen eren eyn gades hnes 
380 Edder eyn gheystlick klus, 

Dat du an der suluen stunde 

Vorgheuest eme alle syne snnde. 

Dat du eme dat vorschnldedest, 

Vnde myt deme hilligen geyste vorwulledest. 
385 Stande ock eme tho plichte 

(Vo)r enen scharpen gherichte 

(It da)t daen kencket myn, 

(Dat) du den synen vorstander syn. 

(Welck) vrowe hefft yn eren huse desse passien, 
390 (Do en)wart nyn kynt ghebaren, 

(Stum), doeff, lam edder blynt. 

(Ock) nyne vrowen sternet yn der beert, 

(Ick en)kame er tho hulpe yn der noet. 

(Des) twyde my, here, dorch dynen bitteren doet." 
395 Do se ere bet hadde wullenbracht, 

Do wort dar höret eyn donnersclach 

Vnde gades stempne daer mede 

De stempne sprack: „ Margare ta, dynes bedes, 

Schaltu enttwidet syn. 
400 Kvm nv yn dat rike myn; 

Kvm nv hyr tho my, 

Nv schaltu vntfanghen de crone fyn.'^ 

Margareta sprack deme knechte tho, 

„Wat dy gheheten ys, dat do; 
405 Nv machstu affsclaen dat houet myn, 



Zum Anseimus. 

Das Gedicht, welches durch einen Dialog zwischen dem heiligen 
Anselm und der Maria die Leidensgeschichte des Heilandes darstellt, 
ist uns in einer niederdeutschen und niederrheinischen Fassung erhalten. 
Die erstere, von Lübben nach einer aus Braunschweig stammenden 
Handschrift (B) 1869 veröffentlicht, erhält durch das Fürstenwalder 
Bruchstück (F) s. o. S. 131 einen Vertreter, dessen Dialekt noch 
grössere Reinheit zeigt. Dazu kommt ein Lübecker Druck von 1521 
her. von Ch. Walther (= Z/, St. Anselmi Frage etc. Norden 1890). 
Mit dem niederrh. Anseimus aber, den Schade (Geistliche Gedichte 
S. 248 ff.) aus einem Kölner Druck von 1514 (0) herausgab, muss 
man einen zweiten wohl etwas älteren Kölner Druck vergleichen, der 
in der Königlichen Bibliothek zu Berlin vorhanden ist (c). 



378 Mit offer almissen edder lichte Edder mit yeniger hande plichte M. — 
385 eme ome o. — 386 Dcis Eingeklammerte nach o ergänzt, schadhaft 



156 

Der Titel lautet: Sent Anselmus iragc Ho Marien van der passie 
vns lieven heren ihesu christi. Darunter eiu Holzschnitt, welcher Maria mit 
dem Kinde sitzend darstellt, (o. 0. u. f.) gr. 8. — Bl. Ib beginnt das Ge- 
dicht. Bl. 20a trägt das Bild eines Mönches, dessen linke Hand erhoben ist, 
während die rechte anscheinend ein Buch hält. Auf Bl. 20 b sieht man das 
Kölner Wappen mit den drei Kronen im oberen Felde, gehalten von einem 
Adler und einem Löwen. Das Papier hat als Wasserzeichen ein q, aus dem 
oben ein Stern hervorragt, (vgl. Götze, Ältere Gesch. der Buchdruckerknnst 
zu Magdeburg. 1, S. 20). 

C und c sind untereinander nahe verwandt. Gemeinsam ist ihnen beiden 
die häufig eingestreute Moral, welche in schleppender Weise den Gang des 
Gespräches unterbricht (vgl. Schade S. 240). Nur C 173—6, 377/8, 647/8 
fehlen in c. Noch häufiger sind Gc entstellt durch die Hinzufügung des 
Namens des Anselmus, C 109 etc. 28 mal, der Maria 555, 669, 729, 1131, 
des Judas 234, wo meistens schon die Yerslänge Verdacht erregt. Ebenso 
ist der Schluss C 1235 — 42, der nur eine Ausführung der bekannten Klausnla 
ist, den beiden Kölner Drucken eigentümlich. Schon in der Vorlage derselben 
war durch Zufall eine Lücke nach C 472 entstanden, indem der Schreiber 
von B 465 owe herte leve sone hinüberglitt zu 472 mve kerte leve kinL 
Dagegen scheint absichtlich nach C 1199 fortgelassen zu sein B 1166 — 1222, 
so dass in Cc die Grablegung garnicht erzählt wird. Endlich stimmt C mit 
c, abgesehen von vielen Lesarten, auch darin überein, dass häufig sechs oder 
vier Verse zu geringerem Umfange zusammengezogen sind z. B. B 97 — 102 
= Cc 91/2, B 121—24 = Cc 109/110, B 427—32 = Gc 433—36 und öfter. 
Aber die übergrosse Länge der Verse verrät auch hier sehr deutlich, was die 
ursprüngliche Form ist. 

Trotz^ dieser nahen Verwandtschaft, die unter den Kölner Drucken be- 
steht, ist aber doch keiner von beiden aus dem anderen geflossen. Abgesehen 
davon, dass c, wie oben bemerkt, doch wenigstens an einigen Stellen noch 
von der Moral frei geblieben ist, bat er auch einige Lesarten, die durch ihre 
Übereinstimmung mit BFL sich als ursprünglich erweisen. Unverständlich ist 
allerdings, was c hat, wie dat eirst quam txo sjrrange anstatt C 75 wie dat 
%o dem eirsten is ergangen; aber wer die Lesart von F (= B 79 und L 81) 
wo quam dat irst tho prangke damit vergleicht, kann keinen Augenblick 
zweifeln, wer geändert hat. Auch mit dem Verse Myn mont enmoichte niet 
sprechen stimmt c genau zu B (FL) 320, während G 320 lautet of icht mit 
eime swerde were doir stechen. Statt der verderbten Lesart Q 1102 so halt 
ir alle ingesinde hat c das Richtige soe haint yr gedoedet all syn gesynde, 
ähnlich wie BL. Auch die nichtssagenden Zusätze G 49, 56, 343 fehlen in 
c wie in den niederdeutschen Zeugen. 

Einige andere beachtenswerte Lesarten von c sind folgende: G 90 
blewen G, fehlt in BFcL. 99 ein iewelk sprack BFL sie sprochen alle c, 
/*. G. 208 jammerliken BF soe jemerlichen c mit einem scbentlichen doit C. 
241 min lief kint G, f, BFcL. 287 sin morder und G, f. BFc. 357 he sprack 
BFL do sprach hie c Jesus antwoirde G. 384 lange C, f. BFcL. 567 tins 
BL tzins c, /*. G. 906 ere BL erue c rieh G. 941 stich B stige L stiege c 
kome G. 908 vot B vödet L gevoit c genoit G. 993 ducke C, /*. BcL. 
1066 doeden BL doede c, f, G. 1128 alrede BL all bereit c so balde C. 
1138 toch BL tzoich c treckt G. 

Andrerseits finden sich aber auch in c kleinere Zusätze, von denen C 
rein blieb. Vor allen hat c mehrere Verse, die BG beide enthalten, fortge- 
lassen; was meistens dann geschab, wenn das niederrh. Idiom mit dem nd. 



15? 

in Streit lag: 511/2, 519/20, 621/2, 767/8, 887/8, 873/4, 1017/8, 1212 n 
1214 fehlen in c. Daraus folgt, dass auch C nicht ans c hervorgegangen ist. 
Jedenfalls aber wird, wenn eine neue Ausgabe der Schadeschen Gedichte ver- 
anstaltet werden sollte, dazu c herangezogen werden müssen. 

Eine noch nähere Verwandtschaft als unter den Kölner Drucken 
besteht unter den beiden niedersächs. Handschriften. Dass in F die 
Verse B 62, 352, 410 ausgefallen sind und nach B 57 einer hinzu- 
gefugt wird, ändert daran nichts; denn sonst entsprechen sich Zeile 
für Zeile und Reim für Reim. Es ist sogar der gleiche Fehler in 
beide eingedrungen B 73 cghenn statt eneghe, was aus einich Cc und 
ynnige L sich ergiebt; denn Gott ist der Maria einziger Trost, einen 
eigenen Trost giebt es nicht. Der Zusatz gi heren B 131 (= F) ist 
in CcL nicht eingedrungen. Die Lücke, die in B nach V. 1151 da- 
durch entstand, dass C 1180 — 84 durch Übergleiten des Auges fort- 
fielen, würden wir vielleicht auch in F finden, wenn die Handschrift 
so weit reichte; L allerdings blieb davon unberührt. 

Aber einige Male hat F in Übereinstimmung mit Cc das Richtige 
bewahrt, wo B verderbt ist. Nur durch eine Glosse ist wohl B 143 
undertwischenscheyden entstanden, während FCcL underscheyden haben. 
Ebenso muss mit FCcL marter gelesen werden statt B 172 pifie^ das 
aus dem vorhergehenden Verse eingedrungen ist. In V. B 99 Wer 
sloghen sc de houede nedder spricht die Lesart von FL de oglten zu 
sehr für sich selber; denn das Haupt schlägt man nicht nieder. In 
dem unverständlichen Verse B 29G hedde ik siner nicht gewefen liest 
F ebenso sinnwidrig synen doth statt sincr nicht, aber das steht der 
Lesart von Cc sin groize not doch näher; das Richtige ist natürlich 
sine not. Nicht weniger dunkel ist B 196 darumme so scdt an 
dem rechte; dafür hat F d. s, schaltu prvven rechte ähnlich wie Cc. 
Die überflüssigen Zusätze BL 108 rechten 273 to hulpe BL kennen 
FCc nicht. Die richtige Versfolge B 378, 377 ist in FCcL nicht gestört. 

Da also der Handschrift F trotz ihres jungen Alters selbständiger 
Wert zuzuerkennen ist, so darf man auch einige gute Lesarten zurück- 
führen, wenn sie auch nur durch diesen Zeugen beglaubigt sind. Der 
Vers nu is al vnse trost vorlaren ist viel kraftvoller als B 306 Maria 
nu is it al vorloren, wofür auch LCc stimmen; die Hinzufügung des 
Namens war wohl Ursache der Kürzung. Ganz ebenso verhält es 
sich mit dem Verse Ock dcde dy des noth^ wo B 115 und L ein spreke 
ik Cc ein sprechen ich einschieben. Der Vers daih he nicht van iw 
enscheyde wird durch Anwendung des Hülfsverbums moghe B 150 u. 
(vcL nur matter. Die eigenartige Lesai't bureknecht ist aus snode knecht 
B 364 und Cc und L hocee wycht kaum zu erklären. Überhaupt ent- 
spricht dieselbe mehr der mittelalterlichen Dichtungsweise, die alle 
Verhältnisse nach heimatlicliem Vorbilde umgestaltet. So sitzt Maria 
auf einem Stuhle B 295. Christus wird zur Erde bestattet und der 
Stein darüber gelegt B 1210, so dass Maria auf seinem Grabe sitzen - 
kann B 1225. 

Auch der Lübecker Druck von 1521 steht Vers für Vers zu B. 



158 

Darin, dass wir die Verse B 177—218, 257 u. 260, 295—296, 731 
bis 769 nicht in L wiederfinden, darf man wohl die Absicht des letzten 
Herausgebers sehen; dagegen sind wahrsclieinlich durch Zufall aus- 
gefallen B 370—372, 1227 u. 1228. Andrerseits ist aber L von der 
Lücke in B nach V. 1151 nicht berührt worden, sondern L 1055 bis 
1061 entsprechen den Versen C 1180 — 1186; es kann also L nicht 
aus B herstammen. Das ergiebt sich auch aus vielen Lesarten, be- 
sonders aus ynnige für yenige, wo B 73 in Übereinstimmung mit F 
das falsche eghene hat. Wenn hier und da in L die Reime geändert 
sind wie z. B. B 57, 121, 363, 397 etc., so sieht man bei der Ver- 
gleichung sehr bald, dass BF das Ursprüngliche haben. Nur die Reime 
B 847 in L stoet : Uoet werden verteidigt durch die Altertümlichkeit 
der Form; auch die Reime Tcinde : swinde B 439 wird man wegen 
der Übereinstimmung mit Cc der Lesart von B vorziehen. Überhaupt 
neigt L in einzelnen Lesarten zu Cc hin; einmal, das ist sehr be- 
achtenswert, findet sich in L 798 — 801 die Moral Cc 911 — 914, nur 
in reinerer Form. Dadurch wird man zu der Vermutung gedrängt, 
dass es schon eine niederdeutsche Handschrift des Anseimus gab, in 
der die Moral der Erzählung eingestreut war. 

Aus diesen bisher behandelten Lesarten ergiebt sich leicht, welches 
Verhältnis unter- den Handschriften besteht. Je zwei, nahe unter s/fA 
verwandt aber selbständig, stehen den beiden anderen schroff gegen- 
über. Die Fassung L aber nimmt eine Mittelstellung ein. ^^eIffl 
man daher mit x die Urschrift, mit y die Vorlage der niedersächsischen 
Handschriften, mit z die Vorlage der niederrheinischen Drucke be- 
zeichnet, so hat der Stammbaum folgende Form, in der die Entfernung 
nach rechts zugleich den Abstand von der Urschrift andeuten soll: 

B F L c C 




Ob die Urschrift niederdeutsch oder niederrheinisch war, darüber 
sind die oben genannten Herausgeber nicht einig. Lübben hält C 
für eine Übersetzung aus B, ohne einen Beweis zu erbringen. Schade 
sucht durch eine Betrachtung der Reime darzuthun, dass ein niederrh. 
Dichter der Verfasser war. Aber fast alle Sprachformen, die er für 
niederrh. Ursprung geltend macht, sind zugleich niedersächsisch. 
Formen, in denen beide Idiome mit einander streiten, hat er fast 
garnicht betrachtet. Er hat also zwar bewiesen, dass der Anselmiis 
nicht hochdeutsch war, aber jene andere Frage hat er nicht entschieden. 

Von vorn herein muss schon der Umstand ein wenig günstiges 
Vorurteil für Cc erwecken, dass in ihnen so viele seltene und alter- 
tümliche Worte beseitigt sind. So wird klenliken B 193 durch « 



159 

kinde ersetzt, mit mycheliheme grale 628 durch mit eime gemeinen schale 
waden 244 durch getreden, vreschet 1241 durch wisien nu^ ragende 
770 durch geloufen (= L lopcn). In vor maghH B 414 scheint dem 
niederrh. Dichter, ebenso wie der Lübecker Redaktor, die Bedeutung 
der Anrede vor nicht mehr khir gewesen zu sein, so dass er sie heber 
unterdrückte. Um mit höre B 700 zu vermeiden, sind die Reime ge- 
ändert cruijse : Jcimhre C 801; aber der Tiefton auf der Reimsilbe 
muss Bedenken erregen, wie auch die Uneinigkeit der Zeugen; denn 
c hat Doe worpen yn die kivder vp der straisse. In derselben Weise 
ist vorwoten B 1094 umgangen; aber wegen der Länge des Verses C 
1122 sin moder is swairlich dairumh hedragen kann die Entscheidung 
nicht zweifelhaft sein, zumal die Kraft des nd. Ausdruckes vollständig 
zerstört wird* Auch L hat allerdings vorwoten, aber in anderer Weise 
umgangen. Durch ein sehr beachtenswertes Missverständnis ist Cc 
82 durch irre alre goit entstanden aus B 86 (sin hlot), dat he scdder 
vor vns gbt (= FL). Der niederrh. Dichter erkannte in gbt (oder godt 
F), wegen der falschen Schreibung nicht die Verbalform 'vergoss', 
sondern glaubte ein Adjektivums vor sich zu haben, das dann eine 
Änderung notwendig machte. Die Fassung der niedersächs. Dichtung 
ist also zweifellos für ihn Voraussetzung. 

Dazu treten dann aus den Reimworten eine beträchtliche Zahl 
von Formen hinzu, welche dem Niedersächs. im Gegensatz zum Nie- 
derrh. eigentümlich sind. Der alte Diphthong iu wird im Ndrh. zu 
ü oder ic, im Ndss. zu ü oder e, von denen das letztere auch in ei 
übergehen kann. Schade selbst (S. 7) bezeichnet opztn (: ovcldederin) 
Doroth. 229 als echt niederrh. Ferner vergleiche man Margar. 290 
Mßen : ^giezen; aus einem niederrh. Kato, vorhanden in der Königlichen 
Bibliothek zu Berlin (Catho tzo duytschen . Impressum Colonie apud 
lyskirchen^ um 1500) S. 12b dyet : niet, S. 6b hesynnen : dyenen; Cres- 
centia (Schade, Berlin 1853) 145,2 ich gehute, X^Qtfi virkisen : virlisen, 
194,5 genizen : scizen. Für den Anseimus ist nun aber aus den Reimen 
ersichtlich, dass der ursprüngliche Verfasser ie zu e zusammenzog: 
B 677 u. 1252 neten : heten (geniezen : heizen); B 309 neyn : teyn 
(ghein : zien), während heyn : teyn B 827 u. 1062 von C geändert 
sind; B 313 deif : Ueif (dief : bleif); B 473 dreif : deif; B 1081 
hreif : dreif (brief : dreif); B 573 teken : sekcn finden wir nicht in C 
wieder, aber die ungeheuerlichen Verse 577/8 müssen verdächtig er- 
scheinen; B 857 wesen : gresen hat C nur durch Hinzufügung des 
leeren Verses 874 ich sagen dir dat swaren zu vermeiden gewusst. 
Sonst beachte man noch B 37 u. 161 kne : we, 167 bereit : deit (= 
deot 'Volk'), 175 untvlein : schein^ 849 vleten : geten, Formen, die C 
meist umgangen hat. 

Ebenso ist dem Niederrh. fremd das e im Präteritum der Verba 
der zweiten Ablautsreihe: Kathar. 402 ansägen : erslagen; Margar. 91 
ddden : ungenaden; Anselm. C 731 däden : beraden, 873 wären : zwaren; 
Crescentia 127,5 gesogen, 41,2 täte. Daher widerspricht Anselm. B 
895 = C 919 geven : screven dem niederrh. Idiom. Allerdings ist 



160 

dieser lonismus im Anselm durchaus nicht durchgefulirt: B 703 wären : 
gevaren^ 572 dagen : sägen; sogar im Conjunct 1055 ghäue : graue ^ 
647 wäre : järe vgl. 1045 jär : openbar. Beachtenswert ist, dass L 
jenes a V. 703 und 572 vermieden hat. Nur das praet. von don hat 
immer e. Ganz dasselbe Verhältnis zeigt die Göttinger Mundart; 
aus dem Urkundenbuch (Hannover 1868) habe ich folgende Formen 
angemerkt: I Nr. 115 se bräken; 226 we versäghen; 227 we säghen; 
306 we spräken; 127, 131, 134 toaren; 252, 277 weren; 163, 350 we 
deden II, 351 we stehen. In der Nähe des Harzes ist also vermutlich 
der Anselm entstanden. 

Endlich stelle ich noch einige einzelne Formen zusammen, die 
das oben über die Heimat des Anseimus ausgesprochene Urteil be- 
stätigen. Die niederrh. Negation hat ausschliesslich die Form niet 
oder nit^ Barbara 300 nid : antlit^ Ursula 188: lU, Marienklage 19 
u. 29: geschiet etc. Schade selbst bezeichnet (S. 110) nicht Barbara 
61 u. 159 als hochdeutsch. Die Form nicht wird für den Anseimus 
bewiesen aus B 33. 844. 982 nicht : bericht; für B 748 hat C 761 
allerdings niet : gescheit. Das beweist aber nichts; denn es könnte 
nd. auch geschieht statt gesehnt heissen, vgl. die Braunschweiger 
Wächterordnung von 1563 (Urkundenbuch S. 377): Bewart iuwe fuer 
und licht Dat nemande schade geschieht. 

Ausser allem Zweifel steht es auch, dass der Verfasser des 
Anseimus die nd. Formen der persönlichen Fürwörter wählte: ini : si 
B 174, 209, 604, 793; mi : bi B 390, 255; di : si B 599, 901. 
Nicht in Betracht kann kommen C 1099 mir : spcr; denn B 1077 
(= L) hat mere : spere, mere aber musste umgangen werden, da es 
niederrh. me lautet. Zweifelhaft könnte allerdings sein B 593 mir : 
Atr, L hyr : my; aber dem Ausdrucke der Bibel entspricht mehr die 
Lesart von Cc mich : (were van hinne min) rieh. Die Reime haben 
also wahrscheinlich ursprünglich rik : mik gelautet. 

Weiter ist echt niedersächsisch die 3. pers. plur dot (: not) B 
796 (= L), welche niederrh. doii^ oder doint lauten würde; daher 
schrieb Cc die mir smaicheit doint und den doit (V. 808), wo der Zu- 
satz leicht erkennbar ist. Grössere Schwierigkeiten machte die alte 
Form 5^o^„stand" (: blot) B 208; aber dass der niederrh. Dichter 
auch den Vers dat vor ome an der erden stot vor Augen hatte, zeigen 
die von ihm zugesetzten Verse C 199/200 in einem gardcn dat geschach 
vp der erden dar he lach. Die alte Form hat L im Reim auch V. 
754 (= B 847) erhalten: By deme cruce dat ick stoet : hloet; und 
da mit dem Wortlaut jenes Verses Cc übereinstimmen, so wird er 
wohl der Lesart von B vorzuziehen sein. 

Als schwaches Verbum erscheint „stosscn" allein im Nd., so 
dass die Reime B 459 tostod : behlot (zerstossen; beblutet) nur in 
diesem Idiom möglich waren, zumal auch die Zusammenziehung der 
Endung, die noch ausserdem notwendig war, nur hier vorkommt (Nerger 
a. a. 0. § 110). Das Niederrh. braucht das genannte Verbum nur 
mit starken Formen : Margar. 203 gcstoisen : ycnoizen. Daher schrieb 



161 

C 467 ^ostoiisen : mit bloide hevloizen; aber die wortreiche Umschreibung 
wird schwerlich jemand als ursprünglich betrachten. 

Mit dem niederrh. Dialekte streiten dann die Reime gesecht : 
knecht B 363 und seghe : weghe B 233; derselbe giebt nämlich in 
dem Verbum „sagen" dem a den Vorzug: Margar. 57 gesacht : macht 
vgl. Ursula 251 gelacht (gelegt) ; nacht. Auch Schade selber spricht 
sich dafür aus (S. 77 u. 241). Umgekehrt kommt das Verbum ^^be- 
fehlen" nur im Niedersächs. auch mit a vor, während das Niederrh. 
darin nur e hat: Marg. 119 bevelen : quelen u. Catho S. 9a quellen : 
geselle. Daher veranlassten die Reime bevale : dale B 1034 folgenden 
ungeheuerlichen Vers ind sprach vader, ich bevelen dir zomale C 1056. 
Ähnlich steht es mit braghen (: slagen) B 712, ein Wort, das auch 
in der Form breghen selten ist. Der Teuthonista hat es überhaupt 
nicht, und Kilian hat „breghe I breghen, Sax. Sigamb. Cerebrum". 
So ist es denn nicht zu verwundern, dass C 724 die Reime wangen : 
Stangen vorzog. Aber es wird uns auch zugemutet zu glauben, dass 
die Dornenkrone dem Heilande auf die Wangen gedrückt sei, nicht 
auf Stirn und Hinterhaupt. 

Aus den vorgeführten Sprachformen darf man folgern, dass die 
Urschrift des Anseimus, wie es Lübbens Ansicht ist, in niedersächs. 
Landen entstanden ist. Es ist vielleicht sogar möglich, den Ort noch 
näher zu umgrenzen. Aus den Reimworten se : e B 131 u. se : we 
B 248 folgt, dass das Fürwort we 'wir' lautete. Diese Form findet 
sich schon sehr früh in der Gegend des Harzes, in Braunschweig 
(Urkundenb. Nr. 2 § 60. 1227), Wernigerode (Nr. 69. 1323), Göttingen 
(Nr. 53. 1303). Um dieselbe Zeit hat der märkische Dialekt noch 
wye und das nördliche Gebiet wy (Nerger § 144). Das Fürwort os 
B 873 statt üs ist freilich nicht durch den Reim gesichert, aber man 
darf es vielleicht doch zur Schlussfolgerung verwenden; gerade die 
genannte Gegend verwandelte darin das u zu o, Wernigerode (Nr. 72. 
1324), Braunschweig (Nr. 46. 1367), Göttingen (Nr. 74. 1318). 
Jedenfalls scheint die Vermutung berechtigt, dass am Nordharze die 
Heimat des Anseimus ist, und also die Braunschweiger Handschrift, 
die älteste von allen, wenn sie auch nicht ganz frei von hochdeutschen 
Sprachformen ist, dennoch am nächsten dem Ursprungsorte ent- 
standen ist. 

In der hier nun folgenden Übersicht der Lesarten von F sind 
die rein orthographischen und ganz unwichtigen Abweichungen über- 
gangen; nur wo es die Deutlichkeit erforderte, sind zur Vergleichung 
die Lesarten von BCcL herangezogen. 

45 wo etc. statt wu. sy tho derae dode ghekamen. 46 wente etc. haue 
Vornamen. 47 em etc. statt ome u. one. martel. beschach. 48 dath du nach. 
49 Stede byst by em ghewesen. 50 So de. hebben etc. boschrewen. 51 Allent 
dath se hebben gheseen. 52 Men. en /. etc. auer en. 53 hebben etc. statt hebbet. 
54 wet. neynen. Nach 57 Beyde groth vndecleyn F, /. BCcL. 58 Men. leue /. 
59 wil BL wolde F woüde Cc. 61 vil BL szo F soe Cc. 62 /. 63 de BL dat 
F die Cc. schaltu etc. statt der Formen mit o. 64 or al B en allen F al Cc my 
oek L. 65 scal. di /. grote. 66 Darvan. leth. 67 one B in Cc ene L mynen 
Niederdeutsches Jabrbuch. XIX. H 



162 

sane F. 68 se em vphenghen. 69 dat BCcL ock id F. 70 moste danran B moiste 
daevan Cc wolde my F scholde my L. 71 met etc, statt mit. anghesach. 72 wan 
B mer FCc doch L. ik /. truren. 73 eghene B eyghene F einich Cc yunige L. 
74 vri B, /. FCcL. het irloset. 75 di /. ghen. 76 hebbe gheseen. 77 irst. 
78 bidde /. 79 dath irst. to den prangen B tho pranghe FL tzo spränge c is 
ergangen C. 80 sane. ghehangen. 81 wath. 82 scach. den u so oft statt dem. 
donredaghe. 83 sath. 84 lepliken dat B leefliken dat L de lefHiken F inde lief- 
lich C und lyffelichen c. he /. 85 on /. vlesk. bluth. 86 sze godt. 87 ok B 
noch FL /. Cc. guthe. 88 em alle or vothe. 90 bogunde. thoklaghen. 92 met 
vns an der schar. 93 - 98 gerstört, 99 wer /. oghen FL houede B. 101 don 
etc, statt do. desse etc. statt disse. 102 em. 103 oerer. 104 vorghan. 105 alzo. 
106 gades brüste, entslapen. 108 segghe. rechten BL /. FCc. 109 vns wesen 
boricht. 110 nicht. 111 meister BL leue m. F here m. Cc. 112 wet dat wol dat. 
113 Nummer mer edder nu wil ick. 114 myd dy my. 115 Ock dede dy des noth. 
116 wolde med dy ghan an. 117 he en vorsakede. 122 vil sere. 123 vorwart. 
124 miner drie. 125 er de haue kreget. 126 best my ny. 128 war etc. statt wor. 
129 de /. 130 den ioden vorsten. 132 iv f. 134 Dar sint ghy lange na bestan. 
135 herenBL meyster (meister) FCc. 136 mit/. 137 druttich pennyghe in. 1^8 
schollen etc. statt der Formen mit u. bokant. 139 vnse B myn (min) FCcL. 141 
ghelick an oeren gheberen. 142 können etc. statt der Formen mit u. 143 oere. 
twischen /. FCcL. 144 so /. FCcL. darna /. 145 wente ick en. 146 an der 
sulven B to der suluen L zo der selver Cc tho desser F. 149 ene. 150 Dath 
he nicht van iw enscheyde. 151 do ghebleven. 152 dath. 153 sane etc. in den. 
154 heit /. warde 155 van iv BL van uch Cc nu F. 158 an BL in FCc. 160 
sinen. 161 szo rechte lede. 162 an de B vp syne (sine) FCcL. 165 ben. wente 
an. 167 huden etc. 168 joddeschen deit B snoden iodischeyt F snoder joetscheit 
c boeser joedscheit C quaden ySdescheyt L. 169 dick. 170 dyne hui de. 171 voer. 
172 ik de pine B my de marter F de marter L der martilien C der groisser mar- 
telien c. 173 Dat mach syn wo dath sy. 174 gesche B de schal sehen F schal 
scheen L sal geschien Cc. 175 entvlen. 176 gebedest BL wylt F woult Cc. 177 
borycht. 178 wer /. edder nycht. 179 antwerdede. orae /. FCc. 180 den hemmel 
her. 181 he. stede. 182 marter B pyne F pinen Cc. 183 vader. wil etc. statt 
wel. 184 menschen, vt der B vth aller F uiz alre Cc. 186 em was. 187 dath 
he dath vruchte 188 sint dath. 190 dorch etc. statt dor. 191 heth vmme. 192 
moder etc. eyne. 193 Se hath ene klenliken vp ghetaghen. 194 iunckfrowelike. 
het. 196 an dem B proven F proeven C myrken c. 197 werdet eddele lüde. 
198 vole wers. 199 wen graue, dath ys. 200 vruchtede he. 202 saken. 204 
den doth vorghevruchtet. 206 synen schonen. 208 stunt. 210 drudde. 212 alle. 
214 synen. boreyth. 215 on /. 216 iammerlik em. 217 dar vare was. 219 dath. 
221 leth u. so oft statt der Formen mit ei. synen. 223 sine BL sin Cc de F. 
224 erer en. vp der. 225 scapen u. so öfter ohne die Vorsilbe ge. 226 groteu. 
227 em tho. 228 ineghe /. FL. 229 alzo. 230 seit /. kummet hir here. 231 
den. nen. 235 der orkunde B der stunde FL einer stunden Cc. 236 minen BL 
min Cc dynen F. 238 lopen. 239 rechte szo. dauendich. 240 vnde kussede ene. 
241 grute. 242 dath moth. 243 sus. 246 wen. 247 den /. 248 it B dath F. 
sy. 249 Twige B twye L drie F zo dem mail C, /. c. 251 vat B tastet F gripet 
L. 253 do /. 254 ene. 255 berichte. 256 de BL die Cc syne F. al /. 259 
blM. 260 alle. 261 stunt dar. vthghesceydet. 263 dat sulifte brachte hy hervoer. 
264 hew. sin ore BL dath oer F dat oir C syn oir c. 266 ene sunt, sprack. 
267 peter desse sulfFte. 268 steck, dyne scheyde. 269 darmede wyllen. 270 dar 
doth van. 271 wunste des B meinestu Cc Meynstu L dat wetestu wol F. 272 
vole beth erneren. 273 to hulpe /. lüde. 274 sande. 275 wol /. der engelen 
schar. 276 weren B werden F sin C helffen c helpen L. 278 alsus. 279 borycht. 
280 was don dar. 281 sin B siner L synes F vil nae C bynae c. 282 miner /. 
283 dar was. 284 dar vmme B dar F. dar BL done F. 285 wes haddestu des. 
286 muchte. 287 also. 289 dath. 292 synes. leider / 293 war etc. statt wur. 
künde. 294 wo node dath ick eyne. 296 siner nicht B synen doth F sin groize 
noit Cc. 297/8 Maria westestu dar nicht van Wo leth he dy dath vorstan. 
299 bore nv BL nu bore Ancelme F Anselme nu höre Cc. 300 Wo drade dath 



163 

me dy dath both. 301 here. 302 rechte /. 303 de /. rep. 305 wy worden ie. 
306 Maria /. it al B dat alle L it allet Cc alle unse trost F. 308 den konningh 
B dyn (din) kint FCL din lieflf kynt c. 309 weth. 310 then. 311 nych. 313 met 
em. alse B so F. deff. 314 weten. dat /. 315 icht B don nycht F do nicht L 
doe iet Cc. 317 machstu. wol /. 318 wer B effte FL of Cc. nycht. 319 wolde 
BL woulde Cc mochte F. 320 nicht mer BL my nich F niet c, C interpoliert. 
321 Ick künde noch hören edder seen. 322 My wolden nych dragen myne been. 
323 weren vuUenkomen B weren vullenbracht F worden oek vullenbracht L quamen 
Valien C quamen myr in vallen c. 324 hern f. 325 nach den olden szeden. 326 
. nam myn kint. 327 unde BL don F doe Cc. in de kerke. 328 dar vmme vingh 
B entfingk FL entfeink (enfeinck) Cc. 329 sine arme B sine armen L den armen 
F. sprack. 331 van smerte. 333 done. 336 in. 337 one B dar F. 338 tho em. 
342 an den suluen stunden. 343 quemen. 344 vornemen. wy eic, statt we. 
344» borichte. 345 id B dit Cc dat L he F. 349 weten. 351 ghebrocht. 352/. 
354 ok /. 355 wat /. vraghen. 356 Ick kan iw apenbare saghen. 357 stille. 
358 de hebben mennich van my ghehorth. 359 Se weten dat. is /. 360 scolen 
B sollen Cc moghen FL. 361 wolde B wyl (wil) BCcL. 362 icht BL iet Cc ock 
F. 303 si BCc se F. 364 snode (snoede) knecht BCc böze wycht L bureknecht 
F. 365 he. min kint BL minen son Cc mynen sane F. an sin BL an ein Cc 
by dath F. 366 wath bystu eyn dul dore. 367 so. 370 iungherman. 371 ouel 
di B hir ouel F ie qualich Cc. 372 hestu. mir B my wol F. 373 ef. arges B 
ouel (oevel) FCc. 374 scoldestu my so sere slan. 375 segghe. 376 dar mere B 
em mer tho leyde F em nu meer to leyde L eme me zo leide Cc. 377, 378 in 
umgekehrter Folge in FCcL. 377 nemen. dock. 378 unde B se FL si Cc. 379 
ome /. 380 wente. 381 nicht BL ny F. 382 Se gheven em mennyghen harden 
slach. 383 welke tid B zo ietlicher zit as C wen FL als c. 384 spreken em tho. 
385 effte. prophete byst. 386 van wene dath. 387 vele. 388 nidich B ere L 
eyn swinde F ein ungelich ('c. 390 dat /. 391 nv B my FL, /. Cc. klaghe. 
392 wu B wo L so F alzo Cc. saghe. 395 doer. 397 Mariam magdalenen. 399 
owo wer ik B o were ick Ij och we ys F owe is Jhesus Cc. 400 leue frowe kony- 
ginne. 401 ghat B hol FL loch (loech) Cc. 402 dar lepe wy tho. 403 alle de. 
404 me. 405 sinen iungheren ghesinde. 406 jeman B neman C nyeman c nemant 
L ennych F. 407 ynrie. 408 petrum. sick. 409 petrum. 410 /. 411 de. 412 
mit ome B wol by em L met em er F mit Jhesus Cc. 413 van ome B he FL 
peter ('c. vortzaghet. 414 He B Vnde FL. 415 to dem vure B bi dat vuir Cc 
by dat vure L voer de dore F. 416 Tho handes qwam dar en. 417 Se. de 
sulffte. 418 dar io nich. 419 drudden. grutte se en. 420 swur. nv BL nie Cc 
nych met ogen F. 422 ene vorsakede. 423 van /. petrus dat. 424 sane ene 
don ansach. Mit 424 bricht F ab. 

FÜRSTENWALDE. P. Graffundep. 



Ein Spottgedicht auf die Kölner 
Advokaten. 

Die im Jahrbiiche 18, 114 beschriebene Darmstädter Handschrift, 
in der uns die älteste Fassung des Bubenordens überliefert ist, ent- 
hält auch ein in Köln entstandenes satirisches Gedicht, dessen Titel 
^van den sallbocucn' offenbar auf jene Schilderung der betrügerischen 
Landstreicher Bezug nimmt, um sie mit den Procuratoren des geist- 

11* 



164 

liehen Gerichts zu vergleichen. Unverhohlen spricht der wohl unter 
den niedren Bürgern Kölns zu suchende Verfasser seinen Hass gegen 
die nach den ihm unverständlichen lateinischen Gesetzen und Formen 
verhandelnden Rechtsgelehrten, die fortwährend Geld und Geschenke 
von ihren Clienten verlangen, aus und nennt sie sogar einzeln bei 
Namen ^). Hierdurch liefert er uns die Möglichkeit, die Abfassungs- 
zeit genauer festzustellen. Da der in Vers 40 und 53 erwähnte Gis- 
bert Spull 1474 starb, muss das Gedicht vor diesem Zeitpunkte ent- 
standen sein; die übrigen Namen machen es wahrscheinlich, dass es 
dem Decennium 1460 — 1470 angehört. Leider bricht die Handschrift 
mitten in der Erzählung ab. 

Verwandten Inhalt hat ein im Berliner Mscr. germ. fol. 564, 
Bl. 276a unter den Sprüchen Heinrich Teichners überliefertes Gedicht 
des Baiern Heinrich Kauf ring er, das nebst acht andern Sprüchen 
derselben Handschrift dem Herausgeber von Kaufringers Gedichten, 
Karl Euling (Tübingen 1888. — Progr. Lingen 1892), unbekannt ge- 
blieben ist. Es führt den Titel 'Von den vorsprechen' und beginnt: 

Ain böser sitt ist auffgestanden 
In Payren vnd in andern landen, 
Das man die uorsprechen myetten sol; 
Das geuellt mir nit gar wol. 

Als Beispiel für die Bestechlichkeit der Advokaten erzählt Kaufringer 
eine Geschichte von einem Schuster, der dem Fürsprech ein Paar 
bockslederne Stiefel schenkt, aber trotzdem seinen Process verliert, 
weil sein Gegner, der Kürschner, jenem einen Fuchspelz gebracht hat. 
'Der fuchs der hatt den bock gaß', erwidert der Advokat dem klagenden 
Schuster. Aehnliches berichten Pauli, Schimpf und Ernst Nr. 125. 
128 und Kirchhof, Wendunmut 1, 126. Dass gerade in Baiem und 
Würtemberg ein grosses Misstrauen gegen die seit dem Ende des 14. 
Jahrhunderts auftauchenden Rechtskonsulenten herrschte, wissen wir 
auch aus andern Quellen^). Anschaulich und öfter an unser Gedicht 
erinnernd schildert der Oppenheimer Drucker Jakob Köbel*) 1511 
die erbitterten Klagen der Bauern über die habgierigen und in un- 
verständlichem Latein verhandelnden Procuratoren, denen er in einer 
Dorfschenke zugehört hat: 

Ee ich dann den offecal geschweige 
Und was ich im fruntschaift erzeige 
Und ich im die hend vol stopff, 
So spot er doch mein in seinem kropif. 



^) Herr Dr. Hermann Keussen hatte die Freundlichkeit, mir die weiter unten 
angeführten biographischen Daten über die im Gedichte erwähnten Juristen aus 
der von ihm herausgegebenen Kölner Universitätsmatrikel zur Verfügung zu stellen, 
wofür ich ihm auch an dieser Stelle den verbindlichsten Dank sage. 

2) Stobbe, Geschichte der deutschen Rechtsquellen 2, 50. 95 (1864). Stintzing, 
Geschichte der populären Litteratur des röm. kanonischen Rechts in Deutschland 
1867 S. XXlll. XXXI. 

^) Hir in man von der fledermuß list Und was der Procuramus ist. Oppen- 
heym 1511. 8^; abgedruckt bei Weller, Dichtungen des 16. Jahrhunderts 1874 S. 4. 



165 

Ich gib im hüner, butter, ayer da mit, 

So begint er zu sprechen: ^Das ist die recht sit; 

Nym einen Procuramus do, 

Dem schenck auch also!' 

Der bgint dann zu plecken und plärren 

Und schreibt mich ein vor eyn narren . . . 

Wie eine solche Verhandlung vor dem Official verlief, ist aus 
dem lustigen Fastnachtspiele vom Eheprocesse des Bauern Rumpolt 
und der Bauerndirne Mareth^) zu ersehen, in welchem allerdings der 
Liebeshandel der Genannten und nicht die Bestechlichkeit der lateinisch 
verhandelnden Gerichtspersonen den Brennpunkt des Interesses bildet. 
Dagegen nimmt in dem Pfarrkircher Passionsspiele ^) unter den von 
den Teufeln in die Hölle geschleppten Vertretern einzelner Stände 
ein Vorsprech die erste Stelle ein, der das Gerade krumm und das 
Krumme gerade zu machen pflegte. In einem Meisterliede des Hans 
Sachs') wird ein Jurist als Bauernschinder, in Waldis' Aesop 4, 38 
ein Fürsprech als Zungendrescher, in Paulis Schimpf und Ernst Nr. 
117 als Höllenkind verhöhnt. Und so eifern auch die Sittenschildrer, 
wie Rodericus Zamorensis*), Jodocus Gallus^), Seb. Brant^), Thomas 
Murner'), häufig gegen die Betrügereien der unredlichen Sachwalter. 

Einiges andre Material über dies Thema hat W. Kawerau in 
in der Vierteljahrsschrift für Litteraturgeschichte 6, 27 — 34 gesammelt. 

[362b, i] DU is van den sali boeuen. 

So wer in den sali wilt gain dyngen, 
Deme raden ich in sijner manwen zo brengen 
Eynen budell harde swair. 
Want yrst as hey is komen dair, 
5 So moistn den richter zo vmnde machen, 
Dem brenge capnyne, hoinre, ander Sachen. 
Deistu des nyet, ich will dich weren, 
Woultn yem die hant nyet smeren, 
Dijne sach wirt dir verloiren, 
10 Weirstu van konynck Arthur geboeren; 
Dat enhilpt dir mit allen nyet, 



1) Keller, Fastnachtspiele 2, 987. Nachlese S. 246. Sterzinger Spiele hsg. 
von 0. Zingerle 1, 1 und 114 (1886). 

*) Wackernell, Die ältesten Passionsspiele in Tirol 1887 S. 100. 

*) Dichtungen hsg. von Goedeke 1, 201 (1870). 

*) Spiegel des menschlichen Lebens, übers, von IL Steynhöwel o. J. Bl. 
XXXviij» 1, 17—18. Auf Bl. XXXXVa eine Stelle aus H. v. Trimbergs Renner 
über die Judisten. 

^) Mensa philosophica. Coloniae 1508 Bl. 36». 43a 'de advocatis' (zuerst 1489). 

•) Narrenschiff 71: 'Zancken und zu gericht gan'. 

') NaiTenbeschwörung 21 'Ein loch durch einen brief reden' ; 23 'Die federn 
spitzen'. Schelmenzunft 2 'Ein loch durch einen brief reden'. — Vgl. noch das 
Fastnachtspiel von Claus Bur V. 425 und Frischlins lateinische Susanna II, 5. 

V. 1 sali = Curia, das geistliche Gericht des Erzbischofs. — 12 Dieselbe 
Redensart steht auch im Fragmente vom Würfelspiel V. 6 (oben S. 93). — 23plucken- 
nyerre, wie unten V. 37 plucketoir von plucken (rupfen, seines Geldes berauben) 
mit Anlehnung an Procurator gebildet. 



166 

Hey en liest dir des hairs am arse nyet. 

Alsdann committiert hey die Sachen 

Eyme aduocait, der wirt dich rächen, 
15 Der reickt dir dar sijne hant. 

Haistn geyn gelt ader ander pant, 

So en bistu yem lieff noch wert, 

Hey spricht: 'Verkouif koe off dyn pert!' 

Ind wijst dich in des procuratoirs huyss. 
20 Der macht dich noch me confuyss, 

Der gifft dir dijne sache gewonnen. 

Mar as des schrijuens is begunnen 

Ind die pluckennyerre sijn gekoeren, 

So ist bewijlen ouer halfP verloiren. 
25 Want dan moiss man in den budel gain. 

Yrre wort en kan man nyet verstain; 

Want wat sij sprechen, datz latijn. 

Idt dnnckt mich allit eyne lose geselschaif sijn. 

All schrijuen sij nyet eyns vyugers lanck, 
30 Sy willent geloint hain zo groissera danck, 

Sij sagener [?] maich noch h dar 

[Lücke von etwa fünf Versen,! 

1362b, 2] , Id sij der plucketoir off aduocait, 

;Sij soecken menchen losen rait. 

Idt sij Segener, Myeleuheym ader Back, 
40 Valentijn, Spull, Berck ader Peffersack, 

Dise gesellen sijnt altzijt in der wer; 

:So wa die Sachen komen her. 

Die heischen vns zom segeler gain. 

Sijn clerck wirt vns den kappes slain, 
45 He heischt vns gülden ader cronen, 

Dair mit moissen wir yem Ionen. 

Och got, weulds du sij eyus castijen! 

Sij enlaissen vns nyet gedijen, 

Dat wir armen yedt behalden; 
50 Des moess yrre der duuell walden. 

Ich qwam eyns up eyne platz gega[in], 

Peffersack, Berck ind Valentijn [vant ich dair] stain 

Ind Gijssbert Spull, yren gesellen; 



39 Adolf Segen er war 1476 Procurator curiae, 1481 Advocatus curiae 
(Matrikel Nachtr. 170); Johann de Melenheym 1440 Procurator curiae Coloniensis 
(Matrikel 205, 68); Walter Back 1455 Advocatus curiae, 1451) Official, starb 1466 
(Matr. 178, 35); Martin Back 1460—1476 Procurator (Matr. 178, 36). — 40 Wil- 
helm Valentini de Brede war 1439 Baccalaureus in decretis, 1455—1469 Pro- 
curator curiae (Matr. 174, 32); Gisbert Spul 1451—1466 Procurator (Matr. 113, 
29), starb 1474; Theodoricus de Berka 1455—1459 Procurator fiscalis (Matr. 209, 
47); Johann Pepersack 1460 — 1471 Notar, 1468 Procurator fiscalis. — 43 segeler 
ist der erzbischöfliche Siegeler, der die Gerichtsgebühren erhob ; damals bekleidete 
Swederus de Thoer diesen Posten, und zwar schon seit 1444 (Matr. 138, 10. Aus- 
gabe 1, 198). — 44 vgl. N. Manuel hsg. von Baechtold 1878 S. 60 'Wir müessend 
üch den kabis beschniden' und S. 302 'Den kabis dir mit trüwen brupft'. — 52 
Der Ausfall der von mir eingeschobenen Worte ist in der Handschrift nicht angedeutet. 



167 

Van den sali ich uch eyne bürde erzellen. 
55 Die spraicben zo samen latijn, 

Ich dacht: 'Och got, wat mach dat sijn!' 

Ich hatte mit eyme get zo doin, 

Ich was yem schuldich vmbtrynt eyn cro[in], 

Die hey mir qwalich hatte äff verdient. 
60 Ich wainde, dat die ander weren myn vr[unt], 

Dat sij mir van yem helpen seulden. 

Ich geloeffde den, wat sij hauen weulden, 

Yecklichs wijne eyn guet stuck v[as] 

Van dem besten mir gewaessen wa[s], 
65 Dat sij dat beste darin seulden sain. 

Dair mit gienck ich bij sijden stain, 

Off ich yedt van yn hadde gehoirt. 

[Mit] deme sprach der .... dat [voirt] 

BERLIN. Johannes Bolte. 



Trinkerorden. 

De xviij. egendöme der drenckers. 

Hort tho, yunck, oldt, frauw viid mau, 
Der drencker orden hyr sick heuet an. 
Eiu yüwelck drencker merck gar euen, 
Wer he in dessem orden mede sta geschreuen. 
5 Drey sösse sint der dunen drencker wercke 
Na desser schriflft; ein ywlick hefft syne mercke. 
De erste wys vnd van altho scharper witte, 
De ander römet, wo he groth gudt besitte, 
De iij. süpt vnd frett vp allent, wat lie kricht, 

10 De iiij. Uicht, wasschet vnde nicht vorswicht, 
De V. ein esel, de wil bolschopi)ie plegen, 
De vj. kyfft, em dünckt, he sy en all auerlegen, 
De vij. wil dar all syn gudt vorköpen, 
De viij. ein rüwer, sick by den harn wil röpen, 

15 De ix. wert vnhüuesch mit worden gefunden, 
De X. swert by gade vnd synen wunden. 
De xj. ein ape, wil schrien vnd syn behend, 
De xij. geit vnde strumpelt an de wend, 
De xiij. slept vnd snufFt na egels ardt, 

20 De xiiij. röpt Olrick vnd wischt den bardt. 
De XV. sitt vnd kan ein wordt nicht spreken. 
De xvj. wil gieß vnd kröß thobreken, 



168 

De xvij. singt vnd lett sine kelen klingen, 
Den xviij. kan de düster nicht to bedde bringen. 
25 Hirby merckt vnd auerlest disses ordens spil! 

Welcker sick hiruan entschuldigen wil 
Vnd nicht wil syn im orden mit pralen, 
De schal dat gantze lach betalen. 

Aus einem Liederdrucke des K). Jahrhunderts: Veer schöne 
le I de, Vam Slömer. Dat ander, Ve- | nite gy leuen Gesellen ane 
sorgen. | Dat drüdde, Van söuen Stalbrö- | dern. Dat veerde, Van 
den achtein | eigendömmen der Drenc- | kers. | Dat is ein Narr in 
Lyff vnd blodt, | De einem armen Minschen vnrecht doth. | Q | Ick 
wil freten, supen vnd störten, | Minnern myn gudt vnd leuendt körten. | 
4 Bl. 8® o. 0. und J. (Berlin Yd 9509). — Das erste Lied steht 
hochdeutsch bei Böhme, Altdeutsches Liederbuch Nr. 358 = Uhland, 
Volkslieder Nr. 213; das dritte bei Böhme Nr. 422 = Uhland Nr. 198! 

Zehn Arten von Trinkern schildert ein Gedicht des 14. Jahrh. 
'de ebriosis et vinosis', das die Brüder Grimm in den Altdeutschen 
Wäldern 2, 188 aus dem Gothaer Cod. chart. A 216 abgedruckt haben. 

BERLIN. Johannes Bolte. 



:■ ^«^ 



1^^ 



^SJ^-^ 



^ Jsi 



■0'^. 






i . . 









^^'\\\ 






■"^•"^^^"^I^^^^BI^^^^^i^^^Sf * 


^*\. ^ V 


^ ^^Ig^- ^;- 


""-/^IL "^V^*^ 


< ^ 


^^T^l 


0< • Vi^ "^ 


"r^^ 


\ 9^ / 


^^D^^^^^^H 


^■11 




'{ 



*'• 



i 



^ 



"^^^ '^^: 



Widener Lii3f3\ 

|'"nii'"ir " 



\h. 
2044 098 638 471 



'^. 



'^^:\>!»^ 



•^^